Überblick | Russland

Topol-M Raketensystem auf Siegesparade in Moskau 2013. Foto: Vitaly V. Kuzmin

Die Sowjetunion, Vorgängerstaat Russlands, wurde 1949 Atomwaffenmacht und führte über 700 Atomtests durch. Es wird geschätzt, dass Russland bzw. die Sowjetunion seit 1949 etwa 55.000 Atomwaffen produziert hat. Die Sowjetunion trat dem Nichtverbreitungsvertrag 1972 bei.

Laut Bulletin of Atomic Scientists enthielt das russische Arsenal Anfang 2015 zwischen 7.500 und 8.000 Atomwaffen, von denen ca. 1.800 aktive und einsatzfähige Atomsprengköpfe sind. Weiter sind ca. 2.000 taktische Atomwaffen im Lager vorhanden und bis zu 3.200 außer Dienst gestellte Atomwaffen, wovon ein großer Teil für die Abrüstung im Rahmen bilateraler Verträge vorgesehen ist. » Mehr in der Tabelle unten

Rüstungskontrolle

Der Moskauer Vertrag (SORT) zwischen den USA und Russland aus dem Jahre 2002 sah vor, dass beide Staaten bis 2012 ihre strategischen Arsenale auf 1.700 bis 2.200 aktive Atomwaffen reduzieren. Mit dem Neuen START-Vertrag, den Russland im Januar 2011 ratifizierte, sollte die Zahl der einsatzbereiten strategischen Atomwaffen bis 2018 noch weiter auf je 1.550 reduziert werden. Die Zahl der einsatzbereiten, stationierten Trägersysteme sollte 700 nicht übersteigen und insgesamt sollte jeder Staat nicht mehr als 800 Trägersysteme besitzen.

Am 5. Februar 2011 veröffentlichte das US-Außenministerium Daten vom Neuen START, wonach Russland scheinbar die Reduzierungen für stationierte Atomwaffensysteme unter dem Neuen START schon erreicht hat. Nach den damals vorliegenden Daten waren 521 einsatzbereite Trägersysteme stationiert, mit einer Gesamtzahl von 1537 Atomsprengköpfen. (Die Zahl der Sprengköpfe für Langstreckenbomber ist jedoch nicht real, da nur eine Bombe pro Flugzeug unter dem Neuen START gezählt wird, obwohl sie mehr tragen können.) Russland hatte insgesamt 865 Trägersysteme und müsste daher noch 65 verschrotten, um die Reduzierungsvorlagen zu erfüllen. Weitere Details wurden nicht öffentlich gemacht, z.B. die Zahl der nicht stationierten Atomwaffen.

Atomwaffendoktrin

Anfang 2010 veröffentlichte Russland eine neue Militärstrategie. Obwohl die neue Strategie sehr wenig über den Einsatz von Atomwaffen aussagte, haben Experten sie als einen Fortschritt gegenüber der Strategie von 2000 eingeschätzt. Die Schwelle des Einsatzes wurde angehoben, Präventivangriffe mit Nuklearwaffen sind nicht mehr vorgesehen. Die NATO wird als „Gefahr“ statt als „Bedrohung“ gesehen, hauptsächlich wegen der Erweiterung der Allianz. Einen Angriff auf Russland, der „die Existenz des Staates in Gefahr bringt“, könnte den Einsatz von Atomwaffen auslösen. Damit macht Russland von der Klausel im Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofes (IGH) von 1996 Gebrauch, in dem das Gericht nicht entscheiden konnte, ob eine Verteidigung mit Atomwaffen zum Weiterbestehen eines Staates rechtswidrig sei oder nicht. Ende 2014 wurde zwar eine neue Militärstrategie erklärt, allerdings ohne Änderung in der Atomwaffendoktrin.

Im November 2008 drohte Russlands Präsident Medwedjew wegen der geplanten Raketenabwehr in Europa, Iskander-Raketen in Kaliningrad zu stationieren. Dieser Beschluss wurde im Januar 2009 als Reaktion auf das Verhandlungsangebot von Obama zurück genommen. Allerdings wurde die Drohung Ende 2013 wiederholt und einige NATO-Ländern vor allem in Osteuropa äußerten erneut die Befürchtung, die konventionellen Iskander-Raketen seien bereits nah an der Grenze zur NATO gelagert und könnten eventuell auch mit Atomsprengköpfen bestückt werden. Die NATO strebt nach mehr Transparenz über Zahl und Ort der taktischen Atomwaffen Russlands und fordert eine Verlagerung weg von der NATO-Grenze gemäß des neuen Strategischen Konzept von November 2010.

Modernisierung

Seit einigen Jahren arbeitet Russland an der Modernisierung seiner atomaren Streitkräfte mit der Begründung, dass es unter anderem notwendig sei, den geplanten Raketenschirm der USA zu überwinden. Im März 2009 hat Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew eine Modernisierung der Atomwaffen ab dem Jahr 2011 angekündigt und dies unter anderem mit den Erweiterungsplänen der NATO begründet. Dann beginne eine „umfassende Umrüstung“ des Heeres und der Flotte, sagte der Kremlchef. Im Juni 2013 kündigte Präsident Putin einen Ausbau der Luft- und Weltraumverteidigung an. Im Oktober 2013 testete Russland eine Interkontinentalrakete mit einem neuen atomaren Sprengkopf vom Typ Topol RS-12M.

Russland stockt in den nächsten Jahren die Ausgaben für Atomwaffen um mehr als die Hälfte auf. Dies ist im bis zum Jahr 2016 angelegten Haushaltsplan festgehalten. Laut Generalstabschef Gerasimov habe die Bereitschaft und Weiterentwicklung der russischen nuklearen Streitkräfte die höchste Priorität im Jahr 2015. 2013 wurde nach einer schwierigen und langjährigen Testphase die neue Bulawa-Rakete (RSM-56) auf den Borej-Klasse U-Booten in Dienst genommen, allerdings funktioniert das System immer noch nicht. Laut dem Entwickler der Rakete Solomonov sollten die Probleme auf den desolaten Zustand der russischen Rüstungsindustrie zurück zu führen sein. Auch die Entwicklung der neuen U-Boote dauert länger an als geplant. Bis 2015 sollten acht U-Boote im Dienst sein, erst drei sind tatsächlich im Einsatz und die Inbetriebnahme des vierten U-Boots wurde verschoben.

Bearbeitungsstand: Juni 2015

Die russischen Atomstreitkräfte

Tabelle: Die russischen Atomstreitkräfte 2015

Typ (Name)TrägerStationie-rungsjahrSprengköpfe/
Sprengkraft (KT)
Sprengköpfe insg.
STRATEGISCHE OFFENSIVWAFFEN
ICBMs
SS-18 M6 (Satan)46198810 X 500/800 (MIRV)460
SS-19 M3 (Stiletto)3019806 X 400 (MIRV)180
SS-25 (Sickle/Topol)9919881 X 80099
SS-27 Mod1 silo (Topol-M2)6019971 X 80060
SS-27 Mod1 mobil (Topol-M1)1820061 X 800?18
SS-27 Mod2 mobil (RS-24 Jars)5420104 X 100? (MIRV)216
SS-27 Mod2 silo (RS-24 Jars)420144 X 100? (MIRV)16
SS-27 Mod ? mobil (RS-24 Jars-M)-(2016)3 x 100? (MIRV)-
SS-27 Mod ? Zug (Barguzin)_(2019)4 x 100? (MIRV)-
"Schwere" ICBM 2 silo (Sarmat)-(2020)10 x 100? (MIRV)-
Zwischensumme311

1.049
SLBMs
SS-N-18 M1 (Stingray)2/3219783 X 50 (MIRV)94
SS-N-23 M1 (Sineva)6/9620074 X 100 (MIRV)384
SS-N-32 (Bulawa)(2/32)20146 X 100 (MIRV)192
Zwischensumme10/160

672
Bomber/Waffen
Tu-95 MS6 (Bear-H6)2919846 X AS-15A ALCMs, Bomben174
Tu-95 MS16 (Bear-H16)30198416 X AS-15A ALCMs, Bomben480
Tu-160 (Blackjack)13198712 X AS-15B ALCMs oder AS-16 SRAMs, Bomben156
Zwischensumme72


810

Zwischensumme strategische offensive Streitkräfte




~2.500
NICHT STRATEGISCHE UND DEFENSIVWAFFEN
ABM/Luftverteidigung
53T6 (Gazelle)6819861 x 1068
S-300 / SA-10/12/20 (Grumble)~1.0001980/20071 x niedrig~340
SSC-1B (Sepal)3419731 x 350~17
Luft-/Landgestützt
Bomber/Jäger (Tu-22M3/Su-24M/Su-34)~4301974/2006ASM, Bomben~650
Kurzstreckenraketen (SS-21/SS-26)~1401981/20051 X ?~140
Seegestützt
U-Boote/Schiffe/LuftwaffeSLCM, ASW, SAM, DB, Torpedos~730
Zwischensumme nicht-strategische und defensive Streitkräfte


~ 2.000
Gesamtsumme


~ 4.500

Bemerkungen

1. Es ist nicht bekannt, ob und wieviele SS-25-Regimente, die mit RS-24 ersetzt werden, bereits deaktiviert wurden.

2. Die Sineva ist eine modifizierte SS-N-23 und trägt wahrscheinlich vier MIRV-Sprengköpfen. Nur 256 der Sprengköpfe sind auf vier der sechs Delta IV U-Boote stationiert.

3. Zwei bis drei der zehn U-Boote sind immer in der Wartung und tragen keine nuklearen Waffen. Daher sind nur 416 Atomsprengköpfe von 528 tatsächlich im Dienst.

4. Die Waffen für die Bomber sind gelagert und nicht auf den Flugzeugen montiert. Nach Schätzungen befinden sich nur einige hundert Bomben auf insgesamt zwei Bombenstützpunkten, während aller anderen im Zentrallager verwahrt werden.

5. Nur ca. 1.780 Sprengköpfe sind auf Raketen montiert und in Bomberstützpunkten gelagert. Der neue START-Vertrag zählt weniger stationierte Sprengköpfe, weil gelagerte Bestände und unvollständig beladene SSNBs nicht berücksichtigt werden.

6. Alle 32 Gogon-Raketen sind anscheinend vom ABM-System entfernt worden.

7. Die NATO unterrichtete den North Atlantic Council über die mögliche Simulation taktischer Atomwaffen während der russischen Raketenstart-Übungen 2009.

8. Teilweise addieren sich die Zahlen wegen Ab- und Aufrundung nicht. Alle nichtstrategische Sprengköpfe sind zentral gelagert. 

9. Schätzungsweise befinden sich zusätzlich 3.200 strategische Sprengköpfe vor der Verschrottung.

Abkürzungen

ABM: Raketenabwehrrakete

ALCM: Luftgestützter Marschflugkörper

ASM: Luft-Boden-Rakete

ASW: Anti-U-Boot-Waffe

DB: Wasserbombe

ICBM: Interkontinentalrakete

MIRV: Mehrfachsprengkopf

SAM: Boden-Luft-Rakete

SLBM: U-Boot-gestützte ballistische Rakete

SLCM: Seegestützter Marschflugkörper

SRAM: Kurzstreckenrakete

Quelle: Norris, Robert S./Kristensen, Hans M.: Nuclear Notebook: Russian Nuclear Forces, 2015, in: Bulletin of the Atomic Scientists Juni 2015.

Russisches Arsenal 2015
Insgesamt<8.000
Einsatzbereit1.780
Reserve2.700
für Abrüstung markiert~3.200

Zitiert

Präsident Wladimir Putin. Foto:Russian Presidential Press and Information Office

»Wir können nicht zulassen, dass das Gleichgewicht im System der strategischen Abschreckung gestört und die Wirksamkeit unserer Atomwaffenkräfte gemindert wird«

Wladimir Putin, Juni 2013, als Reaktion auf Obama-Rede in Berlin

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