Überblick | USA

Laut dem "Nuclear Notebook" (2021) von Hans Kristensen und Matt Korda enthält das US-Atomwaffenarsenal aktuell 5.550 Atomsprengköpfe. Davon sind 1.800 "aktiv", also einsatzbereit stationiert - 1.000 auf ballistischen Raketen und 300 auf strategischen Bomberbasen in den Vereinigten Staaten, sowie weitere 100 taktische Atombomben in Europa. Etwa 2.000 Sprengköpfe werden als „Reserve“ gelagert und können, wenn nötig, in das "aktive" Arsenal eingebracht werden. 1.750 Sprengköpfe sind momentan für die Abrüstung vorgesehen.    
» mehr in der Tabelle unten    

Die USA gehören zu den offiziell anerkannten Atomwaffenstaaten und sind seit dem Jahr 1970 Mitglied des Atomwaffensperrvertrags, in dem sie sich verpflichtet haben, "in redlicher Absicht Verhandlungen zu führen über wirksame Maßnahmen zur Beendigung des nuklearen Wettrüstens in naher Zukunft und zur nuklearen Abrüstung sowie über einen Vertrag zur allgemeinen und vollständigen Abrüstung" (Artikel VI).    

Sie setzten 1945 in den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki als erster und einziger Staat jemals Atomwaffen ein. Seit Beginn des atomaren Zeitalters trieben sie das weltweite Wettrüsten voran und entwickelten seitdem mehr als 70.000 Atomwaffen in Form von über 65 verschiedenen Typen - von der kleinen Atommine bis zur riesigen Wasserstoffbombe mit mehreren Megatonnen Sprengkraft. Im Jahr 1967 erreichten sie mit 31.255 die Höchstzahl von Atomwaffen in ihrem Besitz.

Insgesamt haben die USA bisher 1.032 Atomtests durchgeführt, von denen 228 oberirdisch stattfanden. Seit 1992 testen sie Atomwaffen nicht mehr durch Kernwaffenexplosionen, sondern nur noch mit subkritischen oder simulierten Tests im Rahmen des "Stockpile Stewardship Program". Sie unterschrieben am 24. September 1996 den umfassenden Atomteststoppvertrag (CTBT), haben diesen aber bis heute noch nicht ratifiziert.
 
Atomwaffendoktrin
Anfang Februar 2018 legte die Trump-Administration die neue Nuklearpolitik (Nuclear Posture Review, NPR) der USA vor. Diese NPR beinhaltet das Konzept der "maßgeschneiderten Abschreckung". Dadurch sollen Krieg und Atomwaffeneinsätze durch eine flexiblere Abschreckung verhindert werden. Das Konzept wurde bereits in der Regierungszeit von US-Präsident George W. Bush und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld entwickelt, blieb damals aber lediglich ein Vorschlag. Die jetzige Doktrin hingegen sieht folgendes konkret vor:

  • unterschiedliche Atomwaffenträgersysteme, sowie variable Sprengkraft für verschiedene Einsatzszenarien
  • strategische und regionale Raketenabwehrsysteme
  • verbesserte regionale Kriegsführungskapazitäten
  • eine Erweiterung der nuklearen Optionen der USA insbesondere die Anwendung von Atomwaffen gegen strategische Angriffe von nuklearen als auch nicht-nuklearen Staaten.

In der "Nuclear Posture Review" (NPR) von ehem. US-Presidenten Präsident Barack Obama, die er im März 2010 vorstellte, spielten Atomwaffen bei der Verteidigung des Landes eine geringere Rolle als in der Bush-Doktrin von 2002. Unter dieser konnten Atomwaffen auch gegen Staaten eingesetzt werden, die keine Atomwaffen besitzen, oder als "präventive" Waffe beim Verdacht auf einen geplanten Angriff mit Massenvernichtungswaffen. Vor und während des Irakkrieges 2003 nutzten die USA dies und drohten mit einem Atomwaffeneinsatz, sollte der Iran die USA mit Massenvernichtungswaffen angreifen.

Unter Obama hingegen sollte der Ersteinsatz dieser Waffen für die USA nur noch unter eingeschränkten Bedingungen infrage kommen. Darüber hinaus sollten laut seiner NPR keine neuen Atomsprengköpfe gebaut werden, und der Verzicht auf Atomtests blieb bestehen. Allerdings begann bereits während der Obama-Administration eine umfassende Modernisierung des Atomwaffenarsenals sowie des Atomwaffenkomplexes.

Die neue Trump-NPR führt diese Modernisierungspläne fort und baut auf sie auf. Alle Trägersysteme, die atomaren Sprengsätze, die Führungs- und Kommunikationsstruktur und die industrielle Infrastruktur für den Atomwaffenkomplex sollen entweder modernisiert oder ersetzt. Darüber hinaus sollen längerfristig auch nuklear bewaffnete, von U-Booten startbare, Marschflugkörper produziert werden und ein neuer Sprengkopf mit kleinerer Sprengkraft entwickelt werden. Zweiterer solle dann als „sofortige Antwortmöglichkeit“  dienen können. Kritiker*innen befürchten, dass solche Atomwaffen destabilisierend wirken. Geschätzte Kosten für die Modernisierung und den Betrieb des US-Atomwaffenarsenals sowie der unterstützenden Anlagen für den Zeitraum 2019-2028 belaufen sich nach Aussagen des Congressional Budget Office (CBO) auf ca. $494 Milliarden und für die nächsten drei Jahrzehnte auf ca. $3 Billionen.

Laut einem Dokument des Pentagons von Juni 2019 planen die USA Atomwaffen eventuell nicht nur als Abschreckungsmittel einzusetzen, sondern sie gestehen diesen auch eine gewissen Rolle in der Kriegsführung zu. In der offiziellen Doktrin der nuklearen Operationen, die zunächst veröffentlicht jedoch kurz darauf wieder von der Webseite entfernt wurde, steht folgendes: "Der Einsatz von Atomwaffen könnte die Voraussetzungen für entscheidende Ergebnisse und die Wiederherstellung von strategischer Stabilität schaffen." Weiterhin wird betont: "Der Einsatz einer Atomwaffe könnte im Besonderen den Umfang einer Schlacht ändern und Bedingungen schaffen, die Auswirkungen darauf haben, wie Befehlshaber*innen in einem Konflikt einen Erfolg erzielen". (eigene Übersetzung)

Abrüstung und Rüstungskontrolle
Obama erklärte bereits in seinen Wahlkampfreden 2008, dass er die Atomwaffenpolitik der USA wesentlich ändern und sich für eine atomwaffenfreie Welt einsetzen wolle. Diese Vision betonte er als damaliger US-Präsident am 5. April 2009 in Prag und brachte am 24. September 2009 eine Resolution in den UN-Sicherheitsrat ein, die das Ziel einer atomwaffenfreien Welt zusätzlich bekräftigte. Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Am 9. Oktober 2009 wurde Obama – unter anderem für seine Bemühungen und seine Vision einer atomwaffenfreien Welt – mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Im Februar 2012 kursierten Gerüchte über eine Diskussion des Pentagons be-treffend der künftigen Zahl von Atomwaffen, die für eine glaubwürdige Abschreckung notwendig seien. Die Rede von einer möglichen Reduzierung der Anzahl um bis zu 80% sorgte für Aufregung. In seiner Rede im Juni 2013 in Berlin kündigte Präsident Obama an, das US-Atomwaffenarsenal um bis zu einem Drittel zu reduzieren. Dazu kam es aber nicht, denn Russland lehnte Obamas Angebot über weitere Abrüstungsverhandlungen ab.
 
Neue START (Strategic Arms Reduction Treaty)
Am 26. März 2010 verkündeten die USA und Russland, dass sie sich nach monatelangen Verhandlungen auf einen neuen Vertrag zur Abrüstung strategischer Atomwaffen geeinigt hätten, welcher, das im Dezember 2009 ausgelaufene START-Abkommen ersetzte. Laut Vertrag sollen die strategischen Atomwaffen beider Länder innerhalb von sieben Jahren jeweils um ca. ein Drittel reduziert werden auf maximal 700 Startsysteme und 1.550 platzierte Atomsprengköpfe auf strategischen Trägersystemen. Das sind ein Drittel weniger, als im letzten SORT-Vertrag von 2002 vorgesehen waren.

Alle sechs Monate berichten die USA und Russland, wie viele strategische Atomwaffen sie aktuell noch stationieren. Laut dem US-Außenministerium stationierten die USA im September 2019 668 strategische Startsysteme (land- und seegestützte ICBMs und schwere Bomber) mit 1.376 Sprengköpfen. Das bedeutet ein leichter Anstieg im Vergleich zu März 2018 um 19 Startsysteme und 11 Sprengköpfe. Die Anzahl unterscheidet sich von den im Nuclear Notebook präsentierten Zahlen, da die New-START Regelungen pro Bomber immer nur einen Sprengkopf zählen – deshalb ist die Stückzahl in Wirklichkeit höher. Auch die Gesamtzahl der strategischen Systeme ist höher, da Raketen und Bomber, die nicht stationiert sind, nicht zerstört werden und relativ kurzfristig einsatzbereit gemacht werden können. Insgesamt wurde das US-amerikanische Waffenarsenal seit dem Inkrafttreten des Vertrags 2011 um 214 stationierte Trägerraketen und 424 stationierte strategische atomare Sprengköpfe verringert. Sie besitzen trotzdem aktuell 155 stationierte Träger-raketen mehr als Russland.

US-Präsident Joe Biden und Kremlchef Wladimir Putin verlängerten den New-START Vertrag im Januar 2021 um fünf Jahre.  Die Regierung von Donald Trump hatte sich mit Moskau in zähen monatelangen Verhandlungen nicht auf eine Verlängerung verständigen können. Nun stellt der New-START-Vertrag das letzte atomare Abrüstungsabkommen zwischen den beiden Ländern dar.

Der INF-Vertrag (Intermediate Range Nuclear Forces Treaty)
Nach jahrelangem Streit erklärte US-Außenminister Mike Pompeo am 1. Februar 2019, die USA setze ab dem 2. Februar ihre Verpflichtungen aus dem INF-Vertrag aus und leite das Verfahren zum Austritt aus dem Vertrag ein. Gleich am nächsten Tag zog Russland nach und kündigte seinerseits den Vertrag auf. Somit lief der INF-Vertrag am 2. August 2019 endgültig aus.     

Beide Staaten geben dem jeweils anderen Staat die Schuld an diesen Entwicklungen. Das maßgebliche Element des INF-Vertrages war ein Verbot landgestützter Kurz- und Mittelstreckenwaffensysteme mit einer Reichweite von 500 bis 5.500 Kilometer, sowie sie zu testen oder Abschussvorrichtungen für solche Waffen herzustellen. Seit 2007 wirft die russische Regierung den USA vor, sie verstoße gegen dieses Verbot und 2014 beschuldigte Trump Russland ebenfalls eines Vertragsverstoßes.
 
US-Atomwaffen in Europa
Offiziell unterliegen die Zahl und Lagerungsorte der US-Atomwaffen in Europa der Geheimhaltung. Im April 2019 veröffentlichte der kanadische Senator Joseph Day in einem NATO-Bericht jedoch zum ersten Mal jene sechs europäischen Militärstützpunkte in Europa, an denen derzeit US-amerikanische Atombomben stationiert sind.

Aus dem Dokument "A new era for Nuclear Deterrence? Modernisation, Arms Control, and Allied Nuclear Forces", ging hervor, dass 150 US-amerikanische Atomwaffen des Typs B61 derzeit in den folgenden Militärbasen gelagert sind: Kleine Brogel (Belgien), Büchel (Deutschland), Aviano und Ghedi-Torre (Italien), Volkel (Niederlande) und Incirlik (Türkei). Im Rahmen der nuklearen Teilhabe wäre die jeweiligen Armeen im Ernstfall und auf Anweisung des US-amerikanischen Präsidenten vorbereitet, diese einzusetzen.

Bearbeitungsstand: April 2021

Die US-Atomstreitkräfte

Tabelle: Das US-Nuklearwaffenarsenal 2021

 

TypZahl der Träger stationiert im Jahr...Sprengköpfe x
Sprengkraft (KT)
stationierte Sprengköpfe

Gesamtsumme stationiert



ca. 1.800
Reserveca. 2.000
Zwischensumme


ca. 3.800
Für Abrüstung markiertca. 1.750
Gesamtarsenal



ca. 5.550
ICBMs
Minuteman III
Mk-12A20019791-3 W78 x 335 (MIRV)600
Mk-2120020061 W87 x 300200
Insgesamt
400


800
SLBMs
Trident II D5240
Mk-4A20081-8 W76-1 x 90 (MIRV)1.511
Mk-4A20191-2 W76-2 x niedrig (MIRV)25
Mk 519901-8 W88 x 455 (MIRV)384
Insgesamt
240


1.920
Bomber
B-52H Stratofortress87/44*1961ALCM/W80-1 x 5-150528
B-2A Spirit20/16*1994B61-7 x 10-360/-11 x 400
B83-1 x niedrig -1.200
322
Insgesamt
107/60


850
Taktische Waffen
F-15E, F-16 Kampfjets, u.a.n/a19791-5 B61-3/-4 x 0,3-170230**
Insgesamt230

* Die erste Zahl ist das Inventar an Flugzeugträgern, die für Training, Tests und als Reserve gehalten werden. Die zweite Zahl ist das Inventar an für den Einsatz bestimmten Primärflugzeugträgern. Die USA hat insgesamt 66 atomwaffenfähige Jagdflugzeuge: 46 B-52H-Bomber und 20 B-2-Bomber.

**100 von diesen Bomben sind in Europa stationiert. Alle Anderen sind in den USA zentral gelagert.

Quelle: Hans M. Kristensen & Matt Korda (2020) United States nuclear forces, 2021,
Bulletin of the Atomic Scientists, 76:1, 46-60

Wir brauchen Ihre Unterstützung!

US-Arsenal 2021
Insgesamt5.550
Einsatzbereit1.800
Reserve2.000
für Abrüstung markiert1.750

Quelle:  Hans M. Kristensen & Matt Korda (2021) United States nuclear forces, 2021,
Bulletin of the Atomic Scientists, 77:1, 46-63

Zitiert:

»Es wäre wunderbar, es wäre ein Traum, wenn kein Staat Atomwaffen hätte. Aber solange Staaten Atomwaffen haben, werden wir im Rudel ganz oben stehen.«

US-Präsident Donald Trump,
24. Februar 2017

Im Wortlaut

Nukleare Doktrinüberprüfungen

Videos

Links

Zitiert:

„Wir leben vielleicht nicht mehr in Furcht vor einer globalen Vernichtung, aber solange es Kernwaffen gibt, sind wir nicht wirklich sicher.“

US-Präsident Barack Obama, Berlin, 19. Juni 2013