Überblick | Russland

Die Sowjetunion, Vorgängerstaat Russlands, wurde 1949 Atomwaffenmacht und führte über 700 Atomtests durch. Es wird geschätzt, dass Russland bzw. die Sowjetunion seit 1949 etwa 55.000 Atomwaffen produziert hat. Die Sowjetunion trat dem Nichtverbreitungsvertrag 1970 bei.

Laut Bulletin of Atomic Scientists Nuclear-Notebook enthielt das russische Arsenal im Frühjahr 2022 5.977 Atomwaffen, von denen ca. 4.477 einsatzbereit sind. Strategische offensive Atomwaffen zählen 2.565 und nicht-strategische bzw. defensive 1.912. Weitere 1.500 Atomwaffen wurden außer Dienst gestellt und sollten im Laufe der Zeit im Rahmen bilateraler Verträge zerstört werden.

Von den Atomsprengköpfen sind ca. 1.588 strategische Sprengköpfe im Einsatz: ca. 812 auf landgestützten ballistischen Raketen, ca. 576 auf von U-Booten abgefeuerten ballistischen Raketen und möglicherweise 200 auf Stützpunkten, wo schwere Bomber stationiert sind. Weitere 977 strategische Sprengköpfe sind in Lagern untergebracht, zusammen mit etwa 1.912 nicht-strategischen Sprengköpfen.
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Atomwaffendoktrin
Russland sieht seine nuklearen Streitkräfte als unabdingbar für die Sicherheit des Landes und für seinen Status als Großmacht. Die Regierung hat das Ziel, mit den USA eine Parität zu halten. Zudem verfügt der militärisch-industrielle Komplex über viel Einfluss in der Politik.

Die internationale Debatte über Russlands Nuklearstrategie hat eine neue Intensität erreicht, insbesondere nachdem die Trump-Administration ihren Nuclear Posture Review im Februar 2018 veröffentlicht hat. Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine am 24. Februar wurde auch viel spekuliert, ob Russland bereit wäre, Atomwaffen dort einzusetzen. Gleich zu Beginn drohte Putin mit „Konsequenzen, wie noch nie in der Geschichte erlebt“ – eine verkappte nukleare Drohung, sollte sich die NATO „einmischen“. Klärung über die Frage, wann Russland Atomwaffen nach seiner Doktrin einsetzen könnte, kam vom Kreml-Sprecher Peskow und dem ehemaligen Präsidenten Medwedew.

Am 25. Dezember 2014 veröffentlichte Russland eine neue Militärdoktrin, in der das Recht vorbehalten wird, Atomwaffen gegen Angriffe mit nuklearen oder anderen Massenvernichtungswaffen einzusetzen. Ein konventioneller Angriff auf Russland, der „die Existenz des Staates in Gefahr bringt“, könnte auch den Einsatz von Atomwaffen auslösen.

Am 18. Oktober 2018 bestätigte der russische Präsident Putin diese Position, in dem er erklärte „Unsere Atomwaffendoktrin beinhaltet keinen präventiven Erstschlag“. Stattdessen erklärte er, dass das Konzept auf der Grundlage eines Vergeltungsschlags basiert. Das bedeutet sie wären nur dann bereit, Atomwaffen einzusetzen, wenn sie sicher wären, dass ein Aggressor russisches Territorium tatsächlich angreift.

Trotzdem halten US-Strategen an der Idee fest, dass Russland plant, taktische Atomwaffen als ein Warnmittel einzusetzen, um eine Eskalation im bewaffneten Konflikt zu verhindern. Diese sogenannte „escalate to deescalate“-Doktrin wird jedoch von russischer Seite dementiert. Dennoch nutzte die Trump-Administration die vermeintliche Existenz dieser als eine Begründung dafür, die eigene „maßgeschneiderte“ Abschreckung auszubauen. Der ehemalige Leiter des strategischen US-Kommandos (StratCom) John Hyten behauptete sogar, dass Russland mit dieser Doktrin nicht einen Konflikt deeskalieren will, sondern ihn gewinnen möchte.

Russlands Präsident Wladimir Putin unterzeichnete am 2. Juni 2020 das Dokument zu den „Grundsätzen der Staatenpolitik der Russischen Föderation über nukleare Abschreckung“, in dem zum ersten Mal Russlands nukleare Abschreckungspolitik erläutert wird. Bisher wurde diese immer geheim gehalten. »Mehr dazu auf der Seite Hintergrund.

Modernisierung der Atomstreitkräfte
Seit mehreren Jahrzehnten arbeitet Russland an der Modernisierung seiner atomaren Streitkräfte aus der Sowjet-Ära unter anderem mit der Begründung, dass es notwendig sei, den geplanten Raketenschirm der USA durchdringen zu können. Laut Verteidigungsminister Sergej Shoigu wurden bis 2021 die alten Waffensysteme zu knapp 90% bereits mit modernen ausgetauscht. Präsident Putin betonte 2020 die Notwendigkeit mit anderen Atomwaffenstaaten mitzuhalten. In seiner Rede Ende 2021 drückte er Besorgnis über die Stationierung der US-Raketenabwehr in der Nähe Russlands aus, die er als auf Russland gezielte verdeckte offensive Systeme betrachtet. Er behauptete, dass die MK-41-Startgeräte der USA in Rumänien bereits für Marschflugkörper adaptiert wurden, obwohl US- und NATO-Beamte dies dementieren.

Russlands nukleare Modernisierungsprogramme, kombiniert mit einer Zunahme der Anzahl und des Umfangs von Militärübungen sowie gelegentlichen nuklearen Drohungen gegen andere Länder, tragen zur Unsicherheit über die langfristigen Absichten des Kremls bei. Zudem befeuern sie eine wachsende internationale Debatte über die russische Nuklearstrategie.

Russland verfolgt, ähnlich wie die USA, das Ziel, über eine breite Palette an neuen und bestehenden Atomwaffen zu verfügen. Dies könnte nach den Meinungen gewisser Expert*innen implizieren, dass es eine verdeckte Doktrin gibt, die mehr als nur der einfachen Abschreckung, sondern eventuell auch der regionalen Kriegsführung dient. Beispielsweise wurden Pläne für die Entwicklung eines neuen atomaren Unterwasserfahrzeugs – das „Poseidon“ Langstreckentorpedo – bekannt, das von einem U-Boot gestartet wird, um angeblich weite Landstriche radioaktiv zu verseuchen und damit militärische und wirtschaftliche Aktivitäten über einen langen Zeitraum zu verhindern.

Strategische Atomwaffen

Laut der Vereinigung Amerikanischer Wissenschaftler (Federation of American Scientists, FAS) ist Russland mit seinem Modernisierungsprogramm seines ICBM-Arsenals sehr weit vorangeschritten. Alle Interkontinentalraketen aus der Sowjetära sollen bis zu den frühen 2020er Jahren ersetzt werden:

  • Die „Satan“ SS-18-Raketen (RS-20V) von 1988 werden durch die „Sarmat“ Raketen 2022 ersetzt. Die SS-18 wurde in den USA „Satan“ genannt, wahrscheinlich wegen der hohen Sprengkraft (10 Sprengköpfe je mit bis zu 800 KT).
  • Die „Sarmat“ SS-X-29-Raketen (RS-28) ist auch als „Satans Sohn“ bekannt, mit Mehrfachsprengköpfen, die unabhängig zielprogrammierbar sind (MIRV), und bis zu je 500 KT Sprengkraft. Diese Rakete ist noch in der Flugtestphase, die verzögert wurde; angeblich soll die Stationierung 2022 beginnen. Eventuell werden einige „Sarmat“-Raketen auch das „Avangard“ Hyperschallgleitvehikel (HGV) tragen können.
  • Die SS-19-Raketen (RS-18) von 1980 sind inzwischen fast alle durch die silogestützte „Jars“ SS-27-Raketen mod 2 (RS-24) ersetzt worden. Sechs konvertierte SS-19-Raketen (mod 4) bleiben im Betrieb, um das neue „Avangard“ HGV einsetzen zu können. Der Avangard wurde entworfen, um Raketenabwehrsysteme zu umgehen, und soll zunächst (bis 2023) auf modifizierte SS-19-Raketen und eventuell an einem späteren Zeitpunkt auf SS-29-Raketen montiert werden.
  • Über die SS-25-Raketen „Sickle“ (Topol / RS-12M) von 1988 gibt es keine stichhaltigen Informationen darüber, wie viele noch einsatzbereit sind, geschätzt sind es unter zehn. Sie sollen mit der SS-27 mod 2 (RS-24) bis Ende 2024 ersetzt werden.
  • Es gibt zwei neue Versionen der SS-27:
    Bereits 2012 wurden die „Topol-M“ SS-27-Raketen mod 1 in zwei Varianten–mobil (RS-12M1) und silogestützt (RS-12M2) stationiert.
    2010 begann die Stationierung von „Jars“ SS-27 mod 2 (RS-24), die 2022 fertig sein sollte.
  • Die Entwicklung einer Kompaktversion der SS-27 mit dem Namen „Rubezh“ (Jars-M / RS-26) wurde zunächst verschoben. Eine schienenbasierte Version, die als Barguzin bekannt ist, scheint gestrichen worden zu sein.
  • Die finale Entwicklung und Stationierung der mobilen SS-X-28-Rakete, (RS-26 / Jars-M) scheint sich zu verzögern.

Am bekanntesten ist der öffentliche Streit über die Entwicklung eines neuen landgestützten Marschflugkörpers, der SSC-8-Cruise-Missile. Dieser verstieß laut den USA gegen den INF-Vertrag, weil seine Reichweite mehr als 500 km beträgt. Laut dem Statement des Direktors des US-Aufklärungsdienstes Daniel Coates, könne der SSC-8 konventionell oder atomar bestückt werden und sei heimlich entwickelt worden. Russland bestätigt zwar die Existenz eines neuen Systems mit der russischen Bezeichnung „9M729“, bestreitet aber die Inkompatibilität mit dem INF-Vertrag. Laut russischen Aussagen wurden die im INF-Vertrag relevanten Reichweiten nie getestet.

Ebenfalls in Entwicklung ist ein neuer atombetriebener Marschflugkörper, der Atomwaffen tragen kann und die Bezeichnung „Skyfall“ SSC-X-9 (9M730 Burewestnik) trägt. Dieser Marschflugkörper hatte eine Reihe von Schwierigkeiten in der Testphase, einschließlich eines schweren Unfalls am 8. August 2019, wo eine Explosion Radioaktivität freisetzte und sieben Menschen tötete.

Fünf Delta-IV-U-Boote sollen durch neue U-Boote der Borej-Klasse (Projekt 955) ersetzt werden. Bisher gibt es fünf Borej U-Boote, zwei davon sind verbesserte Versionen der Borej-A (Projekt 955A). Jedes U-Boot soll bis zu 16 Bulawa-Raketen tragen können, die je bis zu sechs Sprengköpfe transportieren können, wobei eventuell nur vier wegen START-Beschränkungen tatsächlich getragen werden. Bisher sind nicht alle im Betrieb und weitere fünf werden noch gebaut. Die FAS erwartet, dass insgesamt 10 U-Boote hergestellt werden, die gleiche Anzahl wie in den USA.

Auch die russischen Flugzeuge werden teilweise aufgerüstet. Russland hat zwei atomwaffenfähige schwere Bomber; Der „Blackjack“ Tu-160- und „Bear-H“ Tu-95MS. Es wird geschätzt, dass 60 bis 70 Flugzeuge bestehen. Ein Teil dieser Flugzeuge wurde bereits modernisiert. Diese können den AS-15 (Kh-55) oder den neuen AS 23B (Kh-102) nuklearen Marschflugkörper tragen. Es wird angenommen, dass zwei Versionen der Tu-95 existieren: Tu-95H6 und Tu-95H16. Das Modernisierungsprogramm der Tu-95 rüstet ihn für den externen Transport von AS-23B-Marschflugkörper aus. Die Tu-160 werden ebenfalls modernisiert, um die AS-23B zu transportieren. Es ist nicht sicher, wie viele Atomwaffen pro Flugzeug genau befördert werden können, der Tu-160 kann bis zu 12 Marschflugkörper und der Tu-95MS bis zu 16 transportieren. Zusammen könnten sie mehr als 800 Waffen tragen.

Die nächste Generation stellt das sich lange in Entwicklung befindliche PAK-DA-Flugzeug dar, dessen Forschungs- und Entwicklungsphase bald zu Ende geht und dessen erster Prototyp 2023 erwartet wird. Dann beginnt die erste Testphase. Die erste Produktion beginnt sicherlich nicht vor 2027 und die Serienproduktion nicht vor 2028 oder 2029. Allerdings vermutet man, dass die russische Industrie nicht genug Kapazitäten hat, um zwei solcher strategischen Bomberflugzeuge zu produzieren.

Nichtstrategische / taktische Atomwaffen

Russland modernisiert viele seiner "nichtstrategischen" Atomwaffen mit kurzer Reichweite und führt neue Typen ein. Diese Projekte sind weniger klar und nicht so umfassend wie der Modernisierungsplan der strategischen Streitkräfte. Sie beinhalten aber auch die schrittweise Abschaffung von Waffen aus der Sowjetzeit und deren Ersatz durch neuere, aber weniger Waffen. Neue Systeme werden hinzugefügt, was die Überprüfung der Atomdoktrin der Trump-Regierung dazu veranlasste, Russland zu beschuldigen, "die Gesamtzahl der [nicht-strategischen] Atomwaffen in seinem Arsenal zu erhöhen und gleichzeitig seine Trägersysteme erheblich zu verbessern". Diese Behauptung stimmt aber nicht, denn die Zahl der taktischen Atomwaffen wurde insgesamt innerhalb der letzten zehn Jahre reduziert. Zudem können diese Waffen konventionell oder nuklear eingesetzt werden und sind daher nur teilweise als Atomwaffensysteme zu zählen. Generell ist langfristig zu erwarten, dass die Einführung verbesserter konventioneller Waffen dazu führen könnte, dass es weniger taktische Atomwaffen geben wird.

Nach Ansicht des russischen Militärs besteht die Notwendigkeit für diese Streitkräfte, um der Überlegenheit der konventionellen NATO- oder US-Streitkräfte sowie der großen chinesischen Streitkräfte entgegenzuwirken. Somit will Russland durch taktische Atomwaffen eine Art Parität aufrechterhalten.

Die Seeflotte hat die größte Zahl taktischer Atomwaffen mit ca. 935 Atomsprengköpfen auf Marschflugkörpern, Anti-U-Boot-Raketen, Torpedos und Unterwasserbomben. Eventuell ist ein Teil davon mit konventionellen Sprengköpfen ausgestattet, dann wäre die Zahl niedriger. Hier wird auch modernisiert, obgleich nur sehr langsam. Das Projekt 885M (Yasen-M) beinhaltet Angriffs-U-Boote, wovon erst zwei – das „Severodvinsk“ und das „Kazan“ – im Betrieb sind. Diese tragen wahrscheinlich einen seegestützten, nuklearen „Kalibr“-Marschflugkörper (SSB-30A) sowie möglicherweise die, laut US-Quellen, nuklearfähige SSN-26 (3M-55). Zudem soll das „Novosibirsk“ demnächst in Betrieb gehen. Zusätzlich sind sechs weitere U-Boote im Bau. Eine Reihe von weiteren Upgrade-Projekten von nuklearen Plattformen sind in Arbeit, darunter für folgende U-Boote: Sierra-Klasse (Projekt 945), Oscar-II-Klasse (Projekt 949A), Akula-Klasse (Projekt 971). Es gibt auch Spekulationen, dass Russland erwäge, einen neuen Typ von U-Boot zu bauen (Borei-K), der auf dem Borei SSBN-Design basiert. Dieser könnte möglicherweise nuklear bewaffnete Marschflugkörper anstelle von ballistischen Raketen tragen. Falls es genehmigt wird, könnte es ab 2027 geliefert werden.

Die russische Luftwaffe kann nukleare Schwerkraftbomben unter anderem durch die taktischen Mittelstrecken-Atombomber Tu-22M3 (Backfire), Su-24M-Kampfflugzeuge (Fencer-D), Su-34-Kampfjets (Fullback) und MiG-31K-Abfangjäger (Foxhound) einsetzen. Die ersten „Felon“ Su-57-Kampfjets (PAK-FA), die von den USA als nuklearfähig eingestuft werden, sollten schon bereits 2020 geliefert sein. Das neue Tu-22M3M ist jetzt in der Flugtestphase. Insgesamt sollen 76 nuklearfähige Flugzeuge produziert werden, die angeblich mit Hyperschallraketen vom Typ Kh-95 bestückt werden sollen. Die neue „dual-capable“ (konventionell- und nuklearfähige) luftgestützte ballistische Langstreckenrakete, die 9-A-7760 („Khinzal“) wurde bereits entwickelt. Sie ähnelt der Iskander-Kurzstreckenrakete, besitzt aber eine Reichweite von bis zu 2.000 Kilometer. Sie kann von einem speziell modifizierten MiG-31K abgefeuert werden. Die Khinzal ist angeblich schon seit Dezember 2017 in Betrieb und wurde in einer Flugshow im August 2019 gezeigt.

Das Tu-22M3 kann Kh-22 (AS-4 Kitchen) ALCM einsetzen. Eine neue Kh-32 ALCM ist in Entwicklung, um die Kh-22 zu ersetzen. Die Tu-22M3 und Su-24M werden aufgerüstet und die neue Tu-22M3M hat Flugtests schon bestanden.

Taktische Atomwaffen in der Raketenabwehr
In der Nuclear Posture Review 2018 behaupten die USA, dass Russland weiterhin nukleare Sprengköpfe in seinen Luft- und Raketenabwehrkräften einsetzt. Hierfür setzen die Raketenabwehrkräfte den Gazelle-Abfangjäger ein. Welches Luftabwehrsystem über eine duale nukleare-konventionelle Fähigkeit verfügt und wie viele davon tatsächlich mit nuklearen Sprengköpfen bestückt sind, ist nicht klar. In der US-amerikanischen weltweiten Bedrohungsanalyse vom März 2018 wird behauptet, dass Russland möglicherweise auch Sprengköpfe für Boden-, Luft- und andere Raketenabwehrsysteme besitzen könnte. Zurzeit ist eine Aufrüstung des nuklear bestückten A-135-Raketenabwehrsystems mit nuklearem Sprengkopf im Gange, welches das Kürzel A-235 (Red Star 2017) trägt.

1991 umfasste der Bestand 2.000 bis 3.000 Luftverteidigungssprengköpfe. Im Jahr darauf versprach Russland, die Hälfte seiner nuklearen Luftverteidigungssprengköpfe zu demontieren. 2007 sollen bereits 60 Prozent zerstört worden sein, so russische Staatsbeamte. Geht man davon aus, dass der Bestand seit 2007 weiter geschrumpft ist, wird geschätzt, dass heute um die 290 nuklearen Sprengköpfe den Luftverteidigungskräften zur Verfügung stehen, plus weitere 90 für das Moskauer A-135-Raketenabwehrsystem und die Küstenverteidigungseinheiten. Das entspricht einem Gesamtbestand von etwa 380 Sprengköpfen. Es muss jedoch betont werden, dass diese Schätzungen mit beträchtlichen Unsicherheiten verbunden sind.

Bodengestützte taktische Atomwaffen
Das russische Verteidigungsministerium gab im Dezember 2019 die Fertigstellung der Aufrüstung aller Raketenbrigaden des Heeres auf die ballistische Kurzstreckenrakete SS-26 (Iskander) bekannt. Jedes SS-26-Startgerät kann bis zu zwei Raketen mit einer Reichweite von mindestens 350 Kilometern tragen. Es wird geschätzt, dass etwa 70 Sprengköpfe für ballistische Kurzstreckenraketen vorgesehen sind. Es gibt auch unbestätigte Gerüchte, dass der bodenstartfähige Marschflugkörper SSC-7 (9M728 oder R-500) möglicherweise nukleare Fähigkeiten besitzt.

Zudem behauptete die US-Regierung bereits vor Jahren, dass Russland einen bodengestützten Marschflugkörper (9M729 bzw. SSC-8) mit doppeltem Wirkungsgrad entwickelt und stationiert habe. Dies hätte einen Verstoß gegen den inzwischen aufgekündigten INF-Vertrag dargestellt. Nachdem das russische Militär die Existenz dieses Raketentyps abgestritten hatte, zeigte es im Januar 2019 einen Raketenwerfer, Raketenkanister und Schaltpläne einer Rakete mit der Bezeichnung 9M729, behauptete aber, ihre Reichweite betrage weniger als 500 km. Ein US-Geheimdienstbericht kam jedoch später zu gegenteiligem Schluss.

Nukleare Rüstungskontrolle und Abrüstung

Der Moskauer Vertrag (SORT) zwischen den USA und Russland aus dem Jahr 2002 sah vor, dass beide Staaten bis 2012 ihre strategischen Arsenale auf 1.700 bis 2.200 aktive Atomwaffen reduzieren. Mit dem New START-Vertrag, den Russland im Januar 2011 ratifizierte, sollte die Zahl der einsatzbereiten strategischen Atomwaffen bis 2018 noch weiter auf je 1.550 reduziert werden. Die Zahl der einsatzbereiten, stationierten Trägersysteme sollte die 700 nicht übersteigen und insgesamt sollte jeder Staat nicht mehr als 800 Trägersysteme besitzen.

Der INF-Vertrag (Intermediate Range Nuclear Forces Treaty), war ein bilateraler Vertrag zwischen den USA und Russland bzw. der Sowjetunion. Darin wurde die Abrüstung von Kurz- und Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite von 500 bis 5.500 Kilometern und deren Systeme festgelegt. Er trat am 1. Juni 1988 in Kraft.

Russland wurde 2014 von der Obama-Regierung beschuldigt, gegen die Regeln des Vertrags verstoßen zu haben und intransparent gegenüber den USA zu sein. Auch in den folgenden Jahren wurden diese Beschuldigungen fortgesetzt, unter anderem am 4. Dezember 2018 von den Außenministern der NATO-Staaten. Unter US-Präsident Trump gaben die USA die Kündigung des Vertrags bekannt. Der Vertrag wurde von den USA am 1. Februar 2019 und von Russland am 4. März 2019 aufgekündigt. Da keine neue Einigung zwischen den beiden Staaten erzielt wurde, trat dieser am 2. August desselben Jahres außer Kraft. Dies bedeutet, dass beide Länder wieder ungehindert neue Systeme nuklearfähiger bodengestützter Mittelstreckenraketen herstellen, testen und stationieren dürfen.

New START
Am 5. Februar 2011 veröffentlichte das US-Außenministerium die ersten Daten vom New START, wonach Russland die Reduzierungen für stationierte Atomwaffensysteme unter dem Vertrag scheinbar schon erreicht habe.

Nach neuen Daten vom September 2019 waren 1.458 strategische Atomsprengköpfe auf 527 einsatzbereiten Trägersystemen stationiert, weit niedriger als die 700 erlaubten Trägersysteme. Allerdings gibt es Kritik an der Zählweise, die zum Beispiel die Zahlen der Sprengköpfe künstlich absenkt. So geht beispielsweise in die Statistik nur eine Bombe pro Flugzeug ein, obwohl Flugzeuge weitaus mehr Sprengköpfe befördern können. Damit hält Russland die neue START-Begrenzung ein. Die Zahl der Sprengköpfe auf Interkontinentalraketen, seegestützten ballistischen Raketen und Bombern beträgt tatsächlich 1.588. Zudem gibt es Atomwaffen, die relativ schnell auf Flugzeuge montiert werden können, so dass sie einsatzbereit sind. Wie in den USA, gibt es einige Hundert weiterer Sprengköpfe, die auf Startgeräte montiert werden könnten, wenn dies durch den Vertrag nicht verhindert wäre.

Der Vertrag bietet wichtige Transparenz über die strategischen Nuklearstreitkräfte Russlands und der Vereinigten Staaten: Bis Januar 2022 haben die Vereinigten Staaten und Russland zusammen 328 Inspektionen vor Ort durchgeführt und 23.100 Notifikationen ausgetauscht. Aufgrund der Beschränkungen des Abkommens scheint Russland gezwungen gewesen zu sein, die Zahl der Atomsprengköpfe auf einiger seiner Raketen zu reduzieren, z.B. bei den SS-18 und SS-27 ICBMs. Dies zeigt, dass das New START echte Einschränkungen für Russlands strategische Streitkräfte auferlegt. Das Ergebnis scheint eine verstärkte Abhängigkeit von einer strategischen Reserve nicht stationierten Sprengköpfen zu sein, die im Krisenfall auf Raketen geladen werden können, um die Streitkräfte aufzustocken. Eine Strategie, die die Vereinigten Staaten seit mehreren Jahrzehnten ebenfalls verfolgen.

Das Auslaufen des New START-Vertrages im Jahr 2021 ohne Nachfolgevereinbarung wurde in letzter Minute durch die erfolgreiche Wahl von US-Präsident Joe Biden abgewendet. Der Vertrag wurde für fünf Jahre verlängert. Vor dem Hintergrund neuer Rüstungsprogramme hätte das Auslaufen des Vertrags das Ende der Atomwaffenreduzierung auf bilateraler Ebene zwischen den USA und Russland bedeutet und den Beginn eines neuen Wettrüstens dargestellt.

TPNW
Russland hat erklärt, dass es den Vertrag zum Verbot von Atomwaffen (AVV) nicht unterzeichnen will. Kasachstan hingegen ist dem Vertrag bereits am 29. August 2019 beigetreten. Damit ist unklar, ob es Russland weiterhin gestattet ist, das kasachische Testgelände in Sary-Shagan zu nutzen, nachdem der Vertrag am 22. Januar 2021 in Kraft getreten ist. Artikel IV (2) des Vertrags bestimmt, dass Vertragsstaaten „die Beseitigung oder unumkehrbare Umstellung aller mit Kernwaffen zusammenhängenden Einrichtungen“ garantieren müssen.

Bearbeitungsstand: April 2022

 

Die russischen Atomstreitkräfte

Tabelle: Die russischen Atomstreitkräfte 2022

Typ (Name)TrägerStationie-rungsjahrSprengköpfe/
Sprengkraft (KT)
Sprengköpfe insg.
STRATEGISCHE OFFENSIVWAFFEN
ICBMs
SS-18 Mod6 (Satan) / RS-20V40198810x 500/800 (MIRV)400
SS-19 Mod4620191x Avangard HGV6
SS-25 (Sickle) / RS-12M (Topol)919881x 8009
SS-27 Mod1 mobil /RS-12M1 (Topol-M)1820061x 800?18
SS-27 Mod1 silo / RS-M2 (Topol-M)6019971x 80060
SS-27 Mod2 mobil / RS-24 (Jars)15320104x 100? (MIRV)612
SS-27 Mod2 silo / RS-24 (Jars)2020144x 100? (MIRV)80
SS-X-29 / RS-28 (Sarmat)-(2022)10x 500? (MIRV)-
Zwischensumme306

1.185
SLBMs
SSN-18 M1 (Stingray) / RSM-500/019783x 50 (MIRV)0
SSN-23 M1 / RSM-54 (Sineva)5/8020074x 100 (MIRV)320
SSN-32 / RSM-56 (Bulawa)5/8020146x 100 (MIRV)480
Zwischensumme10/160

800
Bomber/Waffen
Bear-H6/16 Tu-95MS6/MS16/MSM 551984/20156-16x AS-15A ALCMs or 14x AS-23B ALC448
Blackjack / Tu-160/M131987/202112x AS-15B ALCMs oder AS-23B ALCM, Bomben132
Zwischensumme68


580

Zwischensumme strategische offensive Streitkräfte

559


~2.565
NICHT STRATEGISCHE UND DEFENSIVWAFFEN
ABM/Luftverteidigung
SA-20/SA-21 / S-300/S-400~7501992/20071 x niedrig~290
Gazelle / 53T66819861 x 1068
SSC-1B (Sepal) / Redut819731 x 3504
SSC-5 Stooge (SSN-26) / K-300P/3M-55602015(1 x 10)25
Luftgestützt
Bomber/Jäger (Tu-22M3 (M3M)/Su-24M/Su-34/MIG-31K)~3001974-2018ASM, ALBM, Bomben~500
Landgestützt
SS-26 Stone SSM / 9K720 Iskander-M14420051 X 10-10070
SSC-7 Southpaw GLCM / R-500/9M728, Iskander-M
SSC-8 Screwdriver GLCM / 9M7292020171 x 10-10020
Seegestützt
U-Boote/Schiffe/LuftwaffeLACM, SLCM, ASW, SAM, DB, Torpedos~935
Zwischensumme nicht-strategische und defensive Streitkräfte


~ 1.912
Gesamtsumme einsatzbereit



~ 4.477
Gelagert und markiert für Abrüstung1.500
Gesamtes Arsenal



5.977

Abkürzungen

ABM: Raketenabwehrrakete

ALCM: Luftgestützter Marschflugkörper

ASM: Luft-Boden-Rakete

ASW: Anti-U-Boot-Waffe

DB: Wasserbombe

ICBM: Interkontinentalrakete

MIRV: Mehrfachsprengkopf

SAM: Boden-Luft-Rakete

SLBM: U-Boot-gestützte ballistische Rakete

SLCM: Seegestützter Marschflugkörper

SRAM: Kurzstreckenrakete

Quelle: ristensen H, Korda M: Russian nuclear forces, 2022, Bulletin
of the Atomic Scientists, 78:2, 98-121, DOI: 10.1080/00963402.2022.2038907

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Russisches Arsenal 2022
Insgesamt5.977
Einsatzbereit1.588
Reserve2.889
für Abrüstung markiert1.500


Quelle: Kristensen H, Korda M: Russian nuclear forces, 2022, Bulletin
of the Atomic Scientists, 78:2, 98-121, DOI: 10.1080/00963402.2022.2038907

Zitiert:

„Wir müssen die strategischen Nuklearstreitkräfte stärken. Dafür sollten wir Raketen entwickeln, die in der Lage sind, gegenwärtige und zukünftige Raketenabwehrsysteme zu durchdringen“

Russischer Präsident Wladimir Putin, Dezember 2016

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