Saarlouis

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

Das Sondermunitionslager Saarlouis Wallerfangen (49°18’48“N, 06°41’12“O) lag ca. 4 km westlich der Stadt Saarlouis im Saarland. Hier waren für die französische Armee bis 1966 atomare Gefechtsköpfe vom Typ W-31 für die Kurzstreckenrakete Honest John gelagert.

Die Gefechtköpfe besaßen folgende Sprengkraft:
Version Mod.0 Y1: 2.000 t
Version Mod.0 Y2: 40.000 t
Version Mod.3 Y3: 20.000 t

Für Lagerung und Wartung war das 16th US-MSLDet zuständig. Über die Anzahl der eingelagerten Atombomben gibt es keine Angaben. Mit dem Austritt Frankreichs aus der integrierten Befehlsstruktur der NATO am 1. Juli 1966 wurde das Lager geräumt. (LL)

Bearbeitungsstand: April 2012

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: Honest John-Rakete
siehe auch: Sprengkraft

SACEUR

engl. Abkürzung für: Supreme Allied Commander Europe

ADM James G. Stavridis, Commander EUCOM and SACEUR, Foto: US DoD

SACEUR ist die Bezeichnung für den NATO-Oberbefehlshaber in Europa. Er befehligt das NATO-Hauptquartier Europa (SHAPE=Supreme Headquarters Allied Powers Europe) mit Sitz in Casteau (Belgien). 

Zugleich ist er der Kommandeur aller US-Truppen in Europa (USEUCOM=United States European Command).

Der SACEUR ist immer ein US-amerikanischer vier Sterne General oder Admiral. Als zusätzliche wichtige Funktion besitzt er das Vorschlagsrecht für einen möglichen Atomwaffeneinsatz beim US-Präsidenten.

Dem SACEUR unterstehen u.a. auch die in Geilenkirchen stationierten AWACS Aufklärungsflugzeuge. (LL)

Bearbeitungsstand: Dezember 2009

Sachsenheim

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

Im Rahmen der großräumigen Luftverteidigung Europas während der Zeit des Kalten Krieges waren auch die US-Streitkräfte an dem quer durch Deutschland verlaufenden Nike-Herkules Flugabwehrgürtel mit insgesamt sechs in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz, stationierten Bataillonen beteiligt. Das 3thMissile Battailon, 71thUS-Arty-Group verfügte über atomare Feuerstellungen in den Standorten Kornwestheim, Sachsenheim, Kleingartach und Wurmberg.

Die Nike-Feuerstellung (Launching Area) Sachsenheim (genaue Lage nicht bekannt) lag westlich von der Stadt Ludwigsburg in Baden-Württemberg.

Die dort stationierte B-Battery, 3thMissile Battailon, 71thUS-Arty-Group, bestand aus drei getrennten Bereichen: der Unterkunft, dem Feuerleitbereich in günstiger topografischer Lage mit bis zu 5 Radargeräten für Überwachung, Zielerfassung, Zielverfolgung und Flugkörperverfolgung und dem Abschussbereich mit jeweils 3 Abschussflächen und dazugehörigen Bunkern. In diesem Bereich befanden sich auch die Atomsprengköpfe.

In der Stellung Sachsenheim waren bis 1983 atomare Flugabwehrraketen vom Typ Nike stationiert. An Atomsprengköpfen waren zwei Versionen verfügbar. Die kleinere mit der Bezeichnung B-XS hatte eine Sprengkraft von 2 Kilotonnen. Die größere B-XL besaß ursprünglich 40 kT Sprengkraft.

Letztere wurden in den 1970er Jahren gegen Sprengköpfe zu 20 kT ausgetauscht. Maximal waren je Stellung zehn Nuklear-Sprengköpfe vorhanden, acht mit der Stärke XS mit 2 Kilotonnen und zwei XL mit 40/20 Kilotonnen Sprengkraft.

Für den Einsatz der Gefechtsköpfe gab es genau festgelegte Prioritäten. Beim Anflug eines einzelnen feindlichen Zielobjektes wurde ein kleiner atomarer Gefechtskopf (B-XS) eingesetzt. Beim Anflug mehrerer feindlicher Zielobjekte wurde soweit verfügbar ein großer atomarer Gefechtskopf (B-XL) eingesetzt. Die ebenfalls vorhandenen konventionellen Gefechtsköpfe dienten lediglich als Munitionsreserve. (LL)

(Quellen:  Jürgen Dreifke, Michael Juhls)

Bearbeitungsstand: Oktober 2010

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: Nike Herkules
siehe auch: KT (Kilotonne) 

 

 

 

 

 

 

Safran

Waffenproduzent, Frankreich

Safran, mit Firmensitz in Frankreich, ist ein Hochtechnologiekonzern, der sich auf die drei Kernbereiche Luftfahrt, Verteidigung und Sicherheit konzentriert.

Im Dezember 2004 schlossen Safran, EADS, Thales und andere Firmen einen Vertrag über die Herstellung der neuen M51-Atomrakete für die neuen französischen U-Boote. Dieser Auftrag hat ein geschätztes Volumen von drei Milliarden Euro. Astrium, eine Tochtergesellschaft von EADS, ist der Hauptvertragnehmer, wobei Safran, SNPE, DCN und Thales die Hauptsubunternehmer sind. Die M51 besitzt mehrere Gefechtsköpfe mit wesentlich größerer Nutzlast und größerem Nutzvolumen als die M4. Sie bietet auch eine längere Reichweite, wodurch U-Boote in der Lage sind, ihre Patrouillengebiete auszudehnen. Das Atom-U-Boot „Le Terrible“ wird seit Ende 2010 mit der M51 ausgerüstet. Die Rakete wird auch an Bord der anderen U-Boote der neuen Generation – Triomphant und Téméraire – ihren Dienst nach entsprechender Umrüstung antreten. Eine zweite Version mit neuen Atomsprengköpfen wird ab 2015 in Auftrag gegeben.

Safrans Tochterunternehmen Snecma ist ein bevorzugter Lieferant für das Antriebssystem des M51-Raketenprojekts. Sagem, ein anderes Tochterunternehmen, entwickelte die Navigationssysteme für die M51, welche die Treffgenauigkeit der Rakete erhöhen werden. (Quelle: van Gelder, Jan Willem/Spaargaren, Petra/Wright, Tim: Divestment Report. ICAN 2012)

Bearbeitungsstand: April 2012

Weitere Informationen zu Atomwaffenherstellern

 

Saghand (Iran)

Bei Saghand gibt es die für das iranische Atomprojekt wichtigste Mine von Uranerz. Nach Dr. Ghannadi, dem stellvertretenden Leiter der iranischen Atomenergiebehörde, belaufen sich die 1994 abgeschlossenen Explorationen auf geschätzte 1,58 Millionen Tonnen Uranerz mit einem Urananteil von 533 ppm. Die Ausbeutung dieser Mine in Saghand soll als Basis für eine Produktion von 50 Tonnen angereichertem Uran pro Jahr ausgelegt sein.

Daneben gibt es weitere Vorkommen von Uranerz, wie auch z. B. bei Yasd, Anarak und in Gchine. Die Uran-Mühle in Gchine (in der Nähe von Bandar Abbas am Persischen Golf) ist nach Schätzungen für die Produktion von 21 Tonnen Uran jährlich ausgelegt. Gleichwohl wurde das für den Brennstoffkreislauf erforderliche Urandioxid bisher überwiegend importiert. Ende 2005 erklärten iranische Chemiker, man habe erstmals eine Anlage zur Gewinnung von größeren Mengen Uranoxid aus Roh-Uran gebaut. Eine Versuchsanlage zur Produktion von Yellowcake (Uranoxid) befindet sich seit 2003, möglicherweise auch erst seit 2004, in Ardakan.

Damit könnte der Iran nunmehr auf seine - nicht unbeträchtlichen - Uranvorkommen zurückgreifen und wäre zumindest mittelfristig von Zulieferungen unabhängig. (Quelle: wapedia)

Weitere Informationen über das iranische Atomprogramm

Bearbeitungsstand: Mai 2010

siehe auch: Uran-235
siehe auch: Urananreicherung

Sahara (Atomtests)

engl.: Sahara (nuclear tests)

Die ersten Atomtests der Franzosen fanden im Jahre 1960 in Algerien, damals noch französische Kolonie, in der Wüste Sahara statt. Die ersten vier Tests wurden überirdisch durchgeführt. Nach heftigen Protesten der afrikanischen Anrainer wurde ab 1961 nur noch unterirdisch getestet, bis 1965 wurden 13 unterirdische Atomwaffentests durchgeführt, in einer Zeit, in der Algerien und Frankreich sich schon in einem heftigen Unabhängigkeitskrieg befanden. Über die Auswirkungen der Tests in Algerien ist wenig bekannt. Es gibt aber Gerüchte über einige Zwischenfälle und eine Verstrahlung weiter Teile der Wüste Sahara. Auch in diesem Fall hatte im besonderen eine ethnische Minderheit, das Nomadenvolk der Berber, unter den Atomtests zu leiden. (Quelle: Reinhard Schultz MdB / Klaus Freitag: Auswirkungen von Atomwaffentests seit dem Beginn im Jahre 1945, Bonn 1995)

Bearbeitungsstand: November 2009

siehe auch: Algerien (Atomtests)
siehe auch: Atomtest
siehe auch: Radioaktivität

SAKHAROW Andrej

1921 - 1989

Andrej Sakharow wurde am 21. Mai  1921 in Moskau geboren. 1947 promovierte er  an der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften in Nuklearphysik. Danach arbeitet er von 1948 bis 1968 an entscheidender Stelle am sowjetischen  Atomwaffenprogramm mit. Von Sacharow stammen die Grundideen der drei wichtigsten Verfahren zur Realisierung der kontrollierten Kernfusion: der magnetische thermonukleare Reaktor, die Myonenkatalyse von Kernfusionsreaktionen und der Einsatz gepulster Laserstrahlung zur Aufheizung von Deuterium. Er war lange Zeit davon überzeugt, dass ein nukleares Gleichgewicht die Welt vor der Zerstörung bewahren könne.

Sakharow gilt als Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe. Die von ihm entwickelte „Zar-Bombe“, die am 12. August 1953 mit einer Sprengkraft von ca. 50 Megatonnen zur Explosion gebracht wurde, war der stärkste jemals gezündete Nuklearsprengsatz. Ab Mitte der 1950er Jahre änderte der hochdekorierte Wissenschaftler (Mitglied der Akademie der Wissenschaft, Held der Sozialistischen Arbeit, Leninorden etc.) seine Meinung zur Entwicklung von Nuklearwaffen. 1961 wandte er sich  gegen den Plan, eine 100-Megatonnen-Wasserstoffbombe in der Atmosphäre zu testen. Im Juli 1968 veröffentlichte er das Memorandum „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“, in dem er sich für internationale Abrüstung und Kernwaffenkontrolle einsetzte. 1970 gründete er ein „Komitee zur Durchsetzung der Menschenrechte“. Für sein konsequentes Eintreten zur Reduzierung der Atomwaffenprogramme wurde ihm am 10. Dezember 1975 der Friedensnobelpreis verliehen. Die sowjetische Regierung verbot ihm zur Verleihung nach Oslo zu reisen.

Wegen seiner öffentlichen Proteste gegen die sowjetische Invasion in Afghanistan wurde Sakharow im Januar 1980 nach Gorki verbannt. Parteichef Michail Gorbatschow bat ihn im Dezember 1986, nach Moskau zurückzukommen. Dort starb er am 14. Dezember 1989 an einem Herzinfarkt. (Quelle: Richard Lourie: Sacharow, Eine Biographie 2003)

Bearbeitungsstand: Februar 2012

siehe auch: KURTSCHATOW Igor
siehe auch: Wasserstoffbombe
siehe auch: Zar-Bombe

SALT

Strategic Arms Limitation Talks

Anders als bei den START-Verträgen der 1990er Jahre, die im Wesentlichen die Anzahl bestimmter Atomsprengköpfe beschränkten, bedeuten die SALT-Verträge der 1970er Jahre auch qualitative Einschränkungen für nukleare Trägersysteme, die technisch damals zwar bereits machbar, aber noch nicht stationiert waren.

Die quantitativen Regelungen von SALT setzen Höchstgrenzen für die Gesamtzahl von Trägersystemen (Startgeräte für Interkontinentalraketen, U-Boot-Raketen und strategischen Bombern) fest und begrenzen die maximale Anzahl von Atomsprengköpfen pro Rakete. Die qualitativen Beschränkungen bestehen in einer Reihe von Bestimmungen für das Entwicklungs- und Teststadium, z.B. Entwicklungsverbote für neue feste Startgeräte für Interkontinentalraketen, das Verbot von Flugtests mit neuen Interkontinental-Raketentypen und Grenzen für Start- und Wurfgewichte von strategischen Raketen. Nicht beschränkt wurden allerdings Forschungsanstrengungen in diesem Bereich.

Zwar werden alle Vertragsvereinbarungen nur mit „nationalen technischen Mitteln“ überprüft (damit sind geheimdienstliche Techniken gemeint), doch tragen die Einrichtung einer Datenbank und eines Gremiums und Vereinbarungen zur Verbesserung der Überwachungsmöglichkeiten der Vertragspartner dem erhöhten Verifikationsbedarf Rechnung, der die Folge von Maßnahmen der qualitativen Rüstungskontrolle ist.

Eine unerwartet stabilisierende Wirkung ergab sich insbesondere auch aus Artikel V.2 von SALT-I. Dieser verbietet es, die „nationalen technischen Mittel“ der Gegenseite zu beeinträchtigen – zu diesen gehören auch die für die Vertragsverifikation verwendeten Satelliten. Dieser Punkt gewinnt aktuell neue Bedeutung in der Diskussion um die US-amerikanischen Pläne zur Weltraumrüstung. (RH)

Bearbeitungsstand: Juli 2005

siehe auch: Abrüstung
siehe auch: Interkontinentalrakete
siehe auch: Marschflugkörper
siehe auch: Verifikation

SALT-I-Abkommen

engl.: Strategic Arms Limitation Talks (SALT) 1

Am 26. Mai 1972 unterzeichneten der US-amerikanische Präsident Richard Nixon und der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew in Moskau das SALT-I-Abkommen.

Darin wurden folgende Vereinbarungen getroffen:

» ... Artikel I: Die Vertragsparteien verpflichten sich, nach dem 1. Juli 1972 nicht mehr mit dem Bau zusätzlicher landgestützter Abschussvorrichtungen in fester Stellung für interkontinentale ballistische Flugkörper (ICBM) zu beginnen.

Artikel II: Die Vertragsparteien verpflichten sich, landgestützte Abschussvorrichtungen für leichte ICBM oder für ICBM älteren Typs, die vor 1964 disloziert wurden, nicht zu landgestützten Abschussvorrichtungen für schwere ICBM eines Typs umzubauen, der danach disloziert wurde.

Artikel III: Die Vertragsparteien verpflichten sich, Abschussvorrichtungen für von Unterseebooten aus gestartete ballistische Flugkörper (SLBM) und moderne Unterseeboote mit ballistischen Flugkörpern auf die Zahl zu begrenzen, die im Zeitpunkt der Unterzeichnung dieses Interimsabkommens einsatzbereit und im Bau befindlich ist, und darüber hinaus auf die Abschussvorrichtungen und Unterseeboote, die nach den von den Vertragsparteien aufgestellten Verfahren als Ersatz für eine gleiche Anzahl von vor 1964 dislozierten ICBM-Abschussvorrichtungen älterer Typen oder für Abschussvorrichtungen auf älteren Unterseebooten gebaut werden.

Artikel IV: Vorbehaltlich dieses Interimsabkommens können die darunter fallenden strategischen ballistischen Angriffskörper und Abschussvorrichtungen modernisiert und ersetzt werden.

Artikel V: (1) Um eine Gewähr für die Einhaltung dieses Interimsabkommens zu bieten, wird jede Vertragspartei die ihr zur Verfügung stehenden innerstaatlichen technischen Nachprüfungsmittel in einer Weise einsetzen, die mit den allgemein anerkannten Grundsätzen des Völkerrechts im Einklang steht.
(2) Jede Vertragspartei verpflichtet sich, in die innerstaatlichen technischen Nachprüfungsmittel der anderen Vertragspartei, die im Einklang mit Absatz 1 tätig wird, nicht störend einzugreifen.
(3) Jede Vertragspartei verpflichtet sich, keine vorsätzlichen Verschleierungsmaßnahmen anzuwenden, welche die Nachprüfung der Einhaltung dieses Interimsabkommens mit innerstaatlichen technischen Mitteln behindern. Diese Verpflichtung bedingt keine Änderung der gegenwärtigen Bau-, Montage-, Umbau- oder Überholungsverfahren. [...]

Artikel VII: Die Vertragsparteien verpflichten sich, weiterhin aktive Verhandlungen zur Begrenzung der strategischen Angriffswaffen zu führen. Die in diesem Interimsabkommen vorgesehenen Verpflichtungen präjudizieren nicht den Umfang oder die Bedingungen der Begrenzung strategischer Angriffswaffen, die gegebenenfalls im Verlauf weiterer Verhandlungen ausgearbeitet werden«.

Bearbeitungsstand: April 2008

SALT-II-Abkommen

engl.: Strategic Arms Limitation Talks (SALT) 2

Am 18.6.1979 unterzeichneten der US-amerikanische Präsident Jimmy Carter und der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew in der Wiener Hofburg den SALT-II-Vertrag (Strategic Arms Limitation Talks). Darin wurde die Begrenzung der strategischen Arsenale auf jeweils 2250 Trägersysteme, davon 1200 Fernraketen mit Mehrfachsprengköpfen festgelegt.

Obwohl das erste SALT-Abkommen noch bis 1977 gültig sein sollte, nahmen die beiden Großmächte schon 1974 Gespräche über weitere Abrüstungsschritte auf. Diese mündeten in die so genannte Wladiwostok-Übereinkunft des Jahres 1974. Dieses neue Abkommen legte eine für beide Seiten gleiche, quantitative Obergrenze für »means of delivery«, also für Trägersysteme von Raketen, fest.

Dieser neue Entwurf bildete die Grundlage für das SALT II-Abkommen, das allerdings erst 1979, nach mehr als sechs Jahre andauernden Verhandlungen, in Wien unterzeichnet werden konnte. Es wird in diesem Zusammenhang vorgestellt und analysiert, obwohl es nach seiner Unterzeichnung durch die damaligen Staatschefs Carter und Breschnjew doch niemals ratifiziert wurde. Zwar billigte der amerikanische Senatsausschuss für Auswärtige Angelegenheiten den Vertrag, doch Präsident Carter selbst empfahl dem Senat später, den Vertrag abzulehnen, nachdem die Sowjetunion 1979 in Afghanistan einmarschiert war und Amerika sich in seiner globalen Bedrohungsperzeption durch den Kommunismus bestärkt sah. Da der Vertrag jedoch schon unterzeichnet war, waren beide Parteien völkerrechtlich insofern an ihn gebunden, als es ihnen nicht erlaubt war, den Vertragsprovisionen zuwider zu handeln, ohne offiziell dessen Nicht-Implementierung zu verkünden. Darüber hinaus gaben beide Regierungen Erklärungen ab, den Vertrag trotz der Nicht-Ratifizierung weiterhin achten zu wollen.

SALT II besteht aus drei verschiedenen Ebenen (»three-tier arrangement«): zum einen einigte man sich konkret auf langfristige Abrüstungsschritte, die sogar noch über die in Wladiwostock beschlossenen Zahlen hinausgingen; zweitens beschloss man sofortige Maßnahmen zur Regelung besonders drängender Fragen; und drittens verständigte man sich auf eine gemeinsame Position bezüglich weitergehender Abrüstungsschritte in der Zukunft (»Joint Statement of Principles«).

Im Vertragswerk enthalten ist auch die Absicht, eine Datenbank einzurichten, durch die beide Vertragsparteien Zugriff haben auf Daten bezüglich des Umfangs der strategischen Waffen des Gegners, worin ein bedeutender Fortschritt im Vergleich zu vorherigen Abkommen zu sehen ist.
Die Verhandlungen, die letztlich zur Vertragsunterzeichnung führten, veranschaulichen wiederum auf eindrückliche Weise, mit welchen Problemen dieses bilaterale Abrüstungsprojekt - so wie im Grunde alle anderen Abrüstungsverhandlungen auch - konfrontiert war: entscheidender Streitpunkte war die Frage der Vergleichbarkeit unterschiedlicher Waffensysteme und die Frage der Bedeutung dieser Systeme innerhalb der Militärstrategien beider Länder. Schon kurz nach der Unterzeichnung der Übereinkunft in Wladiwostok unterbreitete die Amerikanische Führung der Sowjet Union ein Angebot zur weitgehenden Reduzierung von ICBMs, welches von der sowjetischen Regierung jedoch umgehend abgelehnt wurde, da ICBMs ein integraler Bestandteil ihrer Militärstrategie darstellte.

Im Wesentlichen wurden folgende Limits im sehr komplexen Vertragstext festgelegt:

  1. Eine Begrenzung der Startsysteme auf insgesamt 2400 auf jeder Seite, dazu gehörten ICBM und SLBM Abschussvorrichtungen, schwere Bomber und Boden-Luft-Raketen (ASBMs/ Air-to-surface-ballistic missiles) mit einer Reichweite von mehr als 600 km. Dieses Limit sollte bis zum 31.12.1981 sogar noch auf 2250 gesenkt werden.

  2. Beide Seiten sollten außerdem die Anzahl ihrer Abschussvorrichtungen für Raketen, die mit Mehrfachsprengköpfen (MIRVs) ausgerüstet sind, sowie für Bomber, die mit Raketen mit einer Reichweite von mehr als 600 km ausgestattet sind, auf insgesamt höchstens 1320 reduzieren. Die Zusammensetzung dieser Summe blieb den beiden Staaten überlassen, was den unterschiedlichen Militärdoktrinen und Bedürfnissen entspricht.

  3. Darüber hinaus wurde die Anzahl der Mehrfachsprengköpfe pro Rakete eingefroren: ICBMs sollten mit nicht mehr als 10 MIRVs bestückt sein, während SLBMs höchstens 14 und ASBMs höchstens 10 MIRVs transportieren sollten.

  4. Weiterhin wurde das zulässige Start- und Wurfgewicht (launch-weight and throw-weight) von ICBMs reguliert, der Bau neuer fixierter ICBM-Startrampen verboten, sowie die Umwandlung bereits existierender leichter ICBM-Rampen in schwere ausgeschlossen.

  5. Ein weiterer wesentlicher Aspekt bestand in Artikel IV § 9, der besagt, dass es keinem Land gestattet sei, mehr als einen neuen leichten ICBM-Typ zu testen.

Ferner wurde der Bau von »rapid reload ICBM systems«, mobilen ICBM Abschusssystemen, der Bau von fest installierten Abschussvorrichtungen unter Wasser, sowie die Konstruktion weltraumgestützter Systeme untersagt.

Bewertend kann gesagt werden, dass SALT II in einigen Bereichen relativ große und wichtige Fortschritte erzielte, wenn man auch insgesamt nicht von echter Abrüstung sprechen kann, da die Anzahl der Waffensysteme in vielen Fällen nur auf dem Stand der Vertragsunterzeichnung eingefroren wurde. SALT II ist also ein typisches Beispiel für Rüstungskontrolle, bei der sich beide Parteien zum ersten Mal auf quantitativ gleiche Begrenzungen ihrer Waffensysteme einließen. Zum anderen wurden bestimmte Systeme (weltraum- sowie meeresbodengestützte Raketen etc.), wie oben aufgeführt, generell verboten, wodurch der Rüstungswettlauf zumindest in seinen Facetten beschnitten werden sollte. Kritisiert wurde jedoch gleichzeitig die hohe erlaubte Zahl an MIRVs pro Rakete, die insgesamt nicht verwirklichte Reduktion von Waffensystemen, sowie die fehlende Regelung bezüglich neuer Mehrfachsprengköpfe. (Quelle: wien-vienna.at)

Bearbeitungsstand: April 2008

siehe auch: Codierte Sicherungsvorrichtung

Sandia National Laboratories (SNL)

Einrichtung des Atomwaffenkomplexes, New Mexico und Kalifornien, USA

Das SNL besteht aus mehreren Forschungseinrichtungen. Die beiden Hauptlabore befinden sich in Albuquerque, New Mexico und Livermore, Kalifornien. Es wird im Auftrag des Department of Energy von der Sandia Corporation betrieben, einer Tochter der Lockheed-Martin Corporation. Es forscht unter Anderem in den Bereichen Klima, Nanotechnologie und Rüstung. Es entstand direkt aus dem Manhattanprojekt, als die Z-Division des LANL nach Albuquerque umzog. Von Beginn an hatte es vor allem Aufgaben im Bereich Atomwaffenforschung zu erfüllen. Heute besitzt das SNL zu diesem Zweck Entwicklungs- und Forschungseinrichtungen, die an der Verbesserung von Sicherheit, Verlässlichkeit und Leistung von Atomwaffen forschen, insbesondere deren konventionellen Komponenten, die hier teilweise sogar produziert werden. Auch unterstützt die Forschung des SNL die Modernisierung des bestehenden Atomwaffenarsenals (Stockpile Stewardship Program). Zudem verfügt das SNL über die Z-Maschine, die weltgrößte Röntgenquelle, mit der Versuche unter enormen Temperatur- und Druckverhältnissen durchgeführt werden können. Dies wird zwar auch für zivile Forschung genutzt, liefert aber auch essentielle Beiträge für die Atomwaffenforschung. jk

(Quellen: Sandia, BusinessWeek)

Bearbeitungsstand: August 2012

siehe auch: Atomwaffenkomplex der USA
siehe auch: Los Alamos National Laboratory (LANL)
siehe auch: Lockheed Martin
siehe auch: Manhattan-Projekt
siehe auch: Stockpile Stewardship Program

Saubere Bombe

engl.: clean bomb

Die Wirkung einer Atombombendetonation besteht in der Regel zu ca. 50 % aus der Druckwelle, zu ca. 35 % aus der thermischen Strahlung und zu ca.     15 % aus der nuklearen Strahlung. Bei kleineren Sprengköpfen, wie zum Beispiel der Neutronenbombe, entfallen wesentlich größere Anteile auf die nukleare Strahlung, entsprechend geringer wirken die Hitze- und die Druckwelle. Neutronenbomben haben deshalb andere Auswirkungen auf die Umwelt. Die Zerstörung von Gebäuden ist wesentlich geringer; umso schlimmer ist aber die Strahlenwirkung auf den Menschen. Ihr Ziel ist es, Soldaten sofort kampfunfähig zu machen. D.h. mehr Tote und weniger Gebäudeschäden: Deshalb wurde die Neutronenbombe oft unter dem makabren Stichwort »Saubere Bombe« gehandelt. (Quelle: IPPNW)

Bearbeitungsstand: März 2008

siehe auch: Wirkungskomponenten

Savannah River Site (SRS)- Tritium Operations

Einrichtung des Atomwaffenkomplexes, South Carolina, USA

Im SRS in Aiken, South Carolina wird Tritium, in Atomwaffen unter anderem als Neutronenquelle benötigt, hergestellt, verarbeitet und in Tritiumreservoirs gefüllt. Auch wird Tritium hier aus Komponenten aus nicht mehr benötigten Waffen entfernt. Das meiste Tritium wird auch in Aiken gelagert und auf seine Verlässlichkeit geprüft. Außerdem wird hier waffenfähiges Plutonium zu MOX konvertiert, was allerdings nicht der NNSA unterliegt und damit nicht Teil des Atomwaffenkomplexes ist. Dies trifft nur auf die Tritiumanlagen zu. Betrieben wird es von der Savannah River Nuclear Solutions, LLC, einem Konsortium angeführt von der Fluor Corporation, Huntington Ingalls Industries (Tochter von Northrop Grumman), und Honeywell. jk

(Quellen: SRS, SRNS)

Bearbeitungsstand: August 2012

siehe auch: Atomwaffenkomplex der USA
siehe auch: Honeywell
siehe auch: MOX
siehe auch: Northrop Grumman
siehe auch: NNSA
siehe auch: Tritium

Schmutzige Bombe

engl.: dirty bomb; radiological dispersion weapon

Bei einer radiologische Dispersionswaffen (auch so genannten »schmutzigen Bombe«) besteht die Hauptwirkung in der flächigen Verseuchung durch radioaktiven Fallout. Dies wird durch eine Kernexplosion auf dem Erdboden erreicht. Insbesondere wurde die Kobaltbombe als schmutzige Bombe bezeichnet, deren Hülle aus Kobalt die Umgebung für Jahre verstrahlt.

Die wohl einfachste und billigste Möglichkeit, zu einer »schmutzigen Bombe« zu kommen, bestünde darin, sich Nuklearmaterial wie waffenfähiges Plutonium oder aufgebrauchten Kernbrennstoff aus zivilen Atomkraftwerken, zu beschaffen und es mit Hilfe eines konventionellen Sprengsatzes über ein dicht besiedeltes Gebiet zu verteilen. Solche radiologischen Dispersionswaffen sind viel leichter herzustellen als eine Atom- oder Wasserstoffbombe. Sie würden weniger Zerstörungen und weniger unmittelbare Todesopfer verursachen als eine richtige Atomwaffe. Doch auch sie hätten langfristige Gesundheits- und Umweltschäden zur Folge und würden zu einem unkalkulierbaren sozialen und ökonomischen Chaos führen.

Mit Ausnahme des umstrittenen Einsatzes uranhaltiger Munition durch die USA während des Golfkrieges von 1991 und während des Kriegs gegen Jugoslawien von 1999 sind radiologische Waffen aus praktischen wie ethischen Gründen bei Konflikten weder stationiert noch eingesetzt worden. Noch nie wurden sie mit dem ausdrücklichen Ziel eingesetzt, durch die Verstrahlung von Mensch und Umwelt Leid zu verursachen. In der Hand von Terroristen bestünde der Zweck ihres Einsatzes nicht in militärischen Vorteilen, sondern in den Schäden und der Panik, welche die Freisetzung von radioaktivem Material in einem dicht besiedelten Gebiet zur Folge hätte. Bereits eine kleine radiologische Waffe könnte ein großes städtisches Gebiet verseuchen, die Krebsgefahr für die betroffene Bevölkerung vergrößern und sie hätte eine psychologisch unkalkulierbare Wirkung.

Die tatsächliche Wirkung von radiologischen Waffen hinge im Ernstfall von mehreren Faktoren ab:

  1. von Art und Menge der freigesetzten Isotope;

  2. von Umweltfaktoren wie Jahreszeit, Inversionswetterlagen, Luftfeuchtigkeit und der vorherrschenden Windrichtung sowie

  3. von der Größe und Bevölkerungsdichte des betroffenen Gebiets. (Quelle: IPPNW)

Bearbeitungsstand: Januar 2006

siehe auch: Fallout
siehe auch: Isotope
siehe auch: Wasserstoffbombe

Schönborn

ehem.Atomwaffenstandort, Deutschland

Im Rahmen der großräumigen Luftverteidigung Europas während der Zeit des Kalten Krieges waren auch die US-Streitkräfte an dem quer durch Deutschland verlaufenden Nike-Herkules Flugabwehrgürtel mit insgesamt sechs in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz, stationierten Bataillonen beteiligt. Das 5thMissile Battailon, 6thUS-Arty-Group verfügte über atomare Feuerstellungen in den Standorten Schönborn, Wüschheim, Baumholder und Reitscheid.

Die Nike-Feuerstellung (Launching Area) Schönborn (49°37'44”N, 7°45'22”O) lag ca.  25 km südlich der Stadt Bad Kreuznach in Rheinland Pfalz.
Die dort stationierte A-Battery, des 5thMissile Battailon, 6thUS-Arty-Group bestand aus drei getrennten Bereichen: der Unterkunft, dem Feuerleitbereich in günstiger topografischer Lage mit bis zu 5 Radargeräten für Überwachung, Zielerfassung, Zielverfolgung und Flugkörperverfolgung und dem Abschussbereich mit jeweils 3 Abschussflächen und dazugehörigen Bunkern. In diesem Bereich befanden sich auch die Atomsprengköpfe.

In der Stellung Schönborn waren bis 1983 atomare Flugabwehrraketen vom Typ Nike stationiert. An Atomsprengköpfen waren zwei Versionen verfügbar. Die kleinere mit der Bezeichnung B-XS hatte eine Sprengkraft von 2 Kilotonnen. Die größere B-XL besaß ursprünglich 40 kT Sprengkraft. Letztere wurden in den 1970er Jahren gegen Sprengköpfe zu 20 kT ausgetauscht. Maximal waren je Stellung zehn Nuklear-Sprengköpfe vorhanden, acht mit der Stärke XS mit 2 Kilotonnen und zwei XL mit 40/20 Kilotonnen Sprengkraft. Für den Einsatz der Gefechtsköpfe gab es genau festgelegte Prioritäten. Beim Anflug eines einzelnen feindlichen Zielobjektes wurde ein kleiner atomarer Gefechtskopf (B-XS) eingesetzt. Beim Anflug mehrerer feindlicher Zielobjekte wurde soweit verfügbar ein großer atomarer Gefechtskopf (B-XL) eingesetzt. Die ebenfalls vorhandenen konventionellen Gefechtsköpfe dienten lediglich als Munitionsreserve.

1983 endete der atomare Einsatz. Danach war am selben Ort bis 1993 eine Hawk Einheit stationiert. Inzwischen ist die Feuerstellung komplett geräumt und mit drei Windrädern und neuerdings mit einer Solarfarm bebaut. (LL)

(Quellen:  Jürgen Dreifke, Michael Juhls)

Bearbeitungsstand: August 2010

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: KT (Kilotonne)
siehe auch: Nike Herkules

 

Schöneck

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

Die Nike-Feuerstellung (Launching Area) Schöneck (50°11’52“N, 08°52’49“O) der 2. Batterie des FlaRakBtl 23 lag ca. 8 km nordwestlich der Stadt Hanau in Hessen.
Die dort stationierte FlaRakBatterie bestand aus drei getrennten Bereichen: der Unterkunft, dem Feuerleitbereich in günstiger topografischer Lage mit bis zu 5 Radargeräten für Überwachung, Zielerfassung, Zielverfolgung und Flugkörperverfolgung und dem Abschussbereich mit jeweils 3 Abschussflächen und dazugehörigen Bunkern. In diesem Bereich befanden sich auch die Atomsprengköpfe. Während die Raketen in Montagebunkern oder auf durch Erdwälle geschützten  Abschussschienen bereit gehalten wurden, lagen die Radaranlagen in exponierter Stellung und konnten nur mit Sandsäcken oder Konturen verwischender Tarnung ungenügend geschützt werden. Zum Schutz insbesondere vor angreifenden Tieffliegen wurden die Stellungen später zusätzlich mit 20mm Zwillingsgeschützen ausgestattet.
In der Stellung Schöneck waren von 1966 bis  1987 atomare Flugabwehrraketen vom Typ Nike stationiert. An Atomsprengköpfen waren zwei Versionen verfügbar. Die kleinere mit der Bezeichnung B-XS hatte eine Sprengkraft von 2 Kilotonnen. Die größere B-XL besaß ursprünglich 40 kT Sprengkraft. Letztere wurden in den 1970er Jahren gegen Sprengköpfe zu 20 kT ausgetauscht.
Maximal waren je Stellung zehn Nuklear-Sprengköpfe vorhanden, acht mit der Stärke XS mit 2 Kilotonnen und zwei XL mit 40/20 Kilotonnen Sprengkraf(Jürgen Dreifke).


Ein Zeitzeuge erinnert sich: „Die vier Batterien des FlaRakBtls 23 [mit den Feuerstellungen Albach, Schöneck, Kemel und Obersayn] befanden sich in unterschiedlichen Bereitschaftsstufen mit einer Reaktionszeit von maximal 30 Minuten, maximal 3 Stunden, maximal 12 Stunden und mehr als 12 Stunden. Innerhalb einer Batterie hatten mindestens zwei Abschussplätze den selben Bereitschaftsgrad. Konnte eine der Batterien aus technischen Gründen den Bereitschaftsgrad nicht einhalten, dann rückten die anderen Batterien eine Einsatzstufe nach oben. Abhängig vom Bereitschaftsgrad war die Stellung im Schichtbetrieb ständig besetzt und einsatzbereit. Dazu gab es in der Batterie drei Kampfbesatzungen für den Feuerleit- und Abschussbereich, die sich in einem System von 48-Std-Schichten während der Woche und 72-Std-Schichten am Wochenende abwechselten.
Für den Einsatz der Gefechtsköpfe gab es genau festgelegte Prioritäten. Beim Anflug eines einzelnen feindlichen Zielobjektes wurde ein kleiner atomarer Gefechtskopf (B-XS) eingesetzt. Beim Anflug mehrerer feindlicher Zielobjekte wurde ein großer atomarer Gefechtskopf (B-XL) eingesetzt. Die ebenfalls vorhandenen konventionellen Gefechtsköpfe dienten lediglich als Munitionsreserve.
Soweit mir bekannt, befanden sich in allen Nike-Stellungen der Bundesluftwaffe atomare Gefechtsköpfe.“ (Quelle:Michael Juhls)

 

Bearbeitungsstand: Juli 2010

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: KT(Kilotonne)
siehe auch: Nike Hercules

Schönemoor

ehem. Atomwaffenstandort Deutschlands

Die Nike-Feuerstellung (Launching Area) Schönemoor (53°06’00“N, 08°36’25“O) der 2. Batterie des FlaRakBtl 24 lag ca. 5 km nördlich der Stadt Delmenhorst in  Niedersachsen. Die dort ab Mai 1973 stationierte Batterie war zuvor vom Flugplatz Delmenhorst-Adelheide nach Schönemoor verlegt worden. Die Stellung bestand aus drei getrennten Bereichen: der Unterkunft, dem Feuerleitbereich in günstiger topografischer Lage mit bis zu 5 Radargeräten für Überwachung, Zielerfassung, Zielverfolgung und Flugkörperverfolgung und dem Abschussbereich mit jeweils 3 Abschussflächen und dazugehörigen Bunkern. In diesem Bereich befanden sich auch die Atomsprengköpfe. Während die Raketen in Montagebunkern oder auf durch Erdwälle geschützten  Abschussschienen bereit gehalten wurden, lagen die Radaranlagen in exponierter Stellung und konnten nur mit Sandsäcken oder Konturen verwischender Tarnung ungenügend geschützt werden. Zum Eigenschutz vor allem gegen angreifende Tiefflieger, wurden die Stellungen später zusätzlich mit 20mm Zwillingsgeschützen ausgestattet.

In der Stellung Schönemoor waren von 1973 bis 1988 atomare Flugabwehrraketen vom Typ Nike stationiert. An Atomsprengköpfen waren zwei Versionen verfügbar. Die kleinere mit der Bezeichnung B-XS hatte eine Sprengkraft von 2 Kilotonnen. Die größere B-XL besaß ursprünglich 40 KT Sprengkraft. Letztere wurden in den 1970er Jahren gegen Sprengköpfe zu 20 KT ausgetauscht.

Maximal waren je Stellung zehn Nuklearsprengköpfe vorhanden, acht mit der Stärke XS mit 2 KT und zwei XL mit 40/20 KT Sprengkraft. (Quelle: Jürgen Dreifke)

Ein Zeitzeuge erinnert sich: „Die vier Batterien des FlaRakBtls 24 [mit den Feuerstellungen Moorriem, Schönemoor, Westerscheps und Ristedt] befanden sich in unterschiedlichen Bereitschaftsstufen mit einer Reaktionszeit von maximal 30 Minuten, maximal 3 Stunden, maximal 12 Stunden und mehr als 12 Stunden. Innerhalb einer Batterie hatten mindestens zwei Abschussplätze den selben Bereitschaftsgrad. Konnte eine der Batterien aus technischen Gründen den Bereitschaftsgrad nicht einhalten, dann rückten die anderen Batterien eine Einsatzstufe nach oben. Abhängig vom Bereitschaftsgrad war die Stellung im Schichtbetrieb ständig besetzt und einsatzbereit. Dazu gab es in der Batterie drei Kampfbesatzungen für den Feuerleit- und Abschussbereich, die sich in einem System von 48-Std-Schichten während der Woche und 72-Std-Schichten am Wochenende abwechselten.

Für den Einsatz der Gefechtsköpfe gab es genau festgelegte Prioritäten. Beim Anflug eines einzelnen feindlichen Zielobjektes wurde ein kleiner atomarer Gefechtskopf (B-XS) eingesetzt. Beim Anflug mehrerer feindlicher Zielobjekte wurde ein großer atomarer Gefechtskopf (B-XL) eingesetzt. Die ebenfalls vorhandenen konventionellen Gefechtsköpfe dienten lediglich als Munitionsreserve.

Soweit mir bekannt, befanden sich in allen Nike-Stellungen der Bundesluftwaffe atomare Gefechtsköpfe.“ (Quelle: Michael Juhls)

Bearbeitungsstand: Januar 2010

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: KT (Kilotonne)

siehe auch: Nike Hercules

Schöppingen

ehem. Atomwaffenstandort Deutschland

ehem. Atomwaffenstandort Schöppingen. Bild: Digital GlobeIm Rahmen der großräumigen Luftverteidigung Europas während der Zeit des Kalten Krieges waren auch die nordrhein-westfälische Streitkräfte an dem quer durch Deutschland verlaufenden Nike-Hercules-Flugabwehrgürtel mit mehreren Verbänden beteiligt. Dieses Waffensystem hätte im Ernstfall zur Abwehr der östlichen Bomberflotten in großer Höhe Nuklearexplosionen ausgelöst - über dem eigenen Territorium. 1988 kam das Ende dieser Phase, aufgrund eines NATO-Beschlusses hat man die zugeordneten Nuklearwaffen abgezogen.

Die ehemalige nordrhein-westfälische Nike-Feuerstellung (Launching Area) Schöppingen (52°05'44“N, 07°16'19“O) lag ca. 7 km südwestlich der Stadt Steinfurt in NRW. Hier war die 220. Squadron stationiert, die vom 508th US Army-Field Artillery Detachment mit seinem Alpha-Team unterstützt wurde. (LL)

In der Stellung Schöppingen waren ständig atomare Flugabwehrraketen vom Typ Nike stationiert. In der Regel waren zwei Versionen an Atomsprengköpfen in der Stellung vorhanden. Die kleinere mit der Bezeichnung B-XS hatte eine Sprengkraft von 2 KT (Kilotonnen). Die größere B-XL besaß ursprünglich 40 KT Sprengkraft. Letztere wurden in den 1970er Jahren gegen Sprengköpfe zu 20 KT ausgetauscht. Maximal waren je Stellung zehn Atomsprengköpfe vorhanden, acht mit der Stärke XS mit 2 KT und zwei XL mit 40/20 KT Sprengkraft. (Jürgen Dreifke)

Die Stellung wurde im März 1988 aufgegeben. Heute befindet sich hier ein Windpark. (LL)

Bearbeitungsstand: Juni 2016

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

Schreckensradius

engl.: scare radius

Die Wirkung einer Atombombe auf den Menschen hängt von verschiedenen Faktoren ab, vor allem aber von der Entfernung zum Detonationspunkt. In einem Radius von 500 Metern ist die Wirkung fast durchweg tödlich. Amerikanische Wissenschaftler sollten bald einen Namen für diese Zone finden; sie nannten sie scare radius (»Schreckensradius«). (Quelle: Stephen Walker, Hiroshima, München 2005, S. 293)

Bearbeitungsstand: Juli 2007

Siehe auch: Detonationspunkt

Schwabstadl

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

Foto: US Army Germany

Die Bereitschaftsstellung Schwabstadl (48°08’52“N, 10°51’24“O) befand sich rund 11 km nördlich der Stadt Landsberg am Lech. Hier wurde ab 1966 die Flugkörpergruppe 12 mit dem Raketensystem Pershing-IA stationiert. Die Stellung lag ca. 300 Meter südöstlich der Schwabstadlkaserne am Rande eines ehemals von der Wehrmacht genutzten Geländes. Sie war mit einem einfachen Maschendrahtzaun gesichert. Die vorhandenen Holzbaracken, eine einfache Waschbaracke, sowie die noch aus Wehrmachtszeiten stammenden Steinbauten waren kaum geeignet, als dauerhaftes Quartier für ein damals hoch modernes Waffensystem und die dazugehörenden Soldaten.

Nachdem von Anfang an feststand, dass die Bereitschaftsstellung Schwabstadl den NATO-Anforderungen nicht genügen konnte, begann bereits vor der Inbetriebnahme die Planung für eine deutlich verbesserte Stellung. Aus taktischen und wirtschaftlichen Gründen kam dafür nur das Standortübungsgelände Landsberg am Lech in Frage.

Ab 1970 wurden die Bereitschaftstellungen Schwabstadl und Landsberg gemeinsam betrieben. Die hier stationierten Pershing-IA waren mit  atomaren Sprengköpfen vom Typ W50 bestückt, die über festgelegte KT-Werte von 60, 200 oder 400 KT verfügten. (Quelle: Stephan Olessak, Aui's Website, München)

Bearbeitungsstand: Dezember 2009

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: Landsberg
siehe auch: KT (Kilotonne)
siehe auch: Pershing-Rakete

Schwarzer Regen

engl.: black rain

Etwa 20 Minuten nach den Explosionen der Bomben ging schwarzer, schmierig-öliger Regen auf Hiroshima und Nagasaki nieder. Es waren große, schwere, dunkel gefärbte Tropfen, deren Aufschlag auf der Haut schmerzte. Der Regen entstand bei der Abkühlung des Feuerballs, weil Wasser um die radioaktiven Partikel herum kondensierte. Das radioaktive Wasser blieb an der Haut und der Kleidung der Opfer kleben. Die Außentemperatur sank so stark ab, dass die Menschen zu frieren begannen. (IPPNW-Broschüre: Hiroshima, Nagasaki)

Bearbeitungsstand: Januar 2007

siehe auch: Hiroshima
siehe auch: Nagasaki

SCHWEITZER Albert

1875 - 1965

Foto: Deutsches Bundesarchiv

Albert Schweitzer wurde am 14. Januar 1875 in Kayserberg im Elsass geboren. Als Sohn eines Pfarrers wuchs er im ländlichen Günsbach (Nähe Colmar) auf. Von 1893 bis 1898 studierte er Theologie und Philosophie an den Universitäten von Straßburg, Paris und Berlin. Die folgenden zwölf Jahre war er Pfarrer und Stiftsdirektor in Straßburg. Darüber hinaus widmete er sich den Geisteswissenschaften und promovierte mit einer Arbeit über die Religionsphilosophie bei Immanuel Kant.

Mit 30 Jahre beschloss er, Medizin zu studieren, und wurde nach seiner Promotion 1912 Tropenarzt. 1913 zog er als Missionsarzt mit seiner Frau Helene nach Afrika und baute in Lambaréné, Französisch Äquatorialafrika (das heutige Gabun), ein Urwaldhospital auf, das bis heute besteht. Ziel war und ist die Erforschung und Behandlung exotischer Krankheiten, wie der Schlafkrankheit, Aussatz und anderer Seuchen.

Da während des 1. Weltkrieges das Elsass zu Deutschland gehörte, galt Schweitzer in der französischen Kolonie als feindlicher Ausländer. Zunächst durfte er unter Bewachung seiner Arbeit nachgehen. Später wurde ihm jede Tätigkeit verboten. Die damit unerwartet erhaltene freie Zeit bot ihm Gelegenheit, seine Philosophie der "Ehrfurcht vor dem Leben" zu entwickeln. Nach Schweitzer hängt Kultur aufs engste mit der Lebensauffassung zusammen. Nur wer Ja zum Leben und zur Welt, in der er lebt, sagt, ist auch fähig, Kultur zu schaffen. Die Bejahung des Lebens und der Welt aber bedingt ethisches, d.h. verantwortliches Handeln. Ethik ist das Streben nach dem Ideal des Guten. „Ethisch ist der Mensch nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und des Tieres wie das des Menschen, heilig ist und er sich dem Leben, das in Not ist, helfend hingibt. Nur die universelle Ethik des Erlebens der ins Grenzenlose erweiterten Verantwortung gegen alles, was lebt, lässt sich im Denken begründen.“

Während des Ersten Weltkrieges musste er sein Spital in Lambaréné verlassen. Schon 1924 kehrte er aber zurück, und unternahm von da an immer wieder auch Reisen zu einigen Städten in Europa. 1921 veröffentlichte Schweitzer das Buch "Zwischen Wasser und Urwald", in dem er sein Leben als Arzt in Lambaréné beschreibt. 1928 erhielt er von der Stadt Frankfurt am Main den Goethepreis.

In seiner Rede zu Goethes 100. Todestag 1932 in Frankfurt am Main warnte Schweitzer vor dem aufkommenden Nationalsozialismus. Von 1939 bis 1948 lebte er in Afrika.

In den 1950er Jahren setzte er sich gegen die Atomtests ein. 1951 erhielt er den "Friedenspreis des Deutschen Buchhandels". Für seinen medizinischen Einsatz in Afrika und für seine Bemühungen um die Völkerverständigung wurde Albert Schweitzer mit dem Friedensnobelpreis von 1952 geehrt.

Zum ersten Male äußerte Albert Schweitzer seine Besorgnisse über den Gebrauch von Atombomben in einem Brief, der am 14. April 1954 im „Daily Herald“ in London erschien. Er schrieb: „Die Folgen der Wasserstoffbomben-Explosion bilden ein höchst beängstigendes Problem... Erforderlich wäre, dass die Welt auf die Warnrufe der einzelnen Wissenschaftler hörte, die dieses furchtbare Problem verstehen. So könnte die Menschheit beeindruckt werden, Verständnis gewinnen und die Gefahr begreifen, in der sie sich befindet.“ Bei der Rede anlässlich der Übergabe des Friedensnobelpreises vom 4. November 1954 in Oslo äußerte er sich erneut zur Gefahr der Atomrüstung.

Von vielen Freunden und bekannten Wissenschaftlern, darunter dem am 18. April 1955 verstorbenen Albert Einstein, wurde Schweitzer immer mehr gedrängt, öffentlich gegen die Atombombe und die Atomtests zu protestieren. Namhafte Wissenschaftler waren der Meinung, dass das Renommee Schweitzers helfen könnte, die Weltöffentlichkeit auf das Problem der nuklearen Verseuchung und der davon ausgehenden Gefahr für die Menschen aufmerksam zu machen. Robert Jungk schrieb dazu: "Fast jeder, der in den Jahren zwischen 1954 und 1957 mit Albert Schweitzer privat zusammentraf, wurde von ihm intensiv über die 'Atomgefahr' ausgefragt".

Schweitzer schrieb im Januar 1957 einen Brief an den US-amerikanischen Präsidenten Dwight Eisenhower: „... Wir teilen beide die Überzeugung, dass die Menschheit einen Weg finden muss, um die Waffen zu kontrollieren, die das Leben auf der Welt bedrohen. ... ich hoffe, dass es uns beiden vergönnt sein wird, den Tag zu erleben, an dem die Leute auf der Welt erkennen werden, dass das Schicksal der ganzen Menschheit aufs Spiel gesetzt wird und dass es dringend notwendig ist, eine klare Entscheidung zu treffen, welche angemessen mit der quälenden Situation umgehen kann, in der die Welt sich zur Zeit selber befindet. “

Am 23. April 1957 ließ Schweitzer über Radio Oslo seinen „Appell an die Menschheit“ verbreiten. Der Aufruf wurde von etwa 140 weiteren Radiostationen in fünfzig Ländern übernommen. Vielen Sendern - im Osten wie im Westen - wurde dies allerdings verboten. Auch in den USA wurde die Sendung nicht ausgestrahlt.

Am 14. Januar 1958, dem 83. Geburtstag von Schweitzer, übergab der Chemiker und Nobelpreisträger Linus Pauling der UNO in New York eine von 9236 Wissenschaftlern, darunter auch von Schweitzer, unterschriebene Petition, mit der Forderung, einen Atomteststopp-Vertrag zu veranlassen. Auf eine Ankündigung der UdSSR sagten auch die USA und Großbritannien zu, bis zum 31. Oktober 1958 die Atomtests zu stoppen. Das Teststopp-Moratorium hielt 34 Monate.

Schweitzer schrieb drei weitere Appelle, deren Manuskripte von Gunnar Jahn, dem Präsidenten des norwegischen Nobelpreiskomitees, vorgelesen wurden. Die Radiosendungen „Verzicht auf Versuchsexplosionen“, „Die Gefahr eines Atomkrieges“ und „Verhandlungen auf höchster Ebene“ wurden am 28., 29. und 30. April 1958 über Radio Oslo ausgestrahlt und fanden weltweit ein großes Echo. Die drei Reden erschienen im selben Jahr im Verlag C. H. Beck in München unter dem Titel „Friede oder Atomkrieg“ und wurden auch in unzähligen andern Sprachen veröffentlicht.

Wie unter den Bedingungen des Kalten Krieges zu erwarten, wurde Schweitzer neben vielfacher Zustimmung auch heftig angegriffen. Die Neue Zürcher Zeitung schrieb am 10. September 1958 unter dem Titel „Seltsamer Albert Schweitzer“: „Der verehrte Name Albert Schweitzers darf nicht davon abhalten, festzustellen, dass dieses Dokument politisch und philosophisch, militärisch und theologisch wertlos ist. Das Wagnis, das er dem Westen zumutet, ist an sich schon ungeheuerlich. Das Urteil über Amerika und die Sowjetunion anderseits macht es vollends unmöglich, Albert Schweitzers Rat ernsthaft in Erwägung zu ziehen.“

Im August 1961 führte die UdSSR erneut Atomversuche durch, so dass sich auch die USA nicht mehr an das Moratorium gebunden fühlten. Am 20. April 1962 schrieb Schweitzer Präsident Kennedy einen Brief, in dem er die Meinung äußerte: „dass Abrüstung unter einer wirkungsvollen internationalen Kontrolle“ das wichtigste Ziel und die dahingehenden Bemühungen nicht „abhängig von unnötigen Appellen zu internationalen Überprüfungen der Nichtweiterführung der Tests“ gemacht werden sollen. Dann hatte er den Mut, den Präsidenten auf etwas aufmerksam zu machen, „das auch Sie selber betrifft“,  die Auswirkungen der radioaktiven Strahlung auf das menschliche Erbgut. Er schloss den Brief mit dem Satz: „Es war für mich nicht leicht, Ihre Aufmerksamkeit auf die große Verantwortung zu ziehen, die Sie gegenüber künftigen Generationen haben. Bitte, vergeben Sie mir; Ich konnte nicht anders handeln, nicht nur der Menschheit zuliebe, sondern auch aus Überlegungen Ihnen gegenüber.“

Mitten in der Kuba-Krise 1962 schrieb Schweitzer an Norman Cousins, „dass die Zeit für diejenigen arbeitet, die die Atomwaffen abschaffen wollen“. Da er befürchtete, dass die USA eventuell Atombomben zur Lösung der Krise einsetzen könnten, schrieb er einen offenen Brief an den US-amerikanischen Verteidigungsminister Robert McNamara. Er bat Cousins, in den USA eine Zeitung zu finden, die den Brief veröffentlichen würde. Nachdem die Krise vorbei war, wollte jedoch Cousins den offenen Brief nicht mehr veröffentlichen. Schweitzer insistierte: „Wir können nicht aufhören, McNamara aufs schärfste öffentlich zu kritisieren, da er angekündigt hat, dass er Atombomben benützen würde“.

Als der Atomteststoppvertrag 1963 in Kraft trat, schrieb Schweitzer an Präsident John F. Kennedy: „Ich schreibe Ihnen, um Sie zu beglückwünschen und Ihnen zu danken, dass Sie den Weitblick und Mut besaßen, eine Politik zum Weltfrieden einzuleiten. Endlich wird ein Lichtstrahl in der Dunkelheit sichtbar, in der die Menschheit ihren Weg suchte, und gibt uns die Hoffnung, dass die Dunkelheit dem Licht weichen wird.“

Albert Schweitzer starb am 4. September 1965 in Lambaréné.

Die Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (International Physicians for the Prevention of Nuclear War, IPPNW) setzen sich seit ihrer Gründung 1980, ganz im Sinne von Albert Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben“, für die Verhinderung eines Atomkrieges ein. Für ihre Arbeit erhielten sie 1984 den UNESCO-Friedenspreis und 1985 den Friedensnobelpreis. (XH)

Quellen: Albert Schweitzer Homepage; Who’s Who; Deutsches Albert-Schweitzer-Zentrum; Webseite der Friedensnobelpreises; Albert-Schweitzer-Stiftung.

Bearbeitungsstand: September 2009

Schwert und Schild

engl.: sword and shield

Erste strategische Doktrin der NATO. In den frühen 1950er Jahren konnten nukleare Gefechtsköpfe nur durch bemannte Flugzeuge ans Ziel gebracht werden. Marschflugkörper und ballistische Flugkörper waren noch nicht verfügbar. Die Doktrin (MC 14/1) beinhaltete erstmals auch den Einsatz von Nuklearwaffen in Europa.

Die konventionellen Kräfte der NATO dienten dabei als »Schild«, hinter dem das nukleare »Schwert« des Strategischen Luftkommandos der USA in Bereitschaft gehalten wurde. Seit dieser Zeit ist die Androhung des Ersteinsatzes nuklearer Waffen ein wesentlicher Bestandteil der NATO-Strategie gewesen. (Quelle: Neuman, Kernwaffen in Europa, Bonn 1982, S. 124f)

Bearbeitungsstand: Januar 2007

siehe auch: Ersteinsatz
siehe auch: NATO

Scud-Rakete

engl.: scud missile

Die Scud ist eine russische ballistische Boden-Boden-Rakete. Sie gehört aufgrund ihrer Reichweite von 150 km zur Klasse der Kurzstreckenraketen (SRBM). Seit Beginn der Entwicklung in den 1950er Jahren wurden mehrere Varianten (Typ A-D) in die Truppe eingeführt. Die Varianten B und C konnten wahlweise mit atomaren ober chemischen Gefechtsköpfen ausgestattet werden. Der nukleare Sprengkopf variierte zwischen 5-80 KT. Die Raketen werden in der Regel mit einem Fahrzeug transportiert und von diesem aus abgefeuert. Da die Navigation über Kreisel erfolgt, ist die Rakete relativ unpräzise.
Die Scud wurde im zweiten Golfkrieg von irakischer Seite gegen Israel und gegen Saudi Arabien eingesetzt. Dabei wurden insgesamt 40 Angriffe gegen Israel und 46 Angriffe gegen Saudi Arabien jeweils mit einem konventionellen Sprengkopf durchgeführt.

Bearbeitungsstand: Juni 2010

SDI

engl.: Strategic Defense Initiative / umgangspr.: „Star Wars“

Strategische Verteidigungsinitiative

SDI ist ein von US-Präsident Ronald Reagan ins Leben gerufenes Forschungs-Projekt zur Errichtung eines Gürtels teils irdischer, teils satellitengestützter Waffen zur Verteidigung gegen einen denkbaren atomaren Erstschlag der Sowjetunion zu Zeiten des Kalten Krieges, oft scherzhaft „Star Wars Programm“ genannt.

SDI wurde 1993 eingestellt. Die Resultate aus dem Projekt gingen über in den Nachfolger „Ballistic Missile Defense“ (BMD), der zuletzt auch unter dem Begriff „National Missile Defense“ (NMD) firmiert.

Trotz aller Anstrengungen und persönliche Ambition von Ronald Reagan, gilt das SDI-Programm als gescheitert. Einem Angriff mit hunderten von Raketen sind die USA nach wie vor schutzlos ausgeliefert. Das Projekt wird vom ehemaligen Präsidenten George Bush mit Hochdruck weiterentwickelt, der die Vereinigten Staaten von einem möglichen Raketenangriff unter anderem aus Nordkorea bedroht sah. Die Verteidigung gegen eine ganze Flotte angreifender Raketen – und somit der viel beschworene »Schutzschild« – gilt jedoch vielen unabhängigen Wissenschaftlern als technisch nicht möglich. (Quelle: militaer.wisotoday.de, nicht mehr online)

Bearbeitungsstand: Dezember 2005

Sechs-Parteien-Gespräche

engl.: six-party talks

Die so genannten Sechs-Parteien-Gespräche dienten der Einstellung des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms. Im August 2003 begann die erste Runde unter Beteiligung der USA, Russland, China, Südkorea, Japan und Nordkorea. Diese und alle weiteren Runden der Gespräche blieben zunächst ergebnislos. Am 10. Februar 2005 behauptet Nordkorea zum ersten Mal tatsächlich im Besitz von Atomwaffen zu sein. Am 9. Oktober 2006 zündete Nordkorea seine erste Atomwaffe mit einer Sprengkraft vergleichbar mit 550 Tonnen TNT auf dem Punggye-ri-Atomversuchsgelände in Hwaderi nahe der Stadt Kilju. (Johnny Erling)

Nach jahrelangem Tauziehen um Nordkoreas Atomwaffenprogramm gelang es den Verhandlungspartnern im Jahr 2007 einen Durchbruch zu erzielen. Der stalinistische Staat sicherte in Peking zu, seinen umstrittenen Nuklearkomplex in Yongbyon unbrauchbar zu machen. Ferner werde Nordkorea sein Atomprogramm »vollständig und korrekt« offen legen. Auf diesen Aktionsplan haben sich alle Teilnehmer an den Sechs-Länder-Gesprächen mit Nordkorea geeinigt. Im Gegenzug erhält das verarmte Nordkorea umfangreiche Wirtschafts- und Energiehilfen. In Yongbyon werden dem Abschlussdokument zufolge der Fünf- Megawatt-Reaktor, die Wiederaufarbeitungsanlage und die Brennstäbefertigung bis zum 31. Dezember 2007 untauglich gemacht. Die USA werden die Führung bei den dafür erforderlichen Arbeiten und die anfängliche Finanzierung übernehmen, heißt es in dem Papier, das von Nordkorea, den USA, China, Südkorea, Japan und Russland angenommen worden war.

US-Präsident Bush begrüßte den Durchbruch bei den Verhandlungen. Der Aktionsplan 00200020 »spiegelt das gemeinsame Bekenntnis der Teilnehmer der Sechs-Parteien-Gespräche wider, eine koreanische Halbinsel frei von Atomwaffen zu schaffen«. Der Aktionsplan regelt die weitere Umsetzung der Grundsatzvereinbarung vom Februar 2007, als sich Nordkorea grundsätzlich zur Beendigung des Atomwaffenprogramms bereiterklärt hatte. Mit monatelanger Verzögerung wegen eines Streits über amerikanische Finanzsanktionen hatte Nordkorea schließlich erst im Juli 2007 wie vereinbart den Atomkomplex in Yongbyon heruntergefahren und erstmals wieder Atominspekteure ins Land gelassen.

Der neue Plan regelt die Unbrauchbarmachung der Atomanlagen. In der letzten Phase sollen alle Atomanlagen beseitigt werden. Das Dokument verweist auf die Zusage im Februar, Nordkorea im Gegenzug Wirtschafts- und Energiehilfen zu leisten. Die Einzelheiten sollen in der zuständigen Arbeitsgruppe abschließend geklärt werden. Für die Schließung des Komplexes in Yongbyon hat Nordkorea 50.000 Tonnen Öl erhalten. (Quelle: Tagesspiegel, 3.10.2007)

Bearbeitungsstand: Dezember 2007

Sechs-Nationen-Initiative

engl.: six nation initiative

Die Sechs-Nationen-Initiative wurde 1984 von den Regierungschefs von Argentinien, Griechenland, Indien, Mexiko, Schweden und Tansania ins Leben gerufen. Sie wollte die Verhandlungen über ein umfassendes Teststoppabkommen zu einem Zeitpunkt wiederbeleben, an dem der Kalte Krieg besonders gefährlich eskalierte. Die Parliamentarians for Global Action brachten die Idee auf und koordinierten den Kontakt zu den Regierungen. Die Gruppe wurde als eine „Friedensinitiative von fünf Kontinenten“ vorgestellt, die frei ist vom Blockdenken.

Unter Leitung des schwedischen Premierministers Olof Palme, der diese Aufgabe bis zu seiner Ermordung im Jahr 1986 wahrnahm, brachte die Initiative die Stockholmer Erklärung (Stockholm Declaration) heraus.

Die Sechs-Nationen-Initiative war vor allem deshalb wichtig, weil sie das Problem [der atomaren Bedrohung] in das politische Bewusstsein brachte und auf der ganzen Welt Aktionen anstieß. Außerdem stellten die Nicht-Atomwaffenstaaten fest, dass sie die Atomwaffenstaaten beeinflussen können. (IPPNW: Per Express zur atomwaffenfreien Welt, S. 73)

Bearbeitungsstand: November 2004

Seeps

engl.: seeps

Station zur Messung von Radionuklide in Beijing, China. Foto: CTBTO

Infolge von mehr als 1.500 unterirdischen Atomtests zwischen 1957 und heute wurden langlebige Radionuklide in die unterirdische Umwelt eingebracht. In allen Test-Ländern kam es zur Freisetzung von Radioaktivität, entweder durch mangelhafte Druckentlastung (Venting) oder späte Freisetzungen (Seeps), weil nach einem Test Gase durch die Abnahme des Luftdrucks an die Oberfläche gesogen wurden. (Quelle IPPNW: Radioaktive Verseuchung von Himmel und Erde, 1992)

Bearbeitungsstand: Juni 2013

»Weitere Informationen zu Atomtests (Wissen)

Sellafield

Die größte zivile und militärische Atomanlage Europas steht in Sellafield. Hier wurde Plutonium für das britische Atomwaffenprogramm produziert und hier befinden sich auch die havarierten Calder Hall Reaktoren. Der Standort dient heute als Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll. Der Großbrand von 1957 sowie zahlreiche radioaktive Lecks verseuchten die Umwelt und setzten die Bevölkerung radioaktiver Strahlung aus.


Hintergrund

1946 begann die britische Regierung in der Nähe des nordenglischen Städtchens Sellafield mit dem Bau der ersten Reaktoren für die Produktion von waffenfähigem Plutonium - die Geburtsstunde der Atomanlage 'Windscale'. Im Jahre 1952 konnten bereits die ersten Atomsprengköpfe fertig gestellt werden; vier Jahre später lief das weltweit erste kommerzielle Atomkraftwerk an. Aufgrund eines Konstruktionsfehlers speicherten die Graphitblöcke im Inneren des Reaktors zu viel Energie. Um Explosionen zu verhindern,
musste diese in regelmäßigen Intervallen abgegeben werden. Während einer solchen planmäßigen Energieentladung am 7. Oktober 1957 führten fehlerhafte Temperaturmessgeräte und grobe Fehleinschätzungen der Belegschaft zur kritischen Überhitzung des Kerns. Als Konsequenz fingen 10 Tonnen atomare Brennelemente im Reaktorkern Feuer und brannten unkontrolliert für zwei Tage. Der Brand setzte große Mengen an Radionukliden frei, darunter Plutonium, Cäsium-137, Strontium-90 und Jod-131. Der Großteil der radioaktiven Wolke wurde vom Wind Richtung Meer geblasen. Das Wasser, das zum Löschen der Reaktoren eingesetzt wurde, verdunstete und setzte so weiter radioaktive Strahlung in die Atmosphäre frei. Die Bevölkerung wurde über diese Vorfälle erst am 11. Oktober informiert und trotz der Gefahr des radioaktiven Niederschlags nicht evakuiert. Die mit Jod-131 kontaminierte Milch aus der Region wurde nachträglich für Wochen aus dem Handel verbannt und 2 Millionen Liter davon in die Irische See gekippt. 
Durch zahllose Störfälle und die unverantwortliche Handhabung von radioaktivem Abfall geriet Windscale in den darauf folgenden Jahren immer mehr in Verruf. Um die öffentliche Wahrnehmung zu verbessern, wurde die Anlage in 'Sellafield' umbenannt. Die Aufgabe der Anlage wandelte sich mit der Zeit und umfasst heute die Wiederaufbereitung von abgenutzten Brennstäben und die Produktion von Mischoxid (MOX)-Brennstäben, welche Plutonium und Uran enthalten. MOX wird international stark kritisiert u.a. durch die USA, da die freie Verfügbarkeit großer Mengen von Plutonium eine Proliferationsgefahr darstellt.


Folgen für Umwelt und Gesundheit
Der Brand der Windscale-Reaktors und die daraus entstandene radioaktive Wolke mit radioaktiven Partikeln wie Jod-131 und Polonium-210 verursachte konservativen Schätzungen zu Folge mindestens 190 Krebsfälle, von denen mehr als die Hälfte tödlich verliefen. Und auch die Flora und Fauna der Irischen See trug durch den radioaktiven Niederschlag, die zahlreichen Lecks und Unfälle und das regelmäßige Verkippen radioaktiven Abwassers enorme Schaden davon.
In den Jahren 2004/2005 traten durch ein Leck etwa 83.000 Liter radioaktiver Säure ins Meer aus – versetzt mit den krebserregenden Stoffen Strontium-90 und Cäsium-137. Über die marine Nahrungskette gelangen diese Radioisotope in britische, norwegische und irische Fischfanggebiete. Sogar die Atomkraftbefürworter der IAEO mussten zugeben, dass die Atomanlage in Sellafield einen entscheidenden Beitrag zur radioaktiven Verseuchung des Nordatlantik leistet. Rund um die Anlage wurden in Bodenproben zudem wiederholt erhöhte Konzentrationen von Cäsium-137, Cobalt-60 oder Americium-241 gefunden, so dass auch Feldfrüchte, Getreide und Milch belastet sein dürften. 2002 kam durch eine britische Studie ans Licht, dass Kinder von Arbeitern aus Sellafield ein fast zweifach erhöhtes Risiko haben, an Leukämie und Lymphomen zu erkranken.


Ausblick
Das US-amerikanische Institut für Ressourcen- und Sicherheitswissenschaft bezeichnete Sellafield als „eine der weltweit gefährlichsten Anhäufung von langlebigen radioaktiven Substanzen“. Die Risiken sind vielfältig. Naturkatastrophen könnten die Kühlsysteme beeinträchtigen, menschliches Versagen zu Bränden, Unfällen oder Explosionen führen, die Anlage könnte Ziel terroristischer Anschläge oder Hackerangriffe werden und selbst massive Schäden durch Computerviren sind nicht auszuschließen. Nach der Kernschmelze von Fukushima hat die britische Regierung zumindest beschlossen, die Produktion der gefährlichen MOX-Brennstäben einzustellen. Ohne Möglichkeiten, sich der benutzten Brennstäbe zu entledigen, verwandelt sich Sellafield derweil in eine gigantische Atommülldeponie. Das Leid der Anwohner, die seit Jahrzehnten erhöhten Strahlenwerten ausgesetzt werden, wird von der Regierung weitestgehend ignoriert und wissenschaftliche Aufarbeitung im Namen von Energiesicherheit vertagt. Dabei sind auch die Menschen von Sellafield Opfer der Atomindustrie. Auch sie sind Hibakusha. (Quelle: Ausstellung „Hibakusha weltweit“)
Bearbeitungsstand: April 2014

Selbstabschreckung

engl.: self-deterrence

Die Einordnung von Atomwaffen als »politische Waffen«, die nie eingesetzt werden dürfen, ist eine wenig glaubwürdige Doktrin. Atomwaffen müssen militärisch einsetzbar sein, damit sie ihren politischen Zweck der Abschreckung erfüllen können. Mit der Frage nach der Glaubwürdigkeit des Einsatzes muss auch immer die Frage nach der Gefahr der Selbstabschreckung gestellt werden. Diese muss so gering wie möglich gehalten werden. Wenn ein Nuklearstaat nur über wenige Atomwaffen von ungeheurer Stärke oder unkontrollierbarer Strahlungswirkung verfügt, so würde er sich vor dem Einsatz dieser Waffen mehr fürchten als vor den Folgen einer gegen ihn gerichteten Aggression. Ein potentieller Angreifer könnte deshalb darauf spekulieren, der nuklearen Vergeltung zu entgehen, wenn er mit seiner Aggression unterhalb einer bestimmten Schwelle bleibt. Die Abschreckungswirkung der Atomwaffen wäre wegen der damit verbundenen Selbstabschreckung eingeschränkt und im Extremfall völlig aufgehoben. (Quelle: Karl-Heinz Karp: Kernwaffen im 21. Jahrhundert)

Bearbeitungsstand: November 2008

Sembach

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

Das Sonderwaffenlager Sembach (49°30'55“N, 7°52'46“O) lag auf der ehemaligen US Air Base Sembach ca. 10 km nordöstlich der Stadt Kaiserslautern in Rheinland-Pfalz. Dort war das 81. taktische Kampfgeschwader der 3. US-Luftflotte mit A10A-Jagdbombern stationiert. In der Zeit von 1954 bis 1962 wurde dort der Marschflugkörper Matador für den Einsatz bereitgehalten. Dieser verfügte in der Regel über den Gefechtskopf W5 mit einer Sprengkraft von 50 KT. Ab 1962 begann die Ausmusterung der Matador, die durch die Pershing 1 Rakete ersetzt wurde. (LL)

Bearbeitungsstand: Dezember 2011

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: Matador Marschflugkörper
siehe auch: KT (Kilotonne)

Semei-Vertrag

engl.: Central Asian Nuclear Weapon Free Zone Treaty

Der Vertrag von Semei ist ein internationaler Vertrag, der das Testen, das Stationieren, den Besitz sowie die Herstellung von Kernwaffen in Zentralasien verbietet. Er wurde am 8. September 2006 von Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan im kasachischen Semei (früher Semipalatinsk) unterzeichnet.

Der Vertrag verpflichtet die fünf zentralasiatischen Staaten auf Forschung, Entwicklung, Herstellung, Anhäufung, Erwerbung, Besitz oder Verfügen von Atomwaffen oder andere Nuklearexplosivsprengsätze zu verzichten. Sie dürfen keine Hilfe suchen oder annehmen für eine der o.g. Aktivitäten. Sie dürfen darüber hinaus keinen Atomtest durchführen. Jede Partei sollte zudem ein Safeguards-Abkommen und ein Zusatzprotokoll mit der IAEO abschließen, wenn noch nicht bereits vorhanden.

Die ersten Schritte zur Einrichtung einer atomwaffenfreien Zone begannen mit der Erklärung von Almaty im Jahre 1992. Eine Resolution zur Einrichtung einer solchen Zone wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen 1997 einstimmig angenommen und im Jahr 2000 bekräftigt. [»UN-Resolution 1997 PDF]

Der Vertrag wurde zunächst von Russland und den USA abgelehnt. Vor allem die USA wollten keine rechtsverbindlichen Einschränkungen für ihre militärischen Aktivitäten in der Region. Schließlich begrüßten Russland und die Volksrepublik China die Initiative, während die westlichen Atommächte auf eine Zusatzvereinbarung bestanden, die es Russland untersagen würde, den Vertrag durch bilaterale Abkommen zu unterlaufen.

Der Vertrag wurde in der kasachischen Stadt Semei (das ehemalige Atomwaffentestgelände ist unter dem alten russischen Namen Semipalatinsk bekannt) unterzeichnet, um an die Atomwaffentests der Sowjetunion auf dem ehemaligen Testgelände zu erinnern.

Der Vertrag ist am 21. März 2009 in Kraft getreten. Alle fünf offiziellen Atomwaffenstaaten unterzeichneten das Protokoll zum Vertrag am 6. Mai 2014. Damit geben sie rechtlich bindende Zusicherung, die Vertragsparteien nicht mit Atomwaffen anzugreifen oder damit zu drohen (negative Sicherheitsgarantien).

Der Vertrag von Semei ist der erste Vertrag, der ehemalige sowjetische Republiken miteinschließt und auch der erste in der nördlichen Hemisphäre. (Quellen: US-Außenministerium, IAEO)

»Der Vertrag von Semei im Wortlaut

Bearbeitungsstand: Dezember 2016

Semipalatinsk

Atomwaffentestgelände, Kasachstan

Luftbild des Semipalatinsk Atomtestgelände, Foto: CTBTO

Die Geschichte des sowjetischen Atomwaffentestgeländes in Semipalatinsk ist eine Mahnung, wie angebliche 'nationale Sicherheitsinteressen' dazu benutzt werden können, die Bevölkerung bewusst zu täuschen und die Gesundheit der Menschen für viele zukünftige Generationen zu gefährden. Genau dies geschah in Semipalatinsk, wo die örtliche Bevölkerung durch Atomexplosionen wissentlich über mehrere Jahrzehnte großen Mengen an Radioaktivität ausgesetzt wurde.

Hintergrund

1949 führte die Sowjetunion ihren ersten Atomwaffentest in Semipalatinsk durch, einem 19.000 m großen Testareals in der Steppe Kasachstans. Über einen Zeitraum von 40 Jahren detonierte die UdSSR 467 Atombomben in Semipalatinsk, davon 120 oberirdisch und 347 unterirdisch – stets ohne Rücksicht auf die Gesundheit und Sicherheit der Lokalbevölkerung oder der Umwelt. 1990 schlossen sich die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) mit dem kasachischen Dichter Olzhas Suleimenov und seiner Nevada-Semipalatinsk Bewegung zusammen, um Präsident Gorbatschow durch Demonstrationen zu überzeugen, ein Atomtest-Moratorium zu erlassen. Nach der Unabhängigkeit Kasachstans im Jahre 1991 ließ die kasachische Regierung das Testgelände schließen und verschrottete das viertgrößte Atomwaffenarsenal der Welt, welches Kasachstan als Erbe der UdSSR übernommen hatte.

Global gesehen wurden seit 1945 auf Dutzenden von Testarealen in aller Welt mehr als 2.000 Atomexplosionen durchgeführt. Allein die 423 oberirdischen Tests zwischen 1945 und 1980 hatten eine Gesamtsprengkraft von etwa 545 Megatonnen TNT-Äquivalent oder etwa so viel wie 43.000 Hiroshimabomben. Die Konsequenz dieses Wahnsinns war die weltweite Kontamination mit radioaktivem Niederschlag, der Menschen auf allem Kontinenten erhöhten Strahlenwerten ausgesetzt hat.

Folgen für Umwelt und Gesundheit

Seit der Schließung des Testareals von Semipalatinsk wurden verschiedene Studien durchgeführt, um die medizinischen, sozialen und ökologischen Folgen der radioaktiven Verseuchung der Region durch die Atomexplosionen zu untersuchen. Obwohl die wissenschaftliche Aufarbeitung noch lange nicht abgeschlossen ist, besteht weitgehendes Einvernehmen darüber, dass die Lokalbevölkerung durch die Atomwaffentests großem Leid ausgesetzt wurde. Mehrere Tausend Quadratkilometer sind für viele Generationen kontaminiert. Die genaue Strahlenbelastung der Böden und Grundwasserreservoirs ist bislang noch nicht untersucht. Nach Angaben örtlicher Behörden sind hunderttausende Anwohner durch erhöhte Strahlenwerte betroffen, einige Schätzungen gehen sogar von 1,5 Millionen Menschen aus, die unter der freigesetzten Radioaktivität leiden.

Eine Reihe Gesundheitsprobleme, von Krebserkrankungen, Impotenz und Fehlgeburten bis hin zu genetischen Schäden, Missbildungen und geistiger Behinderung werden auf die Atomwaffentests zurückgeführt. Neben einer epidemieartigen Zunahme schwerer neurologischer Fehlbildungen, fehlender Gliedmaßen und Knochendeformitäten bei Neugeborenen fielen in Semipalatinsk auch erhöhten Raten von hämatologischen Erkrankungen wie Leukämie auf.

Eine Studie japanischer und kasachischer Ärzte aus dem Jahr 2008 konnte zeigen, dass die Menschen in der Region rund um Semipalatinsk durch einzelne Atomexplosionen Strahlenwerten von mehr als 500 mSv ausgesetzt waren – also ähnlichen Werten wie viele der Hibakusha von Hiroshima und Nagasaki oder dem Äquivalent von 5.000 Röntgenuntersuchungen.

In einem Dorf, welches durch radioaktiven Niederschlag des ersten Atomwaffentests im August 1949 betroffen war, wurden etwa 90% der Anwohner allein im ersten Jahr nach der Detonation einer externen Strahlendosis von etwa 1.400 mSv ausgesetzt, in anderen Ortschaften wurden Effektivdosen von bis zu 2.000 mSv registriert - genug um zu Symptomen der akuten Strahlenkrankheit zu führen. Basierend auf diesen Strahlendosen, war davon auszugehen, dass mindestens 14-20% aller exponierten Menschen Krebserkrankungen entwickeln würden, die sie ohne die Atomwaffentests nicht entwickelt hätten.

Die Studie der japanischen und kasachischen Ärzte kam allerdings zu dem Ergebnis, dass in den betroffenen Regionen im Osten Kasachstans Krebserkrankungen sogar 25-30% häufiger auftraten als im Rest des Landes. Auch wurde bei den Kindern von Atomtestopfern eine erhöhte Rate an mentaler Retardierung festgestellt. Das Krebszentrum der Stadt Semey stellte stark erhöhte Häufungen von Tumoren der Lunge, des Magens, der Brust und der Schilddrüse in der betroffenen Bevölkerung fest. Das kasachische Institut für Strahlenmedizin und Ökologie fand derweil eine belastbare Assoziationen zwischen der Höhe der Strahlenbelastung und dem Auftreten genetischer Defekte in Familien, die in der Umgebung der Testgebiete lebten. Untersuchungen der Universität von Leicester konnten diese Beobachtungen unterstützen: die britischen Wissenschaftler fanden im Jahr 2002 eine um 80% erhöhte Rate an DNA-Mutationen in der betroffenen Bevölkerung, sowie eine 50% Erhöhung in der 2. Generation.

Ausblick

2009 verabschiedete die Generalvollversammlung der UN einstimmig eine Resolution, in der die internationale Staatengemeinschaft aufgefordert wird, Kasachstan bei der Aufarbeitung der schwerwiegenden gesundheitlichen, ökologischen und sozialen Folgen der Atomwaffentests in Semipalatinsk zu unterstützen. Mehrere UN-Organisationen, Geldgeber, Nichtregierungsorganisationen, sowie medizinische und wissenschaftliche Einrichtungen haben sich seitdem zusammen gefunden, um gemeinsam das atomare Erbe der sowjetischen Atomwaffentests in Kasachstan zu untersuchen und die Folgen für die Hibakusha von Semipalatinsk zu mildern. Der 29. August, der Tag, an dem das Atomwaffentestgelände Semipalatinsk im Jahr 1991 geschlossen wurde, ist heute der Internationale Tag gegen Atomtests. (Quelle: Ausstellung „Hibakusha weltweit“)

Bearbeitungsstand: April 2014

» weitere Informationen zur Geschichte von Atomtests

Sennelager

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

 

ehem. Atomwaffenstandort Sennelager. Bild: Digital GlobeDie britische Armee hatte, so weit bekannt, zwischen 1960 und 1986 mehrere auf deutschem Boden stationierte Artillerieverbände mit atomarer Munition ausgestattet. Die Munition wurde von den US-Streitkräften bereitgestellt und stand auch unter deren Kontrolle. Die britischen Einheiten waren an den Standorten Hohne, Lippstadt, Menden, Paderborn und Sennelager stationiert.
Das Sondermunitionslager Sennelager (51°46’22“N, 08°45’48“O) befand sich ca. 6 km nördlich der Stadt Paderborn in Ostwestfalen. Das britische 39. Heavy Rgt der Royal Army wurden vor Ort unterstützt durch das 22th (US)Field Artillery Detachment. Im Depot befanden sich:

von 1960-1971 Honest John Gefechtsköpfe vom Typ W-31 mit folgender Sprengkraft:

Version Mod.0 Y1: 2.000 t
Version Mod.0 Y2: 40.000 t
Version Mod.3 Y3: 20.000 t

von 1960-1971 Gefechtsköpfe vom Typ W-33 für die Haubitze 203 mm mit folgender Sprengkraft:

Version Mod.0 Y1: 500 t
Version Mod.1 Y2: 40.000 t
Version Mod.1 Y3: 10.000 t
Version Mod.1 Y4: 5.000 t

von 1972-1986 Gefechtsköpfe vom Typ W-29 für die Haubitze 203 mm mit folgender Sprengkraft:

Version Mod.0 Y1: 100 t
Version Mod.0 Y2: 700 t
Version Mod.0 Y3: 1.100 t
Version Mod.1: 800 t

von 1972-1981 Gefechtsköpfe vom Typ W-48 für die Haubitze 155 mm mit folgender Sprengkraft:

Version Mod.0: 72 t
Version Mod.1: 72 t.

Über die Anzahl der eingelagerten Gefechtsköpfe gibt es keine konkreten Angaben.

Anmerkung: In den öffentlich zugänglichen Unterlagen wird irrtümlich auch Paderborn als Atomwaffenstandort aufgeführt. Außerdem existiert noch die Bezeichnung Sondermunitionslager “Paderborn-Sennelager”. Tatsächlich handelt es sich in allen Fällen um das hier beschriebene Sonderwaffenlager “Sennelager” auf dem gleichnamigen Truppenübungsplatz. (LL)

Bearbeitungsstand: Juli 2011


Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: Honest-John-Rakete

Serco Group

Waffenproduzent, Großbritannien

Die in Großbritannien ansässige Serco Group arbeitet als Serviceunternehmen für Regierungen und kommerzielle Kunden weltweit. Im öffentlichen Dienst sind die Hauptgeschäftsbereiche des Konzerns Gesundheit, Bildung, Verkehr, Wissenschaft und Verteidigung, wohingegen Privatkunden führende Unternehmen in verschiedenen Märkten sind.

Serco hält ein Drittel der Anteile am Jointventure AWE-ML, dem Unternehmen, das Großbritanniens Atomic Weapons Establishment (AWE) leitet. Das AWE liefert und wartet die Sprengköpfe für das Trident-Arsenal des Landes. Trident ist ein U-Boot-gestütztes, interkontinentales ballistisches Atomraketensystem, mit dem U-Boote der Vanguard-Klasse bestückt werden.

Die anderen Geschäftspartner im Jointventure sind Lockheed Martin und Jacobs Engineering. AWE ist am gesamten Lebenszyklus einer Trident-Rakete beteiligt, vom ersten Entwurf über die Prüfung, das Design, Komponentenherstellung und -zusammenbau, Wartungsarbeiten, Außerdienststellung bis hin zur Entsorgung. AWE-ML hat einen unaufkündbaren 25-Jahres-Vertrag – überarbeitet im Jahr 2003 – über den Betrieb des AWE. (Quelle: van Gelder, Jan Willem/Spaargaren, Petra/Wright, Tim: Divestment Report. ICAN 2012)

Bearbeitungsstand: April 2012

Weitere Informationen zu Atomwaffenherstellern

 

Sergeant-Rakete

engl.: Sergeant missile

Die Sergeant-Rakete war eine US-amerikanische atomare Kurzstreckenrakete mit einer maximalen Reichweite von 140 km. Während des Kalten Krieges waren in Westdeutschland von 1965 bis 1977 insgesamt vier Verbände in den Standorten Wesel/Niederrhein (RakArtBtl 150), Montabaur/Rheinland-Pfalz (RakArtBtl 350), Großengstingen/Schwäbische Alb (RakArtBtl 250) und Itzehoe/Schleswig Holstein (RakArtBtl 650) stationiert. Die mit einem Feststoffmotor ausgestattete Rakete wurde vor dem Einsatz auf einem fahrbaren Raketenwerfer montiert. Sie hatte eine Startmasse von 4530 kg, einen Durchmesser von 0,79 m, eine Länge von 10,52 m und eine Flossenspannweite von 1,80 m. Die Lenkung erfolgte über ein Trägheitsnavigationssystem. Die Sergeant-Rakete war mit dem Nuklearsprengkopf W52 ausgerüstet, der über eine Sprengleistung von 200 KT verfügte. Ab 1977 wurde die Sergeant von der Kurzstreckenrakete Lance abgelöst. (LL)

Bearbeitungsstand: September 2009

siehe auch: Kurzstreckenrakete

Seversk

Die Explosion der Atomanlage in Tomsk-7 führte zur radioaktiven Verseuchung einer Fläche von ca. 89 km², setzte Zehntausende Menschen einer erhöhten Strahlenbelastung aus und kontaminierte Luft, Wasser und Böden für viele Generationen. Diese Katastrophe ist vermutlich der folgenschwerste Atomunfall der Sowjetunion nach Tschernobyl und Majak.


Hintergrund

Bis in die 1990er Jahre beheimatete die westsibirische Stadt Tomsk-7, heute bekannt unter dem Namen Seversk, mehrere Anlagen zur Urananreicherung und Herstellung von Plutonium für russische Atombomben und zivile Atomreaktoren. Außerdem wurden abgebrannte Brennstäbe wieder aufbereitet. In der Stadt lebten etwa 100.000 Bedienstete und ihre Familien. Am 6. April 1993 ereignete sich in Tomsk-7 einer der folgenschwersten Unfälle der russischen Atomindustrie. An diesem Tag füllten Angestellte einen Atommülltank mit Salpetersäure, um Plutonium aus verbrauchten Brennstäben heraus zu trennen. Die genauen Gründe für den Unfall sind bis heute nicht vollständig geklärt, aber es wird vermutet, dass Unachtsamkeit der Belegschaft und das Nachgeben eines verschlossenen Abschlussventils dazu führten, dass innerhalb weniger Minuten die Mischung aus Salpetersäure, Uran und Plutonium kritische Temperaturen erreichte. Die darauf folgende Explosion zerstörte den größten Teil der Anlage und setzte ca. 250 m³ radioaktives Gas, 8,7 kg Uran und 500 g Plutonium in die Umgebung frei.
Die Gesamtmenge der ausgetretenen radioaktiven Partikel wird auf ca. 30 Tbq β - und γ-Strahlern beziffert (Tera = Billion), sowie ca. 6 GBq Plutonium-239 (Giga = Milliarde). 1.500 m² rund um die Anlage wurden schwer kontaminiert, doch insgesamt wurde eine Fläche von etwa 89 km² verseucht, da diese von radioaktivem Niederschlag betroffen war.
Die Explosion in Tomsk-7 wurde an Hand der Internationalen Bewertungsskala auf Stufe 4 eingeordnet – ähnlich hoch also, wie die Atomkatastrophe der Atomanlage Tōkai-mura 1999 in Japan.


Folgen für Umwelt und Gesundheit
Der Schnee, der über den Dörfern Nadezhda und Georgievka fiel, war radioaktiv belastet und so ergaben sich dort sogenannte 'hot spots' mit erhöhter Radioaktivität von bis zu 30 μGy/h (etwa 100-mal mehr als die normale Hintergrundstrahlung). In den verseuchten Böden wurde ein signifikanter Anstieg von langlebigen Radioisotopen wie Cäsium-137 und Strontium-90 gemessen. Cäsium -137 kann, wenn es über Nahrung, Wasser oder die Atemwege aufgenommen wird, solide Tumore und auch Gendefekte bei folgenden Gene rationen verursachen, während Strontium-90 zu Leukämie führen kann. Im Rahmen der Aufräumarbeiten wurde mit Unterstützung aus dem Ausland ca. 577 g Plutonium vom Gelände der Anlage entfernt. Bemerkenswert dabei ist, dass die Menge an Plutonium, die sich im explodierten Tank befand, mit lediglich 450 g angegeben wurde, so dass es nahe liegt, dass es schon vor dem Unglück Austritte von Plutonium in die Umgebung gegeben haben muss. In Schneeproben wurden noch Monate nach der Explosion erhöhte Werte der radioaktiven Stoffe Plutonium, Uran, Zirkonium, Ruthenium, Cerium, Niob und
Antimon gemessen. Diese stellen für die Bevölkerung eine kontinuierliche Strahlenbelastung dar.
Die Bellona Stiftung, eine norwegische Umweltorganisation, zählte insgesamt 30 Unfälle in der Atomanlage von Tomsk-7 und schätzt, dass pro Jahr etwa 10 g Plutonium in die Atmosphäre ausgetreten sein müssen. Außerdem dokumentierte sie große Mengen an radioaktivem Abfall, die sich während der 50-jährigen Betriebszeit der Anlage auf dem Gelände angesammelt hatten. In unterirdische Depots gekippt oder in maroden Auffangbecken unter freiem Himmel liegend, stellen die radioaktiven Hinterlassenschaften der Atomindustrie bis heute eine akute Bedrohung für die örtliche Bevölkerung dar.
2008 wurden in einer Studie sowohl in Boden- als auch in Wasserproben erhöhte Belastungen mit Plutonium und Cäsium-137 nachgewiesen – vermutlich ein Hinweis auf weitere Lecks


Ausblick

Dank des Abkommens zur Beendigung der militärischen Plutoniumproduktion zwischen Russland und den USA wurden im Juni 2008 einige Reaktoren in Tomsk-7 stillgelegt. Die Wiederaufbereitung von abgebrannten Brennstäben und die Deponierung von radioaktivem Abfall auf dem Gelände des heutigen Sibirischen Chemikalien Kombinats wird allerdings weiter fortgesetzt. Trotz erhöhter Konzentrationen von Plutonium, Strontium, Cäsium und anderer radioaktiver Substanzen in Boden und Wasser wurden keine aussagekräftigen medizinischen Studien in der Lokalbevölkerung durchgeführt. 2001 entschied das Verwaltungsgericht von Tomsk zugunsten verstrahlter Anwohner des Ortes Georgievka, die gegen das Sibirische Chemikalien Kombinat in Tomsk-7 geklagt hatten. Das Kombinat ist nun verpflichtet, jedem Kläger eine Entschädigung in Höhe von umgerechnet 860 US-Dollar zu zahlen. Während der laufenden Gerichtsverhandlungen sind laut der Bellona Stiftung 14 der 26 Klägern gestorben. Auch sie und die anderen Geschädigten durch die Radioaktivität von Tomsk-7 sind Hibakusha. Auch ihre Gesundheit wurde der Atomindustrie und der Produktion von Nuklearwaffen untergeordnet. (Quelle: Ausstellung „Hibakusha weltweit“)
Bearbeitungsstand: April 2014

Sicherheitsrat der Vereinten Nationen

engl.: United Nations Security Council

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen setzt sich aus 15 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen zusammen. Davon sind fünf Staaten (China, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA) ständige Mitglieder. Zehn weitere UN-Staaten werden von der Generalversammlung der Vereinten Nationen für eine Dauer von zwei Jahren als nichtständige Mitglieder gewählt. Jedes Jahr wechseln fünf nichtständige Mitglieder. Bei ihnen ist auf eine angemessene geographische Verteilung der Sitze zu achten.

Jedes Mitglied des Sicherheitsrates hat eine Stimme. Um eine Entscheidung zu fassen, wird die Zustimmung von mindestens neun Mitgliedern verlangt. Zu diesen neun Mitgliedern müssen die fünf ständigen Mitglieder gehören, denn diese verfügen über ein sogenanntes Vetorecht. Nur mit der Zustimmung aller fünf ständigen Mitglieder kann ein Beschluss gefasst werden (eine Ausnahme dieser Regel gilt bei Verfahrensfragen, beispielsweise bei Beschlüssen über die Tagesordnung. Hier gilt die Neun-Stimmen-Regel unabhängig von den ständigen Mitgliedern). Die Beschlüsse des Sicherheitsrates sind für alle UN-Mitgliedstaaten bindend.

Das oberste Ziel des Sicherheitsrates ist die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit. Alle seine Handlungen sind somit auf dieses Ziel auszurichten. Dabei muss im Rahmen der Ziele und Grundsätze der Vereinten Nationen gehandelt werden, dem Sicherheitsrat in der Charta der Vereinten Nationen besondere Befugnisse verliehen werden.

Bearbeitungsstand: Juni 2017

Siegelsbach

ehem. Atomwaffenstandort Deutschland

Das ehemalige atomare „Versorgungslager Munition“ (VLM) Siegelsbach (49°16’02“N, 09°03’22“O) lag ca. 18 km nordwestlich der Stadt Heilbronn in Baden-Württemberg. Während der Zeit des Kalten Krieges gehörte es zu den zehn Hauptlagern für Nuklearwaffen in der Bundesrepublik Deutschland. Es wurde ausschließlich von der US Army betrieben. Zu unterschiedlichen Zeiten waren im Sonderwaffenlager Siegelsbach für folgende Waffensysteme atomare Sprengköpfe eingelagert:

 

  • Kurzstreckenrakete Honest John: Nukleargefechtskopf, Sprengkraft: 1 bis 40 KT
  • Panzerhaubitze M 109: Nukleargefechtskopf W48 und W33 mit 0,1-12 KT

Laut einem Pressebericht waren hier auch Sprengköpfe für die US-Pershingeinheit 1st Bn 41st FA aus Schwäbisch Gmünd gelagert. Dabei handelte es sich um nukleare Gefechtsköpfe vom Typ W-80  und W-85 für das Raketensystem Pershing II. Der W-85 Gefechtskopf verfügte über eine variable Sprengkraft von 0,3 bis 80 KT. Die genauen Stückzahlen der eingelagerten Nukleargefechtsköpfe sind nicht bekannt. (LL)

Die Transporte von Atomwaffen zwischen den einzelnen Sonderwaffenlagern sind ausschließlich von der US Army durchgeführt worden. Fast immer wurde der Transport mit Hubschraubern gewählt, die sogenannte "Air Mission". Dabei landeten große Transporthubschrauber vom Typ Chinook innerhalb der Depots direkt vor den Bunkern, um die Munition auf kürzesten Wegen umzuschlagen.
Nach dem Fall der Mauer und der beginnenden Abrüstung ist Anfang der 1990er Jahre die Ausstattung der NATO-Heeresverbände mit taktischen nuklearen Gefechtsköpfen aufgegeben worden. Damit entfielen auch Sinn und Zweck des Sonderwaffenlagers Siegelsbach und der spezialisierten Verbände. Im Februar 1992 wurde mit der letzten "Air Mission" der Abtransport der Atomwaffen beendet. Die US-Truppen wurden im Juni des Jahres außer Dienst gestellt. (Quelle: Manfred Tegge)

Heute befindet sich auf dem Gelände eine der größten Solaranlagen in Süddeutschland. In dem ehemaligen Sonderwaffenlager der NATO wird im großen Stil Strom mit Fotovoltaik erzeugt.

Bearbeitungsstand: April 2012

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: Honest-John-Rakete
siehe auch: KT-Wert

Sievert (Sv)

engl.: sievert

Maßeinheit für die biologische Wirksamkeit von radioaktiver Strahlung, früher rem. (1 Sv =100 rem) Die biologisch wirksame Dosis hängt zum Beispiel auch von der Art der radioaktiven Strahlung ab. Diese schätzt man verschieden wirksam ein: 1 Gy Alphastrahlen = 20 Sv; 1 Gy Betastrahlen = 1 Sv; 1 Gy Gammastrahlen = 1 Sv.

Bearbeitungstand: September 2007

siehe auch: Alphastrahlen
siehe auch: Betastrahlen
siehe auch: Gammastrahlen
siehe auch: Radioaktive Strahlung
siehe auch: rem

Singuläre Waffe

eng.: unique weapon

Seit Hiroshima gilt die Atombombe als singuläre Waffe. Ihre Auswirkungen in Raum und Zeit sind analogielos. Ein mächtiges Tabu liegt auf ihrer Anwendung. Ihr Besitz war nur fünf Staaten erlaubt. Gleichzeitig wurde sie von Anfang an politisch und strategisch instrumentalisiert. Das „Gleichgewicht des Schreckens“ wurde zum kennzeichnenden Begriff  des Atomzeitalters. Nach 1989 scheint sich dieses Tabu allmählich aufzulösen. Die Zahl der Staaten, die über Nuklearwaffen verfügen, wächst langsam, aber sie wächst.

[…]

Naturwissenschaftler verstehen unter Singularität (nach lat. singularis, einzeln, einzigartig, außerordentlich) die Einzigartigkeit einer Erscheinung. Ein Ding gilt also nur dann im physikalischen Sinn als singulär, wenn es kein zweites Phänomen mit vergleichbar herausragenden physikalisch messbaren Eigenschaften gibt. Kernwaffen werden mit anderen Waffen verglichen: ihre Energiedichte und Explosionswirkung mit denen chemischer Sprengwaffen und ihr Potential zur Massenvernichtung mit denen von biologischen und chemischen Waffen. Die Singularität von Kernwaffen wird dabei durch vier Merkmale begründet:

  1. Die Energiedichte der bei der Detonation freigesetzten Energie. Sie liegt um das hunderttausend- bis millionenfache über den Energiedichten, die mit chemischen Explosionen (konventionellen Waffen) erreichbar sind. Außerdem wird die Energie in erheblich kürzerer Zeit freigesetzt. Nur die so erzeugten Stoßwellen können hoch gehärtete Ziele wie verbunkerte Kommandozentralen oder Raketensilos zerstören.
  2. Die enorme Fläche, über die sich schädliche Radioaktivität ausbreitet. Im Blick auf dieses Merkmal ist der Unterschied zu anderen Mitteln der „Massenvernichtung“ jedoch geringer. Mit chemischen und mehr noch mit biologischen Waffen lassen sich ähnlich ausgedehnte Landstriche unbewohnbar machen.
  3. Die Langzeitwirkung, die mit dem radioaktiven Fall-out zusammenhängt. Auch einige biologische oder chemische Kampfstoffe verlieren ihre Wirksamkeit erst nach langer Zeit. Ihre Wirkung lässt sich aber zumindest im Prinzip mit chemischen Mitteln annullieren. Das ist bei radioaktiven Nukliden nicht möglich.
  4. Schließlich den Elektromagnetischen Impuls (EMP), der die computergestützte technische Infrastruktur in modernen Industriegesellschaften über große Flächen lahmlegen kann.


(Textauszüge aus: Constanze Eisenbart (Hg.): Die Singuläre Waffe, Heidelberg 2012)

Bearbeitungsstand: Juni 2012

siehe auch: EMP
siehe auch: Gleichgewicht des Schreckens
siehe auch: Fallout
siehe auch: Radioaktivität

SIOP Zielliste der USA

engl.: Single Integrated Operational Plan (SIOP)

Im Jahr 1986 hatte der amerikanische Atomkriegsplan 16 000 Objekte in der Sowjetunion als Ziele für einen US-Nuklearangriff aufgelistet. Mit dem Ende des Kalten Krieges trat ein fundamentaler Wechsel bei der Suche nach einem atomaren Gegner ein. Nachdem der US-Generalstab (Joint Chiefs of Staff/JCS) im Dezember 1995 gefordert hatte, die Zielplanung auf Schwellenländer auszudehnen, wurde dieser Vorschlag mit der Direktive PDD 60 von Präsident Bill Clinton im November 1997 offizielle US-Politik.

Im Stratcom-Hauptquartier werden die allgemeinen Richtlinien in einen konkreten Kriegsplan, den Oplan 8044 Siop, umgesetzt. Stratcom hat eine Liste von 150 000 bis 160 000 potenziellen Angriffszielen, die Modified Integrated Database (MIDB), erstellt. Nur eine Auswahl wird in die tatsächliche Zielliste, die National Target Base (NTB), übernommen. Der Siop 00 vom Oktober 1999 sah erstmals vor, dass von den 3000 NTB-Zielen sich 740 Objekte außerhalb Russlands, also in Schwellenländern der Dritten Welt, insbesondere der Volksrepublik China, befanden.

Gegnerische Kommandozentralen und ABC-Waffen sind besonders wichtige Zielobjekte (high-payoff targets/HPT), ihre Vernichtung ist vordringlich. So müssen die gegnerischen Massenvernichtungsmittel ausgeschaltet werden, bevor der Gegner sie einsetzen kann. Diese Objekte gelten daher als time-sensitive targets (TST). Außerdem weist die eigene Aufklärung erfahrungsgemäß Lücken auf, man spricht dann von »unanticipated« bzw. »unplanned immediate targets« (nicht vorhergesehene unmittelbare Ziele, d.Red.). Schließlich muss festgelegt werden, welche Ziele nur unter bestimmten Bedingungen oder auf gar keinen Fall angegriffen werden dürfen. Solche Objekte (z. B. Atomkraftwerke) werden in einer Restricted Target List (RTL) bzw. in einer No-Strike List (NSL) aufgeführt.

Das Verfahren zur Erstellung eines Atomkriegsplanes wurde von den US-Streitkräften in den letzten Jahrzehnten entwickelt und gilt bis heute, als hätte es das Ende des Kalten Krieges nie gegeben. Im Prinzip wird die Methode von jeder anderen Nuklearmacht in gleicher Weise praktiziert: Zunächst legen die Atomkrieger im Rahmen der sog. Weapon Allocation fest, welche Gefechtsköpfe oder Atombombentypen groß genug sind, um ein bestimmtes Objekt zu zerstören. Die so genannte Letalität errechnet sich aus Sprengkraft und Treffgenauigkeit. So kann ein unterirdisches Objekt - je nach Größe - mit einer konventionellen Waffe sowie einer kleineren oder größeren Nuklearwaffe angegriffen werden. Bei der Weapon Application wird jeder Atomwaffe aus dem US-Bestand ein bestimmtes Ziel zugewiesen. Zum Schluss wird festgelegt, wann und in welcher Reihenfolge die Ziele attackiert werden sollen. Im Kriegsfall möchte der US-Präsident auf möglichst viele Optionen zurückgreifen können, die sich danach unterscheiden, wie viele von welchen Zielen angegriffen werden. Für jede Option wird dann eine Schadensabschätzung (Consequences of Execution Analysis) vorgenommen. So unterscheiden die US-Atomkrieger zwischen umfassenden Major Attack Options (MAO) und Limited Nuclear Options (LMO), zwischen langfristig vorbereiteten Directed Planning Options (DPO) und kurzfristig entwickelten Adaptive Planning Options (ADO).

Außer gegen Russland und China entwickelte Stratcom für den Global Strike Einsatzpläne gegen fünf weitere, namentlich nicht genannte Staaten. Gegen jedes dieser Länder wird ein Theater Nuclear Planning Document (TNPD) für den Atomwaffeneinsatz und ein Theater Planning Support Document (TPSD) für konventionelle Angriffe aufgestellt. Auch für den letzten Golf-Krieg (Operation Iraqi Freedom) im Jahre 2003 waren augenscheinlich Atomschläge vorbereitet. Stratcoms Kriegsplanung gegen Schwellenländer ist dabei integraler Bestandteil der Siop-Planung. Mit seinen Planungen unterstützt Stratcom die jeweiligen Regionalkommandos (Eucom, Centcom, Pacom). (Quelle: Gerhard Piper, Frankfurter Rundschau vom 20. 3. 2004)

Bearbeitungsstand: Dezember 2007

SLBM

engl. SLBM

Seegestützte ballistische Raketen (Sea launched ballistic missile, SLBM) sind Trägermittel für strategische Nuklearwaffen, die auf See von untergetauchten U-Booten aus abgefeuert werden können. Die SLBM dienen dazu, die Zweitschlagsfähigkeit im Falle eines Angriffs auch dann aufrecht zu erhalten, wenn beispielsweise die Raketensilos landgestützten Raketen ausgeschaltet wurden. Die atombetriebenen U-Boote, die als Startplattform dienen, sind auf See kaum zu orten. Deshalb sind SLBM wesentlich für den Erhalt der Zweitschlagsfähigkeit von Nuklearmächten. Derzeit besitzen die USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China und Indien SLBM. (mfh)

Bearbeitungsstand: November 2011

Siehe auch: Trident II U-Boot
Siehe auch: Triomphant-U-Boot
Siehe auch: Zweitschlagsfähigkeit

Söllingen

ehem. Atomwaffenstandort Söllingen. Bild: Digital GlobeDas SAS Söllingen (48°45'37"N, 8°04'53"O) lag am südöstlichen Ende eines, von der kanadischen Airforce betriebenen, Fliegerhorst, ca. 11 km westlich der Stadt Baden-Baden in Baden-Württemberg. Auf der Airbase war neben anderen Verbänden die 3rd Tactical Fighter Wing, mit den 421.,447.,439. Squadron stationiert. Diese verfügten ab 1953 über atomwaffenfähige F-86 Sabres der Royal Canadian Air Force (RCAF). Ab 1962 erfolgte die Umrüstung auf den atomwaffenfähigen CF-104 Starfighter.

Eine Besonderheit der kanadischen Starfighter-Flotte bestand darin, dass auch eine begrenzte Anzahl von CF-104-Doppelsitzern für die Aufnahme von Atomwaffen ausgerüstet wurde. Statt ausgedehnter Luftkämpfe, wie zu Zeiten der Sabre, trainierten die Piloten komplexe Einsatzverfahren wie Radarnavigation und Bodenangriff im Tiefstflug, um im Ernstfall ihre Ziele in Osteuropa ohne Sicht bekämpfen zu können.

Nach Abschluss der Ausstattung der kanadischen Luftwaffe mit dem Jagdbomber Starfighter F104, wurden ab 1964 amerikanische Atomsprengköpfe vom Typ Mk.28 FUFO auf dem Fliegerhorst für den Einsatz bereitgehalten. Diese frei fallenden Fliegerbomben verfügten über eine Sprengkraft von 1100 Kilotonnen (KT). Ab 1968 wurde die Mk.28 durch die Mk.43 Atombombe abgelöst. Diese Waffe verfügte über eine unveränderliche Sprengwirkung von 1 Megatonne (MT). Sie war als Außenlast speziell für den Abwurf von schnell und tieffliegenden Jagdbombern entwickelt worden. (LL)

Gemäß den NATO-Forderungen wurden pro Geschwader ständig vier Maschinen (später auf zwei reduziert) in der QRA in Bereitschaft gehalten. Unter einem "Dual Key Arrangement" wurde sichergestellt, dass kanadische und amerikanische Offiziere gleichzeitig den Einsatzbefehl geben mussten, um Missbräuche zu verhindern. Innerhalb der QRA durfte sich nur eine begrenzte Anzahl ausgewählter Personen aufhalten und sich niemals alleine den atomar bewaffneten Maschinen nähern. Kein Starfighter wurde jemals mit atomarer Bewaffnung außerhalb der QRA bewegt, geschweige denn geflogen. Die speziell entwickelten Abwurfverfahren für den Tiefflug wurden mit Trainingsbomben ("shapes", welche die gleichen ballistischen Eigenschaften wie die Mk.28 aufwiesen) auf den Schießplätzen Capo Frasca auf Sardinien und Suippes in Frankreich geübt. Das automatische Bombenabwurfsystem LABS half dem Piloten, ein Flugprofil einzuhalten, welches einen Abwurf im Tiefflug und ein anschließendes Entkommen ermöglichte. Dabei wäre entweder ein Abwurf "über die Schulter" oder mit Fallschirm (Low Angle Drogue Delivery) in Betracht gekommen. (Quelle: www.f4-phantom.de/rcaf/RCAFinEurope2-3.htm)

Der atomare Einsatz endete bereits im Dezember 1971. Danach flogen die USA ihre Atomwaffen zurück in die Vereinigten Staaten und zogen ihr Detachment mit dem speziell ausgebildeten Wach- und Wartungspersonal vom Fliegerhorst Sölling ab. (LL)

Bearbeitungsstand: Juli 2012

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: KT-Wert

siehe auch: QRA-Stellung siehe

auch: Sondermunitionslager

Sogwelle

engl.: suction wave

Die entscheidende Wirkungskomponente bei oberirdischen Atomdetonationen ist die Druckwelle mit ca. 50% der freiwerdenden Energie. Tatsächlich ergibt sich dieser Wert aus der Abfolge von einer Druckwelle und einer sich anschließenden Sogwelle. Während der Druckphase kommt ein Windstoß (Sturmwind) vom Nullpunkt her, wobei seine Geschwindigkeit rasch abnimmt. Beim Übergang in die Sogphase wechselt die Windrichtung und ist dann zum Nullpunkt gerichtet. Die auftretende Sogwelle kann zu verheerenden Schäden an Gebäuden und Material führen und die durch die Druckwelle bereits geschädigte Infrastruktur endgültig zerstören. (LL)

Bearbeitungsstand: April 2013

Weitere Informationen zu Atomtests in der Atmosphäre

siehe auch: Wirkungskomponenten
siehe auch: Druckwelle

Sondermunitionslager

engl.: Special Ammunition Site (SAS)

Während des Kalten Krieges war die Masse der in Europa stationierten US-eigenen Atombomben, die für einen möglichen Einsatz durch die NATO vorgesehen waren, in so genannten Sondermunitionslagern (Special Ammunition Site = SAS) eingelagert. In der Bundesrepublik Deutschland beispielsweise verfügte jeder militärische Großverband (Korps, Division) über ein eigenes Atomwaffenlager.

Für diese Lager galten folgende Kriterien:

  1. Sie lagen grundsätzlich abseits von Wohngebieten und außerhalb anderer militärischer Anlagen.
  2. Im Umfeld der Lager galten erweiterte Schutz- und Sicherungsbereiche, in denen Personen- und Fahrzeugkontrollen durchgeführt werden konnten.
  3. Die Lager durften nur von zuvor registrierten Personen betreten werden.
  4. Alle deutschen Wachsoldaten wurden vor ihrem Dienstantritt durch den Militärischen Absicherungsdienst überprüft.
  5. Es existierten ein äußerer und ein innerer Sicherheitsbereich. Im äußeren Bereich hielt sich das nationale Wachpersonal auf. Der innere Bereich unterlag ausschließlich US-amerikanischer Kontrolle, er konnte nur im Beisein von mindestens zwei US-Soldaten betreten werden.
  6. Im inneren Bereich befanden sich in der Regel zwei oberirdische Bunker, in denen die atomaren Sprengköpfe und die dazu gehörigen Zündsysteme eingelagert waren.

Die Art der atomaren Munition in den einzelnen Lagern war abhängig von der Bewaffnung des jeweiligen Großverbands. (LL)

Bearbeitungsstand: November 2005

SORT-Vertrag

engl.: Strategic Offensive Reductions Treaty

Putin und Bush unterzeichnen den Moskauer Vertrag, 2002, Foto: White House

Im Mai 2002 unterzeichneten die Präsidenten der USA und Russlands, George W. Bush und Vladimir Putin, als Ersatz für das gescheiterte START-II-Abkommen, den SORT-Vertrag (auch genannt: Bush-Putin-Abkommen, Moskauer Vertrag). Gemäß diesem Vertrag müssen die beiden Länder die stationierten strategischen Atomwaffen bis zum Jahr 2012 auf jeweils höchstens 1.700 bis 2.200 reduzieren. Der Vertrag ist für viele Experten das Papier nicht Wert, auf das er geschrieben wurde. So enthält er keinen Zeitplan für die Abrüstung, sieht keinerlei Verifikationsmaßnahmen vor und endet am selben Tag, an dem er erfüllt werden muss, also am 31. Dezember 2012. Die "abgerüsteten" Systeme brauchen nicht verschrottet sondern lediglich in ein Lager verbracht zu werden. Überdies kann der Vertrag jederzeit mit einer Frist von drei Monaten gekündigt werden. (RH)

Bearbeitungsstand: Dezember 2005

siehe auch: Abrüstung
siehe auch: START-II-Vertrag
siehe auch: Strategische Atomwaffen
siehe auch: Verifikation

SOTOBAYASHI Hideto

1929-2011

Prof. Sotobayashi, Friedensglocke Volkspark Friedrichshain, Berlin, 2010, Foto: IPPNW

Prof. Sotobayashi, geboren in Nagasaki, überlebte als 16-jähriger Schüler den Atombombenabwurf auf Hiroshima. Der Professor für Physikalische Chemie lebt seit 1957 in Berlin und lehrte an der Technischen Universität Berlin und am Max-Planck-Institut. 1971 habilitierte er an der TU Berlin und arbeitete dort bis 1994 als Professor für physikalische Chemie. Er ist am 28. Dezember 2011 gestorben.

Oberbürgermeister für den Frieden Jann Jakobs sagte: "Professor Sotobayashis Einsatz für ein zentrales Denkmal in der Landeshauptstadt Potsdam hat maßgeblich dazu beigetragen, dass es einen Gedenkort am jetzigen Hiroshima-Nagasaki-Platz gibt". Der Gedenkort ist ein Zeugnis des persönlichen Engagements von Prof. Hideto Sotobayashi und dadurch untrennbar mit seinem Namen verbunden. Am 25. Juli 2010 konnte der Gedenkort vor der Truman-Villa in Babelsberg mit einer Gedenkveranstaltung an die Öffentlichkeit übergeben werden. 

Hideto Sotobayashi hatte in Potsdam erstmals seit dem Atombombenabwurf über sein Schicksal 2007, nach sechzig Jahren des Schweigens aus Angst, die Kinder seines Bruders würden wegen Verwandschaft mit Strahlenopfer ausgegrenzt, öffentlich erzählt. In seinen Erlebnisberichten, die er in den folgenden vier Jahren schon an mehr als 150 Orten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in den Niederlanden vorgestellt hat, wurde immer wieder aufs Neue deutlich, dass das Ausmaß der Katastrophe von Hiroshima fast unbeschreiblich ist.

Spätschäden

eng.: long term effects

Bei gesundheitlichen Schäden die durch Radioaktivität in Folge einer atomaren Detonation auftreten, wird zwischen Sofortschäden und Spätschäden unterschieden.

Bei Sofortschäden handelt es sich um Schäden, die direkt nach einer starken Bestrahlung auftreten, wie Appetitlosigkeit, Übelkeit und Haarausfall. Bei sehr hoher Belastung tritt der Tod ein. Besonders betroffen sind Knochenmark und Haarwurzeln.

Die Spätschäden (stochastische Schäden) sind Leukämie und Krebs, die oft erst nach mehreren Jahren auftreten. Trifft radiaoktive Strahlung auf die DNS, wird die Zelle sogar abgetötet oder wuchert aus, d.h. sie mutiert zur Krebszelle. Diese Schäden müssen nicht auftreten, tun es aber mit hoher Wahrscheinlichkeit, die bei größerer Belastung noch steigt. Die Stärke der Krankheit hängt aber nicht davon ab. Die so genannte Letaldosis LD 50/30 (d.h. 50% Todesfälle bei der bestrahlten Population innerhalb von 30 Tagen) beträgt für den Menschen 4,5 Gray.

Genetische Schäden wirken sich erst bei den Nachkommen aus. In Keimzellen werden Erbinformationen verändert, so dass es bei Nachkommen zu Missbildungen kommt. Es kommt aber nicht oft zu diesen Mutationen, da die betroffene Zelle meist abstirbt. (LL)

Bearbeitungsstand: Juni 2012

siehe auch: Letaldosis
siehe auch: Gray

Spangdahlem

ehem. Atomwaffenstandort Deutschland

Das ehemalige Atomwaffenlager Spangdahlem (49°57’44“N, 06°40’54“O) lag auf der gleichnamigen US-Airbase ca. 11 km östlich der Stadt Bitburg in Rheinland Pfalz.

Hier waren folgende atomwaffenfähige US-Jagdbomber-Systeme stationiert:

1959-1961: F-100C/D „Super Sabre“

Die Version F-100D verfügte über ein Bombenabwurfsystem, mit dem Atombomben auch im Tiefflug eingesetzt werden konnten.

1961-1967: F-105D „Thunderchief“

Die F-105 war in Deutschland an den Standorten Bitburg und Spangdahlem stationiert. Das Flugzeug verfügte über einen internen Bombenschacht, der auch zum Abwurf von Atombomben geeignet war.

1967-1993: F-4D „Phantom II“

Für diesen Jagdbomber stand folgende atomare Munition zur Verfügung:

Mk 8, taktische Nuklear-Freifallbombe

Mk 12, taktische Nuklear-Freifallbombe

Mk 91, taktische Nuklear-Freifallbombe

B-43, taktische Nuklear-Freifallbombe

B-57, taktische Nuklear-Freifallbombe

B-61-2/5, taktische Nuklear-Freifallbombe

Welche Atomwaffen zu welcher Zeit und in welcher Anzahl tatsächlich vor Ort bereitgehalten wurden, ist nicht bekannt. (LL)

Bearbeitungsstand: Mai 2013

siehe auch: B-61 Bombe


Special Ammunition Site (SAS)

dt.: Atomwaffenlager

Während des Kalten Krieges war die Masse der in Europa stationierten US-eigenen Atombomben, die für einen möglichen Einsatz durch die NATO vorgesehen waren, in so genannten Sondermunitionslagern (Special Ammunition Site = SAS) eingelagert. In der Bundesrepublik Deutschland beispielsweise verfügte jeder militärische Großverband (Korps, Division) über ein eigenes Atomwaffenlager.

Für diese Lager galten folgende Kriterien:

  1. Sie lagen grundsätzlich abseits von Wohngebieten und außerhalb anderer militärischer Anlagen.
  2. Im Umfeld der Lager galten erweiterte Schutz- und Sicherungsbereiche, in denen Personen- und Fahrzeugkontrollen durchgeführt werden konnten.
  3. Die Lager durften nur von zuvor registrierten Personen betreten werden.
  4. Alle deutschen Wachsoldaten wurden vor ihrem Dienstantritt durch den Militärischen Absicherungsdienst überprüft.
  5. Es existierten ein äußerer und ein innerer Sicherheitsbereich. Im äußeren Bereich hielt sich das nationale Wachpersonal auf. Der innere Bereich unterlag ausschließlich US-amerikanischer Kontrolle, er konnte nur im Beisein von mindestens zwei US-Soldaten betreten werden.
  6. Im inneren Bereich befanden sich mehrere oberirdische Bunker, in denen die atomaren Sprengköpfe und die dazu gehörigen Zündsysteme eingelagert waren.

Die Art der atomaren Munition in den einzelnen Lagern war abhängig von der Bewaffnung des jeweiligen Großverbands. (LL)

Bearbeitungsstand: November 2005

Sprengkopf

engl.: warhead

Der Gefechts-/Sprengkopf ist Teil eines Flugkörpers oder Torpedos, der den Sprengsatz und den erforderlichen Zünder enthält. Man unterscheidet zwischen konventionellen Gefechtsköpfen und solchen für Massenvernichtungswaffen. (LL)

Bearbeitungsstand: Januar 2005

siehe auch: Massenvernichtungswaffe

Sprengkraft

engl.: yield, explosive force

Die Explosionsenergie (Detonationswert) wird in den Maßeinheiten Kilotonne (KT) und Megatonne (MT) angegeben. Diese Maßeinheiten bezeichnen die Energie, die von 1000 bzw. 1 Million Tonnen TNT (Trinitrotoluol) freigesetzt wird. Die über Hiroshima abgeworfene Atombombe (Little Boy) hatte einen Detonationswert von 12,5 KT. Die Nagasaki-Bombe (Fat Man) hatte einen Detonationswert von 22 KT. (Anmerkung: 200 g TNT reichen aus, um einen Menschen zu töten!)

Variable Sprengkraft
Atomsprengköpfe verfügen entweder über eine bestimmte unveränderbare Sprengkraft oder es besteht die Möglichkeit die Sprengkraft zu variieren. Zu Beginn der Entwicklung gab es ausschließlich Sprengköpfe mit einem unveränderbaren KT-Wert.

Der auch in Deutschland stationierte Starfighter vom Typ F104G war bis 1968 mit einer Fliegerbombe vom Typ MK.43 bewaffnet, die eine feste Sprengkraft von 1 MT hatte. Ab 1968 erfolgte die Umrüstung auf das Modell MK.57 mit einer variablen Sprengkraft von 5 bis 20 KT.

Die noch heute auch in Deutschland bereitgehaltene Fliegerbombe aus der B-61 Familie bietet die Möglichkeit, vor dem Einsatz variabel aus vier unterschiedlichen Optionen zu wählen. Damit offeriert diese Waffe vielfältige Möglichkeiten im Einsatz und eine große Flexibilität. Die kleinste Sprengkraft der nicht-strategischen Versionen liegt bei 0,3 KT, also in der Größenordnung einer Mininuke; die größte bei einem Vielfachen der in Hiroshima eingesetzten Waffe (170 KT) und liegt damit im Bereich der Sprengkraft strategischer Waffen. LL (Quellen: BITS)

Bearbeitungsstand: Dezember 2016

»Weitere Informationen über Atombomben, Aufbau, Eigenschaften und Auswirkungen

SRBM

Short Range Ballistic Missile

Hierbei handelt es sich um eine ballistische Kurzstreckenrakete oder Kurzstreckenrakete, die in der Lage ist, einen konventionellen oder einen ABC-Gefechtskopf bis zu einer Entfernung von 150 km ins Ziel zu tragen. Ihre Startvorrichtungen können stationär oder beweglich (Fahrzeug, Schiff, Flugzeug) sein. (LL)

Bearbeitungsstand: Februar 2005

siehe auch: SALT

SRTNF

engl.: Short range theatre nuclear forces

Nukleare Gefechtsfeldwaffen können entsprechend ihrer Reichweite in drei Kategorien unterteilt werden:

  • Weit reichende Atomwaffen in und für Europa (LRTNF) sind Kernwaffen mit einer maximalen Reichweite von mehr als 100km, aber weniger als 5500 km (=interkontinentale Reichweite).
  • Atomwaffen in und für Europa mit mittlerer Reichweite (MRTNF) haben eine Reichweite zwischen 200 und 1000 km.
  • Kurzstreckenatomwaffen in und für Europa (SRTNF) haben eine Reichweite bis zu 200 km.

SRTNF Waffen werden oft auch als atomare »Gefechtsfeldwaffen« bezeichnet.  Während des Kalten Krieges waren SRTNF Waffen für den taktischen Einsatz auf Korps- und Divisionsebene vorgesehen. In der Bundesrepublik Deutschland waren dazu unter anderem die Raketensysteme Honest John und Sergeant sowie atomare Artilleriemunition stationiert. (Quelle: SIPRI Atomwaffen in Europa, Rüstungsjahrbuch ´82/83, S. 39f.)

Bearbeitungsstand: September 2007

siehe auch: Honest John
siehe auch: Kalter Krieg
siehe auch: LRTNF
siehe auch: MRTNF
siehe auch: Sergeant-Rakete

SS-4 bis SS-27

Russische Kurzstreckenraketen verschiedener Typen, Bild: United States Missile Defense Agency, public domain via Wikimedia Commons

SS-4
Die SS-4 war eine mit Flüssigtreibstoff angetriebene ballistische Mittelstreckenrakete mit einer Reichweite von bis zu 1900 km. Beginnend ab 1959 wurden insgesamt 733 (SS-4 und SS-5) Raketen in der westlichen und südlichen Sowjetunion stationiert. Da sie nicht die erforderliche Reichweite besaß, um Ziele in den USA bekämpfen zu können, war sie gegen Ziele in Europa und China gerichtet, vorrangig auf Städte und Industrieanlagen. Jeder Flugkörper trug einen Gefechtskopf mit einer Sprengkraft von etwa einer Megatonne (MT). Die hohe Vernichtungskraft diente als Kompensation für die äußerst ungenaue Treffsicherheit der SS-4. Ihre Reaktionszeit war lang, da ein Tag oder mehr benötigt wurde, um den Flugkörper zu betanken.

SS-5
Die SS-5 war eine mit Flüssigtreibstoff angetriebene ballistische Mittelstreckenrakete mit einer Reichweite bis zu 4100 km. Beginnend ab 1959 wurden insgesamt 733 (SS-4 und SS-5) Raketen in der westlichen und südlichen Sowjetunion stationiert. Da sie nicht die erforderliche Reichweite besaß, um Ziele in den USA bekämpfen zu können, war sie gegen Ziele in Europa und China gerichtet, vorrangig auf Städte und Industrieanlagen. Jeder Flugkörper trug einen Gefechtskopf mit einer Sprengkraft von etwa einer Megatonne (MT). Die hohe Vernichtungskraft diente als Kompensation für die äußerst ungenaue Treffsicherheit der SS-5. Ihre Reaktionszeit war lang, da ein Tag oder mehr benötigt wurde, um den Flugkörper zu betanken.

SS-6
Die SS-6 war der erste sowjetische Flugkörper mit interkontinentaler Reichweite. Im Sommer 1957 gab die Sowjetunion bekannt, dass sie mit Erfolg einen „interkontinentalen, mehrstufigen ballistischen Flugkörper mit übergroßer Reichweite“ getestet habe. (Er wurde NATO-intern SS-6 genannt.) Der erfolgreiche Test bedeutete, dass die Sowjetunion auf dem Gebiet der Interkontinentalraketen einen bedeutenden Vorsprung gegenüber den USA gewonnen hatte. Erst 1959 konnten die USA einen gleichwertigen interkontinentalen ballistischen Flugkörper zum Einsatz bringen.

SS-7
Die SS-7 Saddler war die erste massengefertigte Interkontinentalrakete der UdSSR. Sie wurde ab 1957 entwickelt. Der Bestand betrug maximal 202 Stück im Jahre 1965. Im Rahmen des SALT-I-Abkommens wurde die Rakete außer Dienst gestellt. Die Rakete war über 30 Meter lang, hatte einen Durchmesser von drei Metern und wog 141 Tonnen. Als Brennstoff wurde Flüssigtreibstoff verwendet. Sie konnte Nuklearsprengköpfe mit einer Sprengkraft von drei bis sechs Megatonnen 11.000 bis 13.000 km weit tragen. Die Raketen wurden in Hangars gelagert und konnten binnen drei Stunden in Stellung gebracht und befüllt werden. In befüllter Bereitschaft stehend, konnte der Start nach 20 Minuten erfolgen. Durch ihre hohe Reichweite war die SS-7 dazu in der Lage, jede Stadt in den USA treffen zu können, vorausgesetzt die Rakete überflöge dabei den Nordpol. Ihre Treffergenauigkeit (CEP) lag bei 50% innerhalb eines 2.700 m Radius. Während die erste Stufe quasi ausschließlich ballistisch in Richtung Ziel befördert wurde, steuerte ein bordeigenes Flugleitsystem die zweite Stufe, zusätzlich waren bodenkontrollierte Korrekturen der Flugbahn möglich. Insgesamt wurden drei verschiedene Varianten der R-16 (russische Bezeichnung der SS-7) gebaut, mit unterschiedlicher Beladung und Reichweite.

SS-9
Die SS-9 Scarp war eine sowjetische, silo-basierte, ballistische Interkontinentalrakete. Sie gehörte zur dritten Generation sowjetischer ICBMs. Vermutlich war die Rakete ursprünglich für den Angriff auf große Zivilobjekte konzipiert worden, während spätere Versionen für die Zerstörung US-amerikanischer Minuteman-Silos geplant waren. Die Reichweite erlaubte es, jedes Ziel innerhalb der USA und Europas von sicheren Basen in Russland aus zu erreichen. Als Treibstoff verwendete die SS-9 lagerfähigen Flüssigtreibstoff.
Es gab vier Versionen der SS-9:

  • Modell 1: mit einem nuklearen Standard-Gefechtskopf (8K67)
  • Modell 2: mit einem Gefechtskopf von doppelter Stärke wie Modell 1 (mit dem Ziel, die Startsilos der USA trotz mangelnder Treffgenauigkeit zu zerstören)
  • Modell 3: Hier wurde erstmals das FOBS-System angewendet (engl. Fractional Orbital Bombardment System), das es der Sowjetunion ermöglichte, die USA über den Südpol anzugreifen und so die Radar-Warnkette in Nordeuropa und den USA zu umgehen. Dazu wurde der Gefechtkopf auf eine niedrige Erdumlaufbahn gebracht, von wo aus er jeden Punkt der Erde erreichen konnte. Vor dem Zielgebiet musste er lediglich durch Bremsraketen zum Verlassen des Orbit gebracht werden.
  • Modell 4: verwendete 3 getrennte Gefechtsköpfe (engl. Multiple Reentry Vehicles (MRV)), gelenkt durch ein gemeinsames Steuerungssystem, um der möglichen Raketenabwehr in der Endphase zu entgehen.

Alle Versionen waren zweistufige Flüssigtreibstoff-Raketen und wurden aus Silos gestartet. Die Entwicklung begann 1962. Modell 1 und 2 wurden 1967 und Modell 3 und 4 1968 in Dienst gestellt. 1971 waren maximal 255 Raketen der Modelle 1 bis 3 stationiert. Von Modell 4 waren 1973 100 Stück verfügbar. 1979 wurden alle Raketen bis auf Modell 3 außer Dienst gestellt. Modell 3 fiel dann unter das SALT-II-Abkommen. Die letzte Rakete wurde 1983 aus dem Startsilo entfernt. Das Nachfolgemodell der SS-9 war die spätere SS-18 Satan.

SS-11
Sowjetischer bodengestützter interkontinentaler ballistischer Flugkörper mit einer maximalen Reichweite von 10500 km, der erstmals 1966 stationiert wurde. In den frühen siebziger Jahren wurden insgesamt 120 Systeme sowohl in Stellungen für ballistische Flugkörper von großer (IRBM) als auch von mittlerer (MRBM) Reichweite aufgestellt.

SS-16
Sowjetischer leichter, mobiler bodengestützter interkontinentaler Flugkörper, der in den frühen siebziger Jahren vom Versuchszentrum Plesetsk aus erstmalig flugerprobt wurde. Das System besaß nur einen Träger mit Teilorbitalbahn und drei unabhängig voneinander in verschiedene Ziele lenkbare Reentry Vehicles (RV) mit einstellbarer Sprengkraft bis maximal 170 KT.

SS-18
Die SS-18 Satan ist eine russische ballistische Interkontinentalrakete Sie entstand als Nachfolgesystem der SS-9 Scarp. Das neue System wurde zur Bekämpfung von verbunkerten Zielen, wie Raketensilos konzipiert. Mit der SS-18 lassen sich sämtliche strategische Ziele, wie gehärtete Raketensilos und unterirdische Kommandobunker bekämpfen. Insgesamt wurden 380 Systeme hergestellt. Sämtliche Raketen wurden in speziellen Silos stationiert. In der ehemaligen UdSSR gab es folgende SS-18 Standorte:
Aleisk (30 Silos), Imeni Gastello (52 Silos), Dombarowski (64 Silos), Kartaly (46 Silos), Uschur (64 Silos), Zhangiz Tobe (52 Silos).

Die SS-18 wurde wiederholt der aktuellen Bedrohungslage angepasst. Es wurden die folgenden Varianten entwickelt:

  • SS-18 Satan 1 mit einem Multimegatonnen-Sprengkopf und einer Reichweite von 11200 km
  • SS-18 Satan 2 mit 8 MIRV Sprengköpfen und einer Reichweite von 10200 km
  • SS-18 Satan 3 mit 8 MRIV Sprengköpfen und einer Reichweite von 16000 km
  • SS-18 Satan 4 mit 10 MIRV Sprengköpfen und einer Reichweite von 11000 km
  • SS-18 Satan 5/6 mit 10 MIRV Sprengköpfen und einer Reichweite von 11000 km

Alle Versionen waren zweistufige Flüssigtreibstoff-Raketen. Die MIRV Sprengköpfe sind auf einem sog. Post-Boost-Vehicle (PBV) montiert. Die Steuerung der SS-18 erfolgt mittels Trägheitsnavigation. Es wird eine CEP von 250-500 m (je nach Version) erreicht. Die Lenkwaffen werden aus speziellen gepanzerten Silos gestartet.

Die SS-18 SATAN bildete währen den 80er und 90er Jahren das Rückgrat der russischen Nuklearstreitkräfte. Zurzeit (August 2006) besitzen die russischen Streitkräfte noch 74 SS-18 Systeme.

Im November 2006 erklärte der Kommandeur der russischen Raketenstreitkräfte, Generaloberst Nikolai Solowzew laut einer Meldung der Nachrichtenagentur Interfax, die Interkontinentalraketen des Typs SS-18 sollten statt der früher geplanten 15 Jahre bis zu 25 Jahre in Dienst bleiben. Vermutlich verfügt Russland derzeit nicht über genügend Geld, um seine Interkontinentalraketen zu erneuern.

SS-20
Seit 1977 dislozierte sowjetische Mittelstreckenrakete mit einer maximalen Reichweite von ca. 5700 km (IRBM). Die SS-20 war mit unabhängig voneinander steuerbaren Dreifachsprengkörpern ausgestattet. Auf Grund ihrer, im Vergleich zur SS-4 und SS-5 höheren Treffgenauigkeit (CEP 300 Meter) war sie mit Sprengköpfen geringerer Vernichtungskraft von maximal 150 KT ausgestattet. Der Flugkörper war 10,5 m lang und hatte einen Durchmesser von 1,4 m. Die SS-20 war nicht in verbunkerten Stellungen untergebracht, sondern beweglich auf Fahrzeugen montiert. Die Abschussvorrichtungen waren nachladefähig. Die Ausstattung mit Feststofftriebwerken ermöglichte eine kurze Reaktionszeit. Die Mehrzahl der Stellungen für die SS-20 lag in den westlichen Militärdistrikten gegenüber der NATO und im Fernen Osten gegenüber China und Japan. Wenigstens zwei Drittel der Stellungen lagen so, dass von ihnen aus Ziele in Europa bekämpft werden konnten.

SS-21
Sowjetischer Boden-Boden-Flugkörper (Surf-to-surf missile = SSM) mit einer Reichweite von 65 bis 120 km. Er wurde 1978 eingeführt und ersetzte das 1965 in Dienst gestellte System FROG 7, dessen Reichweite nur zwischen 16 und 70 km lag. Die SS-21 konnte einen nuklearen Gefechtskopf im KT-Bereich tragen. Sie war auch als Träger für chemische Waffen geeignet.

SS-22
Sowjetischer Boden-Boden-Flugkörper (Surf-to-surf missile = SSM) mit einer Reichweite von 540 bis 1000 km. Er wurde 1979 eingeführt und ersetzte das 1969 in Dienst gestellte System SS-12, dessen Reichweite nur zwischen 490 und 900 km lag. Die SS-22 konnte einen nuklearen Gefechtskopf im KT-Bereich tragen.

SS-23
Sowjetischer Boden-Boden-Flugkörper (Surf-to-surf missile = SSM) mit einer Reichweite von 190 bis 550 km. Er wurde 1979/80 eingeführt und ersetzte das 1965 in Dienst gestellte System SS-1 Scud A, dessen Reichweite 150 km betrug, und das 1965 in Dienst gestellte System SS-1c Scud B mit einer Reichweite zwischen 160 und 300 km. Die SS-23 konnte einen nuklearen Gefechtskopf im KT-Bereich tragen. Sie war auch als Träger für chemische Waffen geeignet.

SS-24
Die SS-24 Scalpel ist eine Interkontinentalrakete der russischen Streitkräfte. Die Entwicklung und Produktion der Rakete begann noch in der Zeit vor 1991 in der damaligen Sowjetunion.

Es handelt sich um eine dreistufige Feststoffrakete mit einem Mehrfachsprengkopf (MIRV) von 10 Sprengköpfen mit je 550 KT Sprengkraft. Die Rakete existiert in zwei Versionen, die sich durch die Art der Abschussbasis unterscheiden. Die Rakete kann je nach Version von einem Silo oder einem mobilen Schienenfahrzeug aus abgeschossen werden. Bei der mobilen Version befindet sich die Rakete in einem Transport-Abschuss-Kanister, der zum Abschuss auf einen dafür vorgesehenen Eisenbahnwagon in eine vertikale Position gebracht wird. Die mobile Version der Rakete wird mittels eines Gasgenerators mit Festtreibstoff gestartet.

Die erste Stufe der silogestützten Version benutzt eine rotierende Düse, während die mobile Version eine feste Düse hat, die teilweise in der Brennkammer des Motors angesiedelt ist. Die Triebwerke der zweiten und dritten Stufe benutzen eine während des Fluges ausziehbare Düse, um den Schub des Motors zu erhöhen, ohne die allgemeinen Abmessungen der Rakete vergrößern zu müssen. Die Rakete wird in der ersten Stufe durch die Schwenkung der Düse während des Fluges gesteuert. Die zweite und dritte Stufe benutzen aerodynamische Schaufeln zur Steuerung. Bei beiden Versionen dient ein an einen digitalen Computer gekoppeltes Trägheitsnavigationssystem zur Navigation. Die 10 Sprengköpfe haben jeweils ein eigenes Antriebssystem und Lenkungs-/Kontrollsystem.

Geschichte
Die SS-24 wurde in der Sowjetunion in der Zeit des Kalten Krieges entwickelt mit dem Ziel über eine Feststoffinterkontinentalrakete mit unterschiedlichen Abschussmöglichkeiten zu verfügen. Es waren drei Varianten geplant, von denen jedoch nur die Abschussvariante von einem Raketensilo aus sowie die mobile Variante auf einem Eisenbahnwagon verwirklicht wurden. Eine weitere mobile Version mit einem Straßenfahrzeug als Abschussbasis wurde nicht umgesetzt. Die mobile Variante sollte der gegnerischen Aufklärung erschweren, die Raketenabschussbasen zu lokalisieren und zu verfolgen. Die SS-24 löste die veraltete nicht mobile SS-19 ab und war das sowjetische Gegenstück zur US-amerikanischen Peacekeeper-Rakete.

Ab 1987 begann die Indienststellung der SS-24. Der Großteil der beteiligten Produktionsbetriebe befand sich in der heutigen Ukraine. Dies führte nach dem Zerfall der Sowjetunion zur Einstellung der Produktion dieses Raketentyps. Zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Sowjetunion waren 92 Raketen einsatzbereit, davon waren 56 in Raketensilo stationiert. 46 der stationären Raketen waren bis zu ihrer Abrüstung Mitte 1996 in der Ukraine stationiert. Die restlichen 46 Raketen sind in Russland stationiert. Es war geplant, die SS-24 im Rahmen des START-II (Strategic Arms Reduction Treaty) aus dem aktiven Dienst zu entfernen. Nachdem sich jedoch die Bush-Regierung dem START-II-Vertrag nicht mehr verpflichtet sah und zu bilateralen Abmachungen tendiert, hat Russland 2002 erklärt, eine Division der mobilen SS-24 behalten zu wollen.

SS-25
Die SS-25 Topol wurde als kostengünstiges, mobiles und schwer lokalisierbares ICBM-System konzipiert. Im Jahre 1977 begann man mit der Systementwicklung. Da der SALT-II-Vertrag eine Neukonstruktion von ICBM's verbot, deklarierte die Sowjetunion das SS-25 System als eine Weiterentwicklung der SS-13 Savage. Aus Kostengründen griffen die Entwickler auf den Entwurf der SS-16 Sinner zurück. Die SS-25 verwendet u.a. die ersten beiden Raketenstufen der SS-16, ist aber mit einem neu entwickelten PBV (Post Boost Vehicle) bestückt. Das neue PBV enthält eine neu entwickelte Navigations- und Steuereinheit sowie einen neu konstruierten Nuklearsprengkopf. Es wurden zwei unterschiedliche Versionen entwickelt, eine stationäre, silogebundene Ausführung und eine mobile, fahrzeuggebunde Ausführung.

Die ersten SS-25 wurden ab dem Jahre 1988 bei den Sowjetischen Raketentruppen eingeführt. Die Lenkwaffen sind an 9 verschiedenen Orten in ehemaligen SS-13, SS-17 und SS-20 Silos stationiert. Das mobile System ist auf einem geländegängigen LKW untergebracht und verlegbar.

Die SS-25 verwendet einen dreistufigen Raketenmotor, der anders als frühere ICBMs mit Feststoff arbeitet. Erst damit ist der Einsatz und Start unabhängig von einer permanenten Basis möglich, die bei Flüssigbrennstoff unabdingbar war.

Mit dem mobilen System können die Raketen direkt in der Basis, auf der Straße oder irgendwo im Gelände gestartet werden. Das mobile System ist schnell verlegbar und schwierig zu lokalisieren. Somit ist eine präventive Zerstörung nur schwierig realisierbar.

Es wird eine minimale Reaktionszeit von wenigen Minuten erreicht. Die Rakete ist mit einem nuklearen Sprengkopf mit einer Sprengleistung von 550 KT bestückt. Die Steuerung erfolgt mittels einer inertialen Trägheitsnavigations-Plattform. Mit diesem System wird eine Treffergenauigkeit (CEP) von 200-500 m erreicht (je nach Schussdistanz).

Um Abwehrmaßnamen durch Abfangraketen zu erschweren, werden mit dem loslösen des Sprengkopfes auch drei Täuschkörper freigesetzt. Mit der SS-25 lassen sich sämtliche strategischen Ziele, wie gehärtete Raketensilos und unterirdische Kommandobunker, bekämpfen. Insgesamt wurden 360 Systeme hergestellt. Mittlerweilen haben die Lenkwaffen das Ende ihrer Lebenszeit erreicht. Es ist geplant, sämtliche Systeme bis zum Jahr 2010 auszumustern.

SS-26 Stone (Iskander)
Bei der SS-26 Stone handelt es sich um eine russische ballistische Boden-Boden-Rakete. Sie gehört zur Klasse der Kurzstreckenraketen (SRBM) mit einer Flugweite von 70 bis 280 km. Mitte der 1980er Jahre begann die Planung für ein Nachfolgesystem der SS-1B/C Scud und SS-23 Spider. 1996 wurden die ersten Teststarts durchgeführt. Ab 2005 begann die Auslieferung an die russischen Raketeneinheiten.

Bis heute stellt die SS-26 den aktuellen Stand der russischen Kurzstreckenraketen dar. Sie ist 7,28 m lang, wiegt ca. 4,6 Tonnen und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 6,3 bis 7,8 Mach. Das System ist auf einem geländegängigen Startfahrzeug vom Typ 9P71 montiert. Jedes Fahrzeug ist mit zwei Raketen beladen, die beide innerhalb von 40 Sekunden abgefeuert werden können. Ein Trägheitsnavigationssystem und ein Satellitennavigationssystem stellen sicher, dass eine extrem geringe Zielabweichung (CEP) von nur 30 bis 70 m auftritt.

Für den Einsatz stehen sowohl konventionelle als auch nukleare Sprengköpfe zur Verfügung:

  • Splittergefechtskopf 
  • Penetrations-Gefechtskopf gegen verbunkerte Anlagen 
  • Bomblets mit Splitterwirkung 
  • Bomblets mit Brandwirkung 
  • Panzerminen zur Fernverminung 
  • Fuel-Air-Explosive (FAE) 
  • Selbstzielsuchende (intelligente) SPBE-D-Submunition zur Panzerbekämpfung 
  • AA-86 Nuklearsprengkopf mit einer variablen Sprengleistung von 5 bis 50 KT. 
  • AA-92 Nuklearsprengkopf mit einer variablen Sprengleistung von 100 bis 200 KT. 
  • Nicht-nuklearer EMP-Sprengkopf (electromagnetic pulse)

Ende 2013 standen den russischen Raketentruppen insgesamt vier SS-26-Brigaden mit je 12 Startfahrzeugen zur Verfügung. Damit können maximal 96 Flugkörper für den unmittelbaren Einsatz bereitgehalten werden. Bis Ende 2015 sollen weitere 12 Systeme an die Truppe übergeben werden. (LL)    

SS-27
Die SS-27 ist eine Weiterentwicklung der SS-25. Das System entstand als Reaktion auf die US-amerikanischen Pläne zum Aufbau eines Raketenabwehrschildes (NMD). Im Jahre 1991 begann man mit der Systementwicklung. Die SS-27 wurde erstmals mit zwei Raketen im Dezember 1997 bei den russischen Streitkräften im Gebiet Saratow eingeführt. Die neue Variante mit der mobilen Abschussrampe wurde im Dezember 2006 eingeführt.

Technik
Die SS-27 benutzt einen dreistufigen Raketenmotor, der anders als frühere ICBMs mit Feststoff angetrieben wird. Erst damit ist der Einsatz und Start unabhängig von einer permanenten Basis möglich, die bei Flüssigbrennstoff unabdingbar war.

Das mobile System ist auf einem geländegängigen LKW untergebracht und damit schnell verlegbar und schwierig zu lokalisieren; eine präventive Zerstörung ist demnach nicht zuverlässig möglich. Jedes Fahrzeug ist mit einem Flugkörper bestückt.

Die Rakete ist mit einem nuklearen MARV-Sprengkopf mit einer Sprengkraft von 550 KT ausgestattet. Die Steuerung erfolgt mittels einer Trägheitsnavigations-Plattform sowie eines Satellitennavigationssystem. Mit diesen beiden Systemen soll eine Treffergenauigkeit (CEP) unter 350 m erreichbar sein. Der Gefechtskopf der Rakete ist in der Lage, nach dem Start von einer ballistischen in eine semiballistische Flugbahn zu wechseln; dadurch ist es Raketenabwehrsystemen nur sehr schwer möglich, den Flugkörper zu zerstören.

Mit der SS-27 sollen sich sämtliche strategischen Ziele, wie gehärtete Raketensilos und unterirdische Kommandobunker, bekämpfen lassen. Im August 2006 verfügten die russischen Streitkräfte über 42 SS-27 Systeme in fünf Regimentern der Strategischen Raketentruppen. Es ist geplant, bis zum Jahr 2015 insgesamt 70 Systeme zu beschaffen, um die älteren SS-18 Raketen vollständig abzulösen.

(Quellen: Apel u.a., Hrsg.: Sicherheitspolitik contra Frieden?, Bonn 1981, S. 218f.;
globalsecurity.org; JANE'S STRATEGIC WEAPON SYSTEMS Edition 2005 Jane's Verlag; Neuman: Kernwaffen in Europa, Bonn 1982, S. 126-131; Russian Strategic Nuclear Forces by Frank von Hippel, Pavel Podvig)

Bearbeitungsstand: März 2007

siehe auch: Ballistische Rakete
siehe auch: Circular error probable
siehe auch: Gefechtskopf
siehe auch: Interkontinentalrakete
siehe auch: IRBM
siehe auch: Mittelstreckenrakete
siehe auch: MRBM
siehe auch: MT (Megatonne)

Starfighter F-104

engl.: Starfighter F 104

Flugzeuge F-104 Starfighter, JG 74, Foto: Bundesarchiv

Die F-104 entstand 1954 als leichter Schönwetter-Abfangjäger unter Berücksichtigung der im Koreakrieg (1950-1953) gesammelten Einsatzerfahrungen.

Das Bundesverteidigungsministerium wählte 1959 die F-104G als Standard-Kampfflugzeug aus. Ihre Einsatzaufgaben als Jagdbomber, Abfangjäger und Aufklärer unter schlechten Witterungsbedingungen und im Tiefflug erforderten umfangreiche Änderungen der Ausrüstung, Zellenstruktur und des Ausbildungskonzepts. Die Bundeswehr setzte den atomwaffenfähigen Starfighter als Jagdbomber in den Jagdbombergeschwadern 31 (Nörvenich), 32 (Lechfeld), 33 (Büchel), 34 (Memmingen) und 36 (Hopsten) sowie zur Seezielbekämpfung in den Marinefliegergeschwadern 1 (Jagel) und 2 (Eggebek) ein.

Die atomare Bombenlast der deutschen Starfighter - jeder Sprengkörper wog 910 Kilogramm und verfügte etwa über die fünfzigfache Vernichtungsgewalt der Hiroshima-Bombe - entstammt den Arsenalen der US-Armee. Bei jedem der fünf »F-104-Jagdbomber-Geschwader standen zu jeder Stunde sechs atomar bewaffnete. Starfighter voll getankt und mit vorgewärmter Elektronik bereit, innerhalb von spätestens 17 Minuten von der Piste abzuheben (»Quick Reaction Alert«).

Die atomare Bewaffnung der deutschen Starfighter bestand anfangs aus der Mk.28 Atombombe. Es handelte sich dabei um die erste amerikanische Waffe dieser Art. Nach einem Baukastenprinzip konnte diese Waffe in 5 verschiedenen Abwurfvarianten zusammengesetzt werden, um verschiedenen Trägersystemen gerecht zu werden. Bei der Version für die F-104G handelte es sich um die Version Mk.28 FUFO, die den gebremsten Abwurf von schnellen Jet's im Tiefflug erlaubte und weiter über eine Sprengkraft von 1100 Kilotonnen (KT) verfügte. Die Abwurfhöhe lag zwischen 91 und 183 Metern.

Diese Version wurde ab 1968 von der Mk.43 Atombombe des Tactical Air Command abgelöst. Die Waffe verfügte über ein Gewicht von knapp 1000 kg und einer unveränderlichen Sprengwirkung von 1 Megatonne (MT). Sie war als Außenlast speziell für den Abwurf von schnell und tieffliegenden Jagdbombern entwickelt worden.

Die Ausbildung in den einzelnen Abwurfverfahren erfolgte mit der Übungsbombe MK-106, die von den Abwurfbehältern / Übungsbombenträgern getragen wurden. Diese amerikanische Übungsbombe wurde etwa ab 1975 von der DM18 aus deutscher Produktion abgelöst. Erst wenn der Pilot sich in allen Verfahren qualifiziert hatte, erhielt er die Möglichkeit die Profilübungsbombe BDU-8/B/BDU-12B (Bomb Dummy Unit) bei einem Übungseinsatz auf dem NATO-Schießplatz Decimomannu (Deci) abzuwerfen.

Ständige Weiterentwicklungen und Erprobungen fügte als Ergänzung ab 1968 die Mk.57 Atombombe mit einer vergleichsweise minimalen Sprengkraft von 5-20 KT dem A-Waffenarsenal der deutschen "F-104" hinzu.

Ab dem Jahr 1975 wurde die Version Mk.43 von der Mk/B 61 Abwurfwaffe abgelöst. Dies war eine optimierte und fortschrittlichere Bombe für den Abwurf von schnell und unter 90 Metern fliegenden Kampfflugzeugen, zu denen die F-104G gehörte, und als Mehrzweckwaffe für taktische und strategische Einsätze gedacht.

Der Einsatz der mit A-Waffen beladenen Starfighter war nur möglich, wenn die Bomben zuvor vom amerikanischen Personal geschärft worden waren. Das geschah erst unmittelbar vor dem befohlenen Einsatz. War der Kode an der Bombe von den Amerikanern nicht korrekt eingestellt, konnte diese nicht zum Einsatz gebracht werden.(Rolf Ferch: www.rolfferch.de/F104G/html/strikebeladeschema.html)

Zwei Ziele für den Atombombenabwurf hatte jeder alarmbereite Starfighter-Pilot im Kopf. In 40stündiger Klausur musste er sich die Anflugwege, Flughöhen, Zwischenzeiten für Kursänderungen und das Geländebild der Strecke dorthin einprägen; unmittelbar vor dem Einsatz wurde ihm das endgültige Ziel genannt. Wie bei allen Düsenflugzeugen, so war auch beim Starfighter die Reichweite umso kürzer, je länger das Flugzeug bei seinem Einsatz im Tiefflug operierte. Je tiefer es flog, umso mehr Treibstoff verbrauchten seine Triebwerke. Andererseits musste es so niedrig wie möglich durch Täler und Niederungen, über Hügel und Baumwipfel dahinrasen, wenn es der feindlichen Radarortung entgehen wollte. Flog der Atombomber sein Ziel zunächst in großer Höhe und erst auf den letzten 200 Kilometern über Feindland im Tiefflug an und kehrte er auf die gleiche Weise zurück, so konnte er, mit Zusatztanks bestückt, von Nörvenich bei Bonn bis zur polnisch-sowjetischen Grenze operieren. Reichweite: 1250 Kilometer. Wollten die Nörvenicher Bomber dagegen vom Start weg bis ans Ziel und zurück im Tiefflug den feindlichen Radarschirm unterfliegen, so reichte ihr Aktionsradius allenfalls bis Budweis, Görlitz, Frankfurt an der Oder oder Greifswald, maximal 520 Kilometer. (Quelle: Der Spiegel, 24.01.1966, S. 21)

Die Bundeswehr setzte von 1960 bis zur Ausmusterung am 22. Mai 1991 insgesamt 916 Starfighter ein; davon gingen knapp ein Drittel, nämlich 292 Maschinen, durch Unfälle verloren. Unter der Bevölkerung Deutschlands wurde der Starfighter wegen seiner Unfallgefährdung und wegen der 2.000 technischen Änderungen, als Fallfighter, Erdnagel und Witwenmacher bezeichnet.


Technische Daten

Hersteller: Lockheed Aircraft Corp., Burbank, California, USA
Lizenzbau: Messerschmitt, Dornier, Heinkel, SIAT
Baujahr: 1963
Spannweite: 6,68 m
max. Abflugmasse: 13000 kg
Höchstgeschwindigkeit: Mach 2,2 in 11000 m Höhe
Gipfelhöhe: 17680 m
Einsatzradius: 1200 km
Bewaffnung: eine Maschinenkanone Kal. 20 mm, Raketen, Bomben

Bearbeitungsstand: Oktober 2010

Siehe auch: Hiroshima

Starfish Prime

US-Atomtest

Starfish Prime (400 km Höhe, Sprengkraft: 1450 kT). Der Test erzeugte eine künstliche Aurora, die noch auf Hawaii zu sehen war, Foto: US Govt.

Am 9. Juli 1962 zündeten die USA die "Starfish Prime"-Bombe. Dieser Atomwaffenversuch unterschied sich von anderen Versuchen dadurch, dass er im Weltraum stattfand. Die Bombe besaß eine Sprengkraft von 1450 Kilotonnen TNT und explodierte in rund 400 KM Höhe. Der Explosionsort lag ca. 30 Kilometer südwestlich von Johnston Island im Pazifischen Ozean.

Ausgangspunkt dieses Tests war eine Entdeckung des amerikanischen Wissenschaftlers James van Allen. 1958 entdeckte er die heute nach ihm benannten Van-Allen-Gürtel. Das sind wulstförmige Gürtel die die Erde umgeben. In ihnen befinden sich geladene Teilchen aus der kosmischen Strahlung, die im Magnetfeld der Erde eingefangen wurden. Der innere Van-Allen-Gürtel befindet sich zwischen etwa 100 und 1000 Kilometer Entfernung von der Erde; der äußere zwischen 15000 und 25000 Kilometer Entfernung. Die Bombe wurde  in fast 400 Kilometer Höhe im Van-Allen-Gürtel gezündet.

Die erste sichtbare Auswirkung der Detonation war ein gewaltiges künstliches Polarlicht, das über mehreren Tausend Kilometer weit zu sehen war. Dieser Erscheinung folgte ein ebenso gewaltiger elektromagnetischer Puls (EMP). In Hawaii, das hunderte Kilometer entfernt liegt, gingen die Straßenlichter aus und Telefone versagten ihre Dienste. Im All wurden mindestens sechs Satelliten so schwer beschädigt, dass sie sofort oder nur wenig später funktionsuntüchtig wurden. Obwohl im Vorfeld der Detonation mit einem starken EMP gerechnet worden war, überstieg die tatsächlich eintretende Wirkung in Stärke und Ausdehnung alle Erwartungen. Der Test lieferte die Erkenntnis, dass sich mit einer einzigen Atomexplosion im All ein ganzes Land völlig außer Gefecht setzen ließe. (LL)

Bearbeitungsstand: September 2012

siehe auch: EMP
siehe auch: KT (Kilotonne)
siehe auch: TNT

START neu (2010)

engl.: New START; Prague Treaty

Barack Obama und Dmitri Medwedew nach der Unterzeichnung des "Neuen START"-Vertrags in Prag. Foto: Russische Föderation/CC 4.0

Am 26. März 2010 wurde ein neuer START-Vertrag (auch als Prager Vertrag bekannt) zwischen den USA und Russland verkündet. Die offizielle Unterzeichnung fand am 8. April in Prag statt, ein Jahr nach der berühmten Rede des US-Präsidenten Barack Obama, in der er sich zu der Vision einer atomwaffenfreien Welt bekannt hat.

Der Vertrag ist ein Nachfolge-Abkommen zum START-I-Vertrag, der am 4. Dezember 2009 ausgelaufen war. Zum Abschluss der Verhandlungen über den neuen Vertrag kam es drei Monate später als gedacht: die Uneinigkeit zwischen den beiden ehemaligen Supermächten war größer, als erwartet.

Der Vertragstext umfasst 20 Seiten mit über 100 Seiten Anhängen. Der Inhalt wurde vom Weißen Haus vorab zusammengefasst bekannt gegeben:

  • Die Atomsprengköpfe auf strategischen Trägersystemen (Interkontinentalraketen, U-Boot gestützte Langstreckenraketen und Langstreckenbomber) werden auf je 1.550 Stück reduziert.
  • Der Zahl der stationierten und nicht stationierten Interkontinentalraketen, U-Boot gestützten Raketen und Langstreckenbomber wird insgesamt für jedes Land auf 800 Stück begrenzt, wobei nicht mehr als 700 dürfen stationiert sein.
  • Sieben Jahre nach Inkrafttreten des neuen Start-Vertrages müssen diese Zahlen erreicht sein. Der Vertrag bleibt zehn Jahre gültig, wobei eine Verlängerung um fünf weitere Jahre möglich ist.
  • Bilaterale Kontrollmechanismen zur gegenseitigen Überprüfung werden, nachdem vertrauensbildende Maßnahmen im SORT-Vertrag fehlten, wieder eingeführt.

Der neue START-Vertrag wurde am 22. Dezember 2010 im US-Senat nach langer Debatte ratifiziert und ist im Februar 2011 in Kraft getreten. Am 11. Februar 2013 kündigte US-Präsident Obama an, den Vertrag neu aushandeln zu wollen. (xh)

Bearbeitungsstand: Dezember 2016

»Der neue START-Vertrag im Wortlaut (engl.)

»Mehr zu den START-Verträgen

Bild oben: Barack Obama und Dmitri Medwedew nach der Unterzeichnung des "Neuen START"-Vertrags in Prag. Foto: Russische Föderation/CC 4.0

START-I-Vertrag

engl.: START 1 Treaty

Bush und Gorbatschow unterschrieben START-I-Vertrag, Foto: George Bush Presidential Library

Ziel des START-I-Vertrages ist Reduzierung der strategischen Nuklearwaffensysteme innerhalb von 7 Jahren um ca. ein Drittel gegenüber 1991 auf gemeinsame Obergrenzen von 1.600 Trägersystemen und 6.000 Gefechtsköpfe. Der START-I-Vertrag ist das Ergebnis von mehr als neun Jahren intensiver Verhandlungen zwischen den USA und der damaligen UdSSR. Sowohl bei den Trägersystemen (land- und seegestützte ICBMs, schwere Bomber) als auch bei den Sprengköpfen werden Obergrenzen festgesetzt, die deutlich niedriger liegen als die vorhandenen Bestände. In der Konsequenz bewirkte START I also erstmalig Einschnitte in die Bestände strategischer Waffen. Sie erreichen zwar auf Grund bestimmter Zählregeln nicht die ursprünglich anvisierte Marke von 50 Prozent, aber immerhin wird die Gesamtzahl der Sprengköpfe um 25 Prozent auf amerikanischer und um 35 Prozent auf sowjetischer/russischer Seite reduziert. (Quelle: armscontrol.de)

Der START-I-Vertrag wurde im Juli 1991 zwischen den USA und der damaligen UdSSR unterzeichnet und ist mit dem Beitritt von Belarus, Ukraine und Kasachstan als atomwaffenfreie Staaten zum Atomwaffensperrvertrag (NPT) am 5. Dezember 1994 in Kraft getreten. Die Implementierung von START I kommt weiter gut voran. Die Atomwaffen aus Kasachstan sind 1995, aus Ukraine und Belarus 1996 bereits nach Russland abgezogen. (XH)

Weitere Informationen zu den START-Verträge

Bearbeitungsstand: September 2008

siehe auch: Atomwaffensperrvertrag

START-II-Vertrag

engl.: Strategic Arms Reduction Talks (START) II Treaty

Bush und Jelzin unterschrieben START-II-Vertrag, Foto: US National Archives

Der START-II-Vertrag zu Verhandlungen über die Reduzierung strategischer Waffensysteme ist am 03. Januar 1993 zwischen den USA und Russland unterzeichnet worden. Er sieht eine über START-I hinausgehende Reduktion der beiderseitigen Atomwaffenarsenale auf maximal 3.500 Gefechtsköpfe pro Seite vor, d.h. auf ein Drittel des Bestandes von 1991. Er verbietet ferner alle landgestützten strategischen Nuklearwaffen mit Mehrfachsprengköpfen.

Der US-Senat ratifizierte am 26. Januar 1996 den START-II-Vertrag mit großer Mehrheit (87:4); die Ratifizierung der russischen Seite erfolgte erst am 6. Mai 2000 nach langem Hin und Her. Das russische Ratifizierungsgesetz listet als Vorbehalt eine Reihe von Situationen auf, wie beispielsweise den Fortbestand des Raketenabwehrvertrages durch die USA, bei deren Vorliegen sich Russland einseitig aus dem START-II-Vertrag lösen kann. Dieser Fall trat durch die Kündigung des Raketenabwehrvertrages (ABM) durch die Regierung Bush im Juni 2002 ein. Ein neues Abkommen zwischen George W. Bush und Wladimir Putin vom Mai 2002 (SORT) ersetzte den START-II-Vertrag. Der SORT-Vertrag sah keine Kontrollmechanismen vor und wäre 2012 ausgelaufen, wurde jedoch durch den 2011 in Kraft getreten New START-Vertrag ersetzt. (RH)

Bearbeitungsstand: Januar 2012

Weitere Informationen zur Geschichte des START II-Vertrages

siehe auch: Abrüstung
siehe auch: SORT-Vertrag
siehe auch: Strategische Atomwaffen
siehe auch: New START-Vertrag

Start nach Vorwarnung

engl.: Launch-on-Warning

Doktrin, derzufolge Nuklearwaffen bei Eingang einer Warnung vor einem feindlichen Angriff gestartet werden müssen, bevor sie auf ihren Startrampen zerstört werden können. Die Gefahr dieser Doktrin besteht darin, dass die ausschließliche Abstützung auf Satelliten oder Bodenradarsysteme Computer- oder Übertragungsfehler nicht ausschließen kann. Ein »Atomkrieg aus Versehen« wäre möglich. (Quelle: Neuman: Kernwaffen in Europa, Bonn 1982, S. 132f.)

Bearbeitungsstand: September 2007

"Star Wars"

engl.: Strategic Defense Initiative / Star Wars

Die Strategic Defense Initiative (SDI) ist ein von US-Präsident Ronald Reagan ins Leben gerufenes Forschungs-Projekt zur Errichtung eines Gürtels teils irdischer, teils satellitengestützter Waffen zur Verteidigung gegen einen denkbaren atomaren Erstschlag der Sowjetunion zu Zeiten des Kalten Krieges, oft scherzhaft »Star Wars Programm« genannt.

SDI wurde 1993 eingestellt. Die Resultate aus dem Projekt gingen über in den Nachfolger »Ballistic Missile Defense« (BMD), der neuerdings auch unter dem Begriff »National Missile Defense« (NMD) firmiert.

Trotz aller Anstrengungen und Entwicklung neuer Waffen, die angeblich im Rahmen von SDI und BMD entwickelt wurden, gilt das Projekt heute in Kritikerkreisen als so gut wie gescheitert, da die bisherigen Raketenabwehrtests eher mäßig gut funktionierten. Einem Angriff mit hunderten von Raketen sind die USA nach wie vor schutzlos ausgeliefert. Das Projekt wird vom derzeitigen Präsidenten George Bush mit Hochdruck weiterentwickelt, der die Vereinigten Staaten von einem möglichen Raketenangriff unter anderem aus Nordkorea bedroht sieht. Die Verteidigung gegen eine ganze Flotte angreifender Raketen – und somit der viel beschworene »Schutzschild« – gilt jedoch vielen unabhängigen Wissenschaftlern als technisch nicht möglich (Quelle: militaer.wisotoday.de, nicht mehr online)

»Weitere Informationen zur SDI

Bearbeitungsstand: November 2013

Steinborn in der Eifel

ehem. Atomwaffenstandort Deutschland

ehem. Atomwaffenstandort Steinborn in der Eifel. Bild: Digital GlobeAuf dem Fliegerhorst Bitburg in der Eifel war ab März 1956 die 1st Tactical Missile Squadron stationiert. Diese Staffel verfügte über insgesamt 24 atomwaffenfähige "Matador"-Marschflugkörper, die auf drei Abschussbasen verteilt waren: Steinborn, Rittersdorf und Idenheim.

Die Abschussanlage Steinborn (50°03'56”N, 6°39'49”O) lag vermutlich 15 km nordöstlich von Bitburg in der Eifel. Hier waren acht Matador-Marschflugkörper stationiert, die mit einem Plutonium-Atomsprengkopf vom Typ W-5 mit einer Sprengkraft von 50 KT ausgerüstet waren. Die Reichweite der Matador betrug maximal 1.100 Kilometer. Dabei erreichte die Matador eine Spitzengeschwindigkeit von 1040 km/h bei einer Flughöhe von 13.500 Metern. Allerdings war der Marschflugkörper nicht sehr treffgenau.

Die Abschussanlage Steinborn wurde 1962 deaktiviert. (LL)

Bearbeitungsstand: April 2012

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: KT-Wert
siehe auch: Matador-Marschflugkörper
siehe auch: Treffgenauigkeit

Stetten am kalten Markt

ehem. Atomwaffenstandort Deutschland

Im Rahmen der großräumigen Luftverteidigung Europas während der Zeit des Kalten Krieges waren auch die französischen Streitkräfte an dem quer durch Deutschland verlaufenden Nike-Herkules Flugabwehrgürtel mit insgesamt sechs in Süddeutschland gelegenen Feuerstellungen beteiligt. Dabei handelte es sich um die Standorte Boettingen, Friedrichshafen, Mengen, Münsingen, Stetten und Inneringen.

Die ehemalige französische Nike-Feuerstellung (Launching Area) Stetten am kalten Markt (48°09'05“N, 09°03'52“O) lag ca. 13 km nordwestlich der Stadt Sigmaringen in Baden-Württemberg. Die dort stationierten 2. und 4./520 waren in drei getrennten Bereichen untergliedert: der Unterkunft, dem Feuerleitbereich in günstiger topografischer Lage mit bis zu 5 Radargeräten für Überwachung, Zielerfassung, Zielverfolgung und Flugkörperverfolgung und dem Abschussbereich mit jeweils 3 Abschussflächen und dazugehörigen Bunkern. In diesem Bereich befanden sich auch die Atomsprengköpfe.

In der Stellung Stetten am Kalten Markt waren von 1965 bis 1966 atomare Flugabwehrraketen vom Typ Nike stationiert. An Atomsprengköpfen waren zwei Versionen verfügbar. Die kleinere mit der Bezeichnung B-XS hatte eine Sprengkraft von 2 Kilotonnen. Die größere B-XL besaß 40 kT Sprengkraft. Maximal waren je Stellung zehn Nuklear-Sprengköpfe vorhanden, acht mit der Stärke XS mit 2 Kilotonnen und zwei XL mit 40/20 Kilotonnen Sprengkraft. Für den Einsatz der Gefechtsköpfe gab es genau festgelegte Prioritäten. Beim Anflug eines einzelnen feindlichen Zielobjektes wurde ein kleiner atomarer Gefechtskopf (B-XS) eingesetzt. Beim Anflug mehrerer feindlicher Zielobjekte wurde soweit verfügbar ein großer atomarer Gefechtskopf (B-XL) eingesetzt. Die ebenfalls vorhandenen konventionellen Gefechtsköpfe dienten lediglich als Munitionsreserve. (Quellen: Jürgen Dreifke, Michael Juhls)

Mit dem Austritt Frankreichs aus der integrierten Befehlsstruktur der NATO am 1. Juli 1966 wurde die Stellung von den französischen Truppen geräumt. (LL)

Bearbeitungsstand: Januar 2012

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: Nike Herkules
siehe auch: KT-Wert

STEWART Alice

1906 - 2002

Alice Stewart wurde zusammen mit Rosalie Bertell „für die Aufdeckung der tatsächlichen Gefahren – entgegen den offiziellen Behauptungen – geringer Strahlendosen“ und „für die Aufklärung der Öffentlichkeit über die Zerstörung der Biosphäre und der menschlichen Gene durch niedrige Strahlendosen“ mit dem Alternativen Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Alice Stewart wurde als Alice Mary Naish 1906 in Sheffield als drittes von acht Geschwistern geboren. Ihre Eltern waren beide bekannte und sehr engagierte Kinderärzte, die sich um die Verbesserung sozialer Verhältnisse in den Arbeitersiedlungen in Sheffield bemühten. Alice Stewart studierte in Cambridge Medizin.

Die britische Epidemiologin Alice Stewart bewies, dass Strahlenexposition und Krebs in direktem Zusammenhang stehen. Stewart wurde 1946 als bis dahin jüngste Frau ins Royal College of Physicans aufgenommen. Im selben Jahr war sie Mitbegründerin der Zeitschrift British Journal of Industrial Medicine.

Ihr Erkenntnis, dass das Röntgen während der Schwangerschaft schädlich für das Fötus war, überraschte Stewart sehr, wurde aber von der wissenschaftlichen Gemeinde überhaupt nicht begrüßt.
Die allgemeine Begeisterung für Röntgenstrahlung war damals, Mitte der fünfziger Jahre, auf einem Höhepunkt. Die britische und die amerikanische Regierung investierten gewaltige Summen in den atomaren Rüstungswettlauf und förderten den Ausbau der Nuklearenergie. So gab es wenig Bereitschaft, die alarmierenden Ergebnisse von Stewart zur Kenntnis zu nehmen. Frau Stewart erhielt nie wieder eine größere Forschungsförderung in England.

Sie konnte nachweisen, dass der Fötus im ersten Trimester der Schwangerschaft zirka dreimal strahlenempfindlicher ist als im dritten Trimester und dass Kinder vor dem Ausbruch ihrer Krebserkrankung bereits eine stark erhöhte Anfälligkeit für Infektionserkrankungen haben. Sie zeigten eine Verbindung zwischen Schutzimpfung und Krebsresistenz auf, was auf einen Zusammenhang zwischen Krebs und Immunsystem hindeutete.

In vielen Verfahren sagte sie auf Seiten von Nukleartestveteranen und Menschen aus, die im Bereich der Abwindfahnen von Reaktoren und Testorten gelebt hatten. 1986 erhielt sie ein Forschungsstipendium in Höhe von 1,4 Millionen Dollar zur Untersuchung der Wirkung geringer Strahlendosen aus dem Three Mile Island Fonds. Auf dem Wege über den Freedom of Information Act – einer im US-Recht verankerten Möglichkeit, geheime Informationen freizuklagen – gelang es Alice Stewart 1992, zumindest an ein Drittel der für diese Studie notwendigen Gesundheitsdaten der Nukleararbeiter zu gelangen. Die New York Times nannte das auf ihrer Titelseite einen „Triumph für die wissenschaftliche Freiheit“. Stewart und der Statistiker George Kneale fanden, dass das Krebsrisiko der Arbeiter etwa 20 mal höher war als behauptet wurde. Dieses Ergebnis war nicht in Übereinstimmung mit den mit hunderten von Millionen Dollar finanzierten Hiroshima und Nagasaki-Studien, auf denen die internationalen Sicherheitsrichtlinien basieren.

In einer Reihe von Veröffentlichungen deckte Alice Stewart die Gründe auf, weshalb die Hiroshima- und Nagasaki-Daten das Strahlenrisiko bei niedrigen Belastungen unterschätzen. Ein Hauptgrund ist die Selektierung von außergewöhnlich gesunden Personen unter den erst 1950 identifizierten Überlebenden. Diese für Strahlenschutzrichtlinien besonders wichtigen Arbeiten konnten von den internationalen Strahlenschutzkommissionen bisher nicht überzeugend widerlegt werden, man hat sie einfach unbeachtet gelassen.

„Wahrheit ist eine Tochter der Zeit“, betonte sie. Und: „Es hilft, in diesem Forschungsfeld langlebig zu sein.“ Professor Wolfgang Köhnlein (ehem. Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz) sagte über Stewart: „Sie erlebte auch, wie ihre Anstrengungen dazu beitrugen, die Macht des US-amerikanischen Energieministeriums über die Strahlenforschung zu brechen. Sie konnte mit Genugtuung miterleben, wie die Energieministerin Hazel O’Leary 1993 die geheimen Aufzeichnungen über das Regierungsmanagement der nuklearen Operationen während des Kalten Krieges veröffentlichte; einschließlich der Aufzeichnungen über Strahlenversuche an Menschen. Sie erlebte auch, wie ein anderer Energieminister im Jahr 2000 Entschädigungszahlungen an Nukleararbeiter empfahl, die an Krebs erkrankt waren, den sie sich möglicherweise während ihrer Tätigkeit zugezogen hatten.“

Noch kurz vor ihrem neunzigsten Geburtstag im Jahr 1996 wurde Alice Stewart Ehrenprofessorin der Universität von Birmingham, an der sie seit 1974 geforscht und gelehrt hatte. Sie war bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 2002 im Sinne ihrer Lebensaufgabe aktiv. (Quellen: International Institute of Concern for Public Health und Köhnlein, Wolfgang: Dr. Alice Stewart ist tot. Strahlentelex, Nr. 374-375 / 16. Jahrgang, 1. August 2002)

Bearbeitungsstand: November 2009

Stockholmer Appell

engl.: Stockholm Appeal

Vom Ständigen Komitee des Weltfriedenskongresses wurde am 19.3.1950 der als »Stockholmer Appell« bezeichnete Aufruf aufgesetzt, Atomwaffen zu bannen. Hintergrund war das beginnende atomare Wettrüsten: Am 23.8.1949 hatte die Sowjetunion ihre erste Atombombe gezündet, im Januar 1950 der amerikanische Präsident den Bau einer Wasserstoffbombe angeordnet.

Im Jahr 1988 erklärte der schwedische Premierminister Ingvar Carlsson (Nachfolger von Olof Palme) bei der dritten UN-Sondersitzung zu Abrüstungsfragen, dass der Stockholmer Appell „...die Verantwortung aller Staaten dafür betone, bei ihren außenpolitischen Beziehungen das Recht zu beachten. Die Atomwaffenstaaten spielen eine entscheidende Rolle. (...) Ein wichtiger Schritt wäre ein Verbot von Atomwaffen. Und ich bin davon überzeugt, dass die Zeit gekommen ist, die Möglichkeit zu diesem Schritt zu erwägen. (...) Jetzt gegen Ende des 20. Jahrhunderts, sollten Staaten und Regierungschefs eigentlich so zivilisiert sein, dass sie das Völkerrecht einhalten.“ (IPPNW: Per Express zur atomwaffenfreien Welt, S. 73)

Bearbeitungsstand: November 2006

siehe auch: Atombombe

Stockpile Stewardship Program

Eine Peacekeeper-Rakete wird mit Feuer getestet, Foto: US Gov

Das Stockpile Stewardship Program (dt.: Programm zur Erhaltung des Arsenals) zur Aufrechterhaltung eines Atomwaffenarsenals setzt eine Infrastruktur voraus, die die Sicherheit und Zuverlässigkeit der Sprengköpfe in den Arsenalen garantiert, ebenso die Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit wieder Tests aufnehmen zu können. Dafür wird eine gewisse Zahl Wissenschaftler und Ingenieure benötigt. Das war der Ausgangspunkt von Stockpile Stewardship and Management [Programm zur Bestandssicherung und -verwaltung; d. Red.], das 1994 aufgesetzt wurde und dessen Budget die Regierung Bush kürzlich auf 5,3 Milliarden US-Dollar erhöhte.

Zum Stewardship-Programm gehört es, »die Atomwaffenfähigkeit aufrechtzuerhalten; die technischen Voraussetzungen für die Überwachung der Arsenale aufzubauen; die Fähigkeit zur Entwicklung, Herstellung und Freigabe neuer Sprengköpfe unter Beweis zu stellen. Mit diesem Auftrag haben die Wissenschaftler fast unbegrenzte Freiheiten, solange dazu nicht die offene Durchführung von Atomwaffentests und die tatsächliche Produktion neuer Atomsprengköpfe gehört. (...)

Die Entwicklung neuer Sprengköpfe ist nicht erlaubt. Dieses Hindernis lässt sich aber umgehen, indem eine alte Waffe mehreren Modifizierungen unterzogen wird, die für sich genommen jeweils durch das Programm abgedeckt sind, in der Summe aber eine Waffe ergeben, die besser einsetzbar ist, auch wenn sie schlussendlich einmal getestet werden muss, um die Militärs von der Verbesserung des Produkts zu überzeugen. In Anbetracht der Geringschätzung, die Präsident Bush internationalen Abkommen entgegenbringt, wird er zweifellos neue Nukleartests genehmigen, wenn er zum Schluss kommt, dass dies im Interesse der Vereinigten Staaten liegt. (Joseph Rotblat, »Ein gewaltiger und gefährlicher Umbruch«, Frankfurter Rundschau, 6.8.2002, S.7.)

In diesem Programm der USA werden die Atomlabors mit gigantischen oberirdischen Waffenforschungseinrichtungen ausgestattet, u.a. mit extrem schnellen Supercomputern, um Computersimulation zu verbessern. Computersimulation ergänzt die verschiedenen Experimente, wie zum Beispiel subkritische und hydrodynamische Tests. Diese ermöglichen es, Teilaspekte und physikalische Grundlagen zu erproben. Durch Computersimulation können die fehlenden Informationen errechnet werden. Solche Programme beruhen nicht nur auf rein theoretischen Grundlagen, sondern sie greifen auf eine Vielzahl von Messdaten zurück, die in Experimenten und in früheren Atomtests gewonnen wurden. Im Laufe der Jahrzehnte sind in allen Atomwaffenstaaten die Simulationsprogramme perfektioniert worden. Zusammen mit hydrodynamischen Tests und Experimenten mit Einzelkomponenten spielen sie eine wichtige Rolle, auch bei der Entwicklung neuer Sprengköpfe.

27 subkritischer Tests wurden unter dem "Stockpile Stewardship Program" der USA seit 1998 durchgeführt. Bei einem subkritischen Test werden 50 bis 500 Pfund chemische Explosivstoffe mit kleinen Mengen waffenfähigen Plutoniums in circa 300 Meter Tiefe gezündet. Das Experiment verwendet weniger als die für eine atomare Kettenreaktion notwendige kritische Masse - deswegen "subkritisch" - und erforscht das Verhalten des Plutoniums. Die gewonnenen Daten sind für die Computersimulation gedacht und können der Waffenentwicklung dienen. Das US-Energieministerium hat zukünftige Experimente mit "Atomwaffenkonfiguration" nicht ausgeschlossen.

Auch Russland hat subkritische Tests gemeldet. Weitere Länder führen wahrscheinlich auch derartige Tests durch. (XH)
Stand: Dezember 2012

siehe auch: Atomwaffenstaaten
siehe auch: Hydrodynamischer Test

Stolzenhain

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

ehem. Atomwaffenstandort Stolzenhain. Bild: Digital GlobeDie Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) verfügte während des Kalten Krieges vermutlich über insgesamt vier Zentrale Kernwaffenlager (Hauptlager) auf dem Boden der ehemaligen DDR und zwar an den Standorten Lychen, Stolzenhain, Waren und Bischofswerda. In den Lagern Lychen II und Stolzenhain waren vorrangig die Atomsprengköpfe für die Raketentruppen der NVA eingelagert.

Das ehemalige Zentrale Kernwaffenlager Stolzenhain (51°51'49“N, 13°09'53“O) lag ca. 40 km östlich der Stadt Wittenberg in Brandenburg. Es unterstand der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) und war mit einer Raketentechnischen Basis (RteB) ausgestattet. (LL)

Das Lager wurde zwischen Mai 1967 und Dezember 1968 errichtet. Es gliederte sich in voneinander getrennte Wohn-, Kasernen- und Technikbereiche. Den Kernbereich bildeten zwei identische Bunker, die eine Fläche von 150X150 m umfassten und in einem Winkel von 90° zueinander standen. Durch diese Anordnung wäre bei einer Druckwelle nur ein Bunkertor in Mitleidenschaft gezogen worden. In jedem Bunker befanden sich vier Kavernen von einer Größe 4,5m X 22,9m. In ihnen wurden die nuklearen Gefechtsköpfe für die Atomraketen untergebracht. In jeder Kaverne konnten in vier Reihen jeweils 30 bis 39 Gefechtsköpfe am Boden befestigt werden. Bei vier Kavernen lagerten etwa 120 GK pro Bunker d.h. Insgesamt 240 GK im Lager Stolzenhain. Die gesamte Lagerkapazität lässt die Vermutung zu, dass auch Gefechtsköpfe für die sowj. Raketentruppen vorhanden gewesen sein können.

Die Einlagerung der ersten Gefechtsköpfe erfolgte vermutlich im Jahr 1969. Sie waren in der Masse vorgesehen für die atomaren Einsatzmittel der 3. Armee.

Die Ausstattung der NVA mit taktischen und operativ-taktischen Raketen lässt auf folgende atomare Bevorratung schließen:

  • FROG-3: Reichweite 32-45 km, GK: 3, 10, 20 KT
  • FROG-7: Reichweite 68 km, GK: 3-200 KT
  • SS-21: Reichweite 70 km, GK: 5-50 KT
  • SCUD-A: Reichweite 170 km, GK: 10, 20, 40 KT
  • SCUD-B: Reichweite 300 km, GK: 20-100 KT
  • SPIDER (SS-23): Reichweite 400, GK: 200-500 KT

Es gibt keine näheren Angaben über die Anzahl der einzelnen Gefechtskopftypen.

Die Raketentruppen der NVA hatten keinen Zugang zu den beiden Kernwaffendepots „Lychen II“ und „Stolzenhain“. Die Übergabe der atomaren Gefechtsköpfe erfolgte außerhalb der Lagerstätten an einem gemeinem Ort. Dort warteten die NVA-Transportkommandos auf die sowj. Fahrzeuge aus den Kernwaffendepots. Während der gesamten Phase, von der Übergabe bis zum Abschuss, befanden sich die Gefechtsköpfe unter sowj. Kontrolle. Mit Hilfe der sowj. Spezialisten wurde die Raketenmontage und die Eingabe der Zielkoordinaten durchgeführt. Erst danach konnte ein Raketenstart durch NVA-Raketentruppenteile erfolgen.

Die Räumung des Lagers „Stolzenhain“ war am 30.12.1990 abgeschlossen.
(Quelle: Volker Eckart: Kernwaffendepot LYCHEN II, Broschürenreihe zur deutschen Geschichte Nr. 25)

Bearbeitungsstand: Oktober 2012

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: FROG
siehe auch: Gefechtskopf
siehe auch: KT (Kilotonne)
siehe auch: Scud-Rakete
siehe auch: SS-4 bis SS-27

Stoßwelle

engl.: shock wave

Die Stoßwelle verursacht in der Regel die größte zerstörende Wirkung bei einer Atombombendetonation. Sie bewegt sich mit hoher Geschwindigkeit radial vom Detonationspunkt weg. Im Moment der Detonation - bzw. kurz danach - erreicht ihre Druckspitze Werte von etwa 6 - 10 Bar. Mit zunehmender Entfernung vom Detonationspunkt sinkt der Druck in der Spitze stark ab. Der Überdruckphase folgt eine Unterdruckphase, die mit ihrer Sogwirkung weitere schwere Schäden auslöst. (Quelle: Gerd Hartmut Lorenz: „Aufbau und Wirkung Nuklearer Sprengkörper“, München 2005)

Bearbeitungsstand: März 2007

siehe auch: Nullpunkt

Strahlenbelastung durch Atomwaffen

Lange Zeit wurde bestritten, dass die atmosphärischen Atombombenversuche in Nevada, im Pazifik, auf Novaja Semlja, in Kasachstan und anderswo irgendwelche gesundheitliche Folgen haben könnten. Doch inzwischen steht zweifelsfrei fest, dass die unmittelbar betroffenen Menschen, insbesondere die in Hauptwindrichtung lebenden (die so genannten »Downwinders«), unter einer Vielzahl von Krankheiten leiden und ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko haben.
Seit dem ersten Atombombentest »Trinity«, am 16. Juli 1945 in Alamogordo in der Wüste Neumexikos in den USA haben die fünf Atomwaffenstaaten USA, Russland, Frankreich, Großbritannien und China 2.045 Atomwaffentests durchgeführt, davon 528 in der Atmosphäre und 1.529 unterirdisch. Zusätzlich führten Indien und Pakistan zwölf Tests durch.

Der Münchener Biochemiker Professor Roland Scholz hat anhand der Daten einer UN-Kommission und des Hiroshima-Institutes in der IPPNW-Studie »Bedrohung des Lebens durch radioaktive Strahlung« aus dem Jahr 1997 berechnet, dass allein die äußere Strahlenbelastung durch den Bomben-Fallout weltweit 3 Millionen zusätzliche Krebstote bis zum Jahr 2000 verursachen könnte. Hinzu kämen die Folgen der Inkorporation von Radionukliden durch Nahrung und Atemluft. Durch diese interne Strahlung könne es noch zusätzliche 30 Millionen Opfer geben. Bei seiner These stützte sich Scholz auch auf in den Vereinigten Staaten bekannt gewordene Informationen über die Ergebnisse einer Studie des Nationalen Krebsinstitutes (National Cancer Institute/NCI). Diese Studie belegt, dass es für Kinder durch die atmosphärischen Tests zwischen 1951 und 1962 (Zeitraum der oberirdischen Atombombentests in Nevada, USA) durch erhöhte Strahlenbelastung ein erhöhtes Schilddrüsenkrebs-Risiko bestand. Zudem gibt es darin Informationen über »Hot-Spots« (besonders strahlenbelastete Gebiete), die der Öffentlichkeit nicht bekannt gegeben wurden. Die Studie unterstützt die These von Professor Scholz, dass über die Nahrungskette die Zahl der Opfer bedeutend höher ist, als von offizieller Seite bisher angenommen. Ein Großteil der Belastung entstand laut NCI durch den Verzehr von mit Jod-131 kontaminierter Kuh- und Ziegenmilch, das die Tiere durch von Regen verseuchtes Gras aufgenommen hatten.

Im Jahr 2003 stellte die Europäische Kommission für Strahlenrisiken (ECRR) in ihrer Studie »The Health Effects of Ionising Radiation Exposure at Low Doses for Radiation Protection Purposes« im Jahr 2003 ebenfalls fest, dass herkömmliche Risikomodelle nicht das gehäufte Auftreten von Krebs und Leukämie in Bevölkerungen erklären, die radioaktiven Isotopen aus künstlichen Quellen ausgesetzt sind.

Die Kommission entstand 1998 als Antwort auf das von der »International Commission on Radiological Protection« (ICRP) entwickelte Risikomodell. Dieses Modell liegt vielen Strahlenschutz-Gesetzgebungen zugrunde. Rund 30 unabhängige Wissenschaftler arbeiten für die ECCR. Geleitet wird sie von Chris Busby, der in Großbritannien der Kommission für Strahlenrisiko angehört und das britische Verteidigungsministerium in Sachen angereichertes Uran berät.

Die ECRR-Wissenschaftler entwickelten in den letzten fünf Jahren ein neues Risikomodell. Es beruht nicht nur auf jüngsten epidemiologischen, sondern auch radiobiologischen Erkenntnissen. ECRR unterscheidet zwischen niedrigen radioaktiven Dosen, die über einen langen Zeitraum hinweg auf eine Bevölkerung wirken und hohen radioaktiven Dosen, wie sie etwa beim Atombombenabwurf im japanischen Hiroshima erzeugt wurden. Die Modelle der ICRP gehen jedoch von hohen, einmaligen radioaktiven Dosen aus.

Dass der bisherige Modellansatz der ICRP unzureichend ist, legen mehrere Studien nahe. So gibt es beispielsweise eine Diskrepanz um den Faktor 100 zwischen den Modell-Vorhersagen der ICRP und den beobachteten Leukämiefällen unter Kindern in der Gegend um die Wiederaufbereitungsanlage in Sellafield. Um den Faktor 100 bis 1000 unterscheiden sich gar die Ergebnisse zweier Studien aus Tschernobyl von den gebräuchlichen Modellen. Das ICRP-Risiko-Modell geht von dem Verständnis aus, dass man die Effekte externer und interner Strahlung sowie natürliche interne und menschengemachte interne Strahlung gleichsetzen könne. Alle diese Radioisotope sind aber komplett verschieden. Sie haben verschiedene chemische Aufnahmewege, unterschiedliche biochemische Affinitäten und zerfallen unterschiedlich. Der Ansatz der ICRP basiert fast ausschließlich auf den Untersuchungen der Überlebenden der Hiroshima-Bombe, die extern mit einer sehr hohen Dosis verstrahlt wurden. Er ignoriert jedoch die Belastung durch verstrahlte Gebäude und Fallout, der in einiger Entfernung vom Hypozentrum der Explosion niederging, was zu einer systematischen Unterbewertung der niedrigen Strahlenbelastung führt.

Laut ICRP sind zwischen 1945 und 1989 bislang 1,2 Millionen Menschen an Krebs aufgrund radioaktiver Einflüsse gestorben. ECRR geht hingegen von 61,7 Millionen Toten aus sowie 1,5 Millionen Kindern und 1,9 Millionen Babys, die bereits im Mutterleib sterben.

Die ECRR kommt zu dem Schluss, dass der Anstieg der Krebserkrankungen eine Folge des radioaktiven Fallouts der Atombombentests der Jahre 1957 bis 1963 ist, dem Höhepunkt des atomaren Testens. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Abgabe von Radioisotopen in die Umwelt im Rahmen ziviler Atomkraftnutzung in den letzten Jahren bald für einen weiteren Anstieg von Krebs und anderen Krankheiten sorgen wird. (Quelle: IPPNW, Juli 2005)

Bearbeitungsstand: September 2007

Siehe auch: Atomtest
Siehe auch: Dosis
Siehe auch: Trinity

Strahlenkrankheit

engl.: radiation sickness

Die Wirkung radioaktiver Strahlung auf den menschlichen Organismus führt in der Regel zu einer Strahlenkrankheit. Welche Symptome dabei auftreten, wie lange die Krankheit anhält oder ob sie zum Tod führt hängt wesentlich von der Strahlendosis ab. Grundsätzlich gilt, dass in einer ersten Phase folgende Symptome auftreten: Appetitlosigkeit, Mattigkeit, Nervosität, Reizbarkeit, Kopfschmerzen, leichte Temperaturerhöhung, Übelkeit und Erbrechen. Zu einem späteren Zeitpunkt folgen: Fieber, Geschwüre im Mund- und Rachenbereich, blutig-schleimige Durchfälle, Haarausfall, innere Blutungen, Spontanblutungen an den Schleimhäuten, starke Anfälligkeit gegenüber Infektionen.

Bei einer Aufnahmedosis von über 600 rad (6 Gy) führt die Strahlenkrankheit innerhalb von 14 Tagen mit 90% Wahrscheinlichkeit zum Hirntod, Magen-Darm-Tod oder Knochmarkstod. (LL)

Bearbeitungsstand: April 2008

siehe auch: Dosis
siehe auch: Radioaktive Strahlung

Strahlenschäden

engl.: radiation damage, radiation injury

Dringt radioaktive Strahlung in die Materie ein, so werden darin so genannte »Ionenpaare« erzeugt. Man nennt die Strahlung daher auch ionisierende Strahlung. Bei der Ionisation werden einzelne Elektronen aus der Atomhülle herausgelöst. Die Atome sind anschließend nicht mehr neutral, die Ladung des überzähligen Protons macht sich bemerkbar. Man bezeichnet sie als positive Ionen. Diese Ionen und die freigesetzten Elektronen führen zu chemischen Veränderungen unserer Körperzellen und schädigen die Chromosome. Daraus können Krebserkrankungen entstehen, aber auch Schädigungen an den Erbanlagen. Da eine radioaktive Strahlung zunächst keine Schmerzen verursacht und Erkrankungen sich häufig erst lange Zeit danach bemerkbar machen, sollte man sich niemals bewusst einer radioaktiven Strahlung aussetzten.

Als unmittelbare Folge von Radioaktivität erleiden die getroffenen Zellen schwere Funktionsstörungen. Sie können sich nicht mehr teilen oder sterben sogar ab. Der Schweregrad der Sofortwirkungen hängt von der Strahlendosis ab. Akute (nach Minuten oder Stunden) oder subakute (nach Tagen oder Monaten) Sofortwirkungen beginnen ab 50 rem mit Übelkeit und Erbrechen; zwischen 100 und 300 rem treten Blutungen und Schleimhautgeschwüre auf; bei 500 rem stirbt die Hälfte der bestrahlten Menschen; ab 1000 Rem besteht keine Überlebenschance.

Bei einer Spätwirkung wird die Funktion der getroffenen Zelle nicht gestört, sondern die Erbinformation im Zellkern wird verändert. Als Folge dieser Änderung kann nach Jahren eine Tochter- oder Enkelzelle zur Krebszelle entarten. Unter Spätwirkung versteht man vor allem Krebs, Leukämie und genetische Erbkrankheiten. Jeder Strahlentreffer kann später zur Krebskrankheit führen. Deshalb bestimmt die Dosis nicht den Schweregrad einer möglichen späteren Erkrankung, sondern nur die Häufigkeit, mit der sie in der Bevölkerung auftritt bzw. das Risiko für das Individuum. Ob es zur Krebserkrankung kommt, hängt zunächst von den Reparatursystemen der Zelle ab, durch die die meisten primären Strahlenschäden repariert werden. Wenn nach Jahren aus unreparierten Schäden Krebszellen entstehen und diese vom Immunsystem nicht erkannt und abgetötet werden, dann kommt es zur Krebskrankheit.

Im niedrigen Dosisbereich haben Strahlen proportional mehr Spätwirkungen als bei hoher Dosis. Deshalb dürfen keinesfalls die Gefahren niedrig dosierter Strahlenbelastungen heruntergespielt werden. Schwangere Frauen müssen vor Strahlen geschützt werden, weil das sich entwickelnde Kind besonders strahlenempfindlich ist. Zusätzlich zu Missbildungen bei Neugeborenen können im späteren Kindesalter Krebs und Leukämie entstehen. Chronische Langzeitfolgen einer Strahlenbelastung sind z.B. Knochenmarksdepression mit Störung der Blutbildung und Immunschwäche als Folge der Akkumulation
(Quelle: IPPNW)

Bearbeitungsstand: April 2008

siehe auch: Dosis
siehe auch: Rem

Strahlenschutz

engl.: radiation protection

Es gibt grundsätzlich keinen Schutz vor Radioaktivität; sie ist unausweichlich. Die zusätzlichen Belastungen durch künstliche Radioaktivität lassen sich aber zumindest verringern. So ist ein begrenzter Strahlenschutz bei zivilen Reaktorunfällen möglich. Es gibt aber keinen effizienten Schutz vor den Folgen eines Atomkriegs. Der beste Schutz vor künstlicher Radioaktivität ist der Ausstieg aus der zivilen und militärischen Nutzung der Atomenergie.

In der Strahlenschutzverordnung ist festgelegt, dass die Radioaktivität aus kerntechnischen Anlagen nicht mehr als 30 Millirem pro Jahr betragen darf. Diese 30 Millirem stellen eine zusätzliche künstliche Belastung zu der bereits vorhandenen natürlichen Strahlenbelastung dar. Wenn jene bereits Krebs auszulösen vermag, dann wird jede zusätzliche Strahlenbelastung durch künstliche Radioaktivität das Krebsrisiko erhöhen. Zahlreiche Wissenschaftler halten die 30-Millirem-pro-Jahr für weitaus zu hoch. Dieser Grenzwert ist vorwiegend an den Interessen der Atomkraftwerksbetreiber orientiert. (LL)

Bearbeitungsstand: Mai 2010

siehe auch: Radioaktivität
siehe auch: Rem

Strahlenwirkung auf Menschen

Ionisierende Strahlung ist eine lebensfeindliche Krankheitsursache, die von Anbeginn das Leben auf der Erde bedroht. Leben hat sich entwickelt in ständiger Abwehr der Strahlenschäden. Jede Vermehrung von lebensfeindlichen Noxen stört das biologische Gleichgewicht. Durch die Nutzung der Atomenergie werden das radioaktive Inventar dieser Erde und damit ihr krankmachendes Potential ständig vermehrt. Als unmittelbare Folge von Radioaktivität erleiden die getroffenen Zellen schwere Funktionsstörungen. Sie können sich nicht mehr teilen oder sterben sogar ab.

Man kann prinzipiell zwei Wirkungsarten unterscheiden:

  • Genetische Wirkung: Trifft radioaktive Strahlung auf eine weibliche Eizelle oder eine männliche Sperma-Zelle, so verändert die Strahlung das Erbmaterial im Zellkern. Entwickelt sich aus einer derart veränderten Zelle ein Mensch, so kann dieser verschiedenste Schäden und Missbildungen aufweisen.
  • Somatische Wirkung: Trifft radioaktive Strahlung auf eine normale Körperzelle, so kann sich ebenfalls die Erbinformation dieser Zelle verändern. Diese Veränderung wird nicht an Kinder weitergegeben, bewirkt aber einen Fehler im Zellstoffwechsel und kann zu Krebs führen.

Radioaktive Stoffe können vom Menschen durch die Atemluft und durch die Nahrung aufgenommen werden. Verseuchte Luft, Milch, Pilze, Honig, Gemüse, Getreide, Obst, Fleisch, andere Lebensmittel und Trinkwasser führen zu innerer Strahlenbelastung. Die radioaktiven Stoffe verteilen sich im Allgemeinen nicht gleichmäßig im ganzen Körper, sondern lagern sich in bestimmten Organen ab. Radioaktive Strahlung setzt Kindern besonders zu. Schneller als bei Erwachsenen setzen sich in ihren kleinen Körpern die radioaktiven Strahlen fest und beginnen ihr zerstörerisches Werk. Durch andauernde Bestrahlung wird das Immunsystem geschwächt. Infektionskrankheiten treten häufiger auf und dauern länger als normal. Krebskrankheiten und Missbildungen aller Art treten verbreitet auf und führen zu einem grausamen Tod. (Quelle: Mütter gegen Atomgefahr, Linz)

Wirkungen auf den menschlichen Organismus

  • Bis ca. 1 Sievert: Äquivalentdosen bis etwa 1 Sv haben keine direkt zu bemerkenden Auswirkungen und zeigen kaum Symptome. Allerdings steigt das Risiko, an Krebs zu erkranken um ca. 7,5% an
  • Von 1 bis 2 Sievert: Es gibt merkliche Symptome wie Müdigkeit, Erbrechen und Durchfall (auch blutig). Für kranke und ältere Menschen besteht ein erhöhtes Risiko. Es käme zu einer Erhöhung der Letalität von ca. 10% innerhalb von 4-6 Wochen. Das Krebsrisiko ist später erheblich, über 10% erhöht.
  • Von 2 bis 3 Sievert: Schwere Strahlenkrankheit, mit erheblichen Symptomen. Die Blut bildenden Zellen im roten Knochenmark werden geschädigt, ebenso die Zellen des Magen-Darm-Traktes. Es käme zu einer Erhöhung der Letalität von ca. 40% nach 4-6 Wochen. Das Krebsrisiko ist später erheblich, über 15% erhöht.
  • Von 3 bis 4 Sievert: Sehr schwere Strahlenkrankheit. Symptome wie vorher, aber in verstärkter Form. Eine intensivmedizinische Versorgung wird erforderlich. Es käme zu einer Erhöhung der Letalität von ca. 50% nach 4-6 Wochen. Beim Überleben ist später das Krebsrisiko erheblich, möglicherweise bis zu 20%, erhöht.
  • Von 4 bis 6 Sievert: Extrem schwere Strahlenkrankheit mit schweren Blutungen und einem extrem schlechten Allgemeinbefinden. Bei 6 Sv ist trotz einer intensivmedizinischen Betreuung mit einer Letalität von über 90% zu rechnen.
  • Von 6 bis 8 Sievert: Eine derartige Strahlenbelastung wird nicht überlebt. Die Zellen des Magen-Darm-Traktes sind zerstört, die Blut bildenden Zellen im roten Knochenmark sind zerstört und zahlreiche innere Organe stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Betroffenen sterben innerhalb von etwa vier Wochen unter geradezu erbärmlichen Umständen.
  • Von 8 bis 10 Sievert: Der Tod tritt mit einer Sicherheit von 100% innerhalb von etwa vier Wochen ein.
  • Von 10 bis 20 Sievert: Der Tod tritt mit einer Sicherheit von 100% nach ein bis zwei Wochen ein.
  • Über 20 Sievert: Der Tod tritt mit einer Sicherheit von 100% nach ca. 7 Tagen ein.
  • Über 50 Sievert: Der Tod tritt innerhalb von Stunden ein, neben all den bereits geschilderten Schäden kommt es auch zu Schäden im zentralen Nervensystem, so dass die Betroffenen bereits sehr schnell nach der Bestrahlung das Bewusstsein verlieren. (Quelle: www.goruma.de, Seite nicht mehr verfügbar)

Bearbeitungsstand: September 2007

Siehe auch: Radioaktive Strahlung
Siehe auch: Sievert

Strategische Atomwaffen

engl.: strategic nuclear weapons

Strategische Atomwaffen sind für den Einsatz in großer Reichweite vorgesehen. Trägersysteme für strategische Einsätze sind Interkontinentalraketen, Langstreckenbomber und U-Boote. Die Zahl der strategischen Atomwaffen, die tatsächlich eingesetzt werden können, hängt von der Art und Anzahl der Trägersysteme ab. China beispielsweise hat momentan nur 20 Interkontinentalraketen, die mit je einem Gefechtskopf ausgestattet werden können. Somit könnte China insgesamt höchstens 20 Atomsprengköpfe auf ein entferntes Land, beispielsweise die USA, abschießen. (LL)

Bearbeitungsstand: Januar 2006

siehe auch: Gefechtskopf
siehe auch: Interkontinentalrakete
siehe auch: SLBM

Strategische Bomber

Strategische Bomber sind Langstreckenflugzeuge, die über die so genannte interkontinentale Reichweite (über 6.000 km) verfügen. Sie können sowohl Atomwaffen als auch konventionelle Waffen wie Bomben oder Marschflugkörper zum Einsatz bringen können. Ziel des Einsatzes ist nicht die direkte Unterstützung eigener Bodentruppen sondern die Zerstörung von Industrieanlagen, Militäranlagen und Infrastruktur im Hinterland des Gegners.

Die US Air Force hat zwei strategische Bombertypen mit atomarer Bewaffnung im Einsatz:

Stratofortress-Bomber:
Dieses Flugzeug vom Typ 94 B-52H stammt noch aus den 1950er Jahren. Es fliegt in sehr großer Höhe und kaum die moderne Flugabwehr eines potentiellen Gegners überwinden. Daher hat das Flugzeug keine Bomben sondern Marschflugkörper an Bord, die aus sicherer Entfernung abgefeuert werden können. Jedes Flugzeug ist mit 12 ACMs oder 20 ALCMs bewaffnet. Beide Marschflugkörpertypen verfügen über den Atomsprengkopf vom Typ W-80-1. Dieser hat eine variable Sprengkraft, die von 5 bis 150 KT eingestellt werden kann.

Spirit-Bomber B-2A:
Von diesem Flugzeugtyp, der wie ein gezacktes Dreieck aussieht, gibt es nur 21 Exemplare. Er kann die gegnerische Flugabwehr durchdringen und maximal 16 Wasserstoffbomben unterschiedlichen Typs abwerfen. Dazu gehören:

  • die B-61-11, die vor der Detonation in den Erdboden eindringen kann, um dort Bunkeranlagen zu zerstören,
  • die B-83, die mit einer Sprengkraft von 1.200 KT (1,2 MT) die größte Atomwaffe im US-Arsenal ist. (LL)

Bearbeitungsstand: Mai 2007

Strategische Triade

engl.: strategic triad

Während des Kalten Krieges entwickelten die USA drei verschiedene Verfahren zum Einsatz ihrer strategischen Nuklearwaffen. Diese so genannte Strategische Triade bestand aus folgenden drei Komponenten:

  • Interkontinentale ballistische Flugkörper (ICBM),
  • U-Boote mit u-bootgestützten ballistischen Flugkörpern (SLBM) und Bomber mit Bomben zum Abwurf,
  • Flugkörper kurzer Reichweite und luftgestützte Langstrecken-Marschflugkörper

Seit der Umstellung der US-amerikanischen Nuklearstrategie ab 2002 wird der Begriff „Neue Strategische Triade“ verwendet. Dahinter verbergen sich eine deutliche Reduzierung der Atomsprengköpfe von ehemals 6000 auf maximal 2200 bis zum Jahr 2012 sowie die Einbeziehung konventioneller Komponenten (Marschflugkörper).

Die Umstellung soll durch folgende Maßnahmen erreicht werden:

  • Außerdienstnahme der 50 Peacekeeper MX ICBM (jeweils zehn Sprengköpfe);
  • Umrüstung von 4 der 18 Ohio-U-Boote. Jeweils 24 Trident SLBM mit je acht Sprengköpfen werden ersetzt durch jeweils 150 konventionelle Marschflugkörper;
  • Keine atomare Wiederbewaffnung des B-1 Bombers;
  • Reduzierung der Anzahl der auf MIRV-Raketen dislozierten Sprengköpfe, wie zum Beispiel die Umrüstung der 500 Minuteman-III-ICBM von derzeit drei auf jeweils einen Sprengkopf.

Durch die neue US-amerikanische Nuklearstrategie wird die Bedeutung der Atomwaffen reduziert und durch neu entwickelte zusätzliche Fähigkeiten ersetzt, die einen Teil der bisherigen Abschreckungsaufgaben der „alten“ Triade übernehmen sollen. Dadurch bleibt die bisherige strategische Triade aus ICBM, SLBM, und strategischen Atombombern in kleinerem Maßstab erhalten und wird künftig selber Teil einer neuen Triade aus: konventionellen und nuklearen Offensivwaffen; aktiven und passiven defensiven Systemen; einer wiederbelebten Verteidigungsinfrastruktur, die zügig auf neue Bedrohungen reagieren kann. (LL)

Bearbeitungsstand: März 2007

Streukreisradius

engl.: Circular Error Probable (CEP)

Der Streukreisradius ist das Maß der Genauigkeit, mit der eine Waffe in ein vorgeplantes Ziel gebracht werden kann. Die Maßeinheit ist der Radius des Kreises um ein Ziel, innerhalb dessen die auf das Ziel gerichtete Waffe mit 50%iger Wahrscheinlichkeit auftrifft. Die Zerstörungskraft einer Atombombe hängt wesentlich von drei Faktoren ab:

  • Treffgenauigkeit des Gefechtskopfes,
  • Sprengkraft des Gefechtskopfes,
  • Beschaffenheit des Zieles.

Eine niedrige Treffgenauigkeit (d.h. Gefechtsköpfe mit einem großen CEP) kann durch eine größere Sprengkraft ausgeglichen werden. Eine höhere Sprengkraft führt in der Regel zu höheren Kollateralschäden. (Neuman: Kernwaffen in Europa, Bonn 1982, S. 134)

Bearbeitungsstand: Dezember 2005

siehe auch: Gefechtskopf
siehe auch: Kollateralschaden
siehe auch: Sprengkraft

Strontium

Das Element wurde im Jahre 1795 von dem schottischen Arzt Adair Crawford (1748-1795) in Edinburgh entdeckt. Er untersuchte das in der Nähe des Ortes Strontian gefundene Mineral Strontianit und stellte fest, dass sich die Flammenfärbung bei der Flammprobe des gemahlenen Minerals im Gegensatz zum Calcium geringfügig unterschied. Sir Humphrey Davy gelang es im Jahre 1808 als erstem, metallisches Strontium in unreiner Form herzustellen. Das Element wurde durch M.H. Klaproth nach dem Mineral Strontianit, bzw. nach der schottischen Ortschaft Strontian benannt.

Das Metall Strontium besitzt nur einen geringen technischen Nutzen. In geringem Umfang wird es für Elektronenröhren, zum Härten von Bleiplatten in Akkumulatoren, zum Entfernen von Schwefel und Phosphor aus Stahl und zur Härtung harter Spezialstähle verwendet. Von größerer Bedeutung sind die Strontiumverbindungen. Strontiumnitrat erzeugt in Feuerwerkskörpern und Signalraketen die rote Farbe. Strontiumoxid wird dem Glas von Fernsehbildschirmen zur Strahlungsverminderung beigemischt. Strontiumbromid ist ein in der Medizin verwendetes Beruhigungsmittel.

Das radioaktive Isotop Sr-90 ist ein vielfach verwendeter Betastrahler. Es wird als Markierungssubstanz, zur Dickenmessung und in der Nuklearmedizin zur Strahlentherapie eingesetzt. In Strontiumbatterien dient es zur direkten Umwandlung von Betastrahlung in elektrische Energie. (Thomas Seilnacht www.seilnacht.tuttlingen.com)

Bearbeitungsstand: Juli 2005

Strontium 90 (Sr)

ist ein Betastrahler mit einer Halbwertszeit von 28,6 Jahre. Es handelt sich hierbei um ein künstliches Radionuklid aus der Atomkernspaltung, das bei den Atomtests und AKW-Unfällen wie Tschernobyl und Fukushima in großen Mengen freigesetzt wurde und wird. In Spuren wird es auch im Normalbetrieb eines AKW über Abluft und Abwasser abgegeben. Über die Nahrungskette kann es in den menschlichen Körper gelangen. Als ein Element, das chemisch dem Kalzium ähnlich ist, wird es in Knochen und Zähne eingebaut, wo es sich anreichert und bis zu 40 Jahre bleiben kann. Besonders gefährdet sind Kinder aller Altersstufen, weil ihr wachsender Organismus einen großen Kalziumbedarf hat und Strontium für Kalzium hält.
20 bis 30% des in den Körper aufgenommenen Strontiums bleiben in den Knochen und im Knochenmark, ca. 1% bleibt im Blut und in den Weichteilen, der Rest wird ausgeschieden. Die Inkorporation von Strontium 90 führt vor allem zu Knochenkrebs und Leukämie. Es gilt als eine der Hauptursachen für Leukämie im Kindesalter. (Quelle: IPPNW-Factsheet)

Bearbeitungsstand: Dezember 2013

Stufenrakete

engl.: multistage rocket

Eine Stufen- oder Mehrstufenrakete besteht aus mehreren einzelnen und aufeinander montierten Teilen, sogenannten Raketenstufen. Jede Raketenstufe besitzt ihr eigenes Raketentriebwerk und einen Treibstoffvorrat. Die Raketenstufen werden nacheinander gezündet und treiben somit jeweils für eine bestimmte Zeit allein die gesamte Mehrstufenrakete an. Ist der Treibstoff einer Raketenstufe aufgebraucht, so wird sie abgeworfen und die nächste Stufe wird gezündet. Dies erlaubt größere Reichweiten und höhere Geschwindigkeiten der Raketen, da durch das Abwerfen der einzelnen Stufen, das Gesamtgewicht reduziert wird. ez (Quelle: Valkyrie Report)

Bearbeitungsstand: Juni 2017




Subkritischer Atomtest

engl.: subcritical nuclear test

Foto: Shundahai Network

Am 24. September 1996 unterzeichnete Präsident Clinton den Atomteststoppvertrag. Ein Akt, der nach internationalem Recht den Unterzeichner dazu anhält, von jeglicher Handlung Abstand zu nehmen, die dem Kern des Vertrages zuwider läuft. Doch bereits am 8. Oktober 1996 erklärte das US-amerikanische Energieministerium (engl. Abkürzung: DOE), „subkritische Atomtests” als Teil des Stockpile Stewardship Programms durchführen zu wollen.

Bei einem subkritischen Test werden 50 bis 500 Pfund chemische Explosivstoffe mit kleinen Mengen waffenfähigem Plutonium in circa 300 Meter Tiefe gezündet. Mit solchen Experimenten mit weniger als der für eine atomare Kettenreaktion notwendigen kritischen Masse - deswegen „subkritisch” -, wird das Verhalten des Plutoniums erforscht. Die gewonnenen Daten sind für die Computersimulation gedacht und können der Waffenentwicklung dienen. Das Energieministerium hat zukünftige Experimente mit „Atomwaffenkonfiguration” nicht ausgeschlossen.

Der Atomteststoppvertrag definiert einen Atomtest nicht, aber anerkannte Deutung ist, dass das Abkommen Explosionen mit einer messbaren radioaktiven Freisetzung verbietet. Damit verstoßen „subkritische Tests” vielleicht nicht gegen den Text des Vertrages - aber sie höhlen seine Absicht und seinen Geist aus. Jeder Test einer Atomwaffenmacht untergräbt das notwendige Vertrauen anderer Länder, sich für eine Welt ohne Atomwaffen zu entscheiden, und fördert damit die Gefahr der atomaren Weiterverbreitung. Es ist besonders an den Atomwaffenmächten, ihre Abrüstungsabsicht durch vertrauensbildende Taten zu demonstrieren.

Die USA haben am 15. September 2010 einen subkritischen Atomtest durchgeführt, der auf scharfe Kritik stieß, vor allem in Japan, weil er doch gegen Präsident Obamas Bekenntnis zu einer atomwaffenfreien Welt verstoße. Der Atomtest war der 24. subkritische US-Test und wurde in einem unterirdischen Labor im Bundesstaat Nevada durchgeführt. Den letzten Test dieser Art gab es im August 2006 während der Amtszeit von Präsident George W. Bush. Der Test sei nur zur Datensammlung geschehen, um die Funktionstüchtigkeit der Atomwaffen und die Sicherheit ihrer Lagerung zu überprüfen, erklärte das dem US-Energieministerium unterstellte Amt für Atomsicherheit (National Nuclear Security Administration, NNSA). Die bei subkritischen Tests gesammelten Daten sind jedoch auch der Waffenentwicklung dienlich, argumentieren dagegen Atomwaffenexperten.

In Hiroshima und Nagasaki kam es zu Protestaktionen von BürgerInnen, die ihrer Empörung über den Test Ausdruck gaben. Die „Friedensuhr“ im Hiroshima Atombomben-Museum, die die Tage seit dem letzten Atomtest zählt, wurde am 13. Oktober 2010 von 506 auf 28 Tage zurück gestellt. Der zuvor letzte Atomtest war der am 25. Mai 2009 in Nordkorea.

Die USA haben am 1. Dezember 2010, am 2. Februar 2011 und am 5. Dezember 2012 weitere Tests und damit bis heute insgesamt 27 subkritische Atomtests durchgeführt.

Auch Russland hat subkritische Atomtests durchgeführt. Es gibt so gut wie keine Informationen darüber wann und wie diese Tests durchgeführt werden, nur durch Verlautbarungen der norwegischen NGO Bellona. Die Tests wurden zwischen 1998 und 2000 auf dem Novaja Semlja Atomtestgelände durchgeführt. Laut dem "Barents Observer" wollte Russland 2012 seine subkritischen Tests wieder aufnehmen, um die Sicherheit ihrer alternden Waffen zu prüfen. (Quellen: IPPNW, Nuclear News, Barents Observer)

Mehr Informationen zu subkritischen Atomtests

Bearbeitungsstand: Dezember 2016

Südafrika

engl.: South-Africa

In Südafrika wurden seit den 1970er Jahren Atombomben produziert. Nach eigenen Angaben wurden insgesamt sechs Atombomben hergestellt. Kurz vor dem Ende der Apartheid wurden alle Atomwaffen und Produktionsanlagen zerstört, um 1991 dem Atomwaffensperrvertrag beitreten und sich damit wieder in die internationale Gesellschaft eingliedern zu können. Internationale Inspektionen ergaben, dass bis 1994 alle südafrikanischen Atomwaffenanlagen komplett abgebaut waren.

Südafrika hat als einziges Land der Welt vorgemacht, wie aus nuklearen Schwertern friedliche Pflugscharen werden. Die Atomwaffen waren ursprünglich »als Abschreckung gegen die kommunistische Gefahr« produziert worden, wie das damalige Apartheid-Regime behauptete. Doch dann war das Feindbild abhanden gekommen: Weltweit kollabierte der Kommunismus. Nelson Mandela wurde freigelassen. Südafrika entschied sich freiwillig abzurüsten und lud 20 Inspektoren der Atomenergiebehörde ein, den Prozess zu überprüfen. Südafrika öffnete den Inspektoren Tür und Tor. Im Jahr 1994 überreichte Pik Botha dem damaligen Leiter der Atombehörde, Hans Blix, eine Pflugschar, die aus dem verschrotteten Metall der Atomwaffen hergestellt worden war.

»Ich wurde zwölf Jahre lang massiv von den Amerikanern bedrängt«, sagt der ehemalige Außenminister Pik Botha. »Jedes Jahr haben sie sich mit uns getroffen und forderten von uns, den Vertrag zur Nichtweiterverbreitung von Nuklearwaffen endlich zu unterzeichnen. Wahrscheinlich wussten sie, dass wir die Atombombe hatten«. Ganz freiwillig, wie es gerne dargestellt wird, rüstete Südafrika also nicht ab. Bis heute glauben viele Beobachter, dass der damalige Präsident De Klerk nicht wollte, dass die Atombomben in die Hände des ANC fallen. (Quelle: www.br-online.de, Seite nicht mehr verfügbar)

Bearbeitungsstand: März 2008

siehe auch: Atombombe
siehe auch: Nichtverbreitungsvertrag

Südkorea

Engl. South Korea (Republic of Korea)

https://pixabay.com/de/s%C3%BCdkorea-flagge-korea-seoul-40604/

Südkorea ist heute Vertragspartner mehrerer Nichtverbreitungsverträge und gibt an, sich für die nukleare Abrüstung einzusetzen. Jedoch profitiert der südliche Nachbarstaat Nordkoreas nach eigenen Angaben von dem Schutz der US-amerikanischen Atomwaffen.

Anfang der 70er Jahre führten die Verhältnisse der internationalen Sicherheit dazu, dass Südkorea den Aufbau eines Atomwaffenprogramms plante. Dieses wurde jedoch auf Drängen der USA verhindert. Seit dem Ende des Koreakrieges (1950-1953) befindet sich die beiden Staaten in einer bilateralen Sicherheitsallianz. Südkorea brach sein Vorhaben ein Atomwaffenprogramm aufzubauen ab, bevor Spaltmaterial produziert worden war und unterschrieb im Jahre 1975 den Atomwaffensperrvertrag (NPT). Dennoch verfügt es weiterhin über latente Fähigkeiten zur Atomwaffenproduktion.
 
Im Januar 1992 unterzeichneten Nord- und Südkorea eine gemeinsame Erklärung über die Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel. Darin verpflichteten sich die beiden Staaten dazu, Atomwaffen nicht zu „testen, herzustellen, produzieren, erhalten, besitzen, lagern oder einzusetzen“, und keine nukleare Wiederaufbereitungs- oder Urananreicherungsanlagen zu besitzen. Beide Staaten sind bisher daran gescheitert, die Bestimmungen über ein bilaterales Untersuchungsprogramm zu implementieren. Darüber hinaus hat Nordkorea offensichtlich die gemeinsame Erklärung verletzt, da es im Besitz von Atomwaffen ist, welches es erstmals im Jahre 2005 offen zugab, an deren Weiterentwicklung arbeitet und wiederholt, auch in jüngster Zeit Tests durchgeführt hat.

Nach dem Rückzug Nordkoreas aus dem Atomwaffensperrvertrag, begannen im Jahre 2003 die Sechs-Parteien-Gespräche, die es sich zum Ziel machten, die Atomkrise auf der koreanischen Halbinsel zu beenden. Diese Gespräche haben jedoch seit 2008 nicht mehr stattgefunden, nachdem es Uneinigkeiten bezüglich Überprüfungsmechanismen gab. Seitdem 2014 Satellitaufnahmen wieder den Verdacht von Aktivität auf einem Nukleartestgelände in Punggye-ri in Nordkorea weckten, setzt Südkorea sich stark für die Wiederaufnahme der Sechs-Parteien-Gespräche ein.

Nach dem Atomwaffentest von Nordkorea im Februar 2013, führte das Asiatische Institut für Politikstudien eine Umfrage mit über 1 000 Südkoreanern durch, welche zeigte, dass etwa 66% eine Politik dafür waren, dass Südkorea, als Antwort auf die nordkoreanische Bedrohung seine eigenen Atomwaffen entwickeln sollte. Diese Zahl reduzierte sich laut Umfragen von Januar 2016 nach dem damaligen Atomwaffentest von Nordkorea auf etwa 53%. Dennoch besteht innerhalb der konservativen Partei der ehemaligen Präsidentin Park weiterhin eine kleine Gruppe, die sich noch immer für die Entwicklung eines südkoreanischen Atomwaffenprogramms ausspricht.

Südkorea lehnt Vorschläge der USA, einen Atomwaffenstützpunkt in Südkorea aufzubauen ab unter dem Verweis auf die Erklärung über die Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel. Es gibt an, durch die Atomwaffen der USA ausreichend gegen die Bedrohung von Nordkorea geschützt zu sein. Im Dezember 2016 stimmte Südkorea gegen die UN-Resolution über Verhandlungen für ein Atomwaffenverbot und nahm an diesen Verhandlungen über das Verbot 2017 auch nicht teil. Als Grund hierfür nannte das Land die absolute Notwendigkeit US-amerikanischen Atomwaffen für seine Sicherheit. e

Bearbeitungsstand: Juli 2017

(Quellen: Global Security, ICAN, Crisis Group, NTI)

Symington-Novelle

engl.: Symington Amendment

Stuart Symington, Foto: USAF

Die Symington-Novelle aus dem Jahr 1977 verbietet den USA, finanzielle oder militärische Hilfe an Länder zu gewähren, die »riskante Technologien« (z.B. Nuklearwaffen) ausserhalb internationaler Kontrollen und geltender Verträge entwickeln oder bereits darüber verfügen. Der demokratische Abgeordnete Stuart Symington hatte 1958 die Verteidigungspolitik des seinerzeit republikanischen Präsidenten Eisenhower kritisiert, indem er die Überlebensfähigkeit der USA nach einem Atomwaffenangriff anzweifelte.

Die Regelung kam erstmals im Jahr 1979 gegen Pakistan zur Anwendung. Ab 1985 musste diese Regelung jährlich durch den US-Präsidenten zertifiziert werden. Als Pakistan im Jahr 1989 die Auflagen missachtete, wurden die militärischen Lieferungen von den USA an Pakistan bis 1995 stark eingeschränkt. Mit dem beginnenden Kampf gegen den Terrorismus erhielt Pakistan wieder verstärkt Militärhilfe. Diese betrug in den Jahren 2001 und 2002 ca. 1 Milliarde US-Dollar.

Seit 1994 wird auch Nordkorea nach den Regeln der Symington-Novelle bis hin zu einem totalen Lieferstopp sanktioniert.

Dagegen ist Israel von jeglichen Sanktionsmaßnahmen aufgrund der Symington-Übereinkunft ausgenommen. Dies ist möglich, weil die USA offiziell nicht zur Kenntnis nehmen, dass Israel über Atomwaffen verfügt und ungeachtet der Realität eine jährliche Wirtschafts- und Militärhilfe von ca. 3 Milliarden US-Dollar an Israel zahlen. (LL)

Bearbeitungsstand: Juli 2009

siehe auch: Israel
siehe auch: Nordkorea

Syrien

engl.: Syria

Vergleich zwischen Reaktoren in Pjong-Jang und Syrien, Bildquellen: Google Earth/DigitalGlobe

Im September 2007 bombardierte die israelische Luftwaffe ein Gebäude in Syrien, das angeblich ein sich im Bau befindlicher Atomreaktor war. Am 24. April 2008 zeigte die Administration unter George W. Bush dem US-Kongress ein Video, das angeblich beweisen sollte, dass Nordkorea Syrien dabei geholfen hat, diese Atomanlage zu bauen. Diese Anlage soll den Zweck gehabt haben, Plutonium für ein Atomwaffenprogramm herzustellen und sei nicht für die Stromerzeugung gebaut worden, so die US-Administration.

Syrien bestritt, dass es sich bei dem von Israel zerstörten Gebäude um eine Atomanlage gehandelt habe. Es sei nur ein altes, verlassenes Militärgebäude gewesen, und wenn Syrien Atomwaffen haben wollte, hätte es diese als fertig gebaute Sprengköpfe gekauft.

Syrien ist Mitglied des Atomwaffensperrvertrags und damit in der IAEO und hat ein Sicherheitsabkommen mit ihr geschlossen, aber noch kein Zusatzprotokoll unterschrieben, das weitergehende Inspektionen erlauben würde. Zwar besitzt Syrien keine Atomkraftwerke, aber das Interesse an der Erzeugung von Atomkraft wurde seit den 1970er Jahren stets geäußert und bereits Pläne dafür entwickelt. Syrien hat kein erklärtes Programm zur Urananreicherung. Dennoch betreibt seine Atomenergiekommission ein Zyklotron, womit möglicherweise Experimente zur Anreicherung durchgeführt werden können. 2003 begannen Verhandlungen mit Russland über den Kauf eines Atomkraftwerks, die aber bisher zu keinem Ergebnis führten.

Im Oktober 2007 teilte die IAEO mit, sie habe keine Informationen über irgendeine geheime Atomanlage in Syrien. Am 24. Mai 2011 veröffentlichte sie nun jedoch einen Bericht über ihre Untersuchungen bezüglich des mutmaßlichen Reaktors in Syrien, der sich noch im Bau befand als er von Israel zerstört wurde. In diesem Bericht stellt die IAEO die Beweise vor, die sie in den letzten Jahren gesammelt hat und kommt zu dem Schluss, „dass das zerstörte Gebäude sehr wahrscheinlich ein Atommeiler war“.

Durch diesen Bericht wäre es dem Aufsichtsrat der IAEO nun möglich, den Fall Syrien an den Sicherheitsrat der UN zu verweisen und eine Sonderinspektion in Syrien zu fordern. Obwohl Jahre vergangen sind, seit Syrien die Reste des Gebäudes fortgeschafft und vergraben hat, wäre eine Sonderinspektion sehr wichtig, da sie weitere Beweise sammeln und die Ereignisse besser rekonstruieren könnte. 2016 berichtete IAEO-Leiter Amano, es gebe seit seinem Bericht von 2011, keine neue Informationen. xh/af

Bearbeitungsstand: Dezember 2016

»Weitere Informationen zu Syriens Atomprogramm

SZILARD Leo

1898 - 1964

Leo Szilard, 18 Jahre alt, Foto: Wikipedia Commons

Der Ungar Leo Szilard wurde am 11. Februar 1898 in Budapest geboren. Er studierte zunächst Elektrotechnik in Budapest, dann Physik in Berlin und promovierte dort 1922. Von 1922 bis 1924 arbeitete er am Kaiser-Wilhelm-Institut für Faserstoffchemie, ab 1924 am Institut für Theoretische Physik der Berliner Universität. 1933 musste er emigrieren, ging zunächst nach England und 1938 in die USA, wo er ab 1940 eine Stelle an der Columbia-Universität erhielt.

In Chicago war er unter strenger Geheimhaltung an der Entwicklung des ersten Atomreaktors der Welt unter Leitung von Enrico Fermi beteiligt. Szilards technische Fähigkeiten führen zur Entwicklung mehrer bedeutender Patente, darunter gemeinsam mit Albert Einstein 1927 für einen Kühlschrank und 1935 – noch vor der Entdeckung der Kernspaltung – zum Prinzip der Kettenreaktion. Als er 1939 von der Entdeckung der Kettenreaktion erfuhr, waren ihm die technischen und politischen Konsequenzen sofort klar. Seine Bekanntschaft mit Einstein nutzend, lancierte er kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs einen von ihm verfassten und von Einstein unterzeichneten Brief an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der vor der Gefahr einer »Bombe neuen Typs« warnte, die Deutschland möglicherweise entwickle und gar bald besäße.
Leo Szilard starb am 30. Mai 1964 in La Jolla, Kalifornien. (LL)

Bearbeitungsstand: Oktober 2008

Weitere Informationen zur Entwicklung der Atombombe

siehe auch: EINSTEIN Albert
siehe auch: FERMI Enrico
siehe auch: Kernspaltung (Fission)
siehe auch: Kettenreaktion