Atomwaffen A-Z

Semipalatinsk

Atomwaffentestgelände, Kasachstan

Die Geschichte des sowjetischen Atomwaffentestgeländes in Semipalatinsk ist eine Mahnung, wie angebliche „nationale Sicherheitsinteressen“ dazu benutzt werden können, die Bevölkerung bewusst zu täuschen und die Gesundheit der Menschen für viele zukünftige Generationen zu gefährden. Genau dies geschah in Semipalatinsk, wo die örtliche Bevölkerung durch Atomexplosionen wissentlich über mehrere Jahrzehnte großen Mengen an Radioaktivität ausgesetzt wurde.

 

Hintergrund

1949 führte die Sowjetunion UdSSR) ihren ersten Atomwaffentest in Semipalatinsk durch, einem 19.000 m großen Testareals in der Steppe Kasachstans. Über einen Zeitraum von 40 Jahren detonierte die UdSSR 467 Atombomben in Semipalatinsk, davon 120 oberirdisch und 347 unterirdisch – stets ohne Rücksicht auf die Gesundheit und Sicherheit der Lokalbevölkerung oder der Umwelt. 1990 schlossen sich die Internationalen Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) mit dem kasachischen Dichter Olzhas Suleimenov und seiner Nevada-Semipalatinsk Bewegung zusammen, um Präsident Gorbatschow durch Demonstrationen zu überzeugen, dass er ein Atomtest-Moratorium erlässt. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR und der Unabhängigkeit Kasachstans im Jahre 1991 ließ die kasachische Regierung das Testgelände schließen und verschrottete das viertgrößte Atomwaffenarsenal der Welt, welches Kasachstan als Erbe der UdSSR übernommen hatte.

Global gesehen wurden seit 1945 auf Dutzenden von Testarealen in aller Welt mehr als 2.000 Atomexplosionen durchgeführt. Allein die 423 oberirdischen Tests zwischen 1945 und 1980 hatten eine Gesamtsprengkraft von etwa 545 Megatonnen TNT-Äquivalent oder etwa so viel wie 43.000 Hiroshimabomben. Die Konsequenz dieses Wahnsinns war die weltweite Kontamination mit radioaktivem Niederschlag, der Menschen auf allen Kontinenten erhöhten Strahlenwerten ausgesetzt hat.

Folgen für Umwelt und Gesundheit

Seit der Schließung des Testareals von Semipalatinsk wurden verschiedene Studien durchgeführt, um die medizinischen, sozialen und ökologischen Folgen der radioaktiven Verseuchung der Region durch die Atomexplosionen zu untersuchen. Obwohl die wissenschaftliche Aufarbeitung noch lange nicht abgeschlossen ist, besteht weitgehendes Einvernehmen darüber, dass die Lokalbevölkerung durch die Atomwaffentests großem Leid ausgesetzt wurde. Mehrere Tausend Quadratkilometer sind für viele Generationen kontaminiert. Die genaue Strahlenbelastung der Böden und Grundwasserreservoirs ist bislang noch nicht untersucht. Nach Angaben örtlicher Behörden sind hunderttausende Anwohner*innen von erhöhten Strahlenwerten betroffen, einige Schätzungen gehen sogar von 1,5 Millionen Menschen aus, die unter der freigesetzten Radioaktivität leiden.

Eine Reihe Gesundheitsprobleme, von Krebserkrankungen, Impotenz und Fehlgeburten bis hin zu genetischen Schäden, Missbildungen und geistiger Behinderung, werden auf die Atomwaffentests zurückgeführt. Neben einer epidemieartigen Zunahme schwerer neurologischer Fehlbildungen, fehlender Gliedmaßen und Knochendeformitäten bei Neugeborenen fielen in Semipalatinsk auch erhöhte Raten von hämatologischen Erkrankungen wie Leukämie auf.

Eine Studie japanischer und kasachischer Ärzt*innen aus dem Jahr 2008 wies nach, dass die Menschen in der Region rund um Semipalatinsk durch einzelne Atomexplosionen Strahlenwerten von mehr als 500 mSv (Millisievert) ausgesetzt waren – also ähnlichen Werten wie viele der Hibakusha von Hiroshima und Nagasaki oder dem Äquivalent von 5.000 Röntgenuntersuchungen.

In einem Dorf, welches vom radioaktiven Niederschlag des ersten Atomwaffentests im August 1949 betroffen war, wurden etwa 90% der Anwohner*innen allein im ersten Jahr nach der Detonation einer externen Strahlendosis von etwa 1.400 mSv ausgesetzt, in anderen Ortschaften wurden Effektivdosen von bis zu 2.000 mSv registriert – genug, um Symptome der akuten Strahlenkrankheit hervorzurufen. Basierend auf diesen Strahlendosen, war davon auszugehen, dass mindestens 14-20% aller exponierten Menschen Krebserkrankungen entwickeln würden, die sie ohne die Atomwaffentests nicht entwickelt hätten.

Die Studie der japanischen und kasachischen Ärzt*innen kam allerdings zu dem Ergebnis, dass in den betroffenen Regionen im Osten Kasachstans Krebserkrankungen sogar 25-30% häufiger auftraten als im Rest des Landes. Auch wurde bei den Kindern von Atomtestopfern eine erhöhte Rate an mentaler Retardierung festgestellt. Das Krebszentrum der Stadt Semei stellte stark erhöhte Häufungen von Tumoren der Lunge, des Magens, der Brust und der Schilddrüse in der betroffenen Bevölkerung fest. Das kasachische Institut für Strahlenmedizin und Ökologie fand derweil eine belastbare Korrelation zwischen der Höhe der Strahlenbelastung und dem Auftreten genetischer Defekte in Familien, die in der Umgebung der Testgebiete lebten. Untersuchungen der Universität von Leicester bestätigten diese Beobachtungen: Die britischen Wissenschaftler*innen fanden im Jahr 2002 eine um 80% erhöhte Rate an DNA-Mutationen in der betroffenen Bevölkerung sowie eine 50%ige Erhöhung in der 2. Generation.

 

Ausblick

2009 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) einstimmig Resolution A/RES/63/279, in der die internationale Staatengemeinschaft aufgefordert wird, Kasachstan bei der Aufarbeitung der schwerwiegenden gesundheitlichen, ökologischen und sozialen Folgen der Atomwaffentests in Semipalatinsk zu unterstützen. Mehrere UN-Organisationen, Geldgeber, Nichtregierungsorganisationen, sowie medizinische und wissenschaftliche Einrichtungen haben sich seitdem zusammen gefunden, um gemeinsam das atomare Erbe der sowjetischen Atomwaffentests in Kasachstan zu untersuchen und die Folgen für die Hibakusha von Semipalatinsk zu mildern.

Der 29. August, der Tag, an dem das Atomwaffentestgelände Semipalatinsk im Jahr 1991 geschlossen wurde, wurde von der UN-Generalversammlung einstimmig zum Internationalen Tag gegen Atomtests erklärt (Resolution A/RES/64/35). red

 

Bearbeitungsstand: August 2021

Quellen:

IPPNW, Hibakusha Weltweit, Ausstellung, 2014

IPPNW: Semipalatinsk

Wudan Y: The nuclear sins of the Soviet Union live on in Kazakhstan, Nature, 03.04.2019

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