Was ist Abschreckung, wie funktioniert sie?

Abschreckung zielt darauf, unerwünschtes Verhalten oder gar einen Angriff des Gegners dadurch zu verhindern, dass dieser mit dem Einsatz von Atomwaffen bedroht wird. Die atomare Abschreckung soll eine Art "Versicherungspolice" darstellen, falls Diplomatie oder andere Formen der Kriegsprävention versagen. Dabei wird davon ausgegangen, dass der Gegner vernünftig handelt, die Zerstörung seines Landes durch Atomwaffen um jeden Preis verhindern will und sich demgemäß abschrecken lässt.

Ausgangspunkt der Abschreckung ist die gegenseitige Verwundbarkeit. Beide Seiten streben danach, sich im Rüstungswettlauf Vorteile zu sichern, um notfalls stärker zu sein, auf jeden Fall aber eine gesicherte Zweitschlagskapazität zu behalten. Diese Bestrebungen führen zwangsläufig zu Hochrüstung und immer leistungsfähigeren Waffensystemen. Die verhängnisvolle Rüstungsspirale wird immer höher geschraubt. Unter den Bedingungen des atomaren Patts gibt es jedoch keinen entwaffnenden Erstschlag, weil selbst bei Einsatz aller verfügbaren Mittel nicht alle Atomwaffen des Gegners ausgeschaltet werden könnten. Das Dilemma dieses Konzepts ist, dass es auf Dauer funktionieren muss ‑ es kann aber nicht ausprobiert werden, ob es tatsächlich funktioniert.

Durch atomare Abschreckung Krieg verhindern und Frieden sichern?

Titan-II-Rakete im Silo, foto: Titan Missile Museum

Die atomare Abschreckung dient seit dem Zweiten Weltkrieg als Eckpfeiler der Sicherheitsdoktrin der Atomwaffenstaaten und ihrer Verbündeten. Viele glauben, sie hätte einen Angriff auf den eigenen Staat oder sogar einen Dritten Weltkrieg verhindert. Das ist aber nicht nachweisbar. Während keiner der Atomwaffenstaaten selbst angegriffen wurde, waren alle in Kriege verwickelt und haben sie manchmal sogar verloren, trotz ihrer Atomwaffen. Zahlreiche Stellvertreterkriege etwa in Latein- und Südamerika und in Afrika wurden geführt. Zahlreiche Nationen, die nicht im Besitz von Atomwaffen waren, wurden angegriffen.

Es gibt also immer mehr Zweifel, ob die Abschreckungsdoktrin funktioniert. Insbesondere gegenüber einem verzweifelten Regime, religiösen Extremisten oder terroristischen Gruppen. Eine Drohung mit Atomwaffen unter solchen Umständen scheint absolut nutzlos zu sein.

Und: Staaten, die sich nicht unter dem Schutz einer atomaren Macht wähnen, greifen zur Absicherung der eigenen Sicherheit ebenfalls nach der nuklearen Bombe: Die Abschreckung führt zu immer mehr Atomwaffenländern.

Atomwaffen selbst sind unsere größte Bedrohung

Die Strategie der Abschreckung geht nicht auf. Die Atombomben sollen unsere Versicherungspolice vor feindlichen Angriffen sein - falls Diplomatie oder andere Formen der Kriegsvorbeugung versagen. Aber: Atomwaffen selbst sind die größte Bedrohung für die Sicherheit auf unserer Erde. Wie Isaac R. Raabi, Physiker und Augenzeuge des ersten Atombombentests sagte: "Plötzlich war der morgige Tag der Tag des jüngsten Gerichts, und so ist es geblieben".

In den Hochzeiten der atomaren Abschreckung waren allein in Westeuropa 7300 US-Atomwaffen stationiert. In Westdeutschland lagerten tausende Atomsprengköpfe in mehr als hundert Depots. Und auch die DDR war voll mit sowjetischen Atomraketen. Eine extrem unsichere Situation in der die Welt mehrfach nur knapp einer atomaren Katastrophe entkommen ist, etwa in Kuba 1962 oder bei Unfällen wie in Heilbronn 1985.

Zitiert:

Dr. Bernard Lown, Begründer der IPPNW»Aber warum dann das Anhäufen von Atomwaffen, wenn das einzige Ziel ist, sie nicht einzusetzen? Wer würde denn reihenweise Häuser bauen, in denen niemand wohnen darf, oder Autos nur für die Garage oder sei es welche Ware auch immer, nur um sie nicht zu benutzen?«

Bernard Lown, Kardiologe und Begründer der IPPNW, 1987