27.11.2025
Am 30. Oktober 2025, kurz vor seinem Treffen mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping, kündigte US-Präsident Donald Trump an, Atomwaffentests nach einem seit über 30 Jahren andauernden Moratorium umgehend wieder aufzunehmen. Die Ankündigung war zunächst auf seinem Social-Media-Platform „Truth Social“ zu lesen sowie am 1. November in einem Interview in der „60 Minutes“ Sendung der US-Sender CBS zu hören. Er äußerte die Meinung, dass die USA wieder ihre Atomwaffen testen müssen, um zu prüfen, ob sie noch funktionierten. Schließlich würden andere Staaten ihre Atomwaffen auch testen. Er sagte:
„Wissen Sie, man muss das tun – und der Grund, warum ich das sage, ist, dass Russland angekündigt hat, einen Test durchzuführen. Wenn Sie sich umsehen, werden Sie feststellen, dass Nordkorea ständig Tests durchführt. Andere Länder führen Tests durch. Wir sind das einzige Land, das keine Tests durchführt, und ich möchte nicht, dass wir das einzige Land sind, das keine Tests durchführt.“ (Donald Trump - zitiert nach O’Donnell, 2025)
Die Interviewerin korrigierte ihn, dass weder China noch Russland testen, aber er implizierte, dass beide Länder heimlich Atomtests durchführen, nur „Sie wissen es einfach nicht“. In der folgenden Woche wurde jedoch der von Trump selbst für die Leitung des Strategic Command (STRATCOM) nominierte Admiral Richard Correll, der für die US-Atomwaffen zuständig sein wird, im Kapitol zu genau diesem Thema befragt. Er erklärte, dass weder China noch Russland Atomwaffentests durchführen würden (O’Donnell, 2025). Der letzte nordkoreanische Atomtest wurde am 3. September 2017 durchgeführt.
Was genau Trump mit „Atomtests“ meint, bleibt unklar. Die USA führen seit den 1990er Jahren keine Atomexplosionen mehr zu Testzwecken durch. Allerdings führen sie Tests ohne Atomexplosionen durch, um die Sicherheit der US-Atomwaffen zu prüfen. Darunter fallen subkritische Atomtests sowie Computersimulationen im so genannten Stockpile Stewardship Program.
Die Trägersysteme werden regelmäßig getestet wie die atomare Interkontinentalrakete „Minuteman III“, die zuletzt am 5. November 2025 vom Vandenberg Space Force Base in Kalifornien gestartet wurde (Vandenberg, 2025). Bei der Neuentwicklung von der nuklearen ballistischen Raketen „Sentinel“ werden bereits Raketenkomponenten getestet, vollständige Flugtests wurden noch nicht durchgeführt (AFNWC, 2025).
Weder Raketentests noch subkritische oder simulierte Tests sind verboten. Der Umfassende Atomteststoppvertrag (CTBT) von 1996 verbietet alle Atomexplosionen. Allerdings ist der Vertrag nie in Kraft getreten, da einige Länder – auch die USA – den Vertrag nicht ratifizierten. In der Anlage 2 des Vertrags werden 44 Staaten genannt, die ratifizieren müssen, bevor der Vertrag in Kraft treten kann. Diese Staaten sind technisch in der Lage, Atomwaffen zu entwickeln. Von diesen Staaten haben zwar 41 unterzeichnet, aber erst 35 ratifiziert: Indien, Israel, Nordkorea und Pakistan haben den Vertrag nie unterzeichnet. China, Ägypten, Iran und die USA haben unterzeichnet aber nicht ratifiziert (CTBTO). Russland hat am 27. Oktober 2023 angekündigt, seine Ratifizierung zurückziehen zu wollen.
Falls tatsächlich Atomtests in den USA wieder aufgenommen werden, wäre dafür die US-Energieministerium zuständig, nicht das Kriegsministerium (ehem. Verteidungsministerium). Die Behörde, die momentan das Programm zur Prüfung der Sicherheit, Wartung und Modernisierung des Atomarsenals zuständig ist, ist die National Nuclear Security Administration (NNSA), eine Unterabteilung des Energieministeriums.
Durch die Ankündigung Trumps stellt sich die Frage, ob die USA ohne weiteres wieder Atomtests aufnehmen können. Es bestehen zunächst technische Schwierigkeiten, die eine schnelle Aufnahme von Atomtests verhindern. Einige Expert*innen bezweifeln, dass eine Rückkehr zu unterirdischen Atomexplosionen nach über 30 Jahren ohne unverhältnismäßigen Aufwand machbar sei. Atomtests in der Atmosphäre, unter Wasser und im Weltraum sind nach wie vor vom 1963 Partiellen Atomteststoppvertrag (PTBT) komplett verboten, nachdem weltweite Proteste gegen den Umweltschaden in den 1950er und -60er Jahren zu Verhandlungen führten. Auch unterirdische Atomtests mit einer Sprengkraft über 150 Kilotonnen wurden im 1974 Testschwellenvertrag (TTBT) verboten (Williams, 2025).
Gemäß dem Plan zur Verwaltung und Bewirtschaftung der Lagerbestände für 2024 war die NNSA dafür verantwortlich, innerhalb von 36 Monaten einen unterirdischen Atomtest durchführen zu können. Seit 2010 hat die NNSA jedoch keine Mittel für die Testbereitschaft als separates Programm beantragt. Daher wurde weder von der ersten noch der zweiten Trump-Administration in die Bereitschaft zum Testen von Atomwaffen investiert. Um das alte Testgelände in Nevada wieder in die Lage zu versetzen, unterirdische Atomtestexplosionen durchzuführen, bedarf es einen signifikanten Geldbetrag, der momentan nicht im Budget vorgesehen ist.
Innenpolitisch würde eine Wiederaufnahme von Atomexplosionen in den USA sicherlich eine Protestwelle in den betroffenen Staaten auslösen. Seit 1990 hat das Justizministerium im Rahmen des Radiation Exposure Compensation Act (RECA) über 41.000 Antragsteller*innen aus Bundesstaaten wie Nevada, Colorado, New Mexico, Utah und Texas insgesamt 2,6 Milliarden US-Dollar zugesprochen. Nach einem Jahr Pause wurde der RECA im Rahmen des One Big Beautiful Bill Act wieder in Kraft gesetzt. Das ehemalige Atomtestgelände, heute Nevada National Security Site, steht im Mittelpunkt umfangreicher Sanierungsmaßnahmen des Energieministeriums. Trotzdem dient es gleichzeitig weiterhin als Standort für die Wiederaufnahme unterirdischer Atomtests, falls dies erforderlich sein sollte (Williams, 2025).
Die weltweite Überwachungssystem der CTBTO zeigt, dass weder Russland noch China Atomtests durchführen. Allerdings warf das US-Außenministerium im April 2022 Russland vor, Atomexplosionen durchgeführt zu haben, wobei die entsprechenden Nachweise als geheim klassifiziert sind. Satellitenbilder vom Atomtestgelände in Nowaja Semlja zeigen erhöhte Aktivitäten und Expansion zwischen 2021 und 2023, ebenso das chinesische Atomtestgelände Lop Nor.
Die NNSA weitet die nukleare Infrastruktur in Nevada aus, diese Investitionen wurden jedoch bereits vor der Zeit der Trump-Administration beschlossen und betreffen das bestehende Programm ohne superkritische Atomtests. Allerdings warnte Atomwaffenexperte Jeffrey Lewis bereits 2023, dass diese Aktivitäten der russischen und chinesischen Regierung signalisieren würden, dass die USA ihr Atomtestprogramm ausweitet. Sie könnten zwar über Satellitenbilder feststellen, dass die Anlagen aus- oder neu gebaut werden, könnten aber nicht wissen, was innen abläuft. „Solche Wahrnehmungen können gefährlich werden, insbesondere in der heutigen Zeit, in der überall Angst und Misstrauen herrschen“, so Lewis (Cheung, 2023).
Somit kann man schlussfolgern, dass Atomtestexplosionen in den USA, Russland und China innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahren möglich wären und wir uns in einer Ankündigungsphase befinden. Russlands Präsident Putin hat am 5. November 2025 ebenfalls neue Atomtests angekündigt, falls die USA sie wiederaufnähmen, und trifft die entsprechenden Vorbereitungen (ICAN, 2025). Abrüstungsbefürwortende Organisationen wie z.B. IPPNW und Ohne Rüstung Leben fordern daher eine Einhaltung des andauernden Moratoriums, eine Deeskalation der Rhetorik und die Ratifizierung des Umfassenden Atomteststoppvertrag aller Anlage 2-Staaten (IPPNW, ORL, 2025). Am 1. November 2025 wurde in Berlin vor der US-Botschaft für das Verhindern eines erneuten Atomtest-Wettlaufs demonstriert. xh
Quellen:
Air Force Nuclear Weapons Center, AFNWC: Air Force, Northrop Grumman advance Sentinel ICBM modernization with stage-two rocket motor test, 29.07.2025
Cheung E et al: Satelite images show increased activity at nuclear tests in Russia, China and US, CNN, 23.09.2023
CTBTO: Status of Signature and Ratification, Annex 2 states, abgerufen am 26.11.2025
ICAN Deutschland: FAQ: Trumps Atomwaffentests – was steckt dahinter? 17.11.2025
IPPNW: Rüstungskontrolle statt nuklearer Macho-Rhetorik, 30.10.2025
O’Donnell N: President Trump on nuclear testing, the government shutdown, immigration, tariffs and U.S.-China relations, CBS 60 Minutes – Newsmakers, 02.11.2025
Ohne Rüstung Leben: Globale Eskalation stoppen – neue US-Atomtests müssen verhindert werden! 30.10.2025
US Department of State: Adherence to and compliance with arms control, nonproliferation and disarmament agreements and commitments, PDF, April 2022
Vandenberg Space Force Base: AFGSC validates reliability, readiness of ICBM force with Minuteman III test launch, 05.11.2025
Williams H: Can the United States immediately return to nuclear testing? CSIS, 30.10.2025
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