TSCHASOW Jewgenij Iwanowitsch

Arzt und Kardiolog, Mitbegründer der IPPNW, 1929 -

Jewgenij Tschasow ist Mitbegründer der Internationalen Ärzten für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) und diente der Ärzteföderation als Ko-Präsident von 1983 bis 1987. In seinem Beruf als Kardiologe wurde er in einigen hochrangigen Stellungen beschäftigt, einschließlich der Leitung des nationalen Herz-Forschungs-Zentrums, das er seit 1976 leitete. Mit dem US-Arzt Bernard Lown nahm er den 1985 Friedensnobelpreis für die IPPNW entgegen. Ein Jahr davor haben die beiden IPPNW-Ärzten auch den UNESCO-Friedenspreis entgegen genommen. Von 1987 bis 1990 war er Gesundheitsminister der UdSSR.

Tschasow ist am 10. Juni 1929 in Gorki geboren und studierte am Kiewer Medizinischen Institut. Ihm wurde einige Auszeichnungen verliehen: u.a. die Auszeichnung des Heldes der sozialistischen Arbeit, den Staatspreis (zweimal) und den Leniner Preis 1982. Er schrieb hunderte von Artikel und mehrere Bücher über Kardiologie.

Die langjährige Berufsbeziehung zwischen Jewgenij Tschasow und Bernard Lown, ein führender Kardiologe in den USA, war Basis für die Gründung der IPPNW im Dezember 1980. Tschasow spielte eine Schlüsselrolle bei einer Moskauer Fernsehsendung, in der mehrere sowjetische und US-amerikanische ÄrztInnen die medizinischen Folgen eines Atomkrieges vor einem Millionen-Zuschauerpublikium sowjetischer BürgerInnen diskutierten. Die Sendung wurde auch in den USA ausgestrahlt.

Tschasow wurde unter seinen Kolleg*innen in Russland sehr bewundert. Sein weitreichender Überblick über die meisten Bereiche der modernen Medizin, ein Riecher für fortschrittliche Entwicklungstendenzen in Therapie, medizinischer Technik und Pharmazie, quirlige Energie und organisatorische Kombinationsgaben haben ihn zu einer herausragenden Figur im sowjetischen Gesundheitswesen gemacht.

Tschasows beruflicher Aufstieg vollzog sich sehr schnell. Mit 36 Jahre alt übernahm er von seinem Schwiegervater die Leitung des „Instituts für Therapie“, das später nationales Herz-Forschungs-Zentrum der UdSSR wurde. Bereits drei Jahre später übernahm er außerdem die sogenannte „4. Verwaltung“ im Gesundheitsministerium, die allgemein „Kremljowka“ heißt, weil ihr unter anderem die gesundheitliche Betreuung der sowjetischen Führung obliegt. Ihr Leiter erhält automatisch den Rang eines Vizeministers. In dieser Eigenschaft fiel Tschasow dann auch die Rolle eines „Leibarztes“ des damaligen Partei- und Staatschefs Breschnew zu, obwohl an der Therapie auch viele andere Mediziner*innen beteiligt waren. Tschasow umgab Breschnew mit einem medizinischen Apparatur in- und außerhalb Moskaus, der dem schwer angeschlagenen Kremlführer wenigstens einen Teil seiner Führungsfähigkeiten sicherte. Der beeindruckte Breschnew ließ es an Ehrungen nicht fehlen. Tschasow wurde 1979 Mitglied der Akademie der Wissenschaften, 1982 Vollmitglied des Zentralkomitees der Partei, ab 1974 Abgeordneter des Obersten Sowjets.

Sein solides politisches Fundament bedeutete ein hohes Maß an Unabhängigkeit und Spielraum für Aktionsmöglichkeiten auf internationaler Bühne. Er entfaltete eine bis dahin beispielslose publizistische Aktivität bei der Aufklärung über die Gesundheitsfolgen eines Atomkrieges. Erstmals erfuhr das breite sowjetische Publikum durch ihn von den Schrecken des weltweiten „nuklearen Winters“, von einem Atomkrieg und von der totalen Hilflosigkeit, mit der die Mediziner*innen aller Welt einem solchen Holocaust gegenüber stehen würden.

Das ihm von westlicher Seite seine Unterschrift unter eine akademische Protest-Resolution gegen den Atomphysiker Andrej Sakharow aus dem Jahre 1973 bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an die IPPNW 1985 angelastet wurde, hat nicht nur Tschasow überrascht. Erklärungen in späteren Jahren hatte er nicht unterschrieben. Damals galt die wissenschaftliche Ratio: Sie sahen in einer langfristig angelegten Politik der Entspannung und Zusammenarbeit mit dem Westen auch eine unabdingbare Voraussetzung für innenpolitische Modernisierungen und Reformen und hielten das, was Sakharow monatelang in Zeitungs- und Fernseh-Interviews für die USA beisteuerte, für gefährlich und kontraproduktiv.

Die Auseinandersetzung über Tschasows Unterschrift und Äußerungen über Andrej Sakharow wurde von manchen zum Prüfstein gemacht, ob die IPPNW den Friedensnobelpreis verdient hatte oder nicht, besonders in Deutschland. Der damalige Generalsekretär der CDU Geißler stand an der Spitze einer Rufmord-Kampagne, in der behauptet wurde, Tschasow habe sich an der Verfolgung Sakharows beteiligt. Dabei erschien der Brief der Wissenschaftler sieben Jahre vor der Verbannung Sakharows, an der Tschasow keinen Einfluss hatte. Freilich war der Stil des Briefes bombastisch und die Wissenschaftler distanzierten sich von dem Atomphysiker öffentlich, dennoch waren keine Aufforderungen zu Maßnahmen gegen Sakharow enthalten.

Beim IPPNW-Weltkongress in Moskau 1987 trat Tschasow als Ko-Präsident der Ärzteorganisation zurück, um seinen Posten als Gesundheitsminister anzutreten. Seine Memoiren veröffentlichte er 1992 unter dem Titel „Health and Power“.

xh (Quelle: IPPNW)

Bearbeitungsstand: Dezember 2020

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