Überblick | Pakistan

Abdali-Rakete. Bild: Pakistan Army / gemeinfrei

Pakistan verbessert sein gesamtes Atomwaffenpotenzial – zum einen durch die Entwicklung und Stationierung von neuen nuklearfähigen Raketen, zum anderen durch seine Produktionssteigerung an spaltbaren Materialien.

Pakistans Atomwaffen wurden in den 1970er Jahren unter der Leitung von A.Q. Khan entwickelt, beauftragt von Premierminister Zulfikar Ali Bhutto. Khan hatte Pläne für Zentrifugen aus den Niederlanden gestohlen, als er beim Nuklearunternehmen Urenco gearbeitet hatte und setzte diese ein, um Uran anzureichern für die Entwicklung von Atomwaffen.

Pakistan hat nach eigenen Angaben am 28. und 30. Mai 1998 (als Reaktion auf indische Tests) sechs Atomtests erfolgreich durchgeführt. Experten gehen wegen der seismischen Daten allerdings davon aus, dass tatsächlich nur zwei Tests durchgeführt wurden. Nichtsdestotrotz erreichte das Land mit diesen Tests, dass die Weltöffentlichkeit Pakistan als Atomwaffenmacht wahrnahm. Zuvor war lange Zeit ein atomares Arsenal nur vermutet worden.

Pakistan hat nie den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet, wurde aber auch nicht als Atomwaffenstaat offiziell anerkannt. Als in der Anlage 2 des umfassenden Atomteststoppvertrags genannter Staat, muss Pakistan diesen zunächst unterzeichnen, bevor der Vertrag in Kraft treten kann, was bisher aber nicht geschehen ist. 1999 hat Pakistan jedoch ein bilaterales Moratorium für Atomtests, mit Indien unterzeichnet (Lahore Declaration, 1999). Andere bilaterale Vereinbarungen mit Indien sind: Die Übereinkunft, nukleare Anlagen nicht anzugreifen (Non-Attack Agreement, 1988) und jährlich dem anderen eine Liste der eigenen Anlagen zukommen zu lassen; Ankündigungen von Raketentests (Missile Notification Pact, 2005) und die Einrichtung einer Notfall-Hotline für Fehlalarme (Nuclear CBMs, 2004). Pakistan wird seine Atomwaffen beibehalten, solange Indien Atomwaffen besitzt. 2016 enthielten sich jedoch beide Staaten bei der UN-Resolution für die Einberufung einer Verhandlungskonferenz zum Verbot von Atomwaffen.

Pakistan verfügt nach Einschätzung von Kristensen und Norris (Nuclear Notebook, 2016) über etwa 130 bis 140 Atomwaffen in seinem Arsenal und will diese Zahl auf bis zu 250 Atomsprengköpfe bis zum Jahr 2025 erhöhen. Ob sich diese Einschätzung bewahrheitet, hängt eng mit der Weiterentwicklung des indischen Atomwaffenprogramms zusammen.

Angeblich sind Pakistans Atomwaffen nicht einsatzbereit: Keine Atomsprengköpfe sind auf Trägersysteme montiert und Teile davon werden an drei bis vier verschiedenen Orten gelagert. Sie sollen erst kurz vor dem Einsatz zusammengebaut werden, laut Samar Mubarak Mand (World Bulletin, 2013), ehem. Leiter des Nationalen Verteidigungskomplex Pakistans. Einige Atombomben werden als taktische Atomwaffen eingestuft, mit kurzer Reichweite und niedriger Sprengkraft. Gen. Khalid Kidwai (Carnegie-Gespräch, 2015) sieht diese als eine „defensive Abschreckung“ und daher als eine passende Antwort auf die „offensive Militärdoktrin“ der Inder.

Atomwaffendoktrin
Seit 1971 verfolgt Pakistan eine Militärdoktrin des Nichterstangriffes, d.h. das Land verspricht, kein anderes Land anzugreifen oder einzumarschieren. Bisher hat Pakistan noch keine formelle Atomwaffendoktrin erklärt, nur Regierungsmitglieder haben sich in den Medien immer wieder dazu geäußert. 2002 erklärte Präsident Musharraf, dass im Falle eines konventionellen Angriffs des übermächtigen Nachbarlandes Indien, bei welchem „die Existenz des Staates bedroht sei“, sich Pakistan den Einsatz von Atomwaffen vorbehalte, womit er faktisch eine informelle Nukleardoktrin ausrief. Medienberichten zufolge hat Präsident Zardari im Dezember 2008 einschneidende Reformen der pakistanischen Sicherheitspolitik angekündigt. Dazu gehörte u.a. daas Vorhaben Südasien atomwaffenfrei zu machen sowie die Aufgabe der bisherigen informellen Nukleardoktrin. Zadari kündigte nun an, dass auch im Falle eines konventionellen Krieges, kein atomarer Erstschlag gegen Indien erfolgen werde. 2011 wurde durch Wikileaks bekannt, dass Zardari vom Armeechef General Ashfaq Parvez Kayani keine Unterstützung für diese Position bekommen hatte, laut einer Mail vom Februar 2009. Am 27.11.2009 übergab Zardari die Kontrolle über das Atomwaffenarsenal Pakistans an Premierminister Youssaf Raza Gilani.

Pakistan verschiebt seine nuklearen Kapazitäten immer mehr in Richtung taktischer Atomwaffen statt massiver Abschreckung, durch neue Kurzstreckenraketen und Marschflugkörper. Daraus könnte man schließen, dass Islamabad bereit wäre, taktische Atomwaffen zu nutzen, um konventionelle Angriffe auf pakistanisches Territorium abzuwehren. Diese Entwicklung bereitet Sorgen da die Hemmschwelle für einen Atomwaffeneinsatz damit niedriger werden könnte.

Herstellung spaltbarer Materialien
Pakistan produziert sein waffenfähiges Spaltmaterial mit hochangereichertem Uran aus den Zentrifugen des Kahuta-Labors (im Osten von Islamabad). Diese Anlage wird gerade ausgebaut. Eine zweite Anlage könnte sich in Gadwal, nördlich von Islamabad, im Bau befinden. Hinzu kommen vier Schwerwasser-Reaktoren am Standort Khushab, die Plutonium produzieren. Mit diesem Material wird keine Atomenergie gewonnen, es dient allein dem Atombombenbau. Die Wiederaufarbeitungsanlage in Nilore, östlich von Islamabad, wird ausgebaut. Neben dem Reaktor in Chasma im nordwestlichen Punjab zur zivilen Nutzung wurde außerdem eine zweite Wiederaufarbeitungsanlage fertiggestellt (Albright/Kelleher-Vergantini, 2015).

Versuche der Genfer Abrüstungskonferenz, die Produktion von spaltbarem Material weltweit zu begrenzen (Fissile Material Cut-Off Treaty, FMCT), hat Islamabad bisher erfolgreich blockiert – mit der Begründung, dies sei wegen des indischen Atomwaffenarsenals nicht möglich.

Ende 2014 schätzte das Internationale Gremium für spaltbare Materialien (International Panel on Fissile Materials, IPFM) die pakistanischen Bestände auf ca. 3.100 kg hochangereichertes Uran (HEU) und ungefähr 190 kg waffenfähiges Plutonium. Das ist genug, um ca. 204-306 Sprengköpfe zu produzieren – vorausgesetzt, dass jeder Sprengkopf entweder 12-18 kg HEU oder 4-6 kg Plutonium enthält (Siehe "Technische Standards" im Kapitel Wissen | Atombombe | Aufbau). Dennoch ist es schwierig, die Anzahl der pakistanischen Sprengköpfe nur anhand der Menge von Spaltmaterial zu schätzen, da sie neben dieser Menge u.a. auch von der Produktionsrate, Zahl der einsatzfähigen nuklearfähigen Trägersysteme, der gewünschten Sprengkraft und der Kompetenz der Wissenschaftler abhängt. Außerdem wird nicht das gesamte spaltbare Material für Sprengköpfe genutzt, zumal Pakistan nicht über ausreichend Trägersysteme verfügt, um 200-300 Sprengköpfe einsetzen zu können.

Atomwaffenträgersysteme
Pakistan verfügt über sechs einsatzbereite Atomwaffenträgerraketen und entwickelt weitere Trägersysteme für Nuklearsprengköpfe im Kurzstreckenbereich. Eine neue ballistische Mittelstreckenrakete (Shaheen-2) wurde bereits 2014 fertig gestellt. Die Ghaznavi Kurzstreckenrakete wurde auf der Grundlage der chinesischen M-11-Rakete gebaut. Eine Kurzstreckenrakete mit der Bezeichnung Abdali soll 2017 nach langer Entwicklungszeit und sechs Tests stationiert werden. Momentan werden zwei weitere ballistische Raketen entwickelt: Shaheen-1A mit einer Reichweite von 900 km und Shaheen-3, die 2.750 km weit fliegen und damit das gesamte indische Festland erreichen kann. 2015 führte Pakistan zwei Raketentests mit der Mittelstreckenrakete Shaheen-3 durch. Auch die älteste der Atomwaffenträgerraketen, die landgestützte und mobile Ghauri-Rakete, wurde 2015 getestet.

Zwei Marschflugkörper (Babur und Ra’ad) sind gerade im Bau, wobei Tests mit der Babur 2012 eingestellt wurden. Die Reichweite der Babur soll laut der pakistanischen Regierung 700 km betragen; diese Aussage bestritten jedoch US-Geheimdienste, die sie auf 350 km einschätzen. Die Babur-Rakete kann konventionelle oder atomare Ladungen tragen. Ra'ad Marschflugkörper wurden bisher sechsmal getestet, zuletzt im Februar 2016, und werden vermutlich bald stationiert werden. Sie soll nukleare und konventionelle Sprengköpfe präzise einsetzen können. Wahrscheinlich sollen sie am Masroor-Stützpunkt in einer unterirdischen Anlage gelagert werden.

Pakistan besitzt einige F-16- und Mirage-Jagdbomber, die Atomwaffen tragen können. Die ersten F-16 stammen aus den USA aus den 1980er Jahren, angeblich ohne die Fähigkeit, Atomwaffen zu tragen. Die Flugzeuge wurden aber von Pakistan modifiziert und für einige Zeit wurden Lieferungen aus den USA deswegen eingestellt, bis die George W. Bush-Administration neue und modernere F-16 lieferte. Die F-16A/B befinden sich auf dem Mushaf Luftwaffenstützpunkt, nordwestlich von Lahore und haben eine Reichweite von ca. 1.600 km. Sie können jeweils eine Atombombe tragen. Die Sicherheit auf diesem Stützpunkt wurde 2014 verbessert. Die Atombomben sind nicht hier gelagert, sondern im Sargodha Waffenlager, 10 km entfernt. Die moderneren F16C/D sind am Shahbaz Luftwaffenstützpunkt stationiert, nahe Jacobabad, der ausgebaut wird, inklusive neuer Waffenlager. Manche der Mirage-Flugzeuge können Atomwaffen tragen und wurden mit den neuen Ra'ad Marschflugkörpern getestet. Sie sind am Masroor-Stützpunkt nahe Karachi stationiert während sich das Atombombenlager wahrscheinlich 5 km vom Stützpunkt entfernt befindet, sowie am Rafiqui-Stützpunkt nahe Shorkot.

Sicherheit der Atomwaffen in Pakistan
Einem Bericht des US-amerikanischen Kongresses zufolge, verkaufte der „Vater der pakistanischen Bombe“, A.Q. Khan, zwischen den 1980er Jahren und 2002, Nukleartechnologie an mehrere Länder, unter anderem an den Iran, Libyen und Nordkorea. Im Oktober 2003 wurde eine Lieferung an Libyen von Zentrifugenkomponenten auf einem Schiff entdeckt, das zu dieser Enthüllung führte.

Der US-Einsatz, bei dem Osama bin Laden getötet wurde, warf außerhalb Pakistans die Frage auf, ob Pakistans Arsenale vor Terroristen sicher seien; innerhalb Pakistans wuchs die Sorge, dass die Arsenale womöglich nicht vor einem US- oder indischen Zugriff sicher seien. Es ist nicht klar, wie genau die pakistanischen Atomwaffen geschützt werden und welche Vorkehrungen sie in Bezug auf eine „Nutzungs-Kontrolle“ haben. Es wird allerdings vermutet, dass sie über Grundvorkehrungen gegen unautorisierte Verwendung verfügen. Die USA haben Pakistan Hilfe bei der Sicherung der Atomwaffen angeboten und Pakistan erhielt Millionen von Dollar zur Verbesserung der nuklearen Sicherheit; von offizieller Seite heißt es hingegen, die USA spielten „keinerlei Rolle“ bei der Absicherung der Arsenale.

Beim Atomgipfel 2014 in Den Haag kündigte Premierminister Nawaz Sharif an, dass Pakistan die Vertragsänderung der Konvention zum physischen Schutz von Nuklearmaterial (CPPNM) unterzeichnen will. 2016 ratifizierte Pakistan die Vertragsänderung, die noch sieben weitere Ratifizierungen benötigt, bevor sie in Kraft treten kann.

In einer Presseerklärung am 19. Januar 2016 erklärte das National Command Authority (NCA), dass das Atomwaffenarsenal sicher und zuverlässig sei. Satellitenbilder zeigen, dass die Sicherheitszäune in vielen Stützpunkten und Anlagen in den letzten fünf Jahren aufgrund von Terrorangriffen verbessert wurden. Die USA sind aber besorgt, dass die neue Ausrichtung auf taktische Atomwaffen eine Sicherheitsbedrohung darstelle, weil Gefechtsfeldwaffen per se schwieriger zu schützen sind. xh/af

Bearbeitungsstand: Dezember 2016

Bild oben: Abdali-Rakete. Bild: Pakistan Army / gemeinfrei

Tabelle: Pakistanische nukleare Streitkräfte 2016

TypZahlJahrReichweite (km)Sprengkraft (KT)
*Sprengkraft wurden auf der Grundlage der Atomtests 1998 kalkuliert. Es ist jedoch möglich, dass Pakistan Sprengköpfe mit einer höheren oder niedrigeren Sprengkraft entwickelt.
**In Entwicklung
Flugzeuge

F-16A/B~2419981.6001 Bombe
Mirage III/V~1219982.1001 Bombe
ballistische Raketen

Abdali (Hatf-2)**unbekannt(2017)1801 x niedrige KT
Ghaznavi (Hatf-3)~1620042501 x 5-12 KT
Shaheen-1 (Hatf-4)~1620037501 x 5-12 KT
Shaheen-1A (Hatf-4)**-(2017)9001 x 5-12 KT
Shaheen-2 (Hatf-6)~1220141.5001 x 5-12 KT
Shaheen-3 (Hatf-10?)**-(2018)27501 x 5-12 KT
Ghauri (Hatf-5)~2420031.2501 x 5-12 KT
Nasr (Hatf-9)~242013601 x niedrige KT
Marschflugkörper

Babur (Hatf-7)~1220143501 x 5-12 KT
Ra'ad (Hatf-8)**-(2017)3501 x 5-12 KT

Quelle: Norris, R. und Kristensen, H.: Pakistani nuclear forces, 2016, Bulletin of the Atomic Scientists, 72:6, 368-376, DOI: 10.1080/00963402.2016.1241520

Pakistanisches Arsenal 2016
Insgesamt130-140
Einsatzbereit0
Reserve130-140

»Seit 1971 gab es keinen Krieg mehr zwischen Indien und Pakistan. Die Gefechte um Kargil im Jahr 1999 waren lokal begrenzt, und die Frage nach der Anwendung von Nuklearwaffen kam nie auf. Vielleicht sind wir naiv, Idioten sind wir nicht. Beide Seiten wissen um die Konsequenzen.«

A.Q. Khan, Juni 2011

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