Taktische Atomwaffen

engl.: tactical nuclear weapons

Taktische Atomwaffen (auch nukleare Gefechtsfeldwaffen oder substrategische Atomwaffen genannt) sind Systeme, die auf Grund ihrer Reichweite, ihrer Sprengkraft und ihrer Stationierungsorte für einen Einsatz gegen militärische Ziele auf einem begrenzten Gefechtsfeld eingesetzt werden können. Sie sind dafür vorgesehen, in einer spezifischen Region eingesetzt zu werden, ohne dabei weitreichende Zerstörungen und massive radioaktive Verseuchung zu verursachen.

Im Kalten Krieg entwickelten und stationierten die USA und die Sowjetunion zehntausende taktische Atomwaffen, inlusiv Artilleriegeschosse, nukleare Abwehrraketen und Bodensprengkörper. Keine dieser Atomwaffen wurden jemals eingesetzt. Das Risiko war zu groß, weil der Einsatz einen großangelegten Atomkrieg hätte auslösen können. Bisher wurden taktische bzw. substrategische Atomwaffen durch keinen Rüstungskontrollvertrag reguliert oder eingeschränkt.

In den 1990er Jahren wurde die Zahl der stationierten taktischen Atomwaffen der beiden Staaten stark reduziert, in den USA um etwa 90 Prozent. Die USA hat rund 230 taktische Atomwaffen, davon sind 100 in Europa stationiert und der Rest zentral in den USA gelagert. Expert*innen glauben, dass Russland bis zu 2.000 taktische Atomwaffen besitzt, wahrscheinlich alle im zentralen Lagern. Durch umfassende Modernisierungsprogramme ist die Gefahr des Einsatzes nicht gebannt. Im Gegenteil. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 wird die Gefahr des Einsatzes einer taktischen Atomwaffe als stark erhöht eingeschätzt, obwohl US-Geheimdienste bisher keine Bereitschaftsaktivitäten oder Stationierungen dieser Waffen melden.

Die Schwelle zwischen „taktischen“ und „strategischen“ Atomwaffen wird stark verwischt. Beispielsweise hat die B61-Atombombe der USA eine variable Sprengkraft und kann als „Mininuke“ eingesetzt werden. Die neueste Version – die B61-12 – ist durch ihr Lenksystem präziser als die früheren Modelle und kann durch ein digitaler Interface vom Flugzeug aus gesteuert werden. Die niedrigste Sprengkraft entspricht 300 Tonnen TNT. Die Bombe kann zudem unterirdische Ziele zerstören. Alle diese Charakteristika macht sie optimal als Gefechtsfeldwaffen, aber sie kann auch eingerichtet werden, um mit einer Explosionskraft von 340 KT zu detonieren. Das passt nicht mehr in das taktische Schema und erzeugt massive Zerstörung und Fallout.

Auch die W80 ist ein taktischer Atomsprengkopf, der für Marschflugkörper auf der Grundlage der B61 entwickelt wurde und in den USA auf AGM-129 sowie AGM-86 luftgestützte Cruise Missiles montiert. Seine Sprengkraft ist zwischen fünf und 150 KT einstellbar.

Es gibt auch Atomwaffen mit niedriger Sprengkraft, die auf Langstreckenraketen montiert werden, wie z.B. der W76-2 (8 KT) auf Trident-II-Raketen. Der russische „Screwdriver“ oder SSC-8-Marschflugkörper (russ. Bezeichnung 9M729) hat auch einen Sprengkopf mit variabler Sprengkraft (10 bis 100 KT) und soll mit der „Iskander“-Kurzstreckenrakete eingesetzt werden. Allerdings behaupteten die USA, dass dieser Marschflugkörper angeblich auf Mittelstreckenraketen getestet wurde – ein Verstoß gegen den INF-Vertrag.

Die russische Seeflotte hat die größte Zahl taktischer Atomwaffen mit ca. 935 Atomsprengköpfen auf Marschflugkörpern, Anti-U-Boot-Raketen, Torpedos und Unterwasserbomben. Eventuell ist ein Teil davon mit konventionellen Sprengköpfen ausgestattet, dann wäre die Zahl niedriger.

Die russische Luftwaffe kann nukleare Schwerkraftbomben unter anderem durch die taktischen Mittelstrecken-Atombomber Tu-22M3 (Backfire), Su-24M-Kampfflugzeuge (Fencer-D), Su-34-Kampfjets (Fullback) und MiG-31K-Abfangjäger (Foxhound) einsetzen.

Weil taktische Atomwaffen „kleiner“ und „präziser einsetzbar“ sein sollten, suggeriert der Begriff, dass sie harmloser seien als strategische Atomwaffen. Allerdings ist eine Sprengkraft von 10 KT nicht viel weniger als die Atombombe, die über Hiroshima 1945 detoniert wurde und binnen vier Monaten das Leben von 136.000 Menschen kostete.

Die Gefahr, dass der Einsatz einer einzelnen taktischen Atomwaffe einen Atomkrieg mit dem Einsatz von vielen strategischen Atomwaffen auslöst, bleibt genauso real, wie im Kalten Krieg. Simulationen und Übungen zeigen, dass ein „Warnschuss“ mit einer „kleinen“ Atomwaffe eine nukleare Antwort der Gegenseite folgen würde und diese wiederum mit massiven Vergeltungsschlägen, die Millionen Menschen zum Opfer fallen würden. xh/rb

Bearbeitungsstand: 27. April 2022

Quellen:

Congressional Research Service: Nonstrategic Nuclear Weapons, 07.03.2022
Science and Global Security: Plan A, Princeton University
Tannenwald N: ‘Limited’ Tactical Nuclear Weapons Would Be Catastrophic, Scientific American, 10.03.2022

► Weitere Informationen zu Atomwaffenstaaten

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