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Weltuntergangsuhr

85 Sekunden bis zum Weltuntergang

Wie die nukleare Gefahr die Menschheit bedroht

04.02.2026

Seit 1947 wird die sogenannte Doomsday Clock jährlich von einem Gremium aus Expert*innen des Bulletin of the Atomic Scientists gestellt, um symbolisch darzustellen, wie nah die Menschheit an ihrem eigenen Untergang steht. Sie soll als eindringliche Warnung an die Menschheit verstanden werden. Für die Festlegung der Uhrzeit bewerten die Wissenschaftler*innen zentrale globale Risiken, darunter die Gefahr eines Atomkriegs, das Fortschreiten der Klimakatastrophe sowie die Entwicklung neuer Technologien und biologischer Bedrohungen.

Bereits im vergangenen Jahr wurde die Uhr auf 89 Sekunden vor Mitternacht gestellt – der kürzeste Abstand, der je gemessen wurde. Als Hauptgrund nannte das Gremium damals den mangelnden Fortschritt bei der Eindämmung globaler Risiken. In diesem Jahr wurde die Uhr nun erneut vorgestellt: seit heute steht sie bei 85 Sekunden vor dem Weltuntergang. Die Begründung dafür fällt umfangreich und alarmierend aus. Auf der Webseite des Bulletin of the Atomic Scientists können die Bewertungen für alle Bereiche nachgelesen werden, die in das Stellen der Uhrzeit einfließen.

Aufrüstung und die Gefahr der Proliferation

Für die Gefahr einer nuklearen Katastrophe trägt laut dem Gremium hinter der Doomsday Clock vor allem das globale Wettrüsten bei sowie das Ausbleiben jeglicher Versuche zur Rüstungskontrolle und Abrüstung. Alle Atomwaffenstaaten modernisieren ihre Arsenale, China baut seines enorm aus. Auch Nordkorea rüstet auf und testet neue Trägersysteme. Unterstützt wird das Regime durch Russland, dass damit seine Verpflichtung aus dem Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag (NVV), anderen Staaten nicht bei der Entwicklung eines Atomwaffenarsenals zu helfen, ignoriert.

Der NVV steht auch darüber hinaus vor massiven Herausforderungen: in Europa und Asien wird zunehmend über eigene Atomwaffen nachgedacht, was die Gefahr der Proliferation erhöht und den Vertrag unter Druck setzt. In Deutschland gibt es Diskussionen, wie eine Beteiligung an den französischen oder auch an den britischen Atomwaffen aussehen könnte. Bundeskanzler Merz startete bereits bei seinem Amtsantrittsbesuch in Paris im Frühjahr 2025 den Dialog mit dem französischen Präsidenten Macron, welche Möglichkeiten einer gemeinsamen, europäischen Abschreckung denkbar seien. Zuletzt bekräftigten auch Vizekanzler Klingbeil und Außenminister Wadephul das Interesse an diesem Austausch. Dabei findet der Nichtverbreitungsvertrag und dessen Zweck, eine Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern und stattdessen Abrüstung voranzubringen, derzeit keine Beachtung. So trägt die deutsche Bundesregierung dazu bei, dass es anstelle von Fortschritten vor allem Rückschritte bei der nuklearen Abrüstung gibt. Dies vertieft die Spaltung der internationalen Gemeinschaft, da viele Nichtatomwaffenstaaten seit Jahren vergeblich stärkere Anstrengungen zur Umsetzung von Artikel 6 des Vertrags einfordern, in welchem die Verpflichtung zur nuklearen Abrüstung festgeschrieben ist.

Kriege und Eskalation

Doch nicht nur diese Entwicklungen flossen in die Bewertung der Wissenschaftler*innen des Bulletin of the Atomic Scientists ein. Sie weisen zudem darauf hin, dass mehrere Atomwaffenstaaten im vergangenen und aktuellen Jahr in Konflikte oder gar Kriege verwickelt sind: Weder der Krieg in der Ukraine noch in Gaza ist beendet, im Mai eskalierte der Konflikte zwischen Indien und Pakistan in eine militärische Auseinandersetzung und im Juni bombardierten Israel und die USA nukleare Anlagen im Iran. Diese Auseinandersetzungen mit oder sogar zwischen Atomwaffenstaaten steigern das Risiko eines Einsatzes von Atomwaffen – absichtlich oder aufgrund eines Fehlers. Ebenfalls gefährlich war der Einsatz einer zweiten, russischen Oreschnik-Mittelstreckenrakete im Ukrainekrieg. Bereits 2024 hatte Russland eine solche Waffe eingesetzt. Die USA wurde im vorgewarnt und darüber unterrichtet, dass es sich um eine Rakete mit konventionellem Sprengkopf handelt. Doch gerade die dualen Fähigkeiten dieser Waffe machen ihren Einsatz so riskant, denn für andere Staaten ist nicht feststellbar, welcher Sprengkopf auf der angreifenden Rakete montiert ist. Je größer der Vertrauensverlust auf beiden Seiten und je weniger Dialogbereitschaft, desto höher wird das Risiko, dass eine Vorwarnung ausbleibt oder nicht geglaubt wird – mit potenziell katastrophalen Folgen.

Die Expert*innen der Doomsday Clock kritisieren jedoch auch Entwicklungen in den USA: Die geplante US-Raketenabwehr „Golden Dome“ könnte laut ihnen ein neues Wettrüsten im Weltraum auslösen und die Erde damit noch unsicherer machen. Besorgniserregend ist auch die Debatte in den USA über die Wiederaufnahme von Atomwaffentests, die Donald Trump Ende letzten Jahres anstieß, und auf die Russland prompt mit ähnlichen Ankündigungen reagierte.

Notwendige Rüstungskontrolle

Insgesamt wird die nukleare Gefahr zunehmend normalisiert, so die Wissenschaftler*innen. Nationalistische Tendenzen verstärken zudem das Narrativ, Atomwaffen seien notwendig, um strategische Überlegenheit zu sichern, und treiben so die globale Rüstungsspirale weiter an. Entsprechend wenig Hoffnung gibt es derzeit auf ernsthafte Gespräche über Rüstungskontrolle oder Abrüstung. Anfang Februar läuft der letzte große Rüstungskontrollvertrag, New START, zwischen den USA und Russland aus. Das Ende des New-START-Vertrags bedeutet, dass es erstmals seit 1972 keine verbindlichen Obergrenzen mehr für die atomare Aufrüstung der USA und Russlands gibt – jener beiden Staaten, die bereits jetzt über die mit Abstand größten Nukleararsenale verfügen. Eine Verlängerung des Vertrags ist nicht möglich und selbst der russische Vorschlag, sich vorerst weiterhin an die Limitierungen zu halten, wurde bislang nicht von den USA bestätigt. Ob die russische Regierung sich auch ohne diese Zusage an die Grenzen des Vertrags halten wird, ist ungewiss. Mit dem Wegfall des New START fällt auch das Verifikationssystem des Vertrags weg. Die vereinbarten Transparenz- und Kontrollmechanismen hatte Russland zwar bereits 2023 außer Kraft gesetzt, doch nun wird auch die Grundlage für eine Wiederaufnahme fehlen. Sowohl ein neuer Vertrag als auch dazugehörige Verifikationsmaßnahmen müssen nunmehr komplett neu verhandelt und aufgebaut werden.

Auf der Basis all dieser Entwicklungen fordert das wissenschaftliche Gremium der Doomsday Clock einen grundlegenden Kurswechsel: Internationale Konkurrenz müsse durch internationale Kooperation ersetzt werden, um die nukleare Gefahr zu verringern. Konkret müssten die USA und Russland sich weiterhin freiwillig an die Vorgaben von New START halten, wieder Daten austauschen und Vertrauen aufbauen. Darüber hinaus seien neue Verhandlungen zur bilateralen, aber auch multilateralen Rüstungskontrolle notwendig. Insgesamt brauche es deutlich mehr Dialog zwischen den Atomwaffenstaaten, beginnend mit dem Aufbau verlässlicher Kommunikationskanäle zur Verhinderung von Eskalationen und Konflikten.

Der Atomwaffenverbotsvertrag

Leider verpasste das Gremium es, den mittlerweile seit fünf Jahren in Kraft getretenen Atomwaffenverbotsvertrag (AVV) als Hoffnungsschimmer zu benennen. Die Expert*innen bemängeln zu Recht den fehlenden Dialog zwischen den Atomwaffenstaaten, kritisieren jedoch auch das Ausbleiben von anhaltendem Druck seitens der Nichtatomwaffenstaaten. Es gäbe keinen Staat, der klar Stellung gegen die Entwicklungen beziehe und die Situation problematisiert. Das ist in der Einzelansicht sicherlich richtig, mit dem AVV gibt es jedoch eine Gruppe von Staaten, die sich dem Verbot und der Ächtung von Atomwaffen verschrieben haben. Dies tun sie nicht nur bei den Staatenkonferenzen des Vertrags, sondern auch in anderen Gremien, wie der Generalversammlung der Vereinten Nationen oder den Konferenzen des Nichtverbreitungsvertrags. An der grundsätzlichen Einschätzung, wie nah die Menschheit vor ihrer eigenen Vernichtung steht, kann diese positive Entwicklung nicht rütteln. Doch als Gegenpol zum destruktiven Verhalten der Atomwaffenstaaten und ihrer Verbündeten sollte der Vertrag Erwähnung finden. Zumal die Wissenschaftler*innen bei der Verkündung der neuen Uhrzeit hervorhoben, wie wichtig der Einsatz der Zivilbevölkerung für ein Zurückstellen der Zeiger der Doomsday Clock ist. Der AVV bündelt diesen Einsatz von engagierten Staaten und zivilgesellschaftlichen Organisationen und zeigt, dass die Mehrheit auf dieser Welt ihre Vernichtung verhindert möchte.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf der Webseite der Internationalen Ärzt*innen zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) veröffentlicht.

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