06.02.2026
Die Vereinigten Staaten von Amerika und Russland konnten sich vor dem Auslaufen des New START-Vertrages nicht rechtzeitig über eine Verlängerung einigen. Damit ist der letzte bilaterale atomare Rüstungskontrollvertrag Geschichte. Zum ersten Mal seit 50 Jahren gibt es damit keine Begrenzung der Zahl der Atomwaffen und keine Kontrollmechanismen zwischen den beiden nuklearen Großmächten.
Russland und die USA besitzen rund 87 Prozent1 der 12.241 Atomwaffen weltweit. Seitdem Inkrafttreten des ersten bilateralen Rüstungskontrollvertrags über die strategischen Atomwaffenarsenale (SALT I) im September 1971 unterliegen beide Staaten rechtlich verbindlichen Vereinbarungen über die Zahl der strategischen Atomwaffen, die sie zum Einsatz bereithalten dürfen. Der Mittelstreckenraketenvertrag (INF) von 1988 und der START-I-Vertrag von 1994 galten als die erfolgreichsten Verträge, da sie das Wettrüsten des Kalten Krieges stoppen konnten. Als der erfüllte START-I-Vertrag Ende 2009 auslief, schlossen Barack Obama und Dmitri Medwedew im April 2010 den Neuen START-Vertrag (New START) ab, der die Zahl der strategischen Atomwaffen auf 1.550 Stück für jedes Land begrenzte.
Der New START-Vertrag trat am 5. Februar 2011 in Kraft und hatte eine Vertragsdauer von zehn Jahren. 2021 drohte der Vertrag ohne Nachfolger auszulaufen und wurde gerade noch rechtzeitig durch die Wahl Joe Bidens zum US-Präsident für fünf weitere Jahre gerettet. Donald Trump wollte schon 2020 den Vertrag unter Beteiligung Chinas neu verhandeln, aber China lehnte Verhandlungen ab, mit der Begründung, dass es zahlenmäßig sehr viel weniger Atomwaffen besitzt als die beiden nuklearen Großmächte.
Mit der Wiederwahl Trumps wurde die Verlängerung des Vertrags erneut Thema. Die Beziehung zwischen den USA und Russland hat sich in der Zwischenzeit durch den Krieg in der Ukraine deutlich verschlechtert. Auch das Angebot des russischen Präsidenten Wladimir Putin am 22. September 2025, an den Bestimmungen des Vertrags ein weiteres Jahr festzuhalten, sollte die USA das ebenfalls tun, führte zu keinem Erfolg. Am 5. Februar ist der New START-Vertrag ohne Nachfolgevertrag ausgelaufen.
Donald Trump wiederholte nun seine Forderung, einen neuen Rüstungskontrollvertrag mit China und Russland zu verhandeln. Die Idee eines Nachfolgevertrags wird von vielen Seiten begrüßt. Doch es bleibt unklar, wie China an den Verhandlungstisch bewegt werden kann, ohne dass die beiden „kleineren“, anerkannten Atommächte Großbritannien und Frankreich sich beteiligen. Denn China modernisiert zwar sein Atomwaffenarsenal, besitzt aber nicht signifikant mehr Atomwaffen als sie.
Der UN-Generalsekretär Antonio Guterres reagierte auf das Auslaufen des Vertrages mit der Feststellung: „das Risiko eines Einsatzes von Atomwaffen ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr“. Bereits im Januar hat der Wissenschaftsbeirat des Bulletin of the Atomic Scientists die symbolische Weltuntergangsuhr auf 85 Sekunden vor Mitternacht neu eingestellt, um deutlich zu machen, dass die aktuelle Gefahr für die Welt ohne historischem Vergleich ist. Die Modernisierung der Atomwaffen weltweit läuft schon lange und viele neuen Typen wurden entwickelt und getestet. Auch wurde die neue russische Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ bereits zweimal in der Ukraine eingesetzt. Die Waffe kann sowohl nuklear als auch konventionell bestückt werden – ein Unterschied, der bei einem Angriff bis zum Einschlag von anderen nicht bestimmt werden kann. In der Ukraine wurde die Waffe konventionell bestückt eingesetzt, doch bereits das zeigt eine Eskalation, denn es steigert das Risiko für Missverständnisse.
Ohne eine rechtliche Begrenzung der Atomwaffen der beiden Großmächte droht ein zügelloses Wettrüsten, das nicht nur die Entwicklung neuer Typen bedeuten würde, sondern auch insgesamt größere Arsenale. Damit kehren wir zurück in eine Zeit des kostspieligen Hochrüstens, wo zahlenmäßige Parität als „strategische Stabilität“ verstanden wird. Die Rüstungskontrolle hatte von Anfang an das Ziel, dieses nukleare Wettrüsten zu beenden und künftig zu verhindern. Darüber hinaus enthält der Nichtverbreitungsvertrag (NVV) im Artikel VI sogar die Verpflichtung abzurüsten:
„Jede Vertragspartei verpflichtet sich, in redlicher Absicht Verhandlungen zu führen über wirksame Maßnahmen zur Beendigung des nuklearen Wettrüstens in naher Zukunft und zur nuklearen Abrüstung sowie über einen Vertrag zur allgemeinen und vollständigen Abrüstung unter strenger und wirksamer internationaler Kontrolle.“
Die fehlenden Schritte einer ernsthaften nuklearen Abrüstung beklagen die Nichtatomwaffenstaaten im NVV schon lange. Nun, mit der Beendigung der bilateralen Rüstungskontrolle, könnten diese Vertragsparteien kritisieren, dass die USA und Russland den NVV gar nicht mehr einhalten. Damit ist auch dieser Vertrag in Gefahr.
Der Verein Deutscher Wissenschaftler*innen hat ein Papier verfasst2, in dem sie mögliche Schritte vorschlagen, um „das sicherheitspolitische Umfeld wieder günstig für weitreichende Friedensverhandlungen zu machen“. Der erste Schritt wäre eine Erklärung der Präsidenten der USA und Russlands, „die zentralen Regeln und Obergrenzen des New START-Vertrags einzuhalten und Verhandlungen über strategische Stabilität zu beginnen“. Um China einzubinden, schlagen sie eine Erklärung der sogenannten P3 – China, Großbritannien und Frankreich - vor, dass sie ihre Arsenale einfrieren, sobald die USA und Russland dies ebenfalls nachprüfbar erklären. Es lohnt sich, die fünf Punkte aus dem Papier des Vereins Deutscher Wissenschaftler*innen im Detail zu lesen.
Die Politikwissenschaft bewertet die Situation ähnlich. Ulrich Kühn vom IFSH sieht mehr Unsicherheit und Risiken, sowie ein Wettrüsten. Noch dazu geht er von mehr Spannungen mit China aus. Zudem meint er, weitere Staaten könnten den Glauben an die nukleare Sicherheitsarchitektur verlieren: „Jetzt, wo sich die USA und Russland nicht mehr gegenseitig begrenzen, werden auch andere fragen, warum sie sich an Regeln halten sollten,“ so Kühn3.
Auch der Deutsche Bundeswehr-Verband schätzt die neue Lage als „unübersichtlich“ ein und zitiert SIPRI-Direktor Dan Smith, der Anzeichen eines neuen Wettrüstens sieht, das „mit viel mehr Risiken und Unsicherheiten verbunden ist, als das letzte“. Denn künftig könnte auch Künstliche Intelligenz auf die Rüstungstechnik noch unbekannte Auswirkungen haben. Auch „Überlegungen zu einem europäischen Atomschirm mit Frankreich und Großbritannien stehen am Anfang“, schreibt der Bundeswehr-Verband. Zum Schluss seiner Erklärung wird die Frage der eigenen atomaren Bewaffnung Deutschlands angesprochen, die momentan durch bestehende Verträge verboten ist: der Zwei-plus-vier-Vertrag und der Nichtverbreitungsvertrag4.
Die Friedensnobelpreisträgerin von 2017, ICAN Deutschland, zeigt sich sehr besorgt: „Ohne Rüstungskontrolle wächst das Risiko, dass Abschreckung wieder durch quantitative Aufrüstung ersetzt wird“, so Christoph von Lieven, Vorstandsmitglied. “Das Ende von New START fügt sich in eine globale Entwicklung zunehmender nuklearer Aufrüstung sowie den Abbau von Rüstungskontrollmechanismen ein.”5 xh
Quellen
1 Errechnet von den Zahlen der Stockholm Institute for Peace Research, World Nuclear Forces. Russland und die USA besitzen insgesamt 10.636 von weltweit 12.241 Atomwaffen.
2 VDW: Erklärung zum Auslaufen des New-START-Vertrages am 5. Februar 2026, 03.02.2026
3 Herbermann JD: Atomwaffenvertrag läuft heute aus, nukleares Wettrüsten droht, Handelsblatt, 05.02.2026
4 Deutscher Bundeswehr-Verband: Droht ein neues Wettrüsten? – Atomvertrag New Start endet, 06.02.2026
5 ICAN Deutschland: Auslaufen von New START, Pressemitteilung, 05.02.2026
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