Raketenabwehr

engl.: Missile Defense

Mit der Entwicklung moderner Großraketen entstand der Wunsch, diese mit Raketen oder anderen Technologien am Weiterflug zu hindern. Die Nukleararsenale der Kernwaffenstaaten fußen auch heute im Wesentlichen auf schnell einsetzbare ballistische Raketen, die über große Distanzen fremdes Territorium innerhalb von 30 Minuten oder weniger treffen und, bestückt mit Massenvernichtungswaffen, enorme Zerstörung anrichten können.

Raketenabwehrsysteme (Missile Defense, MD) werden auch als Anti-Ballistic Missile oder ABM-Systeme bezeichnet. Ist die Abwehr nur auf ballistische Systeme bezogen, redet man auch von Ballistic Missile Defense (BMD). Allgemein unterscheidet man zwischen Punktverteidigungssystemen, die kleine Flächen von einigen Dutzend Quadratkilometern abdecken und Flächenverteidigungssystemen, die einige hundert Quadratkilometer schützen sollen. Soll ein MD-System gegen die strategischen Arsenale eingesetzt werden, spricht man von »strategischer Abwehr«. Mobile MD-Systeme mit begrenzter Kapazität, die insbesondere für Kriegsschauplätze gedacht sind, nennt man auch »Theater Missile Defense« (TMD).

Eine ballistische Flugbahn wird in die Antriebsphase (Boost-Phase), die Mittelflugphase (Midcourse) und den Endanflug (Terminal) eingeteilt. Mittels verschiedener Abfangtechnologien kann der Abfangvorgang in all diesen Phasen erfolgen. Bei der »Terminal Defense« erfolgt der Abschuss des Sprengkopfes in der Atmosphäre oder kurz davor. Bei der »Mid-course Defense« kann der Abfangvorgang außerhalb der Erdatmosphäre im Weltraum geschehen, nachdem sich die Gefechtsköpfe von ihren Trägerraketen abgetrennt haben und antriebslos in ihrer Mittelflugphase auf ballistischen Flugbahnen auf ihre Ziele zu bewegen. Bei der »Boost-Phase Defense« wird die feindliche Rakete direkt nach dem Start attackiert.

Anstrengungen zur Einführung von strategischer Raketenabwehr wurden bereits von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in den 1960er Jahren unternommen. Das ABM-System »Safeguard« war 1975 nur wenige Monate in Betrieb und wurde bereits 1978 wieder demontiert. Die Einführung von Mehrfachsprengköpfen auf sowjetischer Seite führte zu einer Überforderung des Systems und machte es für Verteidigungszwecke ungeeignet. 1983 initiierte Präsident Reagan mit seiner »Star Wars« Rede die »Strategic Defense Initiative« (SDI), die die USA durch boden- und weltraumgestützte Waffen gegen anfliegende Sprengköpfe schützen und die Abschreckung überwinden sollte. Die Sowjetunion begann in den späten 1950ern mit den Planungen für einen Raketenabwehrgürtel, der Moskau schützen sollte. Die nuklearbestückten Galosh-Abfangraketen wurden 1978 in Dienst gestellt. Vor dem Hintergrund neuer Raketenprogramme im Irak, Nordkorea, Pakistan und Iran wurden unter Präsident Clinton die Ressourcen auf die Abwehr von Kurz- und Mittelstreckenraketen TMD (Theater Missile Defense) konzentriert. Die Entwicklung des nationalen Abwehrsystems »National Missile Defense« (NMD) begann. Das Prinzip der NMD-Technologie ist es, anfliegende Gefechtsköpfe von Langstreckenraketen durch direkte Treffer mit Abfangflugkörper bereits im Weltraum zu zerstören. Unter Präsident G.W. Bush wurde die Grundlage für den Aufbau eines globalen MD-Systems gelegt.

Bisher gelang es nicht, eine effektive Verteidigungskapazität mit hoher Zuverlässigkeit zu entwickeln. Das Endphasenabwehrsystem Patriot ist zwar stationiert, versagte im Golf-Krieg jedoch. Die unter Präsident Clinton in der Entwicklung befindlichen Gefechtsfeld-Raketenabwehrsysteme TMD hatten zunächst den Zweck, Truppen und wichtige Einrichtungen bei »Out of Area«-Einsätzen oder Flottenverbände vor Angriffen mit Kurzstreckenraketen zu schützen, da sie nur einen begrenzten Bereich abdecken können. Im US-Kongress herrscht seit wenigen Jahren Konsens über die Notwendigkeit einer Raketenabwehr, »wenn sie denn technologisch möglich ist«. Im Gegensatz zu der Situation im Kalten Krieg wären die Anforderungen gegen wenige Raketen der »rogue states« einfacher. Die geplante NMD- bzw. TMD-Abfangtechnik fußt auf vorhandene, konventionelle Technologien. Die ersten Testflüge, die nicht unter realistischen, sondern unter extrem günstigen Bedingungen stattfanden, zeigten keinen überzeugenden Durchbruch. Dennoch hat sich Präsident G.W. Bush für eine Stationierung entschieden; erste Silos sind bereits gebaut. (Quelle: http://www.armscontrol.de)

 

In einer Erklärung zur Raketenabwehr beim NATO-Gipfel in Chicago vom 20. Mai 2012 heißt es:

Ziffer 18: „Die Verbreitung ballistischer Raketen stellt für das Bündnis eine immer größer werdende Sorge dar und ist eine wachsende Bedrohung für die Sicherheit des Bündnisses. Die Fähigkeit der NATO zur Abwehr ballistischer Raketen wird eine wichtige Ergänzung der Fähigkeiten des Bündnisses zur Abschreckung und Verteidigung sein. ... Die Raketenabwehr wird ein fester Bestandteil des gesamten Verteidigungsdispositivs des Bündnisses werden, das transatlantische Band weiter stärken und zur unteilbaren Sicherheit des Bündnisses beitragen.“
Ziffer 20: „Die Raketenabwehr kann die abschreckende Rolle von Kernwaffen ergänzen; sie kann sie nicht ersetzen. ... Die Raketenabwehrfähigkeit der NATO wird zusammen mit leistungsfähigen nuklearen und konventionellen Kräften unsere Entschlossenheit signalisieren, gegen jede außerhalb des euro-atlantischen Raumes liegende Bedrohung Abschreckungs- und Verteidigungsmaßnahmen für die Sicherheit unserer Bevölkerungen zu ergreifen."
Letzteres heißt aus meiner Sicht, dass die drei Komponenten konventionelle Waffen, Kernwaffen und Raketenabwehr auf eine Stufe gestellt und direkt miteinander verknüpft werden! (RH)

Weitere Informationen zur Raketenabwehr

Bearbeitungsstand: Mai 2012

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