US-Atomwaffen in Europa (NATO)

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Die USA haben ausreichende Stationierungsplätze in europäischen Depots für bis zu 480 taktische Atomwaffen vom Typ B-61-3 oder -4. Tatsächlich werden in fünf europäischen Ländern weiterhin geschätzte 150 taktische Atomwaffen gelagert. Sie sind in Belgien, Deutschland, den Niederlanden, der Türkei und derzeit noch Italien stationiert – also in Ländern, die offiziell als Nicht-Atomwaffenstaaten gelten und dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten sind.

Diese Atomwaffen gehören unter US-Kommando, dennoch können sie im Ernstfall von europäischen Piloten und Flugzeugen eingesetzt werden. Dies würde im Rahmen der „nuklearen Teilhabe“ geschehen, über die alle NATO-Mitglieder in die Planung eines Atomkriegs eingebunden sind.

Über die Jahre hat sich sowohl die Zahl der Lagerorte für Nuklearwaffen in Europa als auch die Zahl der Staaten, die aktiv mit Flugzeugen bei der nuklearen Teilhabe mitmachen, immer weiter verringert. Geschlossen wurden in den letzten zehn Jahren die Lager Nörvenich, Memmingen und 2005 Ramstein in Deutschland, Lakenheath in Großbritannien, 2001 Araxos in Griechenland sowie wahrscheinlich Akinci und Murted in der Türkei. Rund 60% der verfügbaren modernen Lagerstätten für Atomwaffen in Europa wurden dabei stillgelegt. Aus der nuklearen Teilhabe ausgeschieden sind neben Kanada auch Griechenland und zuletzt die Türkei, obwohl in Incirlik noch US-Atomwaffen gelagert werden. In Italien könnte dieser Schritt bevorstehen, wenn auch der Stützpunkt Ghedi Torre seine nukleare Funktion verlieren sollte.

Nuklearwaffen werden auf europäischen Flugplätzen in geschützten unterirdischen Magazinen, sogenannten Weapons Storage Vaults (Grüften oder Unterflurmagazinen) aufbewahrt, die in den Boden von Flugzeugschutzbauten auf ausgewählten Fliegerhorsten eingebaut wurden. Jedes Magazin kann maximal vier Waffen aufnehmen und wird mit spezieller Technik fernüberwacht. Die Magazine wurden so konstruiert, dass sie theoretisch sowohl einem Feuer als auch einem bewaffneten Angriff solange standhalten sollen (~30 Minuten), bis Feuerwehr und/oder stärkere Sicherheitsmannschaften eingetroffen sind.

Trotzdem stellte im Februar 2008 eine hochrangige Expertengruppe der US-Luftwaffe in einer internen Studie fest, dass „die meisten“ der
Atomwaffenlagerstätten in Europa die strengen Sicherheitsanforderungen des US-Verteidigungsministeriums nicht mehr erfüllen. Die Waffen seien zwar im Grundsatz sicher gelagert, die Mängel an Zäunen, Beleuchtungen und Gebäuden müssten aber mit hohem finanziellen Aufwand beseitigt werden. Aus diesem Grund wurde seit geraumer Zeit der Zaun um den deutschen Atomwaffenstandort in Büchel erneuert.

Die US-Atombomben in Europa werden künftig mit einer neuen Bombe ersetzt: die B61-12. Das Programm wird als "Life Extension Program" betitelt. Manche Expert*innen meinen, dass die B61-12 eine neue Bombe ist, denn nur der nuklearen Sprengsatz wird aus den alten Bomben übernommen. Durch technische Erneuerungen (z.B. präzisere Lenkung durch neuen Heckteil) bieten die neuen Bomben noch mehr Einsatzmöglichkeiten und können flexibler genutzt werden. Kritiker*innen befürchten dadurch eine Senkung der Hemmschwelle für den Einsatz.

Die technische Entwicklung der B61-12 begann bereits 2012 und wurde erfolgreich getestet. Nach Verzögerungen hat die Serienproduktion begonnen und die ersten Atombomben werden voraussichtlich ab 2022 stationiert.

Die Lagerung von US-Atomwaffen in Europa galt bislang als „offenes Geheimnis“, da die Öffentlichkeit durchaus darüber Bescheid wusste, die Informationen jedoch nie von der NATO bzw. den nationalen Regierungen wegen Geheimhaltung bestätigt worden sind. Eine erste „offizielle“ Bekanntgabe dieser Orte durch einen Bericht eines kanadischen Senators sorgte für Aufsehen.

Die nukleare Teilhabe wurde vom Fraktionschef der SPD Rolf Mützenich im Mai 2020 in Frage gestellt. Diese Aussage löste eine langanhaltende Debatte über die Praxis erst in Deutschland und dann in Europa aus. Dahinter verbirgt sich ein Koalitionsstreit über die Anschaffung neuer Trägerflugzeuge für den Atomwaffeneinsatz, welche die veraltende Tornado-Flugzeuge ersetzen sollen. Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer hatte im März den USA einen Kauf von 45 F18-Kampfjets für die nukleare Teilhabe in Aussicht gestellt.

Bearbeitungsstand: Juli 2020

Karte oben: Auf Karte klicken für Großansicht einer Karte zur nuklearen Teilhabe der NATO von Moritz Kütt /gemeinfrei

Tabelle: US Atomwaffen in Europa

FlugplatzLandUnterflur-
Magazine
Waffen
gelagert
(geschätzt)
Waffen
lagerbar
(max)
Einheiten und Status
GesamtNATO87 aktiv
116 inaktiv
100-200392
BüchelD1110-2044Jabo-
Geschwader 33 der Bundeswehr mit Tornado-Flugzeugen**
RamsteinD54*00 (216)86. Lufttransport-
Geschwader mit C-130-Transportern
Kleine BrogelB1110-204410. taktisches Geschwader der belgischen Luftwaffe mit F-16-Flugzeugen
VolkelNL1110-20441. Jagdbomber-
Geschwader der holländischen Luftwaffe mitF-16 Flugzeugen.
LakenheathGB3300 (132)48. Jagdbomber-
Geschwader der USAF mit F-15E-Flugzeugen
AvianoI18507231. Jagdbomber-
Geschwader der USAF mit F-16-
Flugzeugen
Ghedi-TorreI1120-40446. Geschwader der italienischen Luftwaffe mit Tornado-Flugzeugen.
AraxosGR600 (24)116. Geschwader der griechischen Luftwaffe mit A-7 Corsair II-
Flugzeugen
IncirlikTR250-50100rotierende Einheiten der USAF
NörvenichD1100 (44)Jabo-Geschwader mit Tornado-Flugzeugen*
Murted/AkinciTR600 (24)4. Geschwader der türkischen Luftwaffe mit F-16-Flugzeugen
BalikesirTR600 (24)9. Geschwader der türkischen Luftwaffe mit F-16-Flugzeugen

*plus ein weiteres Magazin für Ausbildungs- und Übungszwecke.
**sollen ab 2012-2015 auf nicht-nukleare Eurofighter umgerüstet werden

Quelle Nassauer, Otfried: US-Atomwaffen in Deutschland und Europa, 2008; NATO und der nukleare "Schirm", IPPNW-Akzente, Okt 2010 (pdf)

»Wenn es keine militärische Begründung mehr für taktische Nuklearsprengköpfe in Europa gibt, dann kann das nur heißen: Die Waffen müssen weg.«

Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, Rheinische Post, 02.02.2012

Deutsche Vertretung in der NATO

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