
Seit 1945 hat man versucht, die Zahl der Toten und Verletzten in Hiroshima und Nagasaki zu schätzen. Diese beiden Städte sind die einzigen Fälle, in denen Atomwaffen in der Kriegsführung eingesetzt wurden, und bieten somit einen unvergleichbaren "Datensatz", auf den sich andere Erkenntnisse und Nachrechnungen stützen können.
Die glaubwürdigsten Schätzungen schwanken zwischen einem "Tiefstwert" von 70.000 und einem "Höchstwert" von 140.000 Todesopfern in Hiroshima - eine sehr breite Spanne. Ebenso verhält es sich mit den Zahlen aus Nagasaki, die von 40.000 bis 70.000 Todesopfern reichen. Die Schätzungen stammen aus unterschiedlichen Quellen und Epochen. Der niedrigste Wert stammt vom US-Militär in den 1940iger Jahren, der höchste von einem internationalen Untersuchungsteam in den 1970er Jahren. J. Robert Oppenheimer sagte 1954 aus, dass nur 70.000 Menschen getötet oder verletzt worden waren. Col. Stafford Warren, Medizinischer Leiter des Manhattan-Projekts, sagte jedoch:
„Es ist mir peinlich, dass wir trotz der Tatsache, dass ich eine medizinische Gruppe leitete, die Zahlen über die Sterblichkeit usw. ermitteln sollte, keine endgültigen Zahlen vorlegen konnten, von denen ich sagen könnte, dass sie mehr als eine Schätzung sind.“
Trotzdem wurden im Manhattan Project Report 1946 Zahlen veröffentlicht, dass von den 255.000 Menschen, die vor der Bombardierung in Hiroshima lebten, 66.000 starben und 69.000 verletzt wurden. Eine weitere Kommission, die Joint Commission for the Investigation of the Atomic Bomb in Japan, revidierte diese Zahlen und schrieb: Von 255.200 Einwohnern zum Zeitpunkt der Bombardierung starben bis Mitte November 1945 64.500 (25,5 %), und weitere 72.000 (27 %) wurden verletzt.
Das Krankenhaus des Roten Kreuzes in Hiroshima schätzt die Zahl der Toten auf 70.000 und weitere 50.000 bis 60.000 innerhalb der nächsten zwei Monate, insgesamt also etwa 125.000 Tote.
Die Polizei der Präfektur Hiroshima schätzte die Zahl der Toten und Vermissten in der Stadt Ende November 1945 auf 92.133. Im März 1946 bezifferte die Stadt Hiroshima die gleiche Zahl auf 64.610. Im August 1946 bezifferte die Stadt die Zahl der Toten und Vermissten ein Jahr nach der Bombardierung auf 122.338.
Shinzo Hamai, der Bürgermeister von Hiroshima im Jahr 1949, behauptete, dass 210.000 bis 240.000 Menschen durch die Bombardierung gestorben seien. Er begründete dies mit seinen persönlichen Erfahrungen bei der Arbeit mit Reisrationierungskarten und mit seiner Überzeugung, dass die militärischen Toten aus den offiziellen Statistiken herausgenommen wurden.
In den 1950er Jahren wurden die Zahlen noch einmal angefasst und eine weitere Studie entstand, die nicht mit den früheren Schätzungen übereinstimmte, wie viele Menschen sich an den Tagen der Atombombenangriffe in beiden Städten aufgehalten hatten. Zählt man die militärischen Opfer in Hiroshima hinzu, die in den meisten US-Studien nicht berücksichtigt wurden, könnten weitere 10.000 Tote hinzukommen. Ebenfalls unklar ist die genaue Zahl der etwa 20.000 Zwangsarbeiter*innen aus China, Korea, Taiwan und anderen Ländern, die sich zum Zeitpunkt der Bombardierung in der Stadt aufhielten. Darüber hinaus waren Arbeitspendler*innen in der Stadt, die normalerweise nicht als Stadtbewohner*innen gezählt wurden.
Heute schätzt die Radiation Effects Research Foundation (RERF) die Zahl der akuten Toten (binnen zwei bis vier Monate) auf 90.000 - 166.000. Die Stadt Hiroshima geht von 140.000 Toten bis Ende 1945 aus.
Fazit
In Anbetracht der Meinungsverschiedenheiten über die Quellenangaben, die die Gesamtzahlen dramatisch verändern können, stellt sich die Frage, welche Zahlen man verwenden sollte, wenn man über die Opfer der Bombenanschläge sprechen will. Es gibt keine richtige Antwort, nur eine Spanne.
Bis zum Ende des ersten Tages starben nach konservativen Schätzungen ungefähr 45.000 -50.000 Menschen in Hiroshima. Laut dem US-Militär stieg die Zahl der Todesopfer bis Ende des Jahres 1945 auf 70.000. Spätere, unabhängige Schätzungen gehen von bis zu 140.000 Todesopfern aus.
Egal welche Zahlen wir nehmen, ob Mortalitäts- oder Morbiditätszahlen, das Leid der Opfer war und ist nicht zu unterschätzen. Die Menschen starben auch 1946 und in den Jahren danach noch an den Folgen der Atombombenabwürfe, selbst heute erliegen Überlebende noch den Langzeitfolgen. Viele Menschen litten ihr ganzes Leben lang an den Auswirkungen. Schließlich ist also die genaue Zahl der Toten Ende 1945 immer nur eine Momentaufnahme am Beginn einer fortführenden Linie von Leiden und Sterben.
Bearbeitungsstand: August 2025, xh
Quellen:
City of Hiroshima Webseite: Q. How many people died because of the atomic bombing? Keine Datumsangabe, abgerufen am 05.08.2025
Ohkita T: Akute medizinische Auswirkungen in Hiroshima und Nagasaki, in Last Aid, IPPNW 1985
Radiation Effects Research Foundation: Frequently Asked Questions about the Atomic-bomb Survivor Research Program, keine Datumsangabe, abgerufen am 05.08.2025
Wellerstein A: Counting the dead at Hiroshima and Nagasaki, Bulletin of Atomic Scientists, 04.08.2020