Strategische Stabilität

engl.: strategic stability

Der Begriff „strategische Stabilität“ bezieht sich auf eine Lage, in der Kontrahenten zuversichtlich annehmen können, dass ihr jeweiliger Gegner ihr nukleares Abschreckungs-Potential nicht untergraben oder überwinden kann. Die Idee ist grundlegend für die Überzeugungsfähigkeit der Theorie der nuklearen Abschreckung. Durch die gegenseitige gesicherte Zerstörung (MAD) soll eine Art stabiles Gleichgewicht erstellt werden. Die Grundannahme ist, dass diese Stabilität ein Wettrüsten verhindert, weil in einer Pattsituation niemand einen Vorteil hat - das ist förderlich für die Stabilität. Sobald ein einseitiger Vorteil entsteht, führt dies zu einem Wettrüsten. 1990 definierten die USA und Russland strategische Stabilität als die Abwesenheit von Anreizen auf beiden Seiten, einen nuklearen Erstschlag auszuführen.

Historisch wurde diese Theorie von den Kontrahenten USA und Russland unterschiedlich definiert und interpretiert, was sie angreifbar macht. In der Geschichte wurde nie vereinbart, welche Zahlen von Atomwaffen notwendig sind, um Stabilität zu erreichen. Unklar ist, ob die Seiten immer genaue Parität in allen Atomwaffentypen (strategisch, sub-strategisch bzw. taktisch) und in allen Sphären, (Boden, Luft, See und Weltraum) erreichen müssen. Auch die Frage, wie viele militärische und zivile Ziele in einem Atomkrieg zerstört werden müssen, bleibt offen. Es ist fragliche, ob die Stabilität nur aus den offensiven nuklearen Fähigkeiten besteht oder auch die defensiven bzw. die konventionellen Kapazitäten umfasst.

Die für die Abschreckung notwendigen Zahlen werden an das tatsächliche Arsenal angepasst. Ob ein Akteur 1.500, 300 oder 30 Atomwaffen einsetzt – die Toleranzgrenze für Verluste hängt vom jeweiligen Staat ab. Daher könnte jegliche Anpassung der strategischen nuklearen Streitkräfte von den unterschiedlichen Akteuren als ausreichend „stabil“ oder als „gefährliche Instabilität“ betrachtet werden.

Ein Beispiel, bei dem politische Interessen der Theorie der strategischen Stabilität überlegen war, ist die Kündigung des Raketenabwehrvertrags (ABM) 2001 durch die USA. Zuvor wurde argumentiert, dass die Raketenabwehr die strategische Stabilität unterminiere, weil die gegenseitige Zerstörung nicht mehr gesichert sei. Auch die Einführung von Erstschlagwaffen auf Mittelstrecken-Raketen in Europa in den 70er und 80er Jahren, die binnen kurzer Zeit ihre Ziele erreichen konnten und eventuell einen Vergeltungsschlag verhindern könnten, wirkte destabilisierend und löste einen großen Protest in Westeuropa aus.

Seit der Entstehung des Konzeptes der strategischen Stabilität hat sich die Weltlage verändert. Sie ist komplexer geworden und es gibt mehr nuklearbewaffnete Akteure. Die Instrumente der nuklearen Abschreckung werden modernisiert und diese Aufrüstung wirkt destabilisierend. Neue Doktrinen, Neustationierungen von Atomwaffen und die Entwicklung neuer Atomwaffentypen mit erweiterten Fähigkeiten wirken zusätzlich destabilisierend. Die Frage der globalen und regionalen Machtkonkurrenz zwischen nuklearbewaffneten Staaten beeinflusst die Stabilität ebenfalls.

Es gibt allerdings Expert*innen, welche Rüstungskontrolle statt Parität als Grundlage der strategischen Stabilität sehen. Eine vertragliche Verpflichtung zur Rüstungsbegrenzung sei zentral, weil sich daraus oft auch Verifikationsmöglichkeiten ergeben. Ein rein informelles Regime der Transparenz, Information und Voraussagbarkeit reicht nicht aus. xh

(Quellen: Hall X, Balzer A: Nukleare Abschreckung: Notwendiges Übel oder eine Gefahr für die Sicherheit, ICAN-Hintergrund, Juni 2021; Podvig P: The myth of strategic stability, Bulletin of Atomic Scientists, 31.10.2012; Trenin D: Strategic Stability in the Changing World, Carnegie Moscow Center, 21.03.2019; NZZ: Grundlagen der strategischen Stabilität, 22.03.2007; Kubiczek W: Moskau: Strategische Stabilität ohne Rüstungskontrolle? Das Blättchen, Mai 2020)

Bearbeitungsstand: Juli 2021

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