Liebenau

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

SW-Lager Liebenau vom zentralen Beton-Wachturm, Foto: bildergalerie-diepholz.de

Das Sondermunitionslager Liebenau (52°36’05“N, 09°04’14“O) lag ca. 1,5 km westlich der Stadt Liebenau in Niedersachsen. Es war das Sonderwaffenlager des in Nienburg-Langendamm stationierten RakArtBtl 12 des 1. Artillerieregimentes der 1.Panzergrenadierdivision. Das Bataillon führte bis 1979  die Artillerie-Rakete “Honest John”. Sie hatte eine Reichweite von 40 km und sollte im Kriegsfall mit Nuklearsprengköpfen ausgerüstet werden.

Außer den Honest-John-Sprengköpfen wurde in Liebenau die nukleare Rohrartillerie-Munition der Division gelagert. Ob dieses von Anfang an oder erst ab Ende der 1970er Jahre der Fall war, ist nicht bekannt.

Insgesamt waren zu unterschiedlichen Zeiten folgende Sprengköpfe eingelagert:

  • Gefechtsköpfe für die taktische Kurzstreckenrakete »Honest John« (bis 1979);
  • Artilleriegranaten Kaliber 203 mm für die »schwere« Panzerhaubitze der Divisionsartillerie (ab 1960 atomar);
  • Artilleriegranaten Kaliber 155 mm für die Panzerhaubitze der Brigadeartillerie (ab 1972 atomar) (LL).

Bis in die 1980er Jahre lagerten im SW-Lager Liebenau auch Atomminen für die in Minden ansässige “SpezSperrKP 100” der Bundeswehr. Die dafür zuständige US-Einheit war die “4th Plt/567th Engr Co (ADM)” in Nienburg-Langendamm.

Das eigentliche Atomwaffenlager befand sich im östlichen Teil des Eibia-Geländes westlich von Liebenau. Das Atomwaffenlager hatte etwa die Größe eines Fußballfeldes. In der Mitte befanden sich zwei große, erdummantelte Betonbunker, in denen die Atomwaffen eingelagert waren. Die Sicherung bestand aus einem Doppelzaun, hell erleuchtetem, geharktem Feld mit freier Sicht und zunächst je einem hölzernen Wachturm an den vier Ecken der Anlage. Ein kleines Gebäude diente der Freiwache als Unterkunft und als Sozialgebäude. Die Bewachung erfolgte bis in die 1980er Jahre durch die 5./12 (1980 in 4./12 umbenannt), ab 1985 durch die “Begleitbatterie 1”. Zusätzlich ging nachts ein ziviler Hundeführer im Umfeld der Anlage Streife. Die Atmosphäre hatte besonders nachts in der Stille des völlig unzugänglichen Sperrgebietes auf dem historischen Boden einer verschwiegenen NS-Vergangenheit etwas Unheimliches. Zu dem inneren Bereich des Atomwaffenlagers mit den Bunkern hatten nur die Amerikaner Zutritt. Einige US-Soldaten hielten sich ständig in einem Wachhäuschen am inneren Bereich der Anlage auf. Die Amerikaner gehörten dem in Nienburg-Langendamm stationierten “32nd US-Army Field Artillerie Detachement” (32nd USAFAD) an. Ihr einziger Auftrag war die Verwaltung und die Schlüsselgewalt über die Atomwaffen in Liebenau.

Ende der 1970er Jahre wurden die Sicherungsanlagen am Sonderwaffenlager deutlich verschärft. Ein Zeitzeuge berichtete im Dezember 2006, dass Anfang der 1980er Jahre dort ein zentraler Wachturm aus Beton (“Hauptbeobachtungsturm”) mit Panzerglas und Schießscharten stand. Er war tagsüber mit zwei, und nachts mit drei Personen besetzt. Hinzu kam diagonal ein Wachturm aus Metall, der mit einer Person besetzt war. Nachts oder bei Nebel wurden zusätzlich noch zwei der alten hölzernen Wachtürme genutzt. Über die Regelungen der Wache des SW-Lagers Anfang der 90er Jahre, schrieb im Jahre 2008 ein Zeitzeuge: „Die permanente Bewachung des Lagers setzte sich zusammen aus den drei Amerikanern und einer 22-köpfigen deutschen Wachmannschaft. Je ein Unteroffizier und fünf Mannschaften bildeten eine Gruppe, die im zwei Stunden Wach/4 Stunden Bereitschaftsrhythmus die Türme besetzten. Gruppenführer und zwei Mann auf dem HBT (Hauptbeobachtungsturm), zwei Mann auf dem NBT (Nebenbeobachtungsturm und ein Mann als Schließer (zuständig für das Eingangsdrehkreuz und die Eintragung der ein- und ausgehenden Personen, z.B. die Amis). Im Wachgebäude waren außer den beiden Freischichten noch der Wachhabende, ein Mannschaftsdienstgrad als  Melder, zuständig für Feldtelefon und den Kaffee, und zwei Mann als AAT-Bereitschaft. Die letzten drei wurden alle 12 h, der Rest alle 24 h ausgetauscht“.

Ein anderer Zeitzeuge berichtete im Herbst 2006, dass in den 1980er Jahren in Liebenau atomare Rohrartillerie-Munition vom Kaliber 155 und 203 mm lagerte. Diese Munition war für die Spezialzüge des 1. Artillerie-Regimentes, den “ArtSpezZg I/I” (Neustadt-Luttmersen) und den “ArtSpezZg II/I” (Hannover Bothfeld) der 1. Panzerdivision vorgesehen. Das Personal dieser Züge hatte eine spezielle Ausbildung im Verschießen von Atom-Granaten und sollte im Kriegsfall die entsprechende Artillerie von den regulären Artillerie-Feuereinheiten übernehmen. Der Zeitzeuge berichtet, dass am Sonderwaffenlager Liebenau jährlich 4 bis 5 Übungen des ArtSpezZg II/I abgehalten wurden, bei denen die Übernahme und Auslagerung der atomaren Munition geübt wurde. Die Übungen fanden zumeist mit Übungsmunition (Attrappen) statt, es gab aber auch - gemeinsam mit den Amerikanern - sogenannte “scharfe” Übungen, bei denen die atomare Munition tatsächlich aus den Bunkern des Sonderwaffenlagers geholt und auf dem Eibia-Gelände herum gefahren wurde. Der Zeitzeuge berichtet weiter, dass sich die atomaren Komponenten der Munition in etwa maurerkübelgroßen zylindrischen Stahlbehältern mit Tragegriffen und gelber Beschriftung befanden. In dem Einen der beiden Bunker (vermutlich dem, der für den ArtSpezZg II/I vorgesehen war), sollen sich neben schätzungsweise 30 Artilleriegranaten etwa 10 solcher nuklearer Komponenten befunden haben. Die Behälter seien mehr als handwarm gewesen. Bei diesen Übungen hätten die amerikanischen Soldaten auf dem Lkw die nuklearen Sprengköpfe aus den Behältern in die Granaten eingebaut, wobei kein deutscher Soldat zugegen sein durfte, während die Deutschen für den Einbau der Zünder zuständig waren. Die Zünder wurden bei den Übungen allerdings nicht eingebaut. Nach der standardmäßigen Planung war vorgesehen, dass die Bundeswehreinheit im Spannungs- bzw. Kriegsfall die Atomgranaten mit fertig montierten Sprengköpfen von den Amerikanern übernehmen sollte. Das eilige Montieren durch die Amerikaner auf dem Bundeswehr-Lkw war nur für den Fall eines Alarmes bei einem Überraschungsangriff aus dem Osten vorgesehen.

1992 wurde das Atomwaffenlager in Liebenau endgültig aufgegeben, Es wurde vollständig bis auf die Erdhügel mit den Bunkern demontiert und dem Erdboden gleichgemacht, auch die erst rund 20 Jahre alten, modernen Kasernenbauten verschwanden restlos. Nur das Wachhäuschen am Tor und eine alte Fahrzeughalle blieben bis heute stehen. (Quelle: Bildergalerie Liebenau)

Bearbeitungsstand: Oktober 2009

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: Honest John
siehe auch: Panzerhaubitze M 109
siehe auch: Panzerhaubitze M 110
siehe auch: Sondermunitionslager

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