14.08.2026
Am 26. November 1995 kündigte der damalige Premierminister Australiens Paul Keating die Gründung der 17-köpfigen „Canberra Commission on the Elimination of Nuclear Weapons“ an. Die Aufgabe der hochrangig besetzten Expertenkommission war:
„praktische Wege in eine nuklearwaffenfreie Welt aufzuzeigen, unter Berücksichtigung der damit verbundenen Probleme der Erhaltung von Stabilität und Sicherheit während der Übergangsphase und nachdem dieses Ziel erreicht ist“.
Die Gruppe wurde von australischen Botschafter Richard Butler einberufen. Unter den Kommissionsmitglieder waren u.a. Friedensnobelpreisträger Professor Joseph Rotblat, der ehem. US-Verteidigungsminister Robert McNamara, der ehem. Kommandeur der nuklearen US-Streitkräfte General Lee Butler, der ehemalige französische Premierminister Michel Rocard, die Präsidentin des Internationalen Friedensbüros, Maj Britt Theorin und Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau.
Inhalt des Berichts
In ihrem am 14. August 1996 vorgelegten Bericht setzt sich die Canberra-Kommission umfassenden mit der nuklearen Abschreckung auseinander sowie mit den Argumenten, die gegen eine nuklearwaffenfreie Welt vorgebracht werden. In einer einleitenden Erklärung zum Bericht kam sie zu folgenden Schlussfolgerungen:
- Atomwaffen sind von immenser Zerstörungskraft, und jeder Einsatz wäre katastrophal.
- Atomwaffen stellen eine unerträgliche Bedrohung für die Menschheit dar.
- Trotz des Endes des Kalten Krieges werden weiterhin Behauptungen über die Nützlichkeit von Atomwaffen aufgestellt.
- Wären sich die Menschen ihrer Gefahren bewusster, würden sie sie ablehnen. Ihr Besitz wäre dann nicht zulässig.
- Die diskriminierende Situation, in der nur wenige Staaten über Atomwaffen verfügen, ist instabil und nicht aufrechterhaltbar. Solange auch nur ein Staat über Atomwaffen verfügt, werden andere sie ebenfalls haben wollen.
- Die Behauptung, Atomwaffen könnten auf Dauer behalten und niemals – weder versehentlich noch absichtlich – eingesetzt werden, ist unglaubwürdig.
- Atomwaffen mindern die Sicherheit aller Staaten und machen die Staaten, die sie besitzen, zu Zielen.
- Es besteht die Möglichkeit, sich für die Abschaffung von Atomwaffen zu entscheiden.
Dann schlägt die Kommission eine Reihe konkreter Schritte vor, mit denen der Prozess der Atomwaffenbeseitigung unverzüglich eingeleitet werden kann. Als unmittelbar realisierbar werden folgende Sofortmaßnahmen vorgeschlagen:
- Aufhebung der höchsten Alarmbereitschaft (LOW) für Atomwaffen.
- Trennung der Sprengköpfe von den Trägersystemen.
- Beendigung der Stationierung substrategischer (taktischer) Atomwaffen.
- Stopp der Atomwaffentests.
- Beginn von Verhandlungen zur weiteren Reduzierung der Atomwaffenarsenale der Vereinigten Staaten und Russlands.
- Abkommen zwischen den Atomwaffenstaaten über einen gegenseitigen Verzicht auf einen Ersteinsatz und über den Verzicht auf einen Atomwaffeneinsatz gegen die Nicht-Atomwaffenstaaten (negative Sicherheitsgarantien).
Der eigentliche Bericht mit dem Titel „Die Debatte um Atomwaffen“ plädiert für eine atomwaffenfreie Welt und beschreibt detailliert die unverzüglich zu ergreifenden Maßnahmen, die Verstärkung bestehender Maßnahmen sowie die künftigen Rahmenbedingungen. Ein Anhang befasst sich mit Fragen der Verifikation, der Entsorgung und anderen technischen und juristischen Aspekten.
Mit der Canberra Commission ist es gelungen, Vertreter*innen von Regierungen und Nicht-Regierungsorganisationen zu einer bis dahin im Abrüstungsbereich nicht gekannten Zusammenarbeit zu bringen. Es war das erste Mal, dass ein Staat sich mit der Annahme auseinandersetzte, dass die Existenz von Atomwaffen bedeute, dass diese weiterhin notwendig seien, um von ihrem Einsatz abzuschrecken. Der Bericht der Kommission hatte eine erhebliche Bedeutung, um den wissenschaftlichen Diskussionsstand zur nuklearwaffenfreien Welt zusammenzufassen und in konkrete Vorschläge umzusetzen, die in den folgenden internationalen politischen Diskussionsprozess eingeflossen sind.
Der Bericht wurde am 30. September 1996 von Außenminister Alexander Downer den Vereinten Nationen und am 30. Januar 1997 der Abrüstungskonferenz in Genf vorgelegt.
Politischer Kontext
Die Kommission wurde zu einer Zeit eingerichtet, als die französische Regierung die letzte Runde von Atomtests auf Moruroa durchführte, die international und insbesondere im Pazifikraum äußerst unpopulär waren. Gleichzeitig strebte Australien eine Steigerung seiner Uranexporte an, und die Regierung hoffte möglicherweise, dass der Bericht die Anti-Atomkraft-Lobby besänftigen würde.
Auf internationaler Ebene fiel dies in eine Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dem Fall der Berliner Mauer und dem wiederauflebenden Interesse an nuklearer Abrüstung als Folge des Endes des Kalten Krieges. Die Phase der Fortschritte im Bereich der multilateralen Rüstungskontrolle und der nuklearen Abrüstung verlangsamte sich jedoch und kam 1996 faktisch mehr oder weniger zum Stillstand, nachdem der Nichtverbreitungsvertrag 1995 auf unbestimmte Zeit verlängert und der Vertrag über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen 1996 unterzeichnet worden war, der jedoch bis heute nie in Kraft getreten ist.
Reaktion
Noch bevor der Bericht fertiggestellt war, wurde die Keating-Regierung abgewählt und eine neue Koalitionsregierung unter der Führung von John Howard gebildet. Danach setzte sich Australien nicht mehr für die Ziele des Berichts ein und beschränkte dessen Bedeutung auf verfahrenstechnische Unterstützung. Der Bericht wurde zwar den Vereinten Nationen vorgelegt, doch die neue Regierung weder befürwortete noch setzte sie der darin enthaltenen Maßnahmen um, da sie das Bündnis mit den Vereinigten Staaten nicht belasten wollte.
Der Bericht fand international große Beachtung und wurde von den blockfreien Staaten und den Nichtregierungsorganisationen im Bereich der Abrüstung begrüßt, insbesondere weil er die Gefahren der nuklearen Abschreckung thematisierte.
Die Reaktionen der offiziellen Atomwaffenstaaten reichten von ablehnend bis skeptisch. Sie verteidigten weiterhin das Festhalten an der nuklearen Abschreckung. Kritiker des Berichts waren der Ansicht, dass er Vorannahmen und Annahmen enthalte, und kamen zu dem Schluss, dass die Argumente nicht überzeugend seien.
Kein UN-Mitgliedstaat unternahm Schritte, um die im Bericht enthaltenen Empfehlungen rechtlich zu verabschieden, obwohl viele davon im Rahmen von Verhandlungen einzeln vorgebracht wurden.
Spätere australische Regierungen haben sich erneut mit dem Bericht befasst und dessen Wert erkannt. Die Regierung unter Kevin Rudd (2007–2010) richtete die Internationale Kommission für nukleare Nichtverbreitung und Abrüstung (ICNND) ein, um die Arbeit der Canberra-Kommission fortzusetzen, in der Hoffnung, einen positiven Beitrag zur NPT-Überprüfungskonferenz 2010 zu leisten.
Die ICNND wurde im Juli 2008 von den Regierungen Australiens und Japans ins Leben gerufen und stand unter dem gemeinsamen Vorsitz von Gareth Evans und Yoriko Kawaguchi; ihren Abschlussbericht veröffentlichte sie im Dezember 2009.
Viele Befürworter des Berichts der Canberra-Kommission betrachteten den Bericht der ICNND jedoch als eine abgeschwächte Version des Originals, das sowohl in seinen Schlussfolgerungen als auch in seinen Empfehlungen viel weitreichender war.
Die von Hans Blix geleitete Weapons of Mass Destruction Commission bezog sich mehr als ein Jahrzehnt später auf den Bericht der Canberra-Kommission, als klar war, dass Rüstungskontrolle und Abrüstung ins Stocken geraten waren. Mehrere Mitglieder der Blix-Kommission hatten zuvor in der Canberra-Kommission mitgewirkt, darunter Gareth Evans, Patricia Lewis und Jayantha Dhanapala. Viele der Schlussfolgerungen beider Berichte überschneiden sich, wie etwa die katastrophalen Auswirkungen eines jeglichen Einsatzes, die Feststellung, dass „solange ein Staat über solche Waffen – insbesondere Atomwaffen – verfügt, andere sie ebenfalls haben wollen“, sowie die Betonung des hohen Einsatzrisikos. Der Hauptunterschied zwischen den beiden Berichten besteht darin, dass die Blix-Kommission alle Massenvernichtungswaffen und nicht nur Atomwaffen behandelt.
Der Bericht heute
Dreißig Jahre nach der Veröffentlichung des Berichts der Canberra-Kommission sind die Meinungen zu dessen Schlussfolgerungen nach wie vor gespalten. Keine der Empfehlungen wurde umgesetzt. Dennoch betrachten Befürworter der Schlussfolgerungen den Bericht als Grundlagentext der Abrüstungsdiplomatie wegen den Argumenten, dass nukleare Abschreckung gefährlich und nicht mehr notwendig sei.
Der Bericht der Canberra-Kommission wird von Experten für Rüstungskontrolle zudem als Teil eines langfristigen Prozesses der Normenbildung angesehen, der das internationale Tabu gegenüber Atomwaffen gestärkt hat. Er ist zu einem zentralen Referenzdokument für die anhaltende Debatte über nukleare Abschreckung und die Notwendigkeit der Abschaffung von Atomwaffen geworden, unter anderem während der Verhandlungen zum Vertrag über das Verbot von Atomwaffen (TPNW), der 2017 von den Vereinten Nationen verabschiedet wurde.
Angesichts neuer geopolitischer Spannungen, der Modernisierung von Atomwaffen und einer erneuten Abhängigkeit von der nuklearen Abschreckung dienen die Schlussfolgerungen des Berichts nach wie vor als prägnante Argumente, die von internationalen, unabhängigen und renommierten Experten vorgebracht wurden, um den Befürwortern der nuklearen Abschreckung entgegenzutreten. Die zentrale Warnung, dass ein Versäumnis, Atomwaffen zu beseitigen, unweigerlich zu weiterer Verbreitung und zum Einsatz von Atomwaffen führen wird, ist heute so gültig wie eh und je.
Xanthe Hall
►Im Wortlaut: Bericht der Canberra Commission im Wortlaut (engl.)
Quellen
Evans G: The Canberra Commission on the Elimination of Nuclear Weapons and Subsequent International Developments, paper presented to NIRA Roundtable, Tokyo, 6-7 Oct 2000
Forge J, Myrha S: The Canberra Commission: A “Realistic” Analysis? Australian Journal of Politics and History, vo. 44, no. 4, 1998
Hanson M, Ungerer CJ: Promoting an Agenda for Nuclear Weapons Elimination: The Canberra Commission and Dilemmas of Disarmament, Australian Journal of Politics & History, 18 Dec 2002
Scheffran J in: Bender/Liebert: Wege zu einer nuklearwaffenfreien Welt, Münster 2001, S. 47f.
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