RICHTER Horst-Eberhard

1923-2011

Horst-Ebehard Richter, Köln, Foto: Brigitte Friedrich

Professor Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter war Mitbegründer, erster Geschäftsführer und Sprecher der bundesdeutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Der Psychoanalytiker war lange Jahre Direktor des Sigmund-Freud-Institutes.

Am 28. April 1923 in Berlin geboren, wuchs Horst-Eberhard Richter als Einzelkind eines leitenden Ingenieurs auf. Nach Hitlerjugend und Arbeitsdienst wurde er achtzehnjährig zum Militär eingezogen und diente in einem Artillerieregiment an der Russlandfront. Kurz vor der Verlegung seiner Truppe nach Stalingrad erkrankte er an einer lebensgefährlichen Diphtherie. Mit 22 Jahren geriet er in Kriegsgefangenschaft und erfuhr erst bei seiner Rückkehr vom Tod seiner Eltern, die zwei Monate nach Kriegsende auf einem Spaziergang nahe ihres Dorfes von zwei betrunkenen Russen ermordet worden waren.

1962 übernahm Richter einen der ersten deutschen Lehrstühle für Psychosomatik an der Universität Gießen und baute die Abteilung zu einem führenden Zentrum für psychosomatische Medizin auf. Seine ersten Bücher wurden zu international anerkannten Klassikern psychoanalytischer Literatur, in denen Richter ein neues Verständnis familiär verursachter Neurosen erarbeitete. Für Richter war Psychoanalyse nicht nur eine tiefenpsychologische Behandlungsmethode, sondern, und vielleicht zuallererst, ein Instrument der Aufklärung einer sich sozialanalytisch begreifenden Wissenschaft von Mensch und Gesellschaft. Allein in den Jahren 1972 bis 1981 schrieb er die fünf Bücher, die diese neue Ära seines ganzheitlichen Konzeptes von Psychoanalyse einleiteten und die zur Pflichtlektüre für eine breite Schicht politisch aufgeklärter Bürger wurden.

Zweifellos verlieh der Aufbruch der Studentenbewegung Anfang der 70er Jahre seinem Handeln wichtige Impulse. Gestützt auf kompetente Vertreter in der Klinik, verließ Richter immer öfter seinen dort angestammten Platz, um mit sozialen Randgruppen zu arbeiten, mit Schülern und Studenten zu diskutieren und an Demonstrationen und Sitzblockaden teilzunehmen; er wurde 1982 Mitbegründer der bundesdeutschen Sektion der IPPNW, redete mit Politikern, beriet sie, und erhob seine Stimme landauf, landab.

Richter referierte auch bei internationalen Kongressen, beispielsweise über "Psychologische Auswirkungen des Lebens unter der Atomkriegsdrohung" (Cambridge 1982), "The Physicians Role in the Prevention of Nuclear War" (Moskau, 1985) und "The Danger and Prevention of Nuclear War" (Washington, 1986). In Deutschland fanden seine Beiträge 1981 beim Kongress der bundesdeutschen Ärzte- und Basisinitiativen "Sind wir zum Frieden fähig?" und "Psychosoziale Medizin und Prävention von Militarisierungsbereitschaft" große Medienwirkung.

Richter übernahm die Arbeit der ersten Geschäftsstelle in Gießen und wurde neben Ulrich Gottstein, Helmut Koch und Knut Sroka in den ersten Sprecherrat der bundesdeutschen IPPNW gewählt. Er verfasste die berühmte "Frankfurter Erklärung", in der jeder mit seiner Unterschrift sich dazu bekannte, sich jeglicher kriegsmedizinischen Schulung und Fortbildung zu verweigern. In etwas abgewandelter Form als "New Physicians Oath" wurde die Erklärung, nachdem sie Richter auf dem 2. IPPNW-Weltkongress in Cambridge eingebracht hatte, von der Weltföderation übernommen.

In seinem autobiographischem Buch "Wanderer zwischen den Fronten" beschrieb Richter sein Ziel bei der IPPNW: "Im Unterschied zu anderen IPPNW-Ärzten, die vor allem mit dem Mitteln der medizinischen Aufklärung über die verheerenden Wirkung der Nuklearwaffen gegen die Rüstungspolitik protestierten, widmete ich mich in den eigenen Reden mehr der psychologischen Aufgabe, die Bedrohungs- durch eine Verständigungspolitik zu ersetzen. Der Wille der Menschen, über die Grenzen hinweg friedlich zu koopererien, sei ebenso zu fördern, wie man anerkennen müsse, dass die Angst vor der horrenden Zerstörungsgewalt der nuklearen Arsenale nichts mit Feigheit oder Mangel an Verteidigungsbereitschaft zu tun habe, sondern eine gesunde Signal-Reaktion gegenüber der Strategie des atomaren Wahnsinns darstelle."

Richter sah ärztliches Verhalten immer politisch. Die prinzipielle Verpflichtung aller ÄrztInnen sei es, Leben zu schützen und nicht politische Systeme. Die Ärztin und der Arzt dürften der Obrigkeit nicht zur Verfügung stehen. Für Richter musste Medizin im Sinne ihrer lebenserhaltenden Aufgabe pazifistisch sein. Kriege waren für ihn keine Naturereignisse und keine der menschlichen Existenz inhärente Konstante. Er bestritt die Behauptung, der Mensch sei von Natur aus aggressiv mit der Argumentation, der Mensch sei im Gegensatz zum Tier in der Lage, seine aggressiven Impulse in sozial unschädliche Bahnen zu lenken: "Wir Ärzte gehen jedenfalls offensichtlich seit je davon aus, dass unsere Berufsgruppe keinem natürlichen Zwang zu destruktiven Verhaltensweise unterliege. Denn wie sonst könnten wir den hippokratischen Eid als eine uns praktisch verpflichtende Norm ansehen!"

Horst-Eberhard Richter starb am 19. Dezember 2011 nach kurzer schwerer Krankheit in Gießen. Niemand hat die bundesdeutsche Ärztebewegung für die Verhütung des Atomkriegs mit seinen Gedanken, Analysen, Reden, Aufrufen, Workshops und Aktivitäten so beeinflusst wie er. (Quelle: IPPNW)

Diese ist die gekürzte Version der Biografie, die auf der Webseite der IPPNW erschienen ist.
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Mehr Information zur Geschichte der deutschen IPPNW.

siehe auch: Frankfurter Erklärung

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