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EICHHORN Eugen

Mathematiker, Friedensaktivist, 1944-2020

Prof. Eugen Eichhorn war Mathematiker in Berlin. Ehrenamtlich setzte er sich für eine atomwaffenfreie Welt und für Frieden ein.

Geboren ist Eugen Eichhorn am 3. Dezember 1944, im letzten Weltkriegsjahr, in Hessen. Sein Vater war Offizier in der Wehrmacht und ist an der Ostfront ums Leben gekommen. Eugen war sich nie sicher, ob er an Verbrechen beteiligt war oder nicht. Unabhängig davon entschied er, sich für Frieden einzusetzen.

Nach seinem Vordiplom studierte er weiter Mathematik in München. Seine Fachgebiete waren Numerische Mathematik, Programmieren und komplexe Analysis. Seine Tochter meinte, dass die Zahlen ihn beruhigten. „In seinem Kopf war so viel los, so viel Gedanken und innere Zweifel, wenn er die Mathematik nicht gehabt hätte, er wäre wohl explodiert.“

Seine Aktivitäten waren zunächst als junger Mensch breit aufgestellt: gegen den Vietnamkrieg, für die Befreiung von Diktaturen, gegen die ‚Volkszählung‘ in Deutschland und für Reform in der katholischen Kirche. Mit seiner ersten Frau Hildegard, die er in München als Studierende kennenlernte, zog er 1972 nach Berlin. Dort bekamen sie eine Tochter, aber der hochpolitische Eugen war kein normaler Familienvater. Stattdessen hat er seine Tochter zu Demonstrationen gegen Atomkraft mitgenommen und erklärte ihr die Welt.

Er wurde 1998 Professor für Mathematik an der damaligen Technischen Fachhochschule, später Beuth Hochschule genannt. Dort organisierte er von 2004 bis 2020 den „Hiroshima-Nagasaki Peace Study Course“, ein Kurs für Studierende, an vielen Universitäten der Welt, die mehr über die Geschichte und Entwicklung von Atomwaffen erfahren wollten und sich für nukleare Abrüstung interessierten. Der Kurs wurde vom Bürgermeister von Hiroshima Tadatoshi Akiba mit einer Friedenserklärung 2001 ins Leben gerufen und inspirierte Eugen Eichhorn als Erster, auf diesem Weg junge Menschen in Sachen Atomwaffen zu „alphabetisieren.“ Er befürchtete, das das Wissen um und über die Entwicklung der Atomwaffen sonst verloren ginge. Er war für viele der Teilnehmenden in diesen Kursen sehr viel mehr als ein Dozent, er war ihr Mentor. Durch ihn wurde Jahr für Jahr das Wissen über Atomwaffen an Studierende weitergegeben, mit dem sie informiert wurden und ihre Meinung bilden konnten. Im Kurs wurden oft ungemütliche Fragen gestellt, Befürwortende der nuklearen Abschreckung testeten ihre Argumente an ihm aus. Eugen erklärte ruhig und unermüdlich, was die Fakten und die Folgen sind und warum er deswegen für die komplette Beseitigung aller Atomwaffen sei. Danach verließen sie den Kurs verbunden mit der Hoffnung, dass manche von ihnen aktiv werden würden.

Seine Liebe zu Japan zeigte sich in vielen Reisen dorthin. Er gründete das Deutsch-Japanische Friedensforum Berlin e.V. und vermittelte Zivildienstleistende nach ganz Japan. Immer wieder fuhr er zu den sogenannten Dienststellen, um mit den jungen Menschen ihre Arbeit zu reflektieren. Insbesondere war er zu Hiroshima und Nagasaki immer wieder hingezogen und schöpfte dort Kraft für sein Engagement gegen Atomwaffen und für deren Abschaffung und viele Friedensvorträge.

Prof. Eichhorn war acht Jahre lang Dekan des Fachbereiches Mathematik, Physik und Chemie, bevor er 2010 in Ruhestand ging und Vollzeit ehrenamtlich arbeitete. Seine zweite Frau Silvia hat ihm Geborgenheit und Unterstützung gegeben und ihr Tod traf ihn sehr hart.

Auf seiner letzten Reise nach Japan im März 2020 infizierte er sich mit COVID-19. Nach seiner Rückkehr wurde er am 7. April ins Krankenhaus gebracht, lag lange Zeit im Koma und wurde künstlich beatmet. Am 29. Mai 2020 starb er mit 75 Jahren. Seine Tochter Lisa war mit ihm. Wegen der Pandemie konnten erst zwei Jahre später die vielen Wegbegleiter*innen aus der Friedensbewegung ein Gedenkfeier abhalten.

Bearbeitungsstand: September 2025, xh

Weitere Persönlichkeiten der atomaren Geschichte

Quellen:

Ellmenreich M: „Man kann diese Verantwortung nicht delegieren“, Interview mit Eugen Eichhorn, Deutschlandfunk, 09.08.2005
Eugen Eichhorn | in memoriam, Webseite der Familie Eichhorn
Göbel D: In Memoriam Prof. Eugen Eichhorn, Fachbereich II, Mathematik, BHT-Berlin, 15.06.2020
Grünberg K: Nachruf auf Eugen Eichhorn, Sonntags gegen den Forschungsreaktor, Tagesspiegel, 04.09.2020
Schramm T: Eugen Eichhorn, Webseite Friedenszentrum Martin-Niemöller-Haus, keine Datumsangabe

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