Überblick

Israels Atomwaffen

Dolphin U-Boot in Deutschland vor der Auslieferung nach Israel, Foto: IDF

Im Nahen Osten wird viel über Massenvernichtungswaffen geredet, aber eines wird dabei häufig verschwiegen: die Atomwaffen Israels. Ohne offiziell als "Atomwaffenstaat" anerkannt zu sein, duldet die westliche Welt den israelischen Besitz von Atomwaffen, während sie den Erwerb von Atomwaffen durch andere Staaten verurteilt. Das Land erlangte vermutlich Ende der 1960er Jahre den Status einer faktischen Atommacht, fährt seitdem allerdings eine Linie der „Ungewissheit“. Das bedeutet, dass die israelische Führung die Welt indirekt zwar durchaus wissen ließ, dass das Land über Atomwaffen verfügt, dies aber offiziell weder bestätigt, noch dementiert . Dem Atomwaffensperrvertrag ist Israel darum auch nie beigetreten.

Allgemein wird angenommen, dass Israel über ein Atomarsenal verfügt. Das Bulletin of Atomic Scientists Nuclear Notebook und SIPRI sind sich einig in der Einschätzung, dass das Arsenal ca. 80 Atomwaffen und hochentwickelte Trägersysteme umfasst, doch es gibt noch höhere Schätzungen.

Seit den 1960er Jahren wurden jegliche Informationen über sein Atomwaffenprogramm von Israel streng geheim gehalten. Der letzte Mensch, der etwas darüber veröffentlichte, war Mordechai Vanunu. 1986 berichtete der Atomtechniker der britischen Presse Details über Israels Atomwaffenprogramm. Er wurde wegen Spionage zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt; von denen er die meiste Zeit in Isolierhaft gehalten wurde. Bis heute steht er unter Hausarrest und darf weder das Land verlassen noch mit den Medien reden.

Atomarsenal

Im November 1999 veröffentlichte die populäre Tageszeitung "Yediot Ahronot" Auszüge aus mehr als 1.200 Seiten von Abschriften Vanunus. Dadurch ist bekannt, dass die israelischen Atomwaffen im Negev Atomforschungszentrum bei Dimona entwickelt und gebaut wurden. Mit Hilfe von Frankreich errichtete Israel dort einen Atomreaktor und eine Plutoniumherstellungsanlage. Dimona ging 1964 in Betrieb, kurz danach begann die Wiederaufarbeitung von Plutonium. Zum Zeitpunkt seiner Enthüllungen, so berichtete Vanunu, war Israel im Besitz von 100 bis 200 hochentwickelter Atomwaffen.

Die Zahl der israelischen Atomwaffen variiert je nach Quelle zwischen 75 und 400. Wenn die Menge an vorhandenem Plutonium als Grundlage für diese Einschätzung gilt, könnte Israel über mehr als 200 Atomwaffen verfügen (bei 860 kg Pu). Allerdings verwenden die Atomwaffenstaaten fast nie ihren gesamten Vorrat an spaltbarem Material in Sprengköpfen, sondern lagern einen Teil als strategische Reserve. Ein besserer Indikator ist die Zahl der Trägersysteme, die Atomwaffen einsetzen können. Wenn man davon ausgeht, dass Israel maximal 25 landgestützte ballistische Raketen, die nur einen Sprengkopf tragen, sowie wenige für einen atomaren Angriff gerüstete Flugzeugstaffeln besitzt, würde dies auf eine kleinere Zahl von Atombomben hindeuten. Die höhere Zahl stammt von der Idee, dass Israel andere Typen von Atomwaffen entwickelt hat. Es wurde behauptet, dass nukleare Artilleriegeschosse, Landminen, Kofferbomben, EMP-Waffen und Neutronenbomben entwickelt wurden. Seymour Hersh schrieb 1991, dass Israel “hunderte” Neutronenbomben mit niedriger Sprengkraft und mehr als 100 nukleare Artilleriegeschosse gebaut hat. Bisher konnten diese Behauptungen nicht bestätigt werden. Aufgrund von Satellitenfotos schlussfolgerte Harald Hough 1997, dass die Existenz von 50 Jericho-II-Raketen sowie ein Depot für 150 Atomwaffen in der Nähe von Zakharia auf ein Arsenal von bis zu 400 Atomwaffen mit einer Gesamtsprengkraft von 50 MT (Megatonne) hindeuten würden. Auch diese Behauptung blieb unbestätigt. Das aktuellste Dokument des US Verteidigungsgeheimdienstes DIA von 1999 und 2004 prognostiziert für das Jahr 2020 lediglich 65 bis 85 Sprengköpfe.

Andere Atomwaffenstaaten mussten viele komplizierte Atomwaffentests durchführen, um verschiedene Designs für Atomwaffen entwickeln zu können. Hierzu erhielt Israel jedoch von Frankreich in den 1960er Jahren viele Daten (Cohen 1998). Wie weit das Land mit der technischen Entwicklung gekommen ist, bleibt unklar. Sicherlich sind sie weiter als der Nagasakityp gekommen, ob sie aber zweistufige Wasserstoffbombe oder Neutronenbomben in den 1980er Jahren entwickelt hatten, sehen die Autoren des Nuclear Notebooks Norris und Kristensen skeptisch. Letztendlich bleibt diese Frage ungelöst.

Seit den 1980er Jahren ist das F-16-Flugzeug das wichtigste in der israelischen Luftwaffe. Israel hat über 200 davon  in allen verschiedenen Typen von den USA gekauft. Dort werden einige Typen des F-16 als Atomwaffenträger verwendet. Daher geht man davon aus, dass – sollten Atomwaffen durch Israel aus der Luft eingesetzt werden – dies wahrscheinlich mit F-16-Bombern geschehen würde. Seit 1998 gibt es zusätzlich das Boeing F-15E Strike Eagle, ein Langstreckenbomber mit einer Reichweite von 4.450 km. In  großen Höhen kann es eine Geschwindigkeit bis zu einer Machzahl (Verhältnis der Flugzeuggeschwindigkeit zur Schallgeschwindigkeit) von 2,5  erreichen. In den USA kann das Flugzeug Atomwaffen einsetzen.

Doktrin

Premierminister Benjamin Netanjahu wiederholt 2011 die gleiche Phrase, wie andere Staatschefs vor ihm: "Israel wird nicht der erste Staat im Nahen Osten sein, der Atomwaffen einführt". Das Wort “einführen” wird hier ad absurdum geführt, um die Wahrheit über den Status der atomaren Bewaffnung des Landes zu verschleiern. [Mehr unter Hintergrund: Hat Israel Atomwaffen?]

Hinter diesem Wortspiel steckt eine Doktrin, die am besten als “nukleare Zweideutigkeit” (nuclear ambiguity) beschrieben werden kann. Es geht hier weniger um ein Geständnis, dass Israel Atomwaffen besitzt, als um die Ablehnung, das zu dementieren. Israel droht nicht direkt mit Atomwaffen, aber lässt seine Feinde in Unklarheit, ob das Land über Atomwaffen verfügt und diese in einem Vergeltungsschlag einsetzen würde.

Es wird allgemein angenommen, dass Israel seine Atomwaffen nur in einer extremen Situation der Selbstverteidigung einsetzen würde, bei der die Existenz des Staates auf dem Spiel stünde. Das nennt man “die Samson-Option” nach der biblischen Geschichte von Samson, der die Säulen des Königspalastes einriss, um die Philister zu vernichten. Dabei starb natürlich auch er selbst [Mehr unter Hintergrund: Doktrin "Samson Option"].

Modernisierung

2006 wurde beschlossen, die F-16-Flugzeuge mit dem neuen F-35A von Lockheed Martin zu ersetzen. 2016 wurde die bestellte Menge an Flugzeuge auf 50 erhöht. Die erste Lieferung zweier F35I Adir-Flugzeuge erfolgte am 12. Dezember 2016.

Sehr umstritten ist die Bestellung von sechs U-Boote der Dolphin-Klasse aus Deutschland, hergestellt von ThyssenKrupp beim HDW in Bremen. Es wird behauptet, dass die U-Boote künftig mit Atomwaffen bestückt werden sollen, was aber nie bestätigt werden konnte. Nach einem Beschluss des Bundessicherheitsrates sollten 2017 drei weitere U-Boote an Israel exportiert werden. Die Beschaffung dieser U-Boote war in Israel öffentlich und heftigst umstritten. Erstens, weil die Militärs sie nicht für notwendig hielten und zweitens, da der Verdacht gehegt wurde , dass Korruption im Spiel sei. Benjamin Netanjahu solle sogar in der Affäre selbst involviert sein. Deutschland hat die Bedingung gestellt, dass der Deal nur weiter bestehen könne, wenn israelische PolitikerInnen nicht involviert seien. Die Untersuchung (genannt Fall 3000) wird noch ausgeführt.

Unbestätigter Berichte nach soll Israel einen nuklearen Sprengkopf für einen seegestützten Marschflugkörper (Cruise Missile) entwickeln, der von den Dolphin-U-Booten gestartet werden kann.

Die Jericho-II-Rakete ist eine Mittelstreckenrakete mit einer Reichweite von ca. 1.500 km. Damit könnte sie nur knapp die Hälfte des Iran erreichen. Doch es gibt Berichte, dass Israel deswegen eine Langstreckenrakete entwickelt (Jericho III), die angeblich eine Reichweite von 4.000 km habe. Damit könnte Israel nun Iran, Pakistan und einen Teil Russlands inklusive Moskau erreichen. Laut Janes Defence Weekly soll eine Quelle (nicht identifizert) gesagt haben, dass die Jericho-III „einen dramatischen Sprung für Israels Raketenfähigkeiten“ bedeuten würde. Mehr ist darüber jedoch nicht bekannt. [Mehr unter Hintergrund: Modernisierung der israelischen Nuklearstreitkräfte]

Rüstungskontrolle

Das 2010 angenommene Abschlussdokument der Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag sah vor, bis spätestens 2012 eine Konferenz über die Einrichtung einer Zone frei von Massenvernichtungswaffen im Mittleren Osten abzuhalten. Finnland erklärte sich dazu bereit, das Treffen zu organisieren und in Helsinki auszurichten. Trotz intensiver Bemühungen konnte Finnlands Außenstaatssekretär Jaakko Laajava aber nicht erreichen, dass sich alle Staaten der Region zu einer Teilnahme bereit erklärten. Bei der Überprüfungskonferenz 2015 versuchten die arabischen Staaten erneut vergeblich, einen Termin herbeizuführen. Der Versuch brachte schließlich sogar die gesamte Konferenz zum Scheitern, da Israel seine Zustimmung verweigerte.

Bearbeitungsstand: Januar 2018

Quellen

Die israelischen Atomstreitkräfte 2014

TypJahr stationiertReichweite (km)Bemerkung
Flugzeuge
F-16A/B/C/D/I Fighting Falcon19801.600Atombomben eventuell in unterirdischer Anlage nähe Tel Nof Luftwaffenstützpunkt gelagert.
F-15I Ra'am (Thunder)19983.500Potentielle nukleare Angriffsrolle
Landgestützte Raketen
Jericho II1984-19851.500+Geschätzte 25-50 in Zekharia
Jericho III?4.000?in Entwicklung
Seegestützte Raketen
Dolphin-klasse U-Boote2002??Eventuell modifizierter Marschflugkörper für Angriff auf Land

Quelle: Norris, R./Kristensen, H.: Nuclear Notebook, in: Bulletin of the Atomic Scientists, 2014

Israelisches Arsenal 2018
Insgesamt~80
Einsatzbereit?
Reserve80

Zitiert

Israels Verteidigungsminister Ehud Barak, 2009. Foto: Robert D. Ward / gemeinfrei

»Die Deutschen können stolz darauf sein, die Existenz des Staates Israel für viele Jahre gesichert zu haben.«

 

Verteidigungsminister Ehud Barak
Juni 2012 zur Lieferung atomwaffenfähigen U-Boote aus Deutschland

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Literaturhinweise