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Weltgesundheitsorganisation

WHO aktualisiert die Studie über die Auswirkungen eines Atomkrieges

17.07.2025

Die Weltgesundheitsversammlung (WHA) hat am 26. Mai 2025 beschlossen, die wegweisenden WHO-Berichte von 1983, 1987 und 1993 zu den Gesundheitsfolgen eines Atomkriegs und der weltweiten Atomwaffentests zu aktualisieren. Damit erneuert die WHA das Mandat der WHO, die Gesundheitsfolgen durch Atomwaffenexplosionen zu adressieren.

Die Resolution beauftragt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die gesundheitlichen und umweltbezogenen Auswirkungen eines Atomkrieges systematisch zu untersuchen und die Forschung auf diesem Gebiet erheblich auszuweiten. Der Generaldirektor soll bei der WHA 2029 über den Fortschritt der Initiative berichten.

Die Resolution war das Ergebnis der Arbeit hauptsächlich von Staaten, die selbst unter den Auswirkungen von Atomwaffentests litten – wie die Marshallinseln, Samoa oder Vanuatu. Aber auch Nichtregierungsorganisationen hatten sich im Vorfeld der Weltgesundheitsversammlung intensiv für die Annahme der Resolution eingesetzt. Die IPPNW-Vize-Präsidentin für Europa, Angelika Claußen sagte dazu: „Diese Resolution ist ein wichtiger Schritt hin zu einer evidenzbasierten Auseinandersetzung mit den katastrophalen Konsequenzen eines Atomkrieges.“ Sie erklärte zudem, dass medizinisches Fachpersonal sich in der Verantwortung sehen würde, auf die verheerenden humanitären Folgen eines Atomkrieges hinzuweisen und sich für deren Prävention einzusetzen.

Eine Woche vor der Versammlung veröffentlichten mehr als 130 Gesundheitsjournale aus aller Welt ein Editorial, das die WHA aufforderte, das Mandat zur Untersuchung der Gesundheitsfolgen eines Atomkrieges zu erneuern. Die Autor*innen warnten vor einem weltweiten atomaren Wettrüsten. „Das wissenschaftliche Gremium der Vereinten Nationen und ein erneuertes Mandat für die Arbeit der WHO in diesem Bereich können wichtige verlässliche und aktuelle Erkenntnisse für die Gesundheits- und Öffentlichkeitsarbeit, eine faktengestützte Interessenvertretung und Politik sowie das mobilisierte öffentliche Interesse liefern, das für eine entschlossene politische Führung erforderlich ist,“ so die Autor*innen.

Die deutsche Bundesregierung war unter den 14 Staaten, die gegen die Resolution stimmten. Für diese Entscheidung bekam sie Kritik, beispielsweise von ICAN Deutschland. Vorstandsmitglied Juliane Hauschulz sagte: „Es ist kaum vorstellbar, dass diese Entscheidung auf einer unabhängigen Bewertung basiert. Die Resolution soll lediglich eine wissenschaftliche Grundlage über die Folgen eines Atomkrieges für die Gesundheit der Menschen und öffentliche Gesundheitssysteme schaffen“. Sie forderte die Bundesregierung auf, ihre Haltung transparent zu machen. Künftig sollte sie sich zu einer Politik bekennen, die auf Schutz, Wissenschaft und Prävention setzen würde, so ICAN.

Mit 86 Ja-Stimmen wurde die Resolution dennoch angenommen, getragen vor allem von Staaten des Globalen Südens, pazifischen Inselstaaten und Ländern wie Irland, Japan, Südkorea und der Schweiz. 14 Staaten votierten dagegen und 28 enthielten sich. Kein einziges NATO-Mitglied votierte dafür, trotz Kompromissangeboten und intensiver Verhandlungen.

Starker Widerstand kam zudem von Nordkorea und Russland sowie anderen Atomwaffenstaaten. Unter den 14 Gegenstimmen waren die beiden europäischen Atomwaffenstaaten Großbritannien und Frankreich sowie mit ihnen alliierte Staaten wie Polen, Ungarn, die Tschechische Republik und Deutschland. Sie argumentierten, dass die Studie die Arbeit anderer UN-Gremien dupliziere. Der Delegierte aus Großbritannien sprach im Namen 16 europäischer Staaten davon, dass die Auswirkungen von Atomwaffen bereits bekannt genug seien. „Keine Aktualisierung der bestehenden WHO-Studien könnte diese Erkenntnisse über die verheerenden Auswirkungen eines Atomkriegs wesentlich verändern.“ Indien enthielt sich und merkte dazu an: „Wir sind weder vom Mehrwert einer weiteren Studie zu diesem Thema überzeugt, noch davon, dass die WHO das zuständige Forum ist. Wir haben uns daher der Stimme enthalten.“

WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus hält hier dagegen: „Natürlich sind sich die Menschen über die Folgen eines Atomkriegs im Klaren, aber eine ständige Erinnerung wäre auch wichtig.“ Er schlug vor, dass die WHO mit anderen UN-Gremien kollaborieren könnte, um Kosten zu sparen.

In der UN-Generalversammlung wurde letzten Dezember entschieden, eine Studie zu einem ähnlichen Thema durchzuführen. Die UN-Resolution, die eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung der globalen Auswirkungen eines Atomkriegs fordert, wurde mit überwältigender Mehrheit (143 Stimmen) angenommen. Deutschland stimmte dieser Studie unter der alten Bundesregierung zu.

Beide Studien bieten das Potential sich zu ergänzen. Die Studie der UN Generalversammlung soll u. a. die klimatischen, ökologischen und radiologischen Auswirkungen eines Atomkriegs und ihre Folgen für die öffentliche Gesundheit, die globalen sozioökonomischen Systeme, die Landwirtschaft und die Ökosysteme untersuchen. Die nun anberaumte Studie der WHO kann hier einen speziellen Fokus auf gesundheitliche Folgen ergänzen, zudem betrachtet sie auch die Auswirkungen der bereits erfolgten über 2.000 Atomwaffenexplosionen zu Testzwecken. Damit kann sie eine wichtige Ressource für die betroffenen Gemeinschaften und ihren Kampf für Gerechtigkeit werden.

Auf dieser Seite wurde ein Statement der IPPNW, verlesen von Prof. Dr. Andy Haines vor der WHA, sowie das genaue Abstimmungsergebnis, dokumentiert. xh

► WHO-Resolution im Wortlaut

Quellen:
Abbasi K et al: Ending nuclear weapons, before they end us, BMJ, 13.05.2025
BMJ Group: Over 130 health journals call for renewed WHO mandate on health effects of nuclear war, 13.05.2025 
Fletcher ER: WHO Mandated to Update of 30-Year-Old Review on Health Impacts of Nuclear War – After Heated WHA Debate, Health Policy Watch, 26.05.2025
ICAN Deutschland: UN-Resolution mit großer Mehrheit angenommen, Pressemitteilung, 02.11.2024; Bundesregierung blockiert WHO-Studie, Pressemitteilung, 27.05.2025 
IPPNW: Bundesregierung muss sich zu Folgen von Atomwaffen bekennen, Pressemitteilung, 23.05.2025

 

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