Die zivile Nutzung der Atomenergie

Windscale Atomreaktor und Turm von Calder Hall, Foto: Tim Duckett, Flickr, 2005Was haben Atomwaffen mit der zivilen Nutzung der Atomkraft zu tun? Sehr viel. Denn Atomkraftwerke, Forschungsreaktoren, Anreicherungs und Wiederaufarbeitungsanlagen haben entscheidend dazu beigetragen, dass heute sehr viele Staaten technisch in der Lage sind, binnen kurzer Zeit Atomwaffen zu entwickeln – einige haben das offen oder heimlich bereits getan. Die sogenannte friedliche Nutzung der Atomkraft sorgt für eine weite Verbreitung waffenfähiger Materialien, zudem lassen sich militärische Atomprogramme unter ihrem Deckmantel leicht kaschieren. Zivile und militärische Nutzung der Atomkraft lassen sich nicht eindeutig trennen.

Das erste kleinere kommerzielle Atomkraftwerk, Calder Hall-1 in Großbritannien, speiste 1956 seinen Strom ins Netz. Zu diesem Zeitpunkt waren neben den USA auch die Sowjetunion und Großbritannien bereits zu militärischen „Atommächten“ geworden und selbst die technisch aufwändigere Wasserstoffbombe (Kernfusionsbombe) mit nochmals weit höherer Zerstörungskraft war bereits entwickelt. Auch Calder Hall, wenngleich als stromproduzierendes Kraftwerk gefeiert, diente im Übrigen in erster Linie der Produktion von Plutonium für das britische Atomwaffenprogramm.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten der zivilen und militärischen Nutzung der Atomenergie

Die Energie, die in einem Atomkraftwerk entsteht, wird genutzt, um heißen Wasserdampf zu erzeugen, der Turbinen antreibt, die über einen Generator dann Strom produzieren. In einer Atombombe soll ein großer Teil der Kernenergie, die in den Spaltstoffen steckt, mit einem Mal explosionsartig freigesetzt werden. Technisch sind das zwei verschiedene Konstruktionen.
Beide aber nutzen die Energie, die bei der Spaltung von Atomkernen frei wird. In einer Atombombe wird die atomare Kettenreaktion in einer geeigneten Menge Spaltstoff gestartet und läuft dann unkontrolliert ab. Im Atomkraftwerk wird die Kettenreaktion durch verschiedene Maßnahmen unter Kontrolle gebracht, so dass es nicht zu einer Kernexplosion kommt. Dennoch handelt es sich um eine Risikotechnologie, die zu schweren nuklearen Unfällen führen kann.

Atombombe wie Atomkraftwerk benötigen Spaltstoffe – in erster Linie angereichertes Uran oder Plutonium – sowie die Technologien, um diese Stoffe herzustellen und zu verarbeiten. Das macht die sogenannte zivile Nutzung der Atomkraft so ambivalent: Mit Hilfe von Anlagen und Stoffen, die für den Betrieb von Atomkraftwerken nötig sind oder dabei anfallen, lassen sich auch  Atombomben bauen.

Die zivile Verbreitung der Nukleartechnik hat dafür gesorgt, dass heute in vielen Staaten wichtige technische Voraussetzungen bestehen, um binnen kurzer Zeit eigene Atomwaffen zu entwickeln. Der damalige Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO), Mohammed el-Baradei, warnte daher 2006 vor einer wachsenden Zahl „virtueller Atomwaffenstaaten“. (Quelle: Liebert W: Bombenrisiko Atomkraft)

Siehe hier eine Liste der Staaten mit diesen Technologien