Tsyklon-Rakete

engl.: cyclone missile, SS-9

Im Jahre 1962 kündigte die Sowjetunion den Bau einer Interkontinentalrakete an, die jeden Punkt der Erde -auch unter Nutzung von Flugbahnen über den Südpol- erreichen könnte. Dies stellte für die USA eine neue Bedrohung dar, weil deren Frühwarnstationen alle nahe des nördlichen Polarkreises angeordnet waren. Die Sowjetunion ihrerseits sah sich von den Mittelstreckenraketen der USA, die in der Türkei, Italien und Großbritannien stationiert waren, bedroht, da diese die Sowjetunion innerhalb von wenigen Minuten erreichen konnten.

Dagegen benötigten sowjetische Raketen wegen der Flugbahnen ca. 30 Minuten, um die USA zu erreichen, so dass für einen Gegenschlag der USA ausreichend Zeit zur Verfügung stand. Der Grund für die lange Vorwarnzeit war die Flugbahn der Raketen. Diese flogen auf ballistischen Bahnen mit einer Gipfelhöhe von 1000-2000 Kilometern über den Nordpol. Die USA hatten große Radaranlagen auf Grönland und in Alaska stationiert, also nahe am Nordpol und weit von den Zielen der Raketen entfernt. Dadurch konnten die Raketen schon in der Aufstiegsphase geortet werden. So konnten strategische Ziele in der Sowjetunion bedroht werden, ohne dass genügend Zeit für eine Reaktion zur Verfügung stand. Dieses Dilemma versuchte die Sowjetunion zu lösen, indem sie analog zu den USA Mittelstreckenraketen in der Nähe der USA auf Kuba stationierte. Dies führte im Jahre 1962 zur Kuba-Krise, an deren Ende eine Stationierung von Mittelstreckenraketen auf Kuba verhindert wurde.

Gelänge es stattdessen, die USA von Süden anzugreifen und / oder in geringer Höhe, so wäre die Vorwarnzeit nur noch 5 Minuten. Mit dieser Zielsetzung wurde die Interkontinentalrakete SS-9 entwickelt. Allerdings war die Flugstrecke wesentlich größer: Die Rakete musste praktisch um die ganze Erde herum fliegen, anstatt nur etwa 6000-8000 km weit. Anders als normale Raketen flog diese auf einer Bahn über den Südpol, die ähnlich wie die eines Satelliten ausgelegt war. Kurz vor den USA wird die Bahn abgebremst und der Sprengkopf schlägt auf seinem Ziel ein. Dadurch reduziert sich die Vorwarnzeit enorm. Von 1967-1972 wurde ein solches System unter der Bezeichnung FOBS getestet. Dabei wurde eine Attrappe in eine Bahn gebracht, die von Baikonur über den südlichen Pazifik, die Spitze von Südafrika, Westafrika auf das Gebiet der Sowjetunion führte, wo der Satellit kurz vor Beendigung seines ersten Umlaufs abgebremst wurde und dort landete. Prinzipiell konnte man so auch einen Sprengkopf in Richtung USA starten, ja es wäre möglich gewesen den Sprengkopf im Orbit zu stationieren und erst bei Bedarf abzubremsen. Selbst wenn es den USA gelänge, alle Atomwaffen am Boden auszuschalten, so blieben noch die weltraumgestützten Sprengköpfe. Dieses System wurde jedoch mit dem Vertrag über das Verbot von Atomwaffentests im Weltraum und der Stationierung von Waffen im Weltraum im Jahre 1967 nicht umgesetzt. Zudem war die militärische Bedeutung eher gering, da mit der damaligen Technik eine punktgenaue Landung nicht möglich war.

Die Entwicklung der Tsyklon-Rakete (dt.: auch Zyklon-Rakete) begann am 16.4.1962. Der erste Teststart fand im Juli 1965 statt und die ersten R-36 Raketen wurden am 5.11.1966 stationiert. Im Jahre 1971 wurden sie zu MIRV-Trägern umgerüstet. Die letzten R-36 wurden im Jahre 1979 aus dem Dienst genommen.

Über die technischen Details der Zyklon-Rakete war im Westen lange Zeit wenig bekannt. In ihrer Auslegung ist sie mit der westlichen Rakete Titan 2 vergleichbar. Ähnlich wie diese gehört sie zur zweiten Generation der Interkontinentalraketen. Beide verwenden die gleichen Treibstoffe und zwei Stufen. Jedoch ist die Zyklon-Rakete größer als die Titan-Rakete. Sie hat eine Startmasse von 182 t in der Interkontinentalraketenversion im Vergleich zu 157 t bei der Titan 2. Die Zyklon-Rakete ist die schwerste je stationierte Interkontinentalrakete.

Von der Zyklon-Rakete wurden 2 Versionen eingesetzt. Die erste Version (Zyklon 1) entsprach der originalen Interkontinentalrakete. Mit 2 Stufen konnte die Nutzlast nur auf eine suborbitale Bahn transportiert werden. Das heißt, ähnlich wie bei der amerikanischen Atlas benötigte die Nutzlast eine weitere Oberstufe, um ihre Bahn zu erreichen.

Die Zyklon 1 wurde 1969 von einer verbesserten Version, der Zyklon 2 abgelöst, die heute noch im Einsatz ist. Das besondere an der Rakete ist, dass sie die Nutzlast nicht in eine Bahn, sondern nur eine suborbitale Bahn befördert. Die beiden ersten Stufen verwenden die lagerfähigen Treibstoffe Stickstofftetroxid (NTO) und Unsymmetrisches Dimethylhydrazin (UDMH). Die Stufentrennung erfolgt »heiß«, d.h. die Zündung der zweiten Stufe findet statt, wenn die erste Stufe noch brennt. Dazu wird zeitgleich ein Kommando zum Zünden der zweiten Stufe und zum Abschalten der ersten Stufe gesendet. Durch den Schub der zweiten Stufe brechen Verbindungen zwischen den Stufen. Vier kleine Feststoffraketen drücken dann die erste Stufe von der Oberstufe weg. Die Zyklon-Rakete verwendet wie die meisten sowjetischen Raketen dazu einen Stufenadapter aus Gittern. Die dritte Stufe (Boost Segment) hing von der Nutzlast ab. Die ersten zwei Stufen hatten ein eigenes Lenksystem, das 752 kg wog und autonom arbeitete. Die dritte Stufe wurde dagegen von einem eigenen Steuerungssystem gesteuert.

Seit 1970 lief die Entwicklung einer einheitlichen Oberstufe für die Zyklon-Rakete. Doch erst 1977 fand der erste Start und 1980 nach der Flugerprobung die Indienststellung statt. Seitdem hat die Zyklon 3 hinsichtlich Startrate die Zyklon 2 überholt. Bedingt durch den hohen Schub der ersten beiden Stufen muss dabei eine Freiflugphase während des Betriebs der dritten Stufe absolviert werden. Mit dieser Rakete sind auch höhere Bahnen möglich. Durch die relativ kleine Oberstufe (im Vergleich zur 10-mal größeren zweiten Stufe) ist die Nutzlast nur wenig größer als bei der Zyklon 2.

Die Zyklon 3 startet nur vom Startzentrum Plesetsk im Norden Sibiriens aus. Im Vergleich zur Zyklon 2 wurden die Stufen 1+2 nur gering modernisiert. Die Triebwerke wurden verbessert und liefern einen etwas höheren Schub und haben einen besseren spezifischen Impuls. Die neue dritte Stufe wird kalt gezündet, also erst nach Abtrennung der zweiten Stufe. Dazu beschleunigen zwei Feststofftriebwerke zuerst die Stufe, um den Treibstoff zu sammeln. Dann erst erfolgt die Zündung. Weiterhin hat die Oberstufe ihre eigene Steuerung und die ersten beiden Stufen ihre eigene Steuerung. Sie arbeitet wie die ersten beiden Stufen mit den lagerfähigen Treibstoffen NTO und UDMH. Die Zyklon 3 hatte ihren Erstflug am 24.6.1977; ihr letzter Flug fand am 28.12.2001 statt. Insgesamt erfolgten 120 Einsätze, davon 6 Fehlstarts.

Nach drei Jahren Pause fand 2004 erstmals wieder der Start einer verbesserten Zyklon-Rakete (Zyklon 4) statt, die einen militärischen Satelliten transportierte. Die Rakete kann bis zu 1,8 Nutzlast tragen. Zukünftig sollen damit auch Satelliten anderer Nationen zur zivilen Nutzung in den Orbit befördert werden. Man hofft, ab 2007 mindestens 3 eventuell bis zu 6 Starts pro Jahr durchführen zu können. (Quelle: Bernd Leitenberger)

Bearbeitungsstand: Februar 2008

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