Ristedt

ehem. Atomwaffenstandort Deutschland

Die Nike-Feuerstellung (Launching Area) Ristedt ( 52°37’29“N, 11°05’41“O)  lag ca. 17 km südlich von Bremen. Sie wurde im März 1973 von der 4. Batterie des FlaRakBtl 24 übernommen, die zu diesem Zweck von der temporären Stellung Delmenhorst-Adelheide nach Ristedt verlegt wurde. Der Standort gehörte zur "1st Row" des NikeGürtels, so wurde die östliche Stellungskette bezeichnet.

Unterkunft der Einheit war die Caspari-Kaserne in Delmenhorst-Deichhorst. Das Personal pendelte zwischen Delmenhorst und Syke. Die Stellung war im Schichtbetrieb rund um die Uhr mit Soldaten besetzt. Ein sehr kleine dauerhafte Garnison gab es in Syke-Leerßen auch. Unmittelbar vor der Tor der Feuerleitstellung stand das Unterkunftsgebäude des Delta-Team vom 51st US Army Artillery Detachment. Dieses Team bestand aus etwa 30 US-Soldaten. Sie hatten die Schlüsselgewalt über die in der Feuerstellung vorhandenen Atomsprengköpfe der Nike-Hercules. Das Team nahm offiziell am 1. Januar 1974 seinen Dienst in Ristedt auf. In der ersten Zeit mußten zunächst die Voraussetzungen für die Aufnahme der nuklearen Munition getroffen werden. Für diese Belegung waren die Sicherheitsbestimmungen der NATO sehr streng. Am 10. Oktober 1975 trafen schließlich die atomaren Sprengköpfe in der Feuerstellung ein.

Die Feuerstellung erstreckte sich über etwa 14 ha. Einen geeigneten Standort für diesen Bereich zu finden war nicht einfach. Die Nike-Raketen waren zweistufig ausgelegt. Die erste Startstufe stürzt nach dem Ausbrennen und der Trennung wieder auf die Erde zurück. Für den Einschlagpunkt wurde eine Booster-Fallzone von 4 km Durchmesser veranschlagt. In Ristedt wären die Raketen so gestartet, dass die Zone südöstlich an die Feuerstellung anschloss. Im vorderen, östlichen Teil der Stellung standen das Bereitschaftsgebäude und eine Halle für vier 20 mm-Maschinenkanonen. Gleich anschließend folgte der Bereich für die technische Betreuung der Raketen. Hier wurden das Raketenmontagegebäude, die Lenkgeschoss-Montagehalle und ein Generatorengebäude errichtet.

Hauptteil der Stellung waren die drei Abschusssektionen. In Ristedt sind diese geteilt worden. Die Sektionen Alpha und Bravo befanden sich in der besonders gesicherten "Secure Area". Hier gab es eine weitere Torkontrolle, die durch US-Soldaten des Custodial-Teams durchgeführt wurde. In diesen beiden Sektionen waren neben den konventionellen auch Atomsprengköpfe auf den Raketen montiert. Die Sektion Charlie war dagegen ausschließlich mit konventionellen Sprengköpfen ausgestattet, sie lag außerhalb der "Secure Area". Die besonderen Sicherungsmaßnahmen der "Secure Area" bestanden in der ersten Zeit aus einer separaten Abzäunung mit Torkontrolle durch das US-Personal. Am Zaun standen in den Ecken fünf hölzerne Wachtürme. Anfang der 1980er Jahre wurden die Bestimmungen mit dem LRSP verschärft. Dieses zog nach sich, dass ein neues Wachgebäude errichtet werden musste. Es bestand aus massivem Beton und war klimatisiert. Die hölzernen Türme wurden durch zwei stählerne ersetzt. Auch die Zäune wurden modernisiert, sie bekamen Bewegungsmelder und Blendscheinwerfer. Im November 1984 konnten diese neuen Sicherheitseinrichtungen übernommen werden.
Alle Sektionen waren nach dem gleichen Schema aufgebaut. Eine große Lenkgeschoss-Lagerhalle diente zur geschützten Ablage der fertig montierten Nike-Hercules-Flugkörper. Davon befand sich eine Betonfläche, auf der drei Abschussgestelle standen. Die Raketen wurden in liegender Position auf Laufschienen aus der Halle geschoben und auf dem Launcher zum Starten fast senkrecht aufgerichtet. Die Freifläche ist durch Erdwälle umrahmt. Diese dienten sowohl zum Schutz der Raketen, als auch der Umgebung beim Zünden der Triebwerke. In einem der seitlichen Erdwälle war ein Bunker integriert. Hierin stand die Section Control Group, aus der die Flugkörper in der letzten Phase vor dem Start überwacht wurden. Er diente gleichzeitig auch als Schutzraum für das Personal der Sektion. Im Bereich hinter diesem Bunker stand ein Generatorengebäude für die Stromversorgung.

In der Stellung Ristedt waren von 1973 bis 1988 atomare Flugabwehrraketen vom Typ Nike stationiert. An Atomsprengköpfen waren zwei Versionen verfügbar. Die kleinere mit der Bezeichnung B-XS hatte eine Sprengkraft von 2 Kilotonnen. Die größere B-XL besaß ursprünglich 40 KT Sprengkraft. Letztere wurden in den 1970er Jahren gegen Sprengköpfe zu 20 KT ausgetauscht.
Maximal waren je Stellung zehn Nuklear-Sprengköpfe vorhanden, acht mit der Stärke XS mit 2 KT und zwei XL mit 40/20 KT Sprengkraft. Der Abzug der zehn vorhandenen nuklearen Sprengköpfe aus Ristedt erfolgte am 24. Mai 1988. Die 4./24 war die letzte Einheit des Bataillons, die denuklearisiert worden ist.  (Quelle: Jürgen Dreifke)

Ein Zeitzeuge erinnert sich: „Die vier Batterien des FlaRakBtls 24 [mit den Feuerstellungen Moorriem, Schönemoor, Westerscheps und Ristedt] befanden sich in unterschiedlichen Bereitschaftsstufen mit einer Reaktionszeit von maximal 30 Minuten, maximal 3 Stunden, maximal 12 Stunden und mehr als 12 Stunden. Innerhalb einer Batterie hatten mindestens zwei Abschussplätze den selben Bereitschaftsgrad. Konnte eine der Batterien aus technischen Gründen den Bereitschaftsgrad nicht einhalten, dann rückten die anderen Batterien eine Einsatzstufe nach oben. Abhängig vom Bereitschaftsgrad war die Stellung im Schichtbetrieb ständig besetzt und einsatzbereit. Dazu gab es in der Batterie drei Kampfbesatzungen für den Feuerleit- und Abschussbereich, die sich in einem System von 48-Std-Schichten während der Woche und 72-Std-Schichten am Wochenende abwechselten.

Für den Einsatz der Gefechtsköpfe gab es genau festgelegte Prioritäten. Beim Anflug eines einzelnen feindlichen Zielobjektes wurde ein kleiner atomarer Gefechtskopf (B-XS) eingesetzt. Beim Anflug mehrerer feindlicher Zielobjekte wurde ein großer atomarer Gefechtskopf (B-XL) eingesetzt. Die ebenfalls vorhandenen konventionellen Gefechtsköpfe dienten lediglich als Munitionsreserve.

Soweit mir bekannt, befanden sich in allen Nike-Stellungen der Bundesluftwaffe atomare Gefechtsköpfe.“ (Quelle: Michael Juhls)

Bearbeitungsstand: Januar 2010

Weitere Informationen zu ehem. Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: KT (Kilotonne)
siehe auch: Nike Hercules

 

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