NASSAUER Otfried

Friedensforscher und Journalist, 1956-2020

Otfried Nassauer war ein weit publizierter deutscher Friedensforscher und freier Journalist. Ab 1991 bis zu seinem Tod in der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 2020 leitete er das Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS). Er schrieb unzählige Artikel, vorwiegend zu sicherheitspolitischen Themen, u.a. zu Rüstungsgeschäften oder zur Rüstungskontrolle und Atomwaffenpolitik.

Nassauer war u.a. bei Journalist*innen als gute Quelle für Hintergrundfakten bekannt. Oft gewann er durch unermüdliche Recherche und dank seiner breiten Vernetzung bis tief in die Politik und Militärs hinein sonst unbekannte Fakten und bislang unentdeckte Informationen. Selbst hat er u.a. in Zeitungen wie taz, Neues Deutschland, Spiegel, Junge Welt veröffentlicht. Er wurde häufig für Interviews im Fernsehen und Rundfunk angefragt.

Nassauer war Westfale, geboren 1956 in Siegen. Er studierte evangelische Theologie und arbeitete viele Jahre als parteiloser wissenschaftlicher Berater der Grünen. Sein in Ost-Berlin gelegenes Institut, BITS, war unabhängig und verstand sich als Informationsquelle für alle: Friedensgruppen, Journalist*innen, Politiker*innen und auch die breite Öffentlichkeit. Für die Friedensbewegung war er ein gesuchter Berater und oft wurde er als Referent bei Veranstaltungen von Friedensorganisationen wie IPPNW, DFG-VK u.a. eingeladen. Zuletzt hat er bei der Kampagne „Aktion Aufschrei“ über Rüstungsexporte recherchiert.

Nassauer war ein sehr produktiver Autor und schrieb in den letzten Jahren über das Atomprogramm des Iran, den INF-Vertrag, deutsche U-Boot-Exporte, die nukleare Strategie der NATO, Rüstungsexporte, Tornado-Nachfolge und Atomwaffen in Deutschland, den geplanten Abzug von US-Truppen aus Deutschland, russische und US-amerikanische Atomwaffenpolitik, Rüstungskontrollverträge und vieles mehr.

Den letzten Artikel, den er für „Atomwaffen A-Z“ verfasst hat war „Mit mehr Geld zu neuen Atomwaffen“ und behandelte den US-Haushaltsentwurf 2020 und die nukleare Aufrüstung.

Ulrike Winkelmann von der taz beschrieb ihn als „wandelnde Enzyklopädie“ und meinte, er kannte „jede verdammte Schraube an den Kampfdrohnen, die die Bundeswehr beschaffen wollte, an den U-Booten, die nach Israel geliefert wurden, an den Leopard-Panzern, die Saudi-Arabien von Krauss-Maffei Wegmann kaufen wollte“.

Nassauer war jedoch nicht nur bei Medienleuten und Frieden-Erstreitenden hoch angesehen, sondern wurde auch von anderen Forscher*innen in der Sicherheitspolitik bis hin zur Bundeswehr geachtet. Thomas Wiegold von „augengeradeaus“ schrieb über ihn: „Otfried konnte auf sein jahrzehntelanges Wissen, seine enzyklopädische Erinnerung und sein akribisch geführtes Archiv zurückgreifen. Und hatte gegebenenfalls auch die Fundstelle einer Anhörung des US-Senats zur Nuklearpolitik oder ähnlich weitgehende Details zur Hand.“

Journalist Andreas Flocken von NDR schrieb über Nassauer: „Er wies auf neue Aspekte und Fragestellungen eines Themas hin, die der anrufende Redakteur noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Das Ergebnis der Gespräche mit ihm waren mehrere Zettel mit wertvollen Notizen, Anregungen und Ideen für eine Weiterdrehe des von der Redaktion angedachten Themas.“ Nassauer schrieb mehr als 150 Beiträgen für die NDR-Sendereihe „Streitkräfte und Strategien“.

Beim Interview im NDR-Info kommentierte Nassauer den neuen UN-Vertrag über ein Verbot von Atomwaffen (TPNW): "Die Atommächte sperren sich gegen diesen Vertrag, weil sie sich sozusagen als diejenigen empfinden, die legalerweise Atomwaffen haben und nicht darauf verzichten wollen. Die Atommächte haben ihre Bündnispartner angesprochen und gesagt: wir wollen nicht, dass ihr da ausscheidet. Und zwar weil sie befürchten, dass in dem Moment, wo die Bündnispartner wegfallen, auch eine Legitimation für sich selber wegfällt, diese Waffen noch haben zu dürfen. Denn der Atomwaffensperrvertrag aus den 60iger Jahren war ursprünglich mal als eine zeitweilige Erlaubnis gedacht, dass die Atomwaffenstaaten Atomwaffen haben dürfen, aber praktisch auf null abrüsten müssen. Dazu verpflichtet sie dieser Vertrag."

Friedensforscher Michael Brzoska und ehemaliger Leiter des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik Hamburg schrieb über ihn: „Otfried Nassauer hat über vier Jahrzehnte die Diskussionen über die aktuelle deutsche und internationale Militär- und Sicherheitspolitik geprägt.“ Aber nicht nur sein Wissen war wichtig, sondern „Er war vor allem an Aufklärung interessiert, daran, andere in Nichtregierungsorganisationen, Wissenschaft und Politik zu befähigen, offizielle Darstellungen und Positionen ebenso kritisch zu hinterfragen, wie er es selber tat.“

xh (Quellen: Augengeradeaus, IFSH, NDR, taz 1, 2)

Bearbeitungsstand: Oktober 2020

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