Lop Nor

Atomtestgelände, China

Erster chinesische Atomtest in Lop Nur, 1964. Foto: CTBTO

Zwischen 1964 und 1996 führte die Volksrepublik China 45 Atombomben-Explosionen im westchinesischen Lop Nor durch. Für die dort lebende ethnische Gruppe der Uiguren sind die durch radioaktiven Niederschlag herbeigeführten Krankheiten und Missbildungen zu einem relevanten Gesundheitsproblem geworden.

Hintergrund
China detonierte am 16. Oktober 1964 seine erste Atombombe auf dem Versuchsgelände Lop Nor, ca. 265 km südwestlich der Provinzhaupstadt Ürümqi. In den darauf folgenden Jahren wurden 22 weitere überirdische sowie 22 unterirdische Tests durchgeführt, deren Sprengkraft sich von ungefähr einer KT (Kilotonne) bis zu vier MT (Megatonnen) TNT-Äquivalent erstreckten. Dieser größte chinesische Atombombentest fand am 17. November 1976 statt.

Die Region um Lop Nor ist die Heimat von 20 Millionen Menschen. Von ihnen leben viele in relativ naher Umgebung zum hoch radioaktiv kontaminierten Testgebiet. Die Einwohner der Region stammen aus unterschiedlichen Ethnien, vor allem aus der Gruppe der Uiguren. Nach dem letzten Atomwaffentest vom 29. Juli 1996 gab die chinesische Regierung bekannt, dass ihr Atomwaffentestprogramm beendet sei und dass sie bereit wäre, dem Vertrag über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen beizutreten. Seitdem haben in Lop Nor keine Atomwaffentests mehr stattgefunden. Ratifiziert hat China den Vertrag übrigens, ähnlich wie der Iran, Israel und die USA, noch nicht.

Folgen für Umwelt und Gesundheit
Einem Artikel in der Zeitschrift „Scientific American” zufolge liegt die Krebsrate in der Region rund um Lop Nor um 30 bis 35% höher als im restlichen China, mit einer unverhältnismäßig großen Zahl an malignen Lymphomen, Leukämien, Fällen von Lungenkrebs, degenerativen Störungen und Missbildungen unter Neugeborenen. So hat ein Einheimischer die Ära der Atomwaffentests in Erinnerung: „Wir wurden tagelang dazu aufgefordert, unsere Fenster geschlossen zu halten und in den Häusern zu bleiben. Monatelang konnten wir kein Gemüse oder Obst essen. Dann, nach einer Weile, haben sie sich damit nicht mehr abgegeben. Aber sie machten trotzdem weiter mit den Tests.“

Einige der Bomben, die in Lop Nor explodierten, waren mehr als 300 mal stärker als „Little Boy”, die Atombombe, welche 1945 über Hiroshima abgeworfen wurden. Die Studie „Radioaktive Verseuchung von Himmel und Erde” der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) gibt die geschätzte Menge an radioaktivem Material an, welche in Lop Nor in die Atmosphäre freigesetzt wurden: Stoffe wie Plutonium-239, Cäsium-137 oder Strontium-90 mit einer Gesamtradioaktivität von mehr als 111 PBq (Petabecqerel = Billiarde).

Konkret bedeutet dies, dass etwa 48 kg Plutoniumstaub über der Region verstreut wurden, wobei bereits ein Mikrogramm dieses hoch giftigen Stoffes ausreicht, um Nierenschädigungen, Lungen- oder Leberkrebs zu verursachen.
Eine Studie aus dem Jahr 2008, die von der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) und der Organisation des Vertrags über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen (CTBTO) zitiert wird, stellte fest, dass die Menge an radioaktivem Niederschlag in Städten nahe des Testgeländes hoch genug sei, um bei Neugeborenen Missbildungen und Krebs zu verursachen.

Ausblick
Auch wenn seit 1996 keine neuen Atomwaffentests mehr in China durchgeführt wurden, wird die verbleibende Strahlung radioaktiver Isotope wie Cäsium-137, Strontium-90 und Plutonium-239 die Menschen in der Region für weitere Generationen beeinflussen. Bislang verweigert China jegliche unabhängige Untersuchung hinsichtlich der Auswirkungen des Atomwaffentestprogramms auf Umwelt und Gesundheit, so dass die Betroffenen weiterhin um Anerkennung und Gerechtigkeit ringen müssen. Wie Hunderttausende andere Menschen weltweit sind auch sie zu Opfern der Atomwaffen geworden – auch sie sind Hibakusha.

Weiterführende Informationen
Für eine gute Einführung ins Thema, ist die britische Dokumentation „Death on the Silk Road” sehr empfehlenswert:. Ebenso aufschlussreich ist das Buch „China builds the Bomb” von John Wilson Lewis, erschienen bei Stanford University Press 1991. (Quelle: IPPNW-Ausstellung “Hibakusha weltweit”)

Bearbeitungsstand: März 2014

»Weitere Informationen zur Geschichte der Atomtests

zurück