Atomwaffen A-Z

Unfälle mit Atomwaffen

Einige Beispiele

Gebrochene Pfeile

Lakenheath, Luftwaffenstutzpunkt in Großbritannien, 1956
Am 27. Juli 1956 stürzte ein B-47-Bomber auf dem Stützpunkt Lakenheath ab. Das Flugzeug hatte selbst keine Atomwaffen am Bord. Es prallte gegen einen betonierten Atomwaffenbunker, in dem drei US-Atombomben (vom Nagasaki-Typ) untergebracht waren und zerstörte ihn völlig. Bei der Kollision entstanden an allen drei Bomben Schäden, die zu einer Detonation hätten führen können. Alle Männer am Bord starben. General James Walsh beschrieb den Unfall in einem Telegramm an den US-Kommandanten so: „Bomber explodiert, brennender Treibstoff überall verschüttet. Mannschaft umgekommen. (...) Erste Untersuchung durch Bombenentschärfungsoffizier: ein Wunder, dass eine der Bomben mit offengelegtem und geschärftem Zünder nicht explodierte."

Greenham Common in Großbritannien, 1958 (nicht bestätigt)
Eine B-47 verunglückte am 28. Februar 1958 auf einer US Luftwaffenbasis in der Nähe von Greenham Common in England, schwer. Wissenschaftler*innen, die für das Atomic Weapons Research Establishment in Aldermaston arbeiteten, stellten 1960 eine hohe Konzentration radioaktiver Kontamination auf der Basis fest. Sie wiesen in ihrer Schlussfolgerung darauf hin, dass bei dem Unfall eine Atomwaffe beteiligt gewesen sein muss. Die US Regierung hat diese Vermutung nie bestätigt.

Seymour Johnson Air Force Base in den USA, 1961
Dieser Unfall wird oft als eine Beinahe-Atomkatastrophe zitiert. Ein B-52-Bomber explodierte am 23. Januar 1961 in der Luft, 12 Meilen nördlich der Seymour Johnson Air Force Base, Goldsboro, North Carolina. Bei diesem Vorfall wurden zwei Wasserstoffbomben mit etwa 4 MegatonnenSprengkraft abgeworfen. Fünf Crew-Mitglieder sprangen mit dem Fallschirm in Sicherheit, aber drei starben. Eine Bombe landete fast intakt, die zweite Bombe landete im Schlamm und zerbrach beim Aufprall in Stücke. Der Kern aus Uran wurde nie gefunden, trotz ausgiebiger Suche. Das Areal wurde eingezäunt und regelmäßig auf Strahlung getestet, obwohl die Regierung sagt, dass keine Hintergrundstrahlung vorhanden sei. Das Risiko einer Atomwaffenexplosion - immerhin hatten fünf der sechs Sicherheitsvorrichtungen versagt - ist noch heute umstritten.
(siehe Broken Arrow: Goldsboro, NC).

Palomares in Spanien, 1966
Bergung der Bombe 80 Tage nach dem UnfallDer schwerwiegendste öffentlich bekannte Atomunfall in der US-Geschichte ereignete sich am 17. Januar 1966 in Palomares in Spanien. Ein B-52-Flugzeug, beladen mit vier Atomwaffen, kollidierte in der Luft mit einem anderen Flugzeug. Alle vier Atomwaffen wurden abgeworfen. Eine wurde auf dem Boden wieder gefunden und eine weitere nach langer Suche aus dem Meer geholt. Aber die anderen beiden explodierten beim Aufprall. Obwohl es nicht zu einer Atomexplosion kam, wurden über 1.400 Tonnen Erde und Vegetation radioaktiv verseucht. Die USA mußten eine aufwendige Aufräumaktion unter spanischer Kontrolle durchführen.

Nahe Thule US-Luftwaffenstützpunkt, Grönland, 1968
Schützer Calvin Snapp wird gerettet beim Unfall des B-52 FlugzeugsAm 21. Januar 1968 stürzte vor der Küste Nordwest-Grönlands in der Nähe des Thule US-Luftwaffenstützpunktes ein B-52-Flugzeug ab. An Bord waren vier Atombomben. Die Atombomben waren zwar nicht scharf, beim Aufschlag explodierte allerdings der in ihnen enthaltene konventionelle Sprengstoff. Dies führte dazu, dass die Bombenteile – einschließlich Plutonium, Uran und Tritium - teilweise tief ins Eis einschmolzen. Mit Hilfe grönländischer und dänischer Arbeiter wurde umgehend eine umfassende Suche gestartet. Nach drei Monaten erklärten die US-Behörden die intensiven Aufräumarbeiten für beendet: Man habe das Flugzeugwrack samt aller Bomben gefunden und alles ordnungsgemäß weggeschafft. Doch inzwischen wurde bekannt, dass die Wahrheit anders aussieht. Das US-Militär suchte noch monatelang nach der offiziellen Vollzugsmeldung in aller Heimlichkeit sowohl auf dem Land als auch in den Gewässern vor der Küste weiter. Und gab dann auf: eine Atombombe wurde nie gefunden.

Vorfälle in Deutschland

Boetingen, 1970
Am 22. Februar 1970 fiel der Atomwaffensprengkopf einer Pershing-Rakete während Wartungsarbeiten auf den Boden. Das Areal wurde evakuiert und abgesperrt, der Sprengkopf explodierte jedoch nicht. Der Unfall wurde durch den Fehler eines Arbeiters, der einen Bolzen und Detonationskabel entfernte, ausgelöst. Der Sprengkopf fiel herunter, wurde beschädigt und ein Stück der Raketenspitze brach ab. Der Vorfall wurde zuerst als "gebrochener Pfeil" eingestuft, später aber auf einen "gebogenen Speer" herabgestuft.

Laarbruch, 1974
Am 2. November 1974 sollte ein Flugzeug mit einer WE-177 Atombombe im britischen Stützpunkt Laarbruch beladen werden. Die Bombe rollte vom Transportkarren zu Boden.

Sechselberg, Baden-Württemberg, 1981
23. Februar 1981: Der Motor des Sattelzugs einer Pershing-IA-Rakete ging in Flammen auf und die Rakete explodierte.

Waldprechtsweier, 1982
2. November 1982: Auf einer Gefällstrecke bei Karlsruhe versagten einem US-amerikanischen Raketentransporter mit einer Pershing-Ia-Rakete die Bremsen, worauf er in den Ort Waldprechtsweier rast, mehrere Autos zerquetschte und einen Autofahrer tötete. Vor der Bergung der Wrackteile wurde der ganze Ort evakuiert, weil man befürchtete, dass die Rakete explodieren könnte. Auf ansonsten menschenleeren Straßen patrouillierte die Polizei. Nach stundenlangen Aufräumarbeiten verließ am Nachmittag des 3.11.1982 ein US-Konvoi mit den Wracks von Militärfahrzeugen und Raketenteilen den Ort.

Brüggen, 1984
Eine Atombombe vom Typ WE-177 fiel am 2. Mai 1984 beim Verladen in ein Flugzeug in Brüggen herunter. Dies verursachte eine zeitweilige Schließung des Stützpunktes.

Heilbronn, Waldheide, 1985
Am 11. Januar 1985 fing die erste Stufe einer Pershing-II Rakete bei einer Routineübung in Heilbronn-Waldheide Feuer und brannte explosionsartig ab. Teile der Rakete flogen bis zu 120 Meter weit. Nur 250 Meter vom Explosionsort entfernt waren gefechtsbereite Pershing-II Raketen mit Atomsprengköpfen stationiert. Bei dem Unglück wurden drei US-Soldaten getötet und 16 schwer verletzt.

Unbekannter Ort, 1986
Ein menschlicher Fehler verursachte am 30. Juni 1986 einen Unfall mit einer Pershing-Rakete. Der Atomsprengkopf fiel von der Rakete auf den Boden.

Heilbronn, 1987
Am 5. Mai 1987 landete eine Pershing-Rakete nach einem Verkehrsunfall bei Heilbronn in einem Graben.

Unfälle bei der Marine

Die Geschichte der Marine ist extrem durch Geheimhaltung und Lügen geprägt. Dennoch konnten Greenpeace und Bellona einiges entdecken: mindestens 1.200 schwere Unfälle bis 1989, rund einer jede zwei Wochen. Es waren u.a. Schiffssuntergänge, Kollisionen von Schiffen oder mit U-Booten, Kollisionen mit Eisbergen, Explosionen und Brände. Sie sind auf offenem Meer, in Küstengewässern, in Schiffswerften und in Häfen überall auf der Welt geschehen. Viele Menschen sind dabei ums Leben gekommen. Durch diese Unfälle befinden sich mehr als 50 Atomsprengköpfe und neun Atomkraftwerke auf dem Meeresboden.

Diese Seite befasst sich nur mit Unfällen bei der Marine, in denen wahrscheinlich Atomwaffen verwickelt waren oder verloren gegangen sind. Es gibt jedoch eine Fülle von Unfällen auf atomgetriebenen U-Booten, bei denen der wahre Killer der Reaktor war. Zudem gibt es absichtliche Versenkungen von Atom U-Booten, bei denen die Reaktoren vorher nicht entfernt wurden. Diese Vorfälle sind sehr ausführlich von der norwegischen Bellona-Stiftung mit Hilfe des ehemaligen Kapitäns der russischen Nordflotte und ehemaligen Mitarbeiters des russischen Verteidigungsministerium Alexandr Nikitin dokumentiert worden. Nikitin wurde aufgrund dieser Arbeit wegen Verrat und Spionage angeklagt, aber nach mehreren Prozessen wieder freigesprochen.

Hier einige Beispiele von Unfällen mit Atomwaffen auf Schiffen und U-Booten:

Pazifik, nähe Japan, 1965
In einem sehr brisanten Fall während des Vietnam-Krieges stürzte am 5. Dezember 1965 ein A-4E Skyhawk Flugzeug mit einer B-43-Wasserstoffbombe vom USS Ticonderoga ins Meer und sank auf eine Tiefe von etwa 5.300 Meter. Die USA erklärten, dass der Unfall 800 Kilometer vom Festland geschehen sei und meinten damit China. Allerdings geschah der Unfall nur 125 Kilometer von der japanischen Inselkette Ryukyu und 320 Kilometer von Okinawa entfernt. Es wurde zudem behauptet, dass das Schiff unterwegs nach Vietnam war, als sich der Unfall ereignete. In Wirklichkeit segelte es nach Japan, das grundsätzlich keine Atomwaffen in seinen Häfen erlaubte. Zudem wurde gefragt, warum beim Vietnam-Krieg Atomwaffen bereit gestellt wurden.

Hawaii, 1968
1.200 km nordwestlich der Insel Oahu, Hawaii, in einer Tiefe von 4.900 Metern im Stillen Ozean, versank am 11. April 1968 unter ungeklärten Umständen ein sowjetisches Diesel-U-Boot K-129 (Golf-Klasse). Drei ballistische Raketen (SS-N-5) und möglicherweise zwei Torpedos mit nuklearen Sprengsätzen waren an Bord. 80 Seeleute wurden dabei getötet. 1974 unternahm die CIA unter Beteiligung der Seestreitkräfte den geheimgehaltenen Versuch, das U-Boot zu heben, wobei der Schiffskörper zerbrach. Der Versuch hieß "Projekt Jennifer". Angeblich wurde das Howard Hughes-Boot "Glomar Explorer" dafür verwendet.

Azoren, 1968
Das atomgetriebene U-Boot USS Scorpion versank am 22. Mai 1968 740 Kilometer südwestlich der Azoren Inseln. Alle 99 Seeleute an Bord sind dabei gestorben. Ein Atomreaktor und zwei atomar bestückte ASTOR Torpedos versanken mit dem U-Boot auf 3.000 Meter Tiefe.

Mittelmeer, 1975
In der Nacht vom 22. November 1975 kollidierten zwei US-Schiffe - USS John F. Kennedy und USS Belknap - bei schlechtem Wetter in der Nähe von Sizilien. An beiden Schiffen entstanden große Schäden. Es entstand ein heftiges Feuer mit Explosionen, das über zwei Stunden andauerte. Eine Geheimnachricht informierte das Pentagon sofort über einen "gebrochenen Pfeil", da die Atomwaffen in unmittelbarer Nähe des Feuers gelagert waren. Glücklicherweise wurde das Feuer unter Kontrolle gebracht, jedoch nicht mal zehn Meter von den Atomwaffen entfernt.

Bermuda-Inseln, 1986
Rund 980 Kilometer nordöstlich von den Bermuda-Inseln versank am 6. Oktober 1986 beim Abschleppen das sowjetische Atom-U-Boot K-219 (Yankee-I-Klasse), nachdem am 3. Oktober im Raketenschacht Feuer ausgebrochen war. Vier Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Es gibt widersprüchliche Angaben, was zusammen mit dem U-Boot versank: Zwei Kernreaktoren und 15 (Jemeljanenkow, 1992) oder 16 (Handler, 1992, Nilsen, 1996) ballistische Raketen mit Atomsprengköpfen versanken in 5.000m Tiefe. Wenn es sich um 16 SS-N-6-Raketen handelt, die jeweils zwei Atomsprengköpfe tragen und zwei nukleare Torpedos, dann sind es 34 Atomsprengköpfe (Greenpeace 1993). Drei Jahre später war von 50 (Radnet, 1996) bzw. 44 Atomsprengköpfe (San Francisco Examiner, 1996) mit insgesamt 90 kg Plutonium-239 die Rede. Ebenfalls versanken, laut Aussage eines Überlebenden, 44 Atomsprengköpfe (Cole, 2003), die auseinander brachen und das Plutonium freisetzten. Die USA lehnte es ab, eine Untersuchung des Unglücksortes auf radioaktive Verseuchung zu finanzieren oder zu unterstützen.

Nordkapbecken, 1989
Auf der Linie zwischen Nordkap und Bären-Inseln kam das nukleargetriebene sowjetische U-Boot K-278 „Komsomolets“ (Mike-Klasse) am 7. April 1989 vom Kurs ab und versank nach einigen Stunden Überwasserfahrt. Durch Verbrennungen, Verletzungen, Ersticken und Unterkühlung kamen 42 Besatzungsmitglieder ums Leben. Ein Kernreaktor und zwei Torpedos mit Atomsprengköpfen liegen in 1685 Meter Tiefe, knapp 480 Kilometer von Norwegens Küste entfernt.

Gibraltar, 2000
Am 12. Mai 2000 lief das U-Boot HMS Tireless den Hafen von Gibraltar an. Was urprünglich als „kleiner Defekt“ angegeben wurde, löste beinah eine Katastrophe aus. Der Riss, der zu einen Verlust der Konvektion der Kühlflussigkeit im Reaktor führte, war an einer kritischen Verbindungsstelle der Rohren im Kühlsystem des Wasserdruckreaktors, die nicht isoliert werden konnte. Es dauerte fast ein Jahr, bis das Boot den Hafen wieder verlassen konnte.

Barentssee, 2000
Am 12. August 2000 explodieren einige Torpedos auf dem russischen Atom-U-Boot Kursk, das in Folge sinkt. Obwohl 23 der 118 Besatzungsmitglieder die Explosion überleben, sie sterben in der Zeit danach, vermutlich an einem weiteren Feuer. Die russische Regierung dementiert, dass zur Zeit des Unfalls, Atomwaffen an Bord seien.

Atlantik, 2009
Ein britisches und ein französisches Atom-U-Boot bestückt mit je 16 ballistischen Raketen kollidieren in der Nacht vom 4. Februar 2009 im Atlantik. Viele Fragen blieben offen, wie zum Beispiel wie viele Atomsprengköpfe zum Zeitpunkt der Kollision an Bord waren und wo genau der Unfallort war. Vor allem die Frage, wie es dazu kam, dass trotz Sonar zwei 150m lange U-Boote in einem Ozean zusammen stoßen konnten.

► Quellen

Literaturhinweise

Blair, Bruce, Feiveson, Harold und von Hippel, Frank: "Taking Nuclear Weapons off Hair-Trigger Alert", in Scientific American, 277, #5, November 1997, pp. 74–81.

Britten, Stewart: The Invisible Event , Menard Press, London, 1983

Calder, Nigel: Nuclear Nightmares , British Broadcasting Corporation, London, 1979

Gregory, Shaun: "The Hidden Cost of Deterrence: Nuclear Weapons Accidents", Brasseys, London, 1990

Hansen, Chuck: The Swords of Armageddon, vol. 8, Chuckelea Publications, Sunnyvale, Calif., 1995

Lews, Flora: One of Our H-Bombs Is Missing, McGraw-Hill, New York, 1967

Sagan, Scott D.: The Limits of Safety, Princeton University Press, Princeton, N.J., 1993

Szulc, Tad: The Bombs of Palomares, Viking Press, New York, 1967)

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