Atomare Abschreckung
engl.: nuclear deterrence
Das Konzept der atomaren Abschreckung ist kennzeichnend für das Atomwaffenzeitalter. Nukleare Abschreckung zielt darauf ab, einen Angriff eines Gegners zu verhindern, indem dieser mit dem Einsatz von Atomwaffen bedroht wird.
Abhängig von der Doktrin des angegriffenen Staates, kann dies mit Atomwaffen, anderen Massenvernichtungswaffen oder gar einem Krieg, der den Staat in seiner Existenz droht, geschehen. Damit wird die nukleare Abschreckung genutzt, um die Kostenkalkulation eines Angriffs mit Atomwaffen zu beeinflussen. Der Gegner soll überzeugt werden, dass im Ernstfall die Fähigkeit und die Entschlossenheit bestehen, ihm nicht akzeptable Kosten aufzuerlegen.
36 Staaten setzen in ihrer eigenen Verteidigungspolitik auf die nukleare Abschreckung, entweder durch den Besitz von Atomwaffen (9 Staaten) oder durch ein Bündnis (24) oder Sicherheitsgarantien (3) mit einem bzw. durch einen oder mehreren Atomwaffenstaaten. Die atomare Abschreckung gilt den Atomwaffenstaaten und ihren Verbündeten als Eckpfeiler ihrer Sicherheitsdoktrin. Sie glauben, die Abschreckung hätte einen Angriff auf den eigenen Staat oder sogar einen Dritten Weltkrieg bereits verhindert.
Mehr als 150 Staaten hingegen stützen ihre Sicherheitspolitik nicht auf nukleare Abschreckung.
Die atomare Abschreckung, so wird oft erklärt, soll eine Art ‚Versicherungspolice‘ darstellen, falls Diplomatie oder andere Formen der Kriegsprävention versagen. Jedoch wird sie allein durch ihre dauerhafte Existenz eingesetzt. Konflikte werden auf diesem Hintergrund anders ausgeführt, wenn eine oder beide bzw. mehrere Konfliktparteien Atomwaffen besitzen. Durch direkte oder indirekte nukleare Drohungen, findet eine Abschreckung statt und zwar gegen jede beliebige bewaffnete Intervention.
Was ist erforderlich, damit die nukleare Abschreckung funktioniert?
Der Gegner muss erkennen, dass sein Handeln zu einer inakzeptablen Beeinträchtigung der eigenen Interessen führen würde. Dies setzt folgende Voraussetzungen voraus:
- Beide Seiten müssen ähnliche Werte teilen, damit die beabsichtigte Drohung auch als solche wahrgenommen wird.
- Die Drohung muss an sich glaubwürdig sein.
- Es muss eine zuverlässige Kommunikation zwischen den Seiten bestehen.
Bei der nuklearen Abschreckung wird davon ausgegangen, dass der Gegner rational handelt, die Zerstörung seines Landes durch Atomwaffen um jeden Preis verhindern will und sich demgemäß abschrecken lässt.
Glaubwürdigkeit der Abschreckung
Die Abschreckung beruht darauf, dass die eine Seite das Konzept glaubwürdig vertritt und der Gegner von einem möglichen Einsatz überzeugt ist. Der Ausgangspunkt ist gleichzeitig die gegenseitige Verwundbarkeit.
Im Kalten Krieg strebten beide Seiten danach, sich im Rüstungswettlauf mindestens Parität, oder gar Vorteile zu sichern, um notfalls stärker zu sein. Auf jeden Fall sollen genügend Atomwaffen im Arsenal sein, um eine gesicherte Zweitschlagskapazität zu behalten, falls der Gegner als Erster Atomwaffen einsetzt. Diese Bestrebungen führten zwangsläufig zu Hochrüstung und immer leistungsfähigeren Waffensystemen.
Um die Glaubwürdigkeit zu vermitteln müssen Atomwaffen immer wieder zur Schau gestellt, getestet oder Drohungen ausgesprochen werden.
Im Kalten Krieg gab es doch immer wieder Bestrebungen, das Prinzip der atomaren Abschreckung zu verlassen, um aus einem atomaren Schlagabtausch als Sieger hervorzugehen. Für einen Enthauptungssschlag wurden entsprechende Technologien und Geräte entwickelt. Dazu gehörten die Verbesserung der Zielgenauigkeit von Raketen, Interkontinentalraketen mit Mehrfachsprengköpfen, die U-Boot-Bekämpfung und Raketenabwehrsysteme. Während offiziell weiterhin von Abschreckung gesprochen wurde, bereiteten sich damals die USA und Sowjetunion auf einem tatsächlichen Atomkrieg vor, falls die Abschreckung zu versagen droht. Den Atomkrieg müssten sie dann gewinnen können, indem sie als Erster zuschlagen. Bis heute haben alle Atomwaffenstaaten außer China eine Erstschlagsdoktrin.
In jetziger Zeit gibt es Anzeichen dafür, dass die großen Atommächte wie Russland und die USA, sich wieder an einer solchen Rüstungsspirale durch Modernisierung und Neuentwicklung der Atomwaffen beteiligen, um die nukleare Abschreckung zu gewährleisten. Auch die anderen Atomwaffenstaaten bauen ihre atomare Arsenale aus.
Wichtig für die Abschreckung ist die glaubwürdige Zweitschlagfähigkeit, d.h.: Die Fähigkeit, einen Erstschlag zu überstehen und über genügend Atomwaffen zu verfügen, um Vergeltung zu üben und den Angreifer zu vernichten. Unter den Bedingungen des atomaren Patts soll es zu keinen Enthauptungssschlag kommen können, weil selbst beim Einsatz aller verfügbaren Mittel nicht alle Atomwaffen des Gegners ausgeschaltet werden könnten. Daher erklärten selbst die „offiziellen“ Atomwaffenstaaten (P5), dass einen Atomkrieg niemals zu gewinnen sei und daher nicht auszuführen ist.
Begriffe der nuklearen Abschreckung:
Gegenseitig zugesicherte Zerstörung (Mutually Assured Destruction, MAD): Die Doktrin, wonach ein umfassender Einsatz von Atomwaffen durch zwei oder mehr gegnerische Seiten zur vollständigen Vernichtung sowohl des Angreifers als auch des Verteidigers führen würde.
Erweiterte Abschreckung: Eine Garantie einer Atommacht (z. B. der USA), ihre nicht-nuklearen Verbündeten zu verteidigen, wodurch diese davon abgehalten werden sollen, eigene Waffen zu entwickeln, wie es in der Politik der NATO zu beobachten ist (nukleare Teilhabe).
Minimale/begrenzte Abschreckung: Eine Strategie, die darauf abzielt, nur so viele Waffen zu unterhalten, wie nötig sind, um einen Angreifer zu vernichten, anstatt eine nukleare Überlegenheit anzustreben.
Kritisch betrachtet:
Das Sicherheitsdilemma des Konzepts liegt darin, dass es auf Dauer funktionieren muss — es kann nicht ausprobiert werden, ob es tatsächlich funktioniert. Auch wenn die nukleare Abschreckung nachweislich in der Vergangenheit eingesetzt und funktioniert hat, kann nicht davon ausgegangen sein, dass sie unweigerlich in jeder Situation funktioniert.
Es gibt zahlreiche Beispiele, die das Versagen der nuklearen Abschreckung verdeutlichen. Sie zeigen, dass statt Abschreckung entweder etwas so Abstraktes wie Glück oder mutiges Handeln einzelner Personen einen Atomkrieg durch technische Fehler, Kommunikationskrisen, Konflikteskalation, Fehleinschätzung der Gegenseite oder Spionage verhindert haben.
Die Wirksamkeit der nuklearen Abschreckung, besonders gegenüber einem 'irrationalen Akteur', z.B. einen verzweifelten Regime, religiösen Extremisten oder terroristischen Gruppen, wird in Frage gestellt.
Im Rahmen der Diskussion über den UN-Atomwaffenverbotsvertrag (AVV), argumentierten die atomwaffenfreien Staaten: Atomwaffen gefährden die ganze Welt, nicht nur einen Staat, und verletzen damit das humanitäre Völkerrecht. Falls die nukleare Abschreckung versagen würde, wären die humanitären Konsequenzen katastrophal. Damit seien die Risiken für die meisten Staaten unerträglich.
Bearbeitungsstand: März 2026, xh
Quellen:
Balzer A, Hall X: Nukleare Abschreckung: Notwendiges Übel oder eine Gefahr für die Sicherheit? ICAN-Hintergrund, Juni 2021
Green R: Re-Thinking Nuclear Deterrence, The Disarmament and Security Centre, 2001
Huth PK: Deterrence and international conflict: Empirical findings and theoretical debates. Annual Review of Political Science 2, pp. 25 – 48, Jun 1999
Rudolf P: Aporien atomarer Abschreckung. SWP-Studie 15, Juli 2018
