Kampf-dem-Atomtod-Bewegung

1957 - 1959

Plakat der Kampf dem Atomtod-Bewegung

Die Bewegung „Kampf-dem-Atomtod“ war eine im Wesentlichen von der SPD, den Gewerkschaften und Teilen der evangelischen Kirche getragene Bewegung gegen atomare Bewaffnung. Im Februar 1958 sprachen sich 83 % aller Befragten in einer EMNID-Umfrage gegen Atomraketen aus. Die atomare Bewaffnung der Bundeswehr wurde jedoch am 25. März 1958 im Bundestag beschlossen. Die sich damit ankündigende Einbeziehung der westdeutschen Streitkräfte in das Atomkriegskonzept der NATO provozierte die wohl eindrucksvollste außerparlamentarische Aktivität in den fünfziger Jahren, eine Welle von spontanen Schweigemärschen, Protestkundgebungen und Arbeitsniederlegungen. Die SPD orientierte sich zunächst auf eine Volksbefragung zur Atombewaffnung, und brachte am 7. Mai 1958 einen entsprechenden Antrag in den Bundestag ein. Von einzelnen PolitikerInnen wie dem jungen Helmut Schmidt wurde gar ein "Demonstrationsstreik" der Gewerkschaften gegen die Bundestagsentscheidung gefordert.

Überall entstanden Komitees "gegen den Atomtod", eine Volksbefragung wurde gefordert. Der Hauptvorstand der IG-Bau-Steine-Erden beschloss, dass BauarbeiterInnen, die aus Gewissensgründen beim Bau von Raketenabschussbasen und sonstigen Rüstungseinrichtungen die Arbeit verweigerten, "vollen gewerkschaftlichen Schutz" erhalten würden. Nach einer EMNID-Umfrage sprachen sich 52 % der BundesbürgerInnen für einen Streik zur Verhinderung der Atomausrüstung der Bundeswehr aus. Trotz der günstigen öffentlichen Meinung entzogen SPD und DGB ab Herbst 1958 der Kampagne "Kampf dem Atomtod" schleichend ihre Unterstützung. Die Bewegung fand 1959 ihr Ende, als die SPD sich mit dem Bad Godesberger Programm auf eine große Koalition orientierte und damit auf eine deutliche Unterstützung der Bundeswehr. Dies bedeutete gleichzeitig, dass alle diejenigen, die eine Politik gegen Atomwaffen fortsetzen wollten, sich unabhängig organisierten.

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Dietrich Thränhardt

«Seit 1945 zogen immer wieder Wellen pazifistischer Grundhaltung durch die deutsche Politik. Noch 1946 forderte Franz Josef Strauß, jedem Deutschen, der noch einmal ein Gewehr anfasse, solle die Hand abfallen; jeder sichtbare Aufrüstungsschritt traf auf Demonstrationswellen. Bei der Diskussion um die "Remilitar-isierung" 1950-55 war dies die "Ohne mich"-Bewegung, bei der Atombewaffnung 1959 die "Anti-Atom-Bewegung", bei der "Nachrüstung" 1980-84 die "Friedensbewegung".»

Dietrich Thränhardt, Demokratie in Deutschland, Handwörterbuch des politischen Systems der deutschen Bundesrepublik

Literaturhinweise

Buro, Andreas: Transformationen, Bilanzen und Perspektiven der bundesrepublikanischen Friedensbewegung, in Friedensanalysen 14, Frankfurt, Suhrkamp, 1998, S. 52-105

Käser, Klaus-Dieter: Das kleine Friedens-ABC, Die Grünen Baden-Württemberg, Stuttgart, 1982

Knorr, Lorenz: Geschichte der Friedensbewegung in der Bundesrepublik
Pahl-Rugenstein, Köln, 1983

Michaltscheff, Theodor: Die unverwüstliche Opposition. Geschichte der bundesdeutschen Friedensbewegung 1945-1960, aus dem Nachlass herausgegeben und bearbeitet von Stefan Appelius, Schriftenreihe des Fritz-Küster-Archivs, Bibliotheks- und Informationssystem der Universität Oldenburg, Oldenburg, 1994

Otto, Karl A.: Der Widerstand gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, 1981, 11. Jg., Heft 1, 1998, S. 131-141