Überblick | Russland

Topol-M Raketensystem auf Siegesparade in Moskau 2013. Foto: Vitaly V. Kuzmin

Die Sowjetunion, Vorgängerstaat Russlands, wurde 1949 Atomwaffenmacht und führte über 700 Atomtests durch. Es wird geschätzt, dass Russland bzw. die Sowjetunion seit 1949 etwa 55.000 Atomwaffen produziert hat. Die Sowjetunion trat dem Nichtverbreitungsvertrag 1972 bei.

Laut Bulletin of Atomic Scientists Nuclear-Notebook enthielt das russische Arsenal im Frühjahr 2020 6.370 Atomwaffen, von denen ca. 4.310 strategische Atomwaffen darstellen. Von diesen sind geschätzte 1.570 aktive und einsatzfähige Atomsprengköpfe. Weiterhin sind ca. 2.740 Atomwaffen in Lagern vorhanden und weitere 2.060 Atomwaffen wurden außer Dienst gestellt und sollten im Laufe der Zeit im Rahmen bilateraler Verträge zerstört werden.
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Rüstungskontrolle

Der Moskauer Vertrag (SORT) zwischen den USA und Russland aus dem Jahr 2002 sah vor, dass beide Staaten bis 2012 ihre strategischen Arsenale auf 1.700 bis 2.200 aktive Atomwaffen reduzieren. Mit dem New START-Vertrag, den Russland im Januar 2011 ratifizierte, sollte die Zahl der einsatzbereiten strategischen Atomwaffen bis 2018 noch weiter auf je 1.550 reduziert werden. Die Zahl der einsatzbereiten, stationierten Trägersysteme sollte die 700 nicht übersteigen und insgesamt sollte jeder Staat nicht mehr als 800 Trägersysteme besitzen.

Am 5. Februar 2011 veröffentlichte das US-Außenministerium die ersten Daten vom New START, wonach Russland die Reduzierungen für stationierte Atomwaffensysteme unter dem Vertrag scheinbar schon erreicht habe.

Nach neuen Daten vom September 2019 waren 513 einsatzbereite Trägersysteme stationiert, weit niedriger als die 700 erlaubten Trägersysteme. Allerdings gibt es Kritik an der Zählweise, die zum Beispiel die Sprengkopfzahlen künstlich absenkt. So geht beispielsweise in die Statistik nur eine Bombe pro Flugzeug unter dem Neuen START ein, obwohl Flugzeuge weitaus mehr Sprengköpfe tragen können. Die Zahl der Sprengköpfe auf Interkontinentalraketen, seegestützten ballistischen Raketen und Bombern beträgt 1.426. Damit hält Russland die neue START-Begrenzung ein. Weitere Details wurden nicht öffentlich gemacht, wie z. B. die Zahl der nicht stationierten Atomwaffen.

Das Auslaufen des New START-Vertrages im Jahr 2021 ohne Nachfolgevereinbarung könnte vor dem Hintergrund neuer Rüstungsprogramme das Ende der Atomwaffenreduzierung auf bilateraler Ebene zwischen den USA und Russland bedeuten und den Beginn eines neuen Wettrüstens darstellen.

Atomwaffendoktrin

Russland sieht seine nuklearen Streitkräfte als unabdingbar für die Sicherheit des Landes und für seinen Status als Großmacht. Die Regierung hat das Ziel, mit den USA eine Parität zu halten. Zudem verfügt der militärisch-industrielle Komplex über viel Einfluss in der Politik.

Die russische Atomwaffenstrategie bleibt unklar. Es gibt Hinweise dafür, dass die Schwelle für einen Einsatz sinkt. Manche Analysten sehen ein Nachahmen seitens Russlands von der bereits bestehenden selektiven Einsatzstrategie des Westens. Die russische Regierung selbst veröffentlicht nur wenige Informationen dazu.

Im Dezember 2014 veröffentlichte Russland eine neue Militärdoktrin, in der das Recht vorbehalten wird, Atomwaffen gegen Angriffe mit nuklearen oder anderen Massenvernichtungswaffen einzusetzen. Ein konventioneller Angriff auf Russland, der „die Existenz des Staates in Gefahr bringt“, könnte auch den Einsatz von Atomwaffen auslösen. Diese Formulierung ist fast identisch mit der Anfang 2010 veröffentlichten Militärstrategie. Die Strategie von 2010 sagte sehr wenig über den Einsatz von Atomwaffen aus, wurde jedoch von Experten als einen Fortschritt gegenüber der Strategie von 2000 eingeschätzt. Die Schwelle des Einsatzes wurde damals angehoben, Präventivangriffe mit Nuklearwaffen sind nicht mehr vorgesehen.

Im Oktober 2018 bestätigte der russische Präsident Putin diese Position, in dem er erklärte „Unsere Atomwaffendoktrin beinhaltet keinen präventiven Erstschlag“. Stattdessen erklärte er, dass das Konzept auf der Grundlage eines Vergeltungsschlags basiert. Das bedeutet sie wären nur dann bereit, Atomwaffen einzusetzen, wenn sie sicher wären, dass ein Aggressor russisches Territorium tatsächlich angreift.

Trotzdem halten US-Strategen an der Idee fest, dass Russland plant, taktische Atomwaffen als ein Warnmittel einzusetzen, um eine Eskalation im bewaffneten Konflikt zu verhindern. Diese sogenannte „escalate to deescalate“-Doktrin wird jedoch von russischer Seite dementiert. Und dennoch nutzt die Trump-Administration die vermeintliche Existenz dieser Doktrin als eine Begründung, selber „maßgeschneiderte“ Abschreckung auszubauen. Der ehemalige Leiter des strategischen US-Kommandos (StratCom) John Hyten behauptete sogar, dass Russland mit dieser Doktrin nicht einen Konflikt deeskalieren will, sondern ihn gewinnen möchte.

Modernisierung der Atomstreitkräfte
Seit einigen Jahren arbeitet Russland an der Modernisierung seiner atomaren Streitkräfte mit der Begründung, dass es unter anderem notwendig sei, den geplanten Raketenschirm der USA durchdringen zu können. Im März 2009 hat Russlands damaliger Präsident Dmitri Medwedew eine Modernisierung der Atomwaffen ab dem Jahr 2011 angekündigt und dies unter anderem mit den Erweiterungsplänen der NATO begründet. Dann beginne eine „umfassende Umrüstung“ des Heeres und der Flotte, sagte er. Russland stockte 2016 die Ausgaben für Atomwaffen für die folgenden Jahre um mehr als die Hälfte auf.

Russland verfolgt, ähnlich wie die USA, das Ziel, über eine breite Palette an neuen und bestehenden Atomwaffen zu verfügen. Dies könnte nach gewissen Expertenmeinungen implizieren, dass es eine verdeckte Doktrin gibt, die mehr als nur der einfachen Abschreckung, sondern eventuell auch regionaler Kriegsführung dient. Beispielsweise wurden Pläne für die Entwicklung eines neuen atomaren Unterwasserfahrzeugs – das „Poseidon“ Langstreckentorpedo – bekannt, das von einem U-Boot gestartet wird, um angeblich weite Landstriche radioaktiv zu verseuchen und damit militärische und wirtschaftliche Aktivitäten über einen langen Zeitraum zu verhindern.

Am bekanntesten ist der öffentliche Streit über die Entwicklung eines neuen landgestützten Marschflugkörpers, der SSC-8-Cruise-Missile. Dieser verstoße laut den USA gegen den INF-Vertrag, weil seine Reichweite mehr als 500 km beträgt. Deswegen kündigte der ehemalige US-Präsident Barack Obama Oktober 2018 an, den INF-Vertrag zu kündigen, was seine Nachfolger Donald Trump im Februar 2019 vollzog. Laut dem Statement des Direktors des US-Aufklärungsdienstes Daniel Coates, könne der SSC-8 konventionell oder atomar bestückt werden und sei heimlich entwickelt worden. Russland bestätigt zwar die Existenz eines neuen Systems mit der russischen Bezeichnung „9M729“, bestreitet aber die Inkompatibilität mit dem INF-Vertrag. Laut russischen Aussagen wurden die im INF-Vertrag relevanten Reichweiten nie getestet.

Laut der Vereinigung Amerikanischer Wissenschaftler (Federation of American Scientists, FAS) ist Russland mit seinem Modernisierungsprogramm seines ICBM-Arsenals sehr weit gediehen. Alle Interkontinentalraketen aus der Sowjetära sollen bis zu den frühen 2020er ersetzt werden:

  • Die SS-18-Raketen werden durch die SS-29 (Sarmat / RS-28) ersetzt.
  • Die SS-19-Raketen sind inzwischen fast alle durch die silogestützte SS-27-Raketen mod 2 (Jars / RS-24) ersetzt worden. Zwei konvertierte SS-19-Raketen (Mod 4) bleiben im Betrieb mit dem neuen Avangard Hyperschallgleitvehikel (HGV). Der Avangard wurde entworfen, um Raketenabwehrsysteme zu umgehen, und soll erst auf modifizierte SS-19-Raketen und eventuell an einem späteren Zeitpunkt auf SS-29-Raketen montiert werden.
  • Über die SS-25-Raketen (Topol / RS-12M) gibt es keine stichhaltigen Informationen darüber, wie viele noch einsatzbereit sind.
  • Es gibt zwei neue Versionen der SS-27:
    Bereits 2012 wurden die SS-27-Raketen mod 1 (Topol-M) in zwei Varianten–mobil (RS-12M1) und silogestützt (RS-12M2)–stationiert.

    2010 begann die Stationierung von mod 2 (Jars / RS-24), die jetzt sehr weit gediehen ist. Die Aufrüstung der Infrastruktur für die Jars-Raketen soll bis 2021 fertig sein.

  • Die finale Entwicklung und Stationierung der mobilen SS-X-28-Rakete, (RS-26 / Jars-M) scheint verzögert zu sein und die Zugversion (Barguzin) eventuell gestrichen.
  • 2021 sollen die SS-29-Raketen (RS-28 / Sarmat) auch SS-18-Raketen ersetzen. Diese neue Rakete ist auch als „Satans Sohn“ bekannt, weil deren Vorgänger SS-18 in den USA „Satan“ genannt wurde, wahrscheinlich wegen der hohen Zerstörungskraft.

Ebenfalls in Entwicklung ist ein neuer atombetriebener Marschflugkörper, der Atomwaffen tragen kann und die Bezeichnung SSC-X-9 Skyfall (9M730 Burewestnik) trägt. Dieser Marschflugkörper hatte eine Reihe von Schwierigkeiten in der Testphase, einschließlich eines schweren Unfalls im August 2019, wo eine Explosion Radioaktivität freisetzte und sieben Menschen tötete.

Sechs Delta III- und ein Delta-IV-U-Boot sollen durch neue U-Boote der Borej-Klasse (Projekt 955/A) ersetzt werden. Jedes U-Boot soll bis zu 16 Bulawa-Raketen tragen können. Bisher sind drei U-Boote im Betrieb und weitere fünf werden noch gebaut. Die FAS erwartet, dass insgesamt 10 U-Boote gebaut werden, die gleiche Anzahl wie in den USA.

Die erste verbesserte Version des Borej-Klasse-U-Boots (Projekt 955A), das das Vierte der Borej-U-Boote war, wurde im November 2019 zu Wasser gelassen und begann eine Testphase auf See. Die neue Bulawa-Rakete wurde von diesem U-Boot im Oktober 2019 unter Wasser als Test erfolgreich abgefeuert. Die Lieferung des U-Bootes an die Nordische Flotte wurde wegen „Mängeln“ im Dezember 2019 verzögert. Das 5., 6. und 7. U-Boot der Borej-Klasse wurden auch nicht rechtzeitig geliefert. Drei weitere U-Boote sollen folgen, wovon das erste zwischen 2021 und 2023 fertiggestellt werden soll. Fünf U-Boote werden der Nordischen Flotte und fünf der Pazifischen zugeteilt werden.

Auch die Flugzeuge werden in Russland teilweise aufgerüstet. Die Informationen über die bestehenden Flugzeuge und ihre Bewaffnung sind jedoch nicht belastbar, da sie hauptsächlich von Satellitenbildern stammen. Bereits 2014 wurden die ersten sieben modernisierten Tupolew Tu-160- und Tu-95MS-Flugzeuge wieder in Betrieb genommen. 2016 folgten weitere neun und 2018 weitere fünf, jedoch sollen nicht alle modernisiert werden, sodass die Flotte insgesamt aus 50 bis 60 Flugzeugen bestehen wird. Diese werden nukleare Kh-102 oder konventionelle Kh-101 Marschflugkörper tragen können. Laut dem russischen Verteidigungsministerium (2015) sollte 2021 ein neues Flugzeug, die Tu-160M2 eingeführt werden. Die Serienproduktion der Tu-160M2 soll erst 2023 beginnen und drei Flugzeuge pro Jahr herstellen. Es wird vermutet, dass danach alle Tu-95MS-Flugzeuge außer Betrieb genommen werden. Die nächste Generation stellt das sich lange in Entwicklung befindliche PAK-DA-Flugzeug dar, dessen Forschungs- und Entwicklungsphase bald zu Ende geht und dessen erster Prototyp 2021 oder 2022 erwartet wird. Allerdings vermutet man, dass die russische Industrie nicht genug Kapazitäten hat, um zwei solcher strategischen Bomberflugzeuge zu produzieren.

Langfristig ist es zu erwarten, dass die Einführung verbesserter konventioneller Waffen dazu führen wird, dass es weniger taktische Atomwaffen geben wird.

Nach Ansicht des russischen Militärs besteht die Notwendigkeit für diese Streitkräfte, um der Überlegenheit der konventionellen NATO- oder US-Streitkräfte sowie der großen chinesischen Streitkräfte im Fernen Osten entgegenzuwirken. Somit will Russland durch taktische Atomwaffen eine Art Parität aufrechterhalten.

Die Seeflotte hat die größte Zahl taktischer Atomwaffen mit mehr als 900 Atomsprengköpfen auf Marschflugkörpern, Anti-U-Boot-Raketen, Torpedos und Unterwasserbomben. Hier wird auch modernisiert, obgleich nur sehr langsam. Das Projekt 885M (Yasen-M) beinhaltet Angriffs-U-Boote, wovon erst eins seit 2015 im Betrieb ist. Dieses trägt wahrscheinlich einen seegestützten, nuklearen „Kalibr“-Marschflugkörper (SSB-30A) sowie möglicherweise die, laut US-Quellen, nuklearfähige SSN-26 (3M-55). Weitere U-Boote sind noch nicht fertiggestellt worden. Eine Reihe von weiteren Upgrade-Projekten von nuklearen Plattformen sind in Arbeit, darunter für folgende U-Boote: Sierra-Klasse (Projekt 945), Oscar-II-Klasse (Projekt 949A), Akula-Klasse (Projekt 971).

Die russische Luftwaffe kann nukleare Schwerkraftbomben unter anderem durch die taktischen Mittelstrecken-Atombomber Tu-22M3 (Backfire), Su-24M-Kampfflugzeuge (Fencer-D), Su-34-Kampfjets (Fullback) und MiG-31K-Abfangjäger (Foxhound) einsetzen. Das erste Prototyp des Su-57-Flugzeugs (PAK-FA) – genannt „Felon“ von der NATO und von den USA als nuklearfähig eingestuft – hätte bereits 2019 geliefert werden müssen. Insgesamt sollen 76 nuklearfähige Flugzeuge produziert werden, die angeblich mit Hyperschallraketen vom Typ „Kinzhal“ bestückt werden sollen. Die neue „dual-capable“ (konventionell- und nuklearfähige) luftgestützte ballistische Langstreckenrakete – die Kh-47M2 (Khinzal) wurde entwickelt, die der Iskander-Kurzstreckenrakete ähnelt, aber eine Reichweite von bis zu 2.000 Kilometer besitzt. Sie kann von einem speziell modifizierten MiG-31K abgefeuert werden. Die Khinzal ist angeblich schon seit Dezember 2017 im Betrieb und wurde in einer Flugshow im August 2019 gezeigt.

Das Tu-22M3 kann Kh-22 (AS-4 Kitchen) ALCM einsetzen. Eine neue Kh-32 ALCM ist in Entwicklung, um die Kh-22 zu ersetzen. Die Tu-22M3 und Su-24M werden aufgerüstet und die neue Tu-22M3M hat Flugtests schon bestanden.

Taktische Atomwaffen in der Raketenabwehr
Der Nuclear Posture Review 2018 der USA stellte fest, dass Russland weiterhin nukleare Sprengköpfe in seinen Luft- und Raketenabwehrkräften einsetzt. Hierfür setzen die Raketenabwehrkräfte den Gazelle-Abfangjäger ein. Welches Luftabwehrsystem über eine duale Kapazität verfügt und wie viele davon tatsächlich mit nuklearen Sprengköpfen bestückt sind, ist nicht klar. In der US-amerikanischen weltweiten Bedrohungsanalyse vom März 2018 wird behauptet, dass Russland möglicherweise auch Sprengköpfe für Boden- Luft- und andere Luftraketenabwehrsysteme besitzen könnte. Zurzeit ist eine Aufrüstung des nuklear bestückten A-135-Raketenabwehrsystems mit nuklearem Sprengkopf um Moskau im Gange, welches das Kürzel A-235 (Red Star 2017) trägt.

1991 umfasste der Bestand 2.000 bis 3.000 Luftverteidigungssprengköpfe. Im Jahr darauf versprach Russland, die Hälfte seiner nuklearen Luftverteidigungssprengköpfe zu zerstören, 2007 sollen jedoch bereits 60 Prozent zerstört worden sein, so russische Staatsbeamte. Geht man davon aus, dass der Bestand seit 2007 weiter geschrumpft ist, wird geschätzt, dass heute um die 290 nuklearen Sprengköpfe den Luftverteidigungskräften zur Verfügung stehen, plus weitere 90 für das Moskauer A-135-Raketenabwehrsystem und die Küstenverteidigungseinheiten, was einem Gesamtbestand von etwa 380 Sprengköpfen entspricht. Es muss jedoch betont werden, dass diese Schätzungen mit beträchtlicher Unsicherheit verbunden sind.

Bodengestützte taktische Atomwaffen
Das russische Verteidigungsministerium gab im Dezember 2019 die Fertigstellung der Aufrüstung aller Raketenbrigaden des Heeres auf die ballistische Kurzstreckenrakete SS-26 (Iskander) bekannt. Dazu gehören mindestens zwölf Brigaden, also zwischen zwei und vier pro Militärbezirk. Jeder SS-26-Werfer kann bis zu zwei Raketen mit einer Reichweite von mindestens 350 Kilometern tragen. Es wird geschätzt, dass etwa 70 Sprengköpfe für ballistische Kurzstreckenraketen vorgesehen sind. Es gibt auch unbestätigte Gerüchte, dass der bodenstartfähige Marschflugkörper SSC-7 (9M728 oder R-500) möglicherweise nukleare Fähigkeiten besitzt.

Zudem behauptete die US-Regierung bereits vor Jahren, dass Russland einen bodengestützten Marschflugkörper (9M729 bzw. SSC-8) mit doppeltem Wirkungsgrad entwickelt und stationiert habe, was einen Verstoß gegen den inzwischen aufgekündigten INF-Vertrags dargestellt habe. Die ersten beiden Bataillone sollen Ende 2017 eingesetzt worden sein. Nachdem das russische Militär die Existenz dieses Raketentyps abgestritten hatte, zeigte es im Januar 2019 einen Raketenwerfer, Raketenkanister und Schaltpläne einer Rakete mit der Bezeichnung 9M729, behauptete aber, ihre Reichweite betrage weniger als 500 km. Ein US-Geheimdienstbericht kam jedoch später zu dem Schluss, dass die Behauptungen falsch seien.

Russland hat vermutlich weiterhin 9M729-Bataillone über die vier im Dezember 2018 gemeldeten Bataillone hinaus aufgestellt. Nach der russischen Anerkennung der Existenz der 9M729, wurde berichtet, dass im westlichen Militärbezirk Russlands „elektronische Abschüsse“ der 9M279 um St. Petersburg durchgeführt worden seien. Dies könnte darauf hindeuten, dass die 9M729 zu einer fünften Brigade hinzugekommen ist. Weiteren Berichten zufolge plant das russische Militär, jeder Iskander-Brigade ein viertes Bataillon hinzuzufügen. Es bleibt abzuwarten, ob dies bedeutet, dass 9M729-Trägerraketen zu allen 12 russischen Iskander-Brigaden hinzukommen werden.

Nukleare Rüstungskontrolle und Abrüstung
Der INF-Vertrag (Intermediate Range Nuclear Forces Treaty, kurz INF), war ein bilateraler Vertrag zwischen den USA und Russland bzw. der Sowjetunion. Darin wurde die Abrüstung von Kurz- und Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite von 500 bis 5.500 Kilometern und deren Systeme festgelegt. Er trat am 1. Juni 1988 in Kraft.

Russland wurde 2014 von der Obama-Regierung beschuldigt, gegen die Regeln des Vertrags verstoßen zu haben und intransparent gegenüber den USA zu sein. Auch in den folgenden Jahren wurden diese Beschuldigungen fortgesetzt, unter anderem 2018 von den Außenministern der NATO-Staaten. Unter US-Präsident Trump gaben die USA die Kündigung des Vertrags bekannt. Der Vertrag wurde von den USA am 1. Februar 2019 und von Russland am 4. März 2019 aufgekündigt. Da keine neue Einigung zwischen den beiden Staaten erzielt wurde, trat dieser am 2. August desselben Jahres außer Kraft. Dies bedeutet, dass beide Länder wieder ungehindert neue Systeme nuklearfähiger bodengestützter Mittelstreckenraketen herstellen, testen und stationieren dürfen.

New START
Wenn der New START-Vertrag 2021 nicht verlängert wird, könnten die russischen nuklearen Streitkräfte wachsen und Transparenz darüber verloren gehen. Der Vertrag kann jedoch für fünf Jahre ohne weiteres durch die Zustimmung beider Präsidenten verlängert werden. Russland erklärte sich wiederholt bereit, den Vertrag ohne Vorbedingungen zu verlängern und wenn nötig, neue Atomwaffen wie z.B. Sarmat oder Avangaard in die Vertragsbestimmungen aufzunehmen. Bisher bleiben die USA unter der Trump-Administration aber bei der Forderung, Gespräche über eine Verlängerung nur unter Einbezug von China führen zu wollen.

TPNW

Russland hat erklärt, dass es den Vertrag zum Verbot von Atomwaffen (TPNW) nicht unterzeichnen will. Kasachstan hingegen ist dem Vertrag bereits im August 2019 beigetreten. Damit ist unklar, ob es Russland weiterhin erlaubt bleiben kann, das kasachische Testgelände in Sary-Shagan zu nutzen, sollte der Vertrag in Kraft treten. Artikel IV (2) des Vertrags bestimmt, dass Vertragsstaaten „die Beseitigung oder unumkehrbare Umstellung aller mit Kernwaffen zusammenhängenden Einrichtungen“ garantieren müssen.


Bearbeitungsstand: Juni 2020




Die russischen Atomstreitkräfte

Tabelle: Die russischen Atomstreitkräfte 2020

Typ (Name)TrägerStationie-rungsjahrSprengköpfe/
Sprengkraft (KT)
Sprengköpfe insg.
STRATEGISCHE OFFENSIVWAFFEN
ICBMs
SS-18 M6 (Satan) / RS-20V46198810 X 500/800 (MIRV)460
SS-19 M4 / Avangard220191 x HGV2
SS-25 (Sickle) / RS-12M (Topol)3619881 X 80036
SS-27 Mod1 mobil /RS-12M1 (Topol-M)1820061 X 800?18
SS-27 Mod1 silo / RS-M2 (Topol-M)6019971 X 80060
SS-27 Mod2 mobil / RS-24 (Jars)12620104 X 100? (MIRV)504
SS-27 Mod2 silo / RS-24 (Jars)1420144 X 100? (MIRV)56
SS-X-28 mobil / RS-26 (Jars-M)_?4 x 100? (MIRV)-
SS-X-29 / RS-28 (Sarmat)-(2020)10 x 500? (MIRV)-
Zwischensumme302

1.136
SLBMs
SSN-18 M1 (Stingray) / RSM-501/1619783 X 50 (MIRV)48
SSN-23 M1 / RSM-54 (Sineva)6/9620074 X 100 (MIRV)384
SSN-32 / RSM-56 (Bulawa)3/4820146 X 100 (MIRV)288
Zwischensumme10/160

720
Bomber/Waffen
Bear-H / Tu-95 MS 21/3019846-16 X AS-15A ALCMs196
Bear-H Mod / Tu-95 MSM18/20201514 X AS-23B ALCMs252
Blackjack / Tu-16011/13198712 X AS-15B ALCMs oder AS-23B, Bomben132
Zwischensumme50/68


580

Zwischensumme strategische offensive Streitkräfte




~2.436
NICHT STRATEGISCHE UND DEFENSIVWAFFEN
ABM/Luftverteidigung
SA-20/SA-21 / S-300/S-400~1.0001992/20071 x niedrig~290
Gazelle / 53T66819861 x 1068
SSC-1B (Sepal) / Redut819731 x 3504
SSC-5 Stooge (SSN-26) / K-300P/3M-55482015(1 x 10)20
Luft-/Landgestützt
Bomber/Jäger (Tu-22M3/Su-24M/Su-34)~3901974/2006/1983ASM, Bomben~500

SS-21 Scarab SSM / 9K79, Tochka

-19811 X 10-100-
SS-26 Stone SSM / 9K720 Iskander-M13220051 X 10-10070
SSC-7 GLCM / 9M728
SSC-8 GLCM / 9M7292020171 x 10-10020
Seegestützt
U-Boote/Schiffe/LuftwaffeSLCM, ASW, SAM, DB, Torpedos~900
Zwischensumme nicht-strategische und defensive Streitkräfte


~ 1.870
Gesamtsumme


~ 4.310

Abkürzungen

ABM: Raketenabwehrrakete

ALCM: Luftgestützter Marschflugkörper

ASM: Luft-Boden-Rakete

ASW: Anti-U-Boot-Waffe

DB: Wasserbombe

ICBM: Interkontinentalrakete

MIRV: Mehrfachsprengkopf

SAM: Boden-Luft-Rakete

SLBM: U-Boot-gestützte ballistische Rakete

SLCM: Seegestützter Marschflugkörper

SRAM: Kurzstreckenrakete

Quelle: Kristensen, Hans M./ Korda, Matt: Russian Nuclear Forces, 2020, in: Bulletin of the Atomic Scientists Nuclear Notebook, 76:2, 102-117.

Russisches Arsenal 2020
Insgesamt6.370
Einsatzbereit1.570
Reserve2.740
für Abrüstung markiert2.060


Quelle: Kristensen H, Korda M: Russian nuclear forces, 2020, Bulletin
of the Atomic Scientists, 76:2, 102-117, DOI

Zitiert

Präsident Wladimir Putin. Foto:Russian Presidential Press and Information Office

»Wir müssen die strategischen Nuklearstreitkräfte stärken. Dafür sollten wir Raketen entwickeln, die in der Lage sind, gegenwärtige und zukünftige Raketenabwehrsysteme zu durchdringen.«

Russischer Präsident Wladimir Putin,
Dezember 2016

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