21.01.2026
Das Jahr begann mit einer Umstellung der Weltuntergangsuhr (Doomsday Clock). Zuletzt war sie 2023 auf 90 Sekunden vor Mitternacht gestellt worden. Am 28. Januar 2025 erklärte der Wissenschafts- und Sicherheitsrat des Bulletin of the Atomic Scientists, dass die Welt 1 Sekunde weiter an dem Abgrund herangerückt ist. Nun sind es 89 Sekunden vor Mitternacht, so nah wie noch nie.
Viele Tendenzen, die der Rat nannte, entwickeln sich 2025 weiter: der Krieg in der Ukraine droht nach wie vor nuklear zu eskalieren; die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten sind weit davon entfernt, befriedet zu werden; alle Atomwaffenstaaten modernisieren ihre nuklearen Potentiale und bauen sie aus; der Abrüstungsprozess steht vor dem Aus, der Fokus auf Verteidigung entzieht wichtige Investitionen zur Schadensminderung und die Prävention der Klimakatastrophe verliert an Bedeutung.
Aus Angst vor einer Abwendung von der NATO seitens der USA unter der Trump-Administration wurde die Debatte über die Frage einer unabhängigen Atomstreitkraft in Europa wieder entfacht. Der französische Präsident Macron erklärt Anfang März erneut sein Interesse, die Force de Frappe auf seine Verbündeten auszuweiten. Dieses Mal reagierte Deutschland unter der Kanzlerschaft von Friedrich Merz eher positiv. Jens Spahn, Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU, forderte Ende Juni sogar einen direkten deutschen Zugriff auf die Atomwaffen Frankreichs oder Großbritanniens. Dem wurde schnell vom Regierungssprecher widersprochen. Frankreich und Großbritannien rücken immer näher zusammen, was die Kooperation bei der nuklearen Abschreckung und die Entwicklung gemeinsamer Waffen betrifft.
Im Juni hielt die Weltgemeinschaft den Atem an, als der Konflikt zwischen Israel und Iran eskalierte. Benjamin Netanjahu befahl Angriffe auf iranische Atomanlagen und zwang damit die USA sich zu positionieren. Trump entschied sich, militärisch mit anzugreifen und startete „Operation Midnight Hammer“ am 22. Juni. 14 bunkerbrechende Bomben (GBU-57) wurden von B2-Tarnkappenbomber auf mehrere Nuklearanlagen im Iran abgeworfen, unterstützt von mehr als 125 weiteren Militärflugzeugen. Der Erfolg der Aktion wurde sehr unterschiedlich bewertet. Die USA behauptet, die Anlagen wurden vollständig ausgelöscht; der Iran sagte, es sei kaum was beschädigt.
Die neuen SIPRI-Zahlen zeigen im Juni weiterhin eine Erweiterung und Modernisierung der Atomwaffenarsenale weltweit. Fast 10.000 Atomwaffen stehen bereit zum Einsatz; immer noch befinden sich die meisten in den USA und Russland. Vor allem die Entwicklung einer atomwaffenfähigen Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ in Russland, die Ziele in Europa innerhalb von Minuten erreichen kann und damit Frühwarnsysteme und Raketenabwehr nutzlos macht, eskaliert die Gefahr eines Atomkrieges enorm. Bereits im November 2025 wurde diese Rakete (ohne atomar bestückt zu sein) in der Ukraine eingesetzt, um die Drohkulisse zu schärfen. Im Januar 2026 schoss Russland erneut eine Oreshnik auf die Ukraine. Die Kampagne gegen Mittelstreckenwaffen in Deutschland kritisierte diese Einsätze sowie die angekündigten Pläne Russlands, die Oreshnik ab Ende 2025 in Belarus zu stationieren. Bereits im Vorfeld hatte sie auch den deutschen Kauf von Marschflugkörper mit einer Reichweite von über 1.600 km durch die Bundesregierung kritisiert, weil dies ein „enormes Eskalationspotenzial“ berge.
Wie ein Atomkrieg uns bedroht, wird durch einen US-amerikanischen Film dargestellt: im Oktober startete „House of Dynamite“ bei Netflix. Er beginnt mit dem Ausgangsszenario, dass der Einschlag einer atomaren Interkontinentalrakete in nur noch 15 Minuten bevorstehe. Der Präsident muss entscheiden, ob er vor diesem Einschlag die US-Raketen starten und damit den Dritten Weltkrieg auslösen soll.
Die 80. Jahrestage zum Gedenken der Atomwaffenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki wurden von der Politik wenig beachtet. Die nukleare Rhetorik spitzte sich kurz vor den Gedenktagen zwischen den USA und Russland weiter zu. Der Bürgermeister Hiroshimas Kazui Matsumi rief alle auf, “niemals aufzugeben”, eine friedliche Welt ohne Atomwaffen aufzubauen. Aber im November 2025 erwägt Japans Regierungspartei (LDP) öffentlich eine Abkehr vom im Grundgesetz festgeschriebenen Atomwaffenverzichts.
Der Abbau der Rüstungskontrolle wurde auch durch die Ankündigung Trumps im November, Atomtests wieder aufzunehmen, beschleunigt. Damit ist das anhaltende Moratorium aller Atomwaffenstaaten, der noch nicht in Kraft getretene Umfassende Atomteststoppvertrag (CTBT) in Gefahr. Falls die USA tatsächlich wieder testen würden, ist auch dieser Vertrag Makulatur.
Nun steht eine weitere Entscheidung der zwei größten Atommächte an: Da der New START-Vertrag am 5. Februar 2026 ausläuft, wäre eine Verlängerung notwendig. Sonst gäbe es keinen bilateralen Abrüstungsvertrag mehr. Das Überwachungssystem des Vertrags, das momentan ohnehin suspendiert ist, existiert dann nicht mehr. Präsident Putin hat am 22. September ein Angebot gemacht: Russland sei bereit, die zentralen quantitativen Beschränkungen des Neuen START-Vertrags nach dessen Auslaufen für ein Jahr weiter zu beachten, wenn die Vereinigten Staaten „in ähnlichem Sinne handeln“. Obwohl die Trump-Administration zunächst positive Signale gegenüber die Presse äußerte, gab es bisher noch keine offizielle Ankündigung beider Seiten, einer Verlängerung zuzustimmen. Auch ist es fraglich, ob ein einziges Jahr in dieser festgefahrenen Situation ausreicht, um die Abrüstung anzukurbeln. xh
Quellen:
Atomwaffen A-Z: Chronik des Atomzeitalters, 2025
Economist: Wie erfolgreich war “Operation Midnight Hammer” wirklich? 22.06.2025
Hall X: Werden französische Atomwaffen nach Osten verlegt? 18.05.2025
Hall X: Neue US-Atomtests angekündigt, Atomwaffen A-Z-Blog, 27.11.2025
Kampagne “Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen!”: Kauf von Tomahawk-Marschflugkörpern birgt enormes Eskalationspotenzial, 28.10.2025; und Friedensorganisationen verurteilen erneuten Einsatz russischer Mittelstreckenwaffe, 09.01.2026
Mecklin J: Closer than ever: It is now 89 seconds to midnight. 2025 Doomsday Clock Statement, 28.01.2025
Spiegel politik: Spahn für deutsche Führungsrolle bei europäischem Atomwaffen-Schild, 29.06.2025
Wollner A: “A House of Dynamite”: 18 Minuten bis zum nuklearen Einschlag, NDR, 29.10.2025
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