Die atomaren Streitkräfte Israels

Dolphin U-Boot in Deutschland vor der Auslieferung nach Israel, Foto: IDF

Aus israelischen Quellen wurde bekannt, dass es sich bei drei von Israels mutmaßlichen Tests in der Wüste Negev um die Erprobung atomarer Artilleriegranaten und Raketen mittlerer Reichweite handelte. Man schätzt, dass Dimona vier bis fünf Sprengköpfe pro Jahr herstellt. Der jetzige Bestand besteht vor allem aus taktischen Atomwaffen, die im Nahen Osten eingesetzt werden könnten - darunter Neutronenbomben, die mit hoher Gammastrahlung und wenig Sprengkraft mehr auf Menschen als auf Gebäude zielen. Zu den Waffen sollen auch ballistische Raketen und Bomber, Marschflugkörper (cruise missiles), Landminen und Artilleriegeschosse gehören. Die Israeli Defense Force (IDF) verfügt über ein breites Spektrum von Atomwaffen-Trägersystemen, das die gesamte Triade aus land-, luft- und seegestützten Waffenplattformen umfasst.

Es existieren unbestätigte Berichte, nach denen Israel Artilleriegeschosse mit taktischen Atomsprengköpfen entwickelt hat. Seit 1976 verfügt es über US-Raketenartilleriesysteme MGM-52 C Lance, mit einer Reichweite von rund 130 Kilometern. Gesicherter sind Informationen über Waffensysteme mit größerer Reichweite. So können unterschiedliche Typen von Boden-Boden-Raketen eingesetzt werden. Die maximale Reichweite der YA-1 Jericho I wird von Experten höchst unterschiedlich eingeschätzt (von 500km bis 1200km), was sie zu einer ballistischen Kurzstreckenrakete, oder zu einer Mittelstreckenrakete mittlerer Reichweite machen würde. Erklärt werden kann dies damit, dass es Vermutungen gibt, dass in den siebziger Jahren eine modernisierte Variante mit der Bezeichnung YA-2 entwickelt wurde. Raketen sollen in Silos bei Kfar Zechariah, rund 45 Kilometer südöstlich von Tel Aviv stationiert sein.

Die YA-3 Jericho II ist eine ballistische Mittelstreckenrakete mittlerer Reichweite (bis zu 1800km) mit Gefechtsköpfen, deren Sprengkraft circa 20 Kilotonnen ragen soll und die mit einer radargesteuerten Endphasenlenkung nach dem Muster der US-amerikanischen Pershing-II präzise ins Ziel gebracht werden können. Weitere Jericho II-Raketen sollen auf mobilen Abschussfahrzeugen in den Kalkhöhlen bei Kfar Zechariah stationiert sein. Aus der Jericho II entwickelte Israel bis 1988 die Shavit-Rakete, mit der es seitdem Überwachungssatelliten (bis zu 300kg schwer) ins All befördert. Die Rakete ist dreistufig und basiert auf einem, in den 1980er Jahren zusammen mit Südafrika entwickelten Booster. Diese Rakete könnte wohl zu einer ballistischen Rakete weiterentwickelt werden, mit einer geschätzten Reichweite von circa 5000 bis 7000km, je nach Größe des Gefechtskopfes (etwa bis zu 1t). Dies würde sie zu einer Mittelstreckenrakete größerer Reichweite, oder sogar zu einer Interkontinentalrakete machen. Diese Überlegungen stehen in Zusammenhang mit Berichten, nach denen das Land an einer neuen ballistischen Rakete arbeitet (Jericho III). Über den Stand dieses Projekts ist kaum etwas bekannt. 2008 könnten erste Tests erfolgt sein. Auch bei einem im November 2011 durchgeführten Raketentest solle es sich um Versuche mit der Jericho III gehandelt haben.

Die israelische Luftwaffe verfügt über mehrere Typen atomwaffenfähiger Kampfflugzeugen US-amerikanischer Bauart, deren Reichweite sich mittels Luftbetankung vergrößern lässt und die von der hoch entwickelten israelischen Rüstungsindustrie teilweise erheblich kampfwertgesteigert wurden. Dabei handelt es sich vor allem um die F-16 Fighting Falcon und die F-15I Ra’am, die ab 1998 in Dienst gestellt wurde und, ohne Luftbetankung, einen Einsatzradius von etwa 5.500km besitzt und mit modernsten Navigations- und Zielerfassungssystemen ausgestattet ist.

Seit 2003 besitzt auch die israelische Kriegsmarine die Fähigkeit zum Nuklearwaffeneinsatz. Als Plattform dienen die von Deutschland seit 1999 gelieferten Dolphin-U-Boote, die zu großen Teilen durch Subventionen aus deutschen Steuermitteln finanziert wurden. In einem ersten Deal wurden bis 2000 drei U-Boote mit konventionellem diesel-elektrischem Antrieb ausgeliefert.

In einem zweiten Geschäft wurden bis 2012 zwei U-Boote der Dolphin-II-Klasse bestellt, deren elektrischer Antrieb über fortschrittliche Brennstoffzellentechnik verfügt, die die U-Boote unabhängig von Außenluft macht und so die Reichweite, ohne Auftauchen zu müssen, stark erhöht. Eins wurde 2012 ausgeliefert, ein weiteres soll 2013 folgen. Im März 2012 bestellte Israel das insgesamt sechste U-Boot bei der Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) in Lübeck. Israel schafft diese U-Boote aber nicht nur wegen der fortschrittlichen Technik an. Mehr als zwei Drittel des Anschaffungspreises der sechs U-Boote trägt, in Form von offenen und verdeckten Subventionen, der deutsche Steuerzahler.

Prinzipiell können von diesen U-Booten aus Marschflugkörper der US-Typen Harpoon und Tomahawk (SLCM) abgefeuert werden. Die USA lehnten 2000 den Verkauf von 12 Tomahawk Langstrecken-SLCMs ab, die von der US-Marine auch nuklear bestückt werden. Die SLCM Harpoon, über die Israel verfügt, ist eigentlich eine Anti-Schiffs-Rakete. Für einen Einsatz gegen weit entfernte Landziele und Bestückung mit Atomsprengköpfen müsste sie stark modifiziert werden. Darüber ist bisher nichts bekannt. Die Israelis sollen dagegen eigene Typen von cruise missiles zu seegestützten Marschflugkörpern weiterentwickelt haben (Bezeichnung Popeye Turbo SLM bzw. Deliah), deren vermutete maximale Reichweite bei internationalen Experten stark umstritten ist (Schätzungen gehen von 350km oder 1500km aus) Inwieweit diese Raketen bereits einsatzbereit sind, ist nicht bekannt, genau wie die Frage, ob und, wenn ja, wann diese Waffen, die eine Traglast bis 200kg haben sollen, mit Atomsprengköpfen bestückt werden können. jk (Quellen: W&F, Nuclear Notebook, FAS, missilethreat.com, Reuters, CSIS, BITS, naval-technology.com)

Bearbeitungsstand: September 2012

Israels Trägersysteme für Atomwaffen

Typ/NameJahr der StationierungReichweite (km)Bemerkungen
Flugzeuge
F-16A/B/C/D/I Fighting Falcon19801.600205 insgesamt, einige sind für Atomwaffen zertifiziert. Die Bomben werden möglicherweise in Tel Nof, Nevatim, Ramon, Ramat-David und Hatzor gelagert.
F-15I Ra'am (Thunder)19984.450Einige dieser Flugzeuge könnten für nukleare Angriffe über lange Strecken genutzt werden.
Landgestützte Raketen
Jericho I19731.200Möglicherweise 50 Stück in Kfar Zechariah, wahrscheinlich nicht mehr einsatzbereit.
Jericho II19901.800ca. 50 Stück in Kfar Zechariah, auf mobilen Startrampen (TELs) in Höhlen; 2001 Teststart.
Jericho IIITeststart am 17.1.2008.
Shavit Trägerraketekönnte als ballistische Rakete umgebaut werden und ein Gewicht von 775 kg tragen.
Seegestützte Raketen
U-Boote der Dolphin-Klasse2002 (?)?Modifizierte (?) Harpoon-Rakete für Angriffe auf Landziele.

Quelle: NRDC Nuclear Notebook: Israeli nuclear forces, 2002, in: Bulletin of the Atomic Scientists September/October 2002, S. 73-75.; Nuclear forces, Israel, SIPRI/FIRST 3.0 Januar 2008.