Vagabundierende Atomwaffen

engl.: loose nukes

Grafik: Nachrichten Heute

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) sieht in Terroranschlägen mit Kernwaffen oder radioaktivem Material eine echte und unmittelbare Gefahr. Seit Jahren verfolgt die Organisation deshalb ein umfangreiches Programm zur Verstärkung der nuklearen Sicherheit. So beschloss sie eine Nachbesserung der Vereinbarung zum physischen Schutz von Nuklearmaterial und in 2005 eine Konvention gegen den Nuklearterrorismus. Mit dem Abkommen besteht nun eine Rechtsgrundlage für die internationale Zusammenarbeit bei der Untersuchung, Bestrafung und Auslieferung aller Personen, die Straftaten mit atomarem Spaltmaterial oder Nuklearmitteln begehen.

Konsequente Sicherungsmaßnahmen und internationale Terrorismus-Bekämpfung können das Risiko aber höchstens eindämmen. Ein wirklich zuverlässiger Schutz erfordert einen umfassenden Ansatz. Denn atomare Sicherheit, Abrüstung und Nuklearterrorismus hängen unmittelbar zusammen. Darum, so fordern die Atomgegner, muss eine wirksame Strategie den Ausstieg aus der Atomenergie und die globale Nichtverbreitung ebenso einschließen wie die Beseitigung von Kernwaffen und nuklearem Spaltmaterial. Da für Terroristen der Zugang zu atomarem Explosionsstoff die entscheidende Hürde bildet, wird die Gefahr erst mit dessen Vernichtung völlig gebannt sein. Schon die gewaltige Masse von 3.755 Tonnen global verstreuten Spaltmaterials bildet eine hochgradige Risikoquelle. Im vergangenen Jahrzehnt hat die IAEO mehr als 650 Fälle aufgelistet, in denen radioaktives Material auf dem Schwarzmarkt gehandelt wurde, Tendenz steigend. Im Dezember 2005 gelang es verdeckten US-Ermittlern, im Ausland erworbenes Strahlenmaterial unbemerkt an Grenzübergängen zu Kanada und Mexiko einzuschmuggeln. Die Menge an Cäsium-137 hätte für den Bau von zwei radiologischen Bomben ausgereicht. Auch das Arsenal von weltweit immer noch über 27.000 Atomwaffen ist ein ständiger Gefahrenherd, weil es Terroristen den Zugriff auf nicht ausreichend gesicherte Lagerstätten oder durch die Bestechung korrupter Militärs ermöglicht. (Quelle: Wolfgang Kötter in Freitag 16, 21. April 2006)

Bearbeitungsstand: Oktober 2009

siehe auch: IAEO
siehe auch: Nuklearterrorismus

VANUNU Mordechai

1954 -

Vanunu zwei Tage nach der Entlassung, Foto: Ronald H. Miller

Mordechai Vanunu wurde am 13. Oktober 1954 als Sohn jüdisch-marokkanischer Einwanderer in Marrakesch geboren. Nach Beendigung des Militärdienstes in der israelischen Armee und einem abgebrochenen Physikstudium arbeitete er von 1976 bis 1985 als Techniker im streng geheimen Dimona Nuclear Research Center.

Nach seiner Entlassung gab Vanunu Informationen an britische Zeitungen weiter, aus denen hervorging, dass Israel Atomwaffen besitze. Noch vor Veröffentlichung dieser Informationen wurde Vanunu im September 1986 in Rom vom israelischen Geheimdienst Mossad festgenommen und nach Israel entführt. Die Entführung erfolgte ohne Wissen der italienischen Regierung.

Vanunus Nachricht, geschrieben auf der Handfläche, Foto: nuclearweaponarchive.orgDie israelische Regierung leugnete, etwas über Vanunus Verbleib zu wissen, bis es ihm gelang, aus einem Polizeibus heraus Journalisten eine Nachricht zukommen zu lassen, indem er eine heimlich auf seine Handinnenfläche geschriebene Nachricht an die Fensterscheibe hielt. Daraufhin wurde er wegen Landesverrats und Spionage zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er etwa 11 Jahre in Einzelhaft verbüßen musste. Im April 2004 wurde er unter strengen Auflagen freigelassen. So darf er Israel nicht verlassen, darf sich keiner ausländischen Botschaft nähern und muss über geplante Ortswechsel Rechenschaft ablegen. Außerdem darf er weder das Internet noch Handys benutzen, und jeder Kontakt mit ausländischen Journalisten ist ihm verboten. Trotz der Auflagen hat er immer wieder Interviews gegeben, weswegen er mehrmals inhaftiert wurde.

1987 erhielt er den Alternativen Nobelpreis. Im Jahr 2002 wurde er mit dem Nuclear-Free Future Award in der Kategorie »Widerstand« ausgezeichnet. Im Jahr 2004 wurde er zum Rektor der Universität von Glasgow gewählt, und 2005 erhielt er den Friedenspreis des norwegischen Volkes. (LL)

Bearbeitungsstand. Juni 2007

Varrelbusch

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

Die Nike-Feuerstellung (Launching Area) Varrelbusch (52°55’06“N, 08°03’08“O) der 1. Batterie des FlaRakBtl 25 lag ca. 8 km nördlich der Stadt Cloppenburg in Niedersachsen.
Die dort stationierte FlaRakBatterie bestand aus drei getrennten Bereichen: der Unterkunft, dem Feuerleitbereich in günstiger topografischer Lage mit bis zu 5 Radargeräten für Überwachung, Zielerfassung, Zielverfolgung und Flugkörperverfolgung und dem Abschussbereich mit jeweils 3 Abschussflächen und dazugehörigen Bunkern. In diesem Bereich befanden sich auch die Atomsprengköpfe. Während die Raketen in Montagebunkern oder auf durch Erdwälle geschützten Abschussschienen bereit gehalten wurden, lagen die Radaranlagen in exponierter Stellung und konnten nur mit Sandsäcken oder Konturen verwischender Tarnung ungenügend geschützt werden. Zum Eigenschutz vor allem gegen angreifende Tiefflieger, wurden die Stellungen später zusätzlich mit 20mm Zwillingsgeschützen ausgestattet.
In der Stellung Varrelbusch waren von 1963 bis vermutlich 1988 atomare Flugabwehrraketen vom Typ Nike stationiert. An Atomsprengköpfen waren zwei Versionen verfügbar. Die kleinere mit der Bezeichnung B-XS hatte eine Sprengkraft von 2 Kilotonnen. Die größere B-XL besaß ursprünglich 40 kT Sprengkraft. Letztere wurden in den 1970er Jahren gegen Sprengköpfe zu je 20 kT ausgetauscht.
Maximal waren je Stellung zehn Nuklear-Sprengköpfe vorhanden, acht mit der Stärke XS mit 2 Kilotonnen und zwei XL mit 40/20 Kilotonnen Sprengkraft. (Jürgen Dreifke)
Ein Zeitzeuge erinnert sich: „Die vier Batterien des FlaRakBtls 25 [mit den Feuerstellungen Varrelbusch, Wuthenau, Wagenfeld und Lohne] befanden sich in unterschiedlichen Bereitschaftsstufen mit einer Reaktionszeit von maximal 30 Minuten, maximal 3 Stunden, maximal 12 Stunden und mehr als 12 Stunden. Innerhalb einer Batterie hatten mindestens zwei Abschussplätze den selben Bereitschaftsgrad. Konnte eine der Batterien aus technischen Gründen den Bereitschaftsgrad nicht einhalten, dann rückten die anderen Batterien eine Einsatzstufe nach oben. Abhängig vom Bereitschaftsgrad war die Stellung im Schichtbetrieb ständig besetzt und einsatzbereit. Dazu gab es in der Batterie drei Kampfbesatzungen für den Feuerleit- und Abschussbereich, die sich in einem System von 48-Std-Schichten während der Woche und 72-Std-Schichten am Wochenende abwechselten.
Für den Einsatz der Gefechtsköpfe gab es genau festgelegte Prioritäten. Beim Anflug eines einzelnen feindlichen Zielobjektes wurde ein kleiner atomarer Gefechtskopf (B-XS) eingesetzt. Beim Anflug mehrerer feindlicher Zielobjekte wurde ein großer atomarer Gefechtskopf (B-XL) eingesetzt. Die ebenfalls vorhandenen, konventionellen Gefechtsköpfe dienten lediglich als Munitionsreserve.
Soweit mir bekannt, befanden sich in allen Nike-Stellungen der Bundesluftwaffe atomare Gefechtsköpfe.“ (Michael Juhls)

Bearbeitungsstand: Juni 2010

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: KT-Wert
siehe auch: Nike Hercules

Venting

engl.: venting

Baneberry unterirdischer Atomtest, 18.12.1970

In Verbindung mit unterirdischen Atomwaffentests bezeichnet der Begriff »Venting« den Austritt von radioaktiven Gasen in die Atmosphäre. Die Versuche werden entweder am Ende von horizontal angelegten Tunneln oder in einem vertikalen Schacht durchgeführt. Dafür muss ein im Durchmesser etwa 3 m großes und nach vorliegenden Erfahrungen zwischen knapp dreißig und rund zweitausend Metern tiefes Loch in die Erde gebohrt werden. Über der Bohrung wird dann eine transportable turmartige Vorrichtung für die Testgeräte installiert. Der eigentliche Sprengsatz befindet sich im unteren Teil, darüber ist ein ca. 200 t schwerer und 1,5 m langer »Diagnose-Kanister« mit Messgeräten zur Feststellung der Funktionswirkungen der Waffe installiert. Anschließend wird das gesamte Paket mittels eines Kranes in das Bohrloch versenkt und dieses mit Erdreich und Beton möglichst strahlensicher verschlossen. Wie bisherige Nukleartests zeigen, reißt aber die Explosion trotzdem häufig Erde unmittelbar über der Bombe weg und bläst hochradioaktiven Schmutz, Fels und Schutt wie durch einen Luftkanal heraus. Die Folge ist eine intensive Strahlenverseuchung von Luft, Boden und Grundwasser. Auch durch Bodenrisse und -Spalten kann es zum so genannten »Venting« kommen, dem Austritt radioaktiver Gase in die Atmosphäre, die bei Menschen und Tieren in den betroffenen Gebieten zu schweren gesundheitlichen Schädigungen führen. (Quelle: Neues Deutschland: Trotz Teststoppverbot drohen neuen Atomversuche, 23.09.2006.)

Bearbeitungsstand: März 2009

Vereinbarung von Nassau

engl.: Nassau Agreement

Am 18. Dezember 1962 unterzeichneten der amerikanische Präsident John F. Kennedy und der britische Premierminister Harold Macmillan in Nassau (Bahamas) die sogenannte Vereinbarung von Nassau. Darin verpflichteten sich die USA zum Verkauf von Polaris-Raketen an Großbritannien. Dadurch sollte der Aufbau einer eigenständigen britischen U-Boot-gestützten nuklearen Atomstreitmacht sichergestellt werden. Im Gegenzug erhielten die USA die Zusage, den schottischen Marinestützpunkt Holy Loch nutzen zu können.
Der Aufbau einer britischen Atomstreitmacht sollte die NATO-Bündnisverteidigung in Europa stärken. Dies erschien den europäischen NATO-Verbündeten dringend erforderlich, nachdem die USA infolge der Kuba-Krise im Oktober 1962 die Rücknahme der gegen die Sowjetunion gerichteten Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in der Türkei zugesichert hatte.
Während Großbritannien die atomare Aufrüstung auch als Prestigewinn gegenüber den anderen NATO-Partnern betrachtete, lehnte der französische Präsident Charles de Gaulle ein vergleichbares Angebot der USA kategorisch ab. Stattdessen forcierte er den Aufbau einer eigenständigen von Bündnisverpflichtungen unabhängigen „force de frappe“. (LL)

Bearbeitungsstand: Juli 2010

Siehe auch: Force de Frappe
Siehe auch: Polaris-Rakete

Vergeltungsschlag

engl.: retaliatory strike

Seit Hiroshima und Nagasaki wurden Atomwaffen als »Ultima Ratio« betrachtet. Ihr Einsatz wäre nur dann in Frage gekommen, wenn das blanke Überleben eines Volkes auf dem Spiel gestanden hätte. Das vom Pentagon veröffentlichte neue Grundsatzdokument zur militärischen Nuklearstrategie (Nuclear Posture Review, NPR) gibt den Einblick in eine erschreckende Strategie, die zum Ziel hat, das gesellschaftliche Tabu, Atomwaffen einzusetzen, zu brechen.

Die Bush-Regierung hat in der Tat die atomare Hemmschwelle herabgesetzt. Im Furcht einflößenden Kauderwelsch der Pentagon-Veröffentlichung hört sich das so an: »Wir müssen bereit sein, Schurkenstaaten und ihre terroristischen Schützlinge aufzuhalten, bevor sie in der Lage sind, mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen zu drohen [...] Um solch feindseligen Akten zuvorzukommen oder sie zu verhindern, werden die USA, wenn nötig, präventiv handeln«. Weiter heißt es: »Die USA behalten sich das Recht vor, mit aller Macht und unter Zuhilfenahme all ihrer Optionen auf den Einsatz von Massenvernichtungswaffen gegen die USA, ihre im Ausland stationierten Streitkräfte oder ihre Freunde und Alliierten zu reagieren«.

Dies bedeutet, dass jeglicher noch so marginale Angriff auf US-Interessen - real oder eingebildet, egal von wem und wo in der Welt - der mit irgendeiner Form von chemischen, biologischen oder radiologischen Waffen geführt wird, einen atomaren Vergeltungsschlag auslösen könnte. Mit dem Strategiepapier des Pentagon wird der Atomwaffensperrvertrag Makulatur. Mit dieser neuen Strategie brechen die USA das im Jahre 1978 gegebene Versprechen, niemals Atomwaffen gegen ein Land einzusetzen, das selbst keine Atomwaffen besitzt. Sie verletzen ihre Verpflichtungen aus internationalen Verträgen, wenn sie gegen Länder, die den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet haben, Atomwaffen einsetzen. Im tieferen Sinne setzt das Strategiepapier des Pentagon einen seit den Anfängen des Kalten Krieges geheiligten Grundsatz außer Kraft, nämlich dass Abschreckung die einzige Rechtfertigung für die Stationierung atomarer Massenvernichtungswaffen sein darf, nicht aber die Absicht, sie im Kriegsfall einzusetzen. Dieser unheilvolle Präzedenzfall wird unkontrollierbare Kräfte mit weit reichenden, unvorhersehbaren und tückischen Konsequenzen in Gang setzen. (Quelle: Bernard Lown, IPPNW)

Bearbeitungsstand: August 2007

Verifikation

engl.: verification

Eine Nuklearwaffenkonvention kann nur dann wirksam sein, wenn ihre Einhaltung in technischer wie politischer Sicht ausreichend verifiziert (überprüft) werden kann. Ziel der Verifikation ist es, frühzeitig Informationen zu gewinnen und zu interpretieren, damit verbotene Aktivitäten unterbunden oder rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen werden können.

Ein nachhaltiges Verifikationsregime muss den Staaten von Anfang an die Gewissheit geben, dass ihre Beteiligung eine bessere Sicherheitsgarantie bietet als die Aufrechterhaltung der nuklearen Option. Ein Leitprinzip sollte die Suche nach einem Regelwerk sein, das so restriktiv ist, dass es größtmögliches Vertrauen in die Einhaltung bietet, aber auch so freizügig, dass es Staaten ohne Einschränkung ihrer legitimen Sicherheits- und Handelsinteressen den Beitritt zu dem System ermöglicht.

Bei der Diskussion möglicher Optionen und Mittel zur Verifizierung einer Nuklearwaffenkonvention ist es sinnvoll, sich einige allgemeine Prinzipien einer adäquaten Verifikation zu vergegenwärtigen:

  1. Völkerrecht soll die internationale Sicherheit und Stabilität verbessern und die Risiken einer unkontrollierten Situation vermeiden, die zu einem Wettrüsten oder Krieg führen könnte.
  2. Verifikation ist ein umfassender iterativer (d.h. in mehreren Etappen ablaufender) Prozess mit politischer, rechtlicher, diplomatischer, ökonomischer, technischer und militärischer Tragweite und soll die Einhaltung des Völkerrechts beurteilen, das Risiko des Vertragsbruches eindämmen und Zeit für angemessene Gegenmaßnahmen schaffen.
  3. Der Überprüfungsprozess muss ein Gleichgewicht herstellen zwischen den Regeln, die verifiziert werden sollen (Toleranzschwelle), und den Aktivitäten, die überprüft werden können (Kontrollschwelle).
  4. Die Anforderungen, Voraussetzungen und Kosten der Verifikation hängen von den jeweiligen Vertragsbestimmungen und dem Risiko des Vertragsbruches ab.
  5. Da die existierenden Verifikationsmittel nicht perfekt sind, muss das Restrisiko durch geeignete Gegenmaßnahmen auf ein tragbares Niveau gesenkt werden. Dabei müssen die Gegenmaßnahmen so bemessen werden, dass sie eine eventuelle militärische Bedrohung durch und Vorteile für den Vertragsbrecher ausgleichen.

(IPPNW, IALANA, INESAP (Hrsg.): “Sicherheit und Überleben. Argumente für eine Nuklearwaffenkonvention“, Berlin 2000, S. 308.)

Bearbeitungsstand: September 2004

siehe auch: Abrüstung
siehe auch: Internationale Atomenergie-Organisation
siehe auch: Nuklearwaffenkonvention

Vernichtungswahrscheinlichkeit

engl.: warhead kill probability

Die Vernichtungswirkung eines nuklearen Gefechtskopfes kann Versuchsergebnissen zufolge auch als Reichweite der Druckwelle angegeben werden, innerhalb der sie Ziele (oder ein Gebiet) mit einer bestimmten Härte zerstört. Die Entfernung, innerhalb welcher der erforderliche Überdruck, vom Explosionspunkt aus gemessen, vernichtend auftritt, wird als Letalitätsradius bezeichnet. Ist der Letalitätsradius bekannt, so kann die Wahrscheinlichkeit, mit der ein nuklearer Gefechtskopf ein vorgegebenes Ziel zerstören kann, berechnet werden. (Dieter S. Lutz: Weltkrieg wider Willen?, Hamburg 1981, S. 370f.)

Bearbeitungsstand: Oktober 2006

Verstärkte Strahlung

engl.: enhanced radiation

Ein ERW (Enhanced Radiation Weapon)  ist ein kleiner Nuklearsprengkörper, der wie eine Wasserstoffbombe mittels einer durch Kernspaltung gezündeten Kernverschmelzung die bei der Explosion freiwerdende Energie erzeugt. Im Gegensatz  zu einer herkömmlichen Wasserstoffbombe ist der Anteil der Initialstrahlung und dabei vor allem der energiereichen Neutronen an der insgesamt produzierten Energie durch bestimmte technische Vorkehrungen erhöht worden - deshalb der Name »verstärkte Strahlenwaffe« oder »Neutronenwaffe.«

Während bei einer Standard Wasserstoffbombe ca. 50% der Wirkung durch Druck, 35% durch thermische Strahlung und die restlichen 15% durch radioaktive Strahlung entstehen, hat eine ERW ein völlig anders Wirkungsspektrum. Hier entfallen ca. 30% auf den Druck, 20% auf die thermische Strahlung und 50% auf die radioaktive Strahlung. Das hat zur Folge, dass eine 3 KT ER-Bombe die gleiche Menge an  radioakiver Strahlung erzeugt wie eine 10 KT Wasserstoffbombe. (Quelle: globalsecurity.org)

Bearbeitungsstand: November 2009

siehe auch: Kernspaltung
siehe auch: Kernverschmelzung
siehe auch: KT (Kilotonne)
siehe auch: Neutronenbombe
siehe auch: Wasserstoffbombe

Verstrahlung

engl.: radioactive contamination

Verstrahlung bedeutet, dass lebende Wesen, Material oder Gelände mit radioaktiv strahlenden Stoffen behaftet sind oder solche Stoffe in sich aufgenommen haben. Bei der Detonation einer Atombombe entsteht eine starke Kernstrahlung, die auch als radioaktive Strahlung bezeichnet wird. Dabei wird der in der ersten Minute nach der Detonation vom Feuerball ausgehende Teil der Strahlung als »Anfangsstrahlung«, der nach einer Minute auftretende Teil als »Rückstandsstrahlung« bezeichnet.

Wenn der Sprengpunkt der Bombe so tief liegt, dass der Feuerball die Erdoberfläche berührt oder wenn der Sprengkörper direkt auf dem Erdboden detoniert, werden durch die starke Hitze große Mengen Erde oder Wasser verdampft und in die Atmosphäre geschleudert. Die hochgerissenen Materiemengen treffen in der Detonationswolke bei hohen Temperaturen mit den Detonationsrückständen zusammen. Dadurch bilden sich große Mengen radioaktiven Materials, die nach und nach wieder auf den Erdboden zurücksinken und dadurch zur radioaktiven Verstrahlung führen.

Für Lebewesen sind die radioaktiven Staubpartikel besonders gefährlich, wenn sie über die Atemweg in den Körper gelangen, da es keine Möglichkeit gibt, die Teilchen wieder aus dem Körper zu entfernen. (LL)

Bearbeitungsstand: Oktober 2008

siehe auch: Anfangsstrahlung
siehe auch: Rückstandsstrahlung

Vertrag von Bangkok

engl.: Southeast Asia Nuclear-Weapon-Free Zone Treaty (Bangkok Treaty)

Ein Jahrzehnt nach Abschluss des Raratonga-Vertrags und als Folge der Beendigung des Kalten Krieges kam eine atomwaffenfreie Zone im Südostasien zustande. Das Abkommen wurde am 15. Dezember 1995 in Bangkok unterzeichnet und erhielt dadurch seinen Namen.

Wie schon die  Vorgängerverträge findet der Bangkok-Vertrag seine Wurzel im Kalten Krieg und spiegelt den Wunsch der ASEAN-Staaten (Brunei, Indonesien, Malaysia, die Philippinen, Singapore, Thailand und Vietnam) wider, alle politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Herausforderungen gemeinsam zu begegnen. Auch die Kuala Lumpur Erklärung von 1971 über eine Zone des Friedens, der Freiheit und der Neutralität (ZOPFAN) in Südostasien war eine Vorreiter des Vertrags. Den ASEAN-Staaten schlossen sich Laos, Kambodscha und Myanmar als Unterzeichnerstaaten des Bangkok-Vertrags an.

Bisher hat kein Atomwaffenstaat das Zusatzprotokoll unterzeichnet, hauptsächlich aufgrund der US-amerikanischen und französischen Einwände gegen die negativen Sicherheitsgarantien und gegen die Definition des Territoriums. Laut Vertrag sollen nicht nur die eigenen Territorien der Mitgliedsstaaten, sondern auch ihre „exklusive Wirtschaftszonen“ (EEZ = Exclusive Economic Zones) zur atomwaffenfreien Zone gehören.

» Weitere Informationen über atomwaffenfreie Zonen

Bearbeitungsstand: Februar 2009

Vertrag von Pelindaba

engl.: Pelindaba Treaty

Der Vertrag von Pelindaba (oder Kairo-Erklärung) wurde am 11. April 1996 angenommen, anlässlich der Unterzeichnung des Vertrages über eine atomwaffenfreie Zone in Afrika. Er wurde von 45 Staaten unterzeichnet. Der Vertrag besiegelte die Atomwaffenfreiheit Südafrikas, die erst wenige Jahre davor zustande kam. Viele Staaten sahen in Pretoria das Haupthindernis für ein atomwaffenfreies Afrika, das die Organisation für Afrikanische Einheit OAU bereits im Jahre 1964 als Ziel erklärt hatte.

Der Vertrag verbietet die Produktion, den Erwerb, die Anwendung, Erprobung, Entgegennahme, Lagerung und Stationierung von Kernwaffen in der Region und den angrenzenden Seegebieten. Die Vertragsparteienwerden zur ausschließlich friedlichen Kernenergienutzung verpflichtet und dürfen sich nicht an militärisch orientierten Nuklearaktivitäten in anderen Ländern beteiligen. Das Abkommen konnte erst in Kraft treten, nachdem Burundi es am 15. Juli 2009 als 28. Staat ratifiziert hatte. Alle Mitglieder der OAU mit Ausnahme von Südsudan haben bereits unterzeichnet, 39 Staaten haben es bereits ratifiziert.

Die Erklärung fordert die Atomwaffenstaaten auf, „das Ziel einer atomwaffenfreien Welt aktiv zu verfolgen, wie in Artikel VI des Nichtverbreitungsvertrags festgelegt, durch die dringende Verhandlung von Vereinbarungen mit wirkungsvollen Überprüfungsmaßnahmen bezüglich der vollkommenen Abschaffung von Nuklearwaffen zum frühest möglichen Zeitpunkt“.

Die Erklärung betont auch die Einrichtung von atomwaffenfreien Zonen, speziell in Spannungsregionen, in der Absicht Frieden und Sicherheit auf globaler und regionaler Ebene zu verbessern. (Quellen: Wolfgang Kötter, UNO, NTI)

»Vertrag von Pelindaba im Wortlaut (engl.)

»Mehr zu atomwaffenfreien Zonen

Bearbeitungsstand: Dezember 2016

Vertrag von Raratonga

engl.: South Pacific Nuclear Free Zone Treaty

Der Vertrag von Raratonga wurde am 17. August 1985 abgeschlossen und trat 1986 in Kraft. Hauptziel des Vertrages von Raratonga war zunächst die Unterbindung der französischen Atomtests. Außerdem verbietet der Vertrag die Stationierung, den Besitz sowie die Herstellung von Kernwaffen im Südpazifik. Darüber hinaus untersagt er das Lagern von atomaren Abfällen in den Gewässern der Region.

Der Vertrag enthält drei Protokolle:

  • Protokoll I verpflichtet die Unterzeichnerstaaten der Region, die im Vertragstext genannten Verbote in ihren Gebieten zu beachten und durchzusetzen.
  • Protokoll II (Negative Sicherheitsgarantien) verpflichtet die unterzeichnenden Atommächte dazu, jegliche Androhung oder Durchführung von Nuklearexplosionen gegen die Vertragsparteien zu unterlassen.
  • Protokoll III verbietet Atomwaffentests auf dem Gelände eines der Unterzeichnerstaaten durchzuführen.

China und Russland ratifizierten die Protokolle über Negative Sicherheitsgarantien (II) und das Verbot von Atomtests (III) 1988/1989. Erst nachdem die französischen Atomtests auf Moruroa beendet wurden, unterzeichneten 1996 auch die USA, Großbritannien und Frankreich beide Protokolle.

» Weitere Informationen über atomwaffenfreie Zonen

Bearbeitungsstand: Februar 2009

Vertrag von Semei

engl.: Central Asian Nuclear Weapon Free Zone Treaty

Der Vertrag von Semei ist ein internationaler Vertrag, der das Testen, das Stationieren, den Besitz sowie die Herstellung von Kernwaffen in Zentralasien verbietet. Er wurde am 8. September 2006 von Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan im kasachischen Semei (früher Semipalatinsk) unterzeichnet.

Der Vertrag verpflichtet die fünf zentralasiatischen Staaten auf Forschung, Entwicklung, Herstellung, Anhäufung, Erwerbung, Besitz oder Verfügen von Atomwaffen oder andere Nuklearexplosivsprengsätze zu verzichten. Sie dürfen keine Hilfe suchen oder annehmen für eine der o.g. Aktivitäten. Sie dürfen darüber hinaus keinen Atomtest durchführen. Jede Partei sollte zudem ein Safeguards-Abkommen und ein Zusatzprotokoll mit der IAEO abschließen, wenn noch nicht bereits vorhanden.

Die ersten Schritte zur Einrichtung einer atomwaffenfreien Zone begannen mit der Erklärung von Almaty im Jahre 1992. Eine Resolution zur Einrichtung einer solchen Zone wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen 1997 einstimmig angenommen und im Jahr 2000 bekräftigt. [»UN-Resolution 1997 PDF]

Der Vertrag wurde zunächst von Russland und den USA abgelehnt. Vor allem die USA wollten keine rechtsverbindlichen Einschränkungen für ihre militärischen Aktivitäten in der Region. Schließlich begrüßten Russland und die Volksrepublik China die Initiative, während die westlichen Atommächte auf eine Zusatzvereinbarung bestanden, die es Russland untersagen würde, den Vertrag durch bilaterale Abkommen zu unterlaufen.

Der Vertrag wurde in der kasachischen Stadt Semei (das ehemalige Atomwaffentestgelände ist unter dem alten russischen Namen Semipalatinsk bekannt) unterzeichnet, um an die Atomwaffentests der Sowjetunion auf dem ehemaligen Testgelände zu erinnern.

Der Vertrag ist am 21. März 2009 in Kraft getreten. Alle fünf offiziellen Atomwaffenstaaten unterzeichneten das Protokoll zum Vertrag am 6. Mai 2014. Damit geben sie rechtlich bindende Zusicherung, die Vertragsparteien nicht mit Atomwaffen anzugreifen oder damit zu drohen (negative Sicherheitsgarantien).

Der Vertrag von Semei ist der erste Vertrag, der ehemalige sowjetische Republiken miteinschließt und auch der erste in der nördlichen Hemisphäre. (Quellen: US-Außenministerium, IAEO)

»Der Vertrag von Semei im Wortlaut

Bearbeitungsstand: Dezember 2016

Vertrag von Tlatelolco

Treaty of Tlatelolco

Der Vertrag von Tlatelolco verbietet das Testen, das Stationieren, den Besitz sowie die Herstellung von Atomwaffen in der Karibik und Lateinamerika. Er wurde am 14. Februar 1967 in Tlatelolco, einem Stadtteil von Mexiko-Stadt, unterzeichnet und ist am 25. April 1969 in Kraft getreten. Damit wurde er zum ersten Vertrag, der eine bewohnte Region zur atomwaffenfreien Zone erklärt.

Maßgeblich vorangetrieben hatten den Vertrag der UN-Abrüstungsbotschafter für Mexiko Alfonso García Robles und die schwedische Botschafterin und Parlamentarierin Alva Myrdal. Dafür erhielten sie 1982 den Friedensnobelpreis.

Alle 33 Staaten Lateinamerikas und der Karibik haben den Tlatelolco-Vertrag ratifiziert, zuletzt Kuba am 22. Oktober 2002. Es gibt zwei Zusatzvereinbarungen: die erste bindet die USA, Großbritannien und die Niederlande, die Überseeterritorien in der Region besitzen, an den Vertrag. Die zweite verbietet der USA, Frankreich, Großbritannien, der Volksrepublik China und Russland, den Vertrag zu unterlaufen.

OPANAL (Organismo para la Proscripción de las Armas Nucleares en la América Latina y el Caribe) ist eine zwischenstaatliche Organisation. Ihre Gründung war im Vertrag festgeschrieben und ihr Zweck ist, die Umsetzung des Vertrags zu gewährleisten. Sie organisiert regelmäßige Konferenzen für die Vertragsparteien. Alle zwei Jahre gibt es eine Generalversammlung, die den Rat und den Generalsekretär wählt. Der Rat besteht aus fünf Mitgliedsstaaten, die für vier Jahren gewählt werden. Aktuell sind das Argentinien, Bolivien, Brazilien, Chile und Mexiko

» Im Wortlaut (PDF) aus dem Archiv der Blätter für deutsche und internationale Politik

» Mehr Informationen zu atomwaffenfreien Zonen

Bearbeitungsstand: Februar 2009

Vietnamkrieg

engl.: Vietnam War

Helicopters in Vietman, 1966. Bild: Wikimedia Commons. National Archives and Records Administration, Public Domain

Der Krieg in Vietnam ging als einer der blutigsten Stellvertreterkriege in der Zeit des Kalten Krieges in die Geschichte ein und kostete Millionen Menschen das Leben. Weniger bekannt ist allerdings die Tatsache, dass während dieser Zeit auch mehrfach über den Einsatz von Atomwaffen nachgedacht wurde.
 
Bereits Mitte der 60er Jahre, während der Regierungszeit des demokratischen Präsidenten Lyndon B. Johnson (1963 – 1969), war ein Einsatz von Atomwaffen in Vietnam ein immer wieder diskutiertes Szenario, vor allem in Hinblick auf eine mögliche Beteiligung Chinas am Kriegsgeschehen. Die wichtigsten Entscheidungsträger der Johnson-Administration standen dem Einsatz von Atomwaffen allerdings kritisch gegenüber.

Mit dem Übergang der Regierungsgeschäfte von Lyndon B. Johnson auf den Republikaner Richard Nixon im Januar 1969 veränderte sich die politische Lage in den Vereinigten Staaten spürbar. Grundsätzlich galt Richard Nixon als Befürworter einer Strategie, die auf eine klare nukleare Übermacht der Vereinigten Staaten setzte.

Eine besondere Rolle für die Politik der USA in Vietnam während der Amtszeit Nixons spielte auch Henry Kissinger, der seit der Amtseinführung Nixons als offizieller Berater des Präsidenten für Außen- und Sicherheitspolitik fungierte und 1973 in das Amt des Außenministers wechselte.
So wurden unter Kissingers Leitung im Jahre 1969 die Planungen für die so genannte „Operation Duck Hook“ begonnen, die eine großangelegte Militäraktion gegen Nordvietnam bedeutet hätte. Dokumente legen nahe, dass Kissinger dabei selbst Überlegungen anstellte, eine Atomwaffe einzusetzen, um Nachschubwege von China nach Nordvietnam zu blockieren. Unklar ist allerdings, wie konkret solche Planungen tatsächlich waren.

Wenig später allerdings stand die Anwendung von Atomwaffen erneut zur Debatte. Kurz vor dem Rückzug der US-amerikanischen Truppen aus Südvietnam wurde wiederum ein schwerer Militärschlag gegen den Norden diskutiert, mit dem die US-Regierung das Blatt noch zu wenden hoffte, um den sieglosen Rückzug ihrer Truppen aus Südvietnam zu vermeiden. So erklärte Nixon während eines Interviews mit der New York Times, dass er während seiner Amtszeit ganze vier Mal erwogen habe, Atomwaffen einzusetzen, unter anderem, um den Vietnamkrieg zu beenden.

Letztlich konnte bei den Friedensverhandlungen in Paris Anfang 1973 ein Abzug der US-Truppen aus dem Süden Vietnams vereinbart werden, ohne dass eine nukleare Eskalation des Krieges stattgefunden hätte. Wie groß die Gefahr eines Einsatzes von Atomwaffen während des Vietnamkrieges dabei tatsächlich war, ist umstritten.

Dennoch lässt sich das sichere Fazit ziehen, dass Atomwaffen als Drohmittel ein wichtiger Teil der Kriegstaktik waren. Auch wenn Atomwaffen während des Vietnamkrieges tatsächlich nicht eingesetzt wurden, spielten sie also eine gewichtige und gefährliche Rolle in diesem Konflikt. (js)
 
Bearbeitungsstand: Januar 2013

weitere Informationen: Der Vietnamkrieg: Drohmittel Atomwaffen

siehe auch: Kalter Krieg

 

 

 

Villingen

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

Das französische Sondermunitionslager Villingen (47°59’55“N, 08°26’28“O) lag ca. 6 km südlich der Stadt Villingen in Baden-Württemberg. Hier waren atomare Gefechtsköpfe für die Kurzstreckenrakete Honest John gelagert. Die Gefechtsköpfe vom Typ W-31 hatten folgende Sprengkraft: Version Mod.0 Y1: 2KT, Version Mod.0 Y2: 40KT und Version Mod.3 Y3 mit 20KT. Für Lagerung und Wartung war das 15th US-MSLDet zuständig. Mit dem Austritt Frankreichs aus der integrierten Befehlsstruktur der NATO am 1. Juli 1966 wurde das Lager geräumt. (LL)

Bearbeitungsstand: April 2012

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: Honest John-Rakete

Vilseck

ehem. Atomwaffenstandort Deutschland

Das ehemalige Atomwaffenlager Vilseck (49°38'57“N, 11°54'29“O) lag am Südrand des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr in Bayern. Es wurde während des Kalten Krieges von den US-amerikanischen Streitkräften betrieben. Informationen über die dort eingelagerte atomare Munition liegen nicht vor. (LL)

Bearbeitungsstand: Mai 2012

 

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

 

Vision 2020

engl.: 2020 Vision

Logo der Mayors for Peace

Die internationale Nichtregierungsorganisation "Mayors for Peace" (Bürgermeister für den Frieden) hat im Oktober 2003 die Kampagne "2020 Vision" (zu deutsch: Vision 2020 - atomwaffenfrei bis 2020) gestartet. Mayors for Peace ruft ihre Mitgliedsstädte auf, die Kampagne zu unterstützen, um sich so in die Verhandlungen über Atomwaffen einzumischen. Sie werden dabei von Friedensgruppen auf der ganzen Welt sowohl auf lokaler als auch internationaler Ebene unterstützt. Am 18. Oktober 2007 erhielten die Bürgermeister für den Frieden die Auszeichnung "Nuclear Free Future Award" in der Kategorie "Lösungen".

70 Jahre nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki weigern sich die Atommächte immer noch Verhandlungen für einen Nuklearwaffenkonvention aufzunehmen und die meisten atomwaffenfreien Staaten sehen keine Handhabe dagegen. Eine internationalen Delegation der Bürgermeister für den Frieden war seit 2005 bei den jährlichen Verhandlungen über den Atomwaffensperrvertrag in New York, Genf und Wien dabei.

Ziel ist es, die verbindliche Vereinbarung eines Zeitplans für die Abschaffung aller Atomwaffen, dann der Abschluss einer Atomwaffenkonvention, um eine atomwaffenfreie Welt bis 2020 zu erreichen. Dieses Ziel ist nicht unrealistisch. Schließlich gibt es bereits eine Chemiewaffen- und eine Biowaffenkonvention. Fehlt noch eine Atomwaffenkonvention. Die Idee des Bürgermeisters von Hiroshima, für eine solche Atomwaffenkonvention einzutreten, mit der die Abrüstung aller Atomwaffen bis zum Jahr 2020 verbindlich vereinbart wird, findet unter den Nichtregierungsorganisationen weltweit Unterstützung.

Keine Wählerschaft ist mehr berechtigt, die Wichtigkeit nuklearer Abrüstung vorzutragen, als die RepräsentantInnen der EinwohnerInnen der Städte und Gemeinde. Nukleare Waffen wurden entwickelt wegen ihrer Kapazität zur Zerstörung der Städte, und bis zum heutigen Tag ist diese Kapazität der Kern der nationalen Sicherheitspolitik der Nuklearwaffenstaaten. Die Städte der Welt - in denen heute mehr als die Hälfte der Menschheit lebt - haben sich klar ausgedrückt: "Städte sind keine Zielscheiben!"

Um die notwendigen Schritte zur Überwindung der atomaren Bedrohung auch in Deutschland stärker ins Bewusstsein zu rücken, ist es wichtig, Aktionen vor Ort zu gestalten. In den deutschen und österreichischen Städten und Gemeinden, die bereits Mitglied der weltweiten Vereinigung Mayors for Peace sind, sollen die Verwaltungen aufgefordert werden, sich aktiv an der Kampagne "2020 Vision" zu beteiligen und mit örtlichen Friedensgruppen zusammen zu arbeiten. In Orten, die nicht Mitglied sind, können die Bürgermeister eingeladen werden, der Initiative "Bürgermeister für den Frieden" beizutreten.  (Quelle: Mayors for peace)

» Weitere Informationen zu Initiativen heute

Bearbeitungsstand: Februar 2015

Virtuelle Arsenale

engl.: virtual arsenals

Unter virtuellen nuklearen Arsenalen versteht man die Deaktivierung und Beschränkung von Atomwaffen. Die Einrichtung virtueller nuklearer Arsenale könnte einen Übergang aus der Duellsituation des Kalten Krieges hin zu einer stabileren Lage schaffen.

“Den ersten wichtigen Schritt zu mehr Stabilität müssen die Vereinigten Staaten und Russland tun, indem sie die Duellsituation des Kalten Krieges beenden... Wie  könnte der Übergang [...] in eine stabilere Lage gelingen? Einen Ausweg bieten nach Ansicht von Experten Stabilitätskriterien unter Bedingungen virtueller nuklearer Arsenale, die nicht unmittelbar, sondern erst nach einiger Zeit einsatzbereit sind. Die Festlegung des zeitlichen Rahmens, die Sicherheit der Kernwaffen und die nationalen Führungszentren werden dabei zu den entscheidenden Parametern der Stabilität. Die Erarbeitung von Kriterien nuklearer Stabilität unter Bedingungen virtueller nuklearer Arsenale steht aber erst am Anfang.

"Beginnen könnte der Übergang zu virtuellen Arsenalen mit einer gemeinsamen Erklärung der Vereinigten Staaten und Russlands, dass sie nicht mehr beabsichtigen, sich gegenseitig mit strategischen Kernwaffen zu bedrohen. Sie könnten auch erklären, dass sie Kernwaffen nur zur Abschreckung des Einsatzes von Kernwaffen und gegebenenfalls zur Abwehr oder Beendigung großer Kriege nutzen wollen. Als weiteren Schritt könnten sie dann die Arsenale der strategischen Angriffswaffen auf wenige hundert (vielleicht nur 200) Sprengköpfe reduzieren und deren Alarmstatus so ändern, dass ein Einsatz in einem zu definierenden und auch nachprüfbaren Zeitintervall (gemessen in Wochen) möglich wäre. Taktische Nuklearwaffen und ihre Trägersysteme würden vollständig abgeschafft und zerlegt.” (Prof. Joachim Krause, Eine Welt mit weniger Atomwaffen, FAZ, 3. April 2009, Nr. 79, Seite 9)

Bearbeitungsstand: Dezember 2009

siehe auch: Kalter Krieg
siehe auch: taktische Atomwaffen

Vörden

ehem. Atomwaffenstandort Deutschland

Im Rahmen der großräumigen Luftverteidigung Europas während der Zeit des Kalten Krieges waren auch die niederländischen Streitkräfte an dem quer durch Deutschland verlaufenden Nike-Hercules-Flugabwehrgürtel mit mehreren Verbänden beteiligt. Dieses Waffensystem hätte im Ernstfall zur Abwehr der östlichen Bomberflotten in großer Höhe Nuklearexplosionen ausgelöst - über dem eigenen Territorium! 1988 kam das Ende dieser Phase, aufgrund eines NATO-Beschlusses hat man die zugeordneten Nuklearwaffen abgezogen.

Die ehemalige niederländische Nike-Feuerstellung (Launching Area) auf dem Flugplatz Vörden (52°26'47“N, 08°05'22“O) lag ca. 18 km nördlich der Stadt Osnabrück in Niedersachsen. Hier war die 118. Squadron stationiert, die vom 509th US Army-Field Artillery Detachment mit seinem Alpha-Team unterstützt wurde. (LL)

In der Stellung Vörden waren ständig atomare Flugabwehrraketen vom Typ Nike stationiert. In der Regel  waren zwei Versionen an Atomsprengköpfen in der Stellung vorhanden. Die kleinere mit der Bezeichnung B-XS hatte eine Sprengkraft von 2 Kilotonnen. Die größere B-XL besaß ursprünglich 40 KT Sprengkraft. Letztere wurden in den 1970er Jahren gegen Sprengköpfe zu 20 KT ausgetauscht. Maximal waren je Stellung zehn Nuklearsprengköpfe vorhanden, acht mit der Stärke XS mit 2 Kilotonnen und zwei XL mit 40/20 Kilotonnen Sprengkraft. (Jürgen Dreifke)

Die Stellung wurde im März 1988 aufgegeben. (LL)

Bearbeitungsstand: April 2012

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: KT-Wert
siehe auch: Nike Herkules

Vogelsang

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

ehem. Atomwaffenstandort Vogelsang. Bild: Digital GlobeDie ehemalige Raketenstellung Vogelsang (53°03'34“N, 13°22'43“O) lag ca. 60 km nördlich von Berlin. Die damalige Sowjetunion verlegt 1958 kurzzeitig während der Berlinkrise erstmals Atomraketen außerhalb der Landesgrenzen, unter anderem auch in den Raum Vogelsang. Dabei handelte es sich um zwei Feuerbatterien mit je drei Raketen des Typs R-5M. Sie verfügten über einen Nuklearsprengkopf von 30 KT und hatten eine Reichweite von ca. 1200 km. Damit konnten Ziele in Mitteleuropa erreicht werden. Ihre Treffgenauigkeit lag bei 2.000 m. Die Einsatzbereitschaft bestand aber nur von Mai bis September 1959. Danach erfolgte die Rückverlegung in die UdSSR.

In den Folgejahren wurden die vorhandenen raketentechnischen Einrichtungen von der Raketenbrigade der 20. Gardearmee genutzt. Es ist bekannt, das unter anderem FROG 7 Raketen in Vogelsang stationiert waren. Dazu gehörte auch die Einlagerung von Nuklearsprengköpfen mit unterschiedlicher Sprengkraft von 3-200 KT. (Quelle: Wehrkunde und wissenschaftliche Waffenkunde, Band 14)

Bearbeitungsstand: Oktober 2012

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: KT (Kilotonne)
siehe auch: Sprengkopf
siehe auch: Treffgenauigkeit

Vorneverteidigung

engl.: Forward defence

Mit der Vorneverteidigung verpflichtete sich die NATO, ihr Gebiet so weit ostwärts wie möglich zu verteidigen. Dieser Grundsatz war erstmalig durch das Dokument MC 14/2 vom März 1957 formuliert worden. Besonders die Bundesrepublik Deutschland hatte ein vitales Interesse an einer Vorneverteidigung, was eine massive Verteidigung an der innerdeutschen Grenze bedeutete. Siehe dazu Weißbuch 1975/1976, Zif. 156: »Vorneverteidigung verlangt, dass die NATO fähig und bereit ist, unverzüglich und schlagkräftig zu antworten. Die Reaktion der NATO muss verhindern, dass es zu einem länger andauernden Kampf auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland kommt. Denn ein solcher Kampf würde letztlich die Substanz dessen zerstören, was verteidigt werden soll«. (Neuman: Kernwaffen in Europa, Bonn 1982, S. 139.)

Bearbeitungsstand: September 2007

Vorwarnzeit

engl.: pre-warning time

Im sicherheitspolitischen Sprachgebrauch umfasst die Vorwarnzeit jene Zeitspanne, die zwischen dem Erkennen gegnerischer militärischer Maßnahmen und dem wirklichen Geschehen liegt. Je länger die Vorwarnzeit ist, desto mehr Gegen- und Schutzmaßnahmen können getroffen werden. Während des Kalten Krieges wurde unter Vorwarnzeit in der Regel das Erkennen eines atomaren Schlages mit Interkontinentalraketen verstanden. Grundsätzlich gilt, dass landgestützte Interkontinentalraketen eine längere Vorwarnzeit als seegestützte Interkontinentalraketen haben. Als besonders gefährlich wurden Waffensysteme eingestuft, die auf Grund ihrer sehr kurzen Vorwarnzeit keine Gegenmaßnahmen mehr zuließen. Dazu zählten im Kalten Krieg auf russischer Seite die auf Westeuropa gerichtete SS-20 Rakete und auf US-amerikanischer Seite die auf Russland gerichteten Pershing 2 und Cruise Missile. (LL)

Bearbeitungsstand: April 2008

siehe auch: Cruise Missile
siehe auch: Interkontinentalrakete
siehe auch: Kalter Krieg
siehe auch: Pershing-II-Rakete