Lahn

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

Das atomare "Versorgungslager Munition" (VLM) Lahn (52°49’53“N, 07°37’12“O) lag ca. 4 km südwestlich der Stadt Werlte in Niedersachsen. Es gehörte zur Zeit des Kalten Krieges zu den 10 großen Hauptlagern für Nuklearwaffen in der Bundesrepublik Deutschland.

Anfang der 1960er Jahre begannen die Arbeiten zur Errichtung eines Munitionslagers zwischen den Städten Sögel und Werlte in Niedersachsen. Darin integriert befand sich das zentrale Atomwaffendepot für das I. Korps der Bundeswehr und das I. Niederländische Korps. Es entstanden neun Munitionslagerhäuser, dazu ein Werkstattgebäude und das Torhaus. Wegen der besonderen Bedeutung der Anlage und der Gefährlichkeit der eingelagerten Munition wurden besondere Schutzmaßnahmen ergriffen. Das gesamte Lagergelände und ein breiter Sichtstreifen außerhalb der Umzäunung war von hohen Wachtürmen lückenlos einsehbar. Hohe Zäune in Doppelreihen umgaben das Gelände. Dazu wurden gestaffelt Betonwände aufgestellt, die Sichtschutz und Deckung für die Nahverteidigung boten. Einige halb erdversenkte betonierte Beobachtungsposten ergänzten die Sicherungseinrichtungen. Am Tor sind ebenfalls besondere Einbauten zu finden. Das gesamte Wachgebäude, das gleichzeitig Unterkunft für die Wachmannschaften war, ist in massiver Betonbauweise ausgeführt worden. In das Lager gelangte man nur mittels Schleusung durch Doppeltore. Auf der Zufahrtsstraße vor dem Depot konnten Abweiser in die Straße eingesetzt werden, um das Durchbrechen von Fahrzeugen zu verhindern. Das Umfeld wurde zum rund 170 ha messenden Standortübungsplatz der Garnison Werlte ausgebaut und wurde vollständig als  Militärischer Sicherheitsbereich genutzt. Somit bekamen Außenstehende die Anlage regulär nie zu Gesicht.
Die Munitionslagerhäuser entsprechen den standardisierten Typen der NATO, die sowohl in konventionellen Munitionsdepots als auch in Sondermunitionslagern zu finden sind. Für die Sonderwaffen wurden aber wieder einige Ergänzungen vorgenommen. Das eigentliche Tor ist mit einem stählernen Schutzvorbau versehen worden, die zwei Flügeltore mussten mit zwei speziellen Schlössern geöffnet werden. Dahinter liegt das zweiteilige Schiebetor, welches aus dem Wachgebäude elektrisch bewegt wurde. Damit waren die Sicherheitsvorkehrungen aber noch nicht abgeschlossen, ein weiteres Schiebeschott musste, ebenfalls ferngesteuert, hydraulisch zur Seite gefahren werden.
Das Sonderwaffenlager wurde gemeinschaftlich von Bundeswehr und US Army betrieben. Im August 1963 verlegte die 552nd USArmy Artillery Group nach Sögel in die Mühlenberg Kaserne, um das Depot Lahn in Betrieb zu nehmen. Zugeordnet war die 162nd USArmy Ordnance Company, deren Aufgaben vor allem  Wartungsarbeiten und kleinere Reparaturen an den Sprengköpfen umfassten. (Manfred Tegge)

Zu unterschiedlichen Zeiten waren im Sonderwaffenlager Lahn für folgende Waffensysteme atomare Sprengköpfe eingelagert:
Kurzstreckenrakete Lance: Nukleargefechtskopf W70, Sprengkraft: 1-100 KT
Kurtstreckenrakete Sergeant: Nukleargefechtskopf W52, Sprengkraft: 200 KT
Kurzstreckenrakete Honest John: Nukleargefechtskopf, Sprengkraft: 1 bis 40 KT
Panzerhaubitze M 109:  Nukleargefechtskopf W48 und W33 mit 0,1-12 KT
Panzerhaubitze M 110: Nukleargefechtskopf W48 und W33 mit 0,1-12 KT
Die genauen Stückzahlen der eingelagerten Nukleargefechtsköpfe sind nicht bekannt. Ob vorübergehend auch Atomminen in Lahn gelagert wurden ist ungeklärt. (LL)

Die Transporte von Atomwaffen zwischen den einzelnen Sonderwaffenlagern sind ausschließlich von der USArmy durchgeführt worden. Fast immer wurde der Transport mit Hubschraubern gewählt, der sogenannten "Air Mission". Dabei landeten große Transporthubschrauber vom Typ Chinook innerhalb der Depots direkt vor den Bunkern, um die Munition auf kürzesten Wegen umzuschlagen.
Die Bundeswehr stellte das Wach- und Sicherungspersonal für das Sonderwaffenlager. Ebenfalls wurde 1963 das Transportbataillon (Sonderwaffen) 81 nach Sögel verlegt. Die 2. Kompanie war infanteristisch ausgerüstet für die Bewachung des Lagers in der Lahner Heide, die 3. Kompanie stellte Fachpersonal für den Lkw-Transport von Atomsprengköpfen und -trägersystemen. Nach grundlegenden Generationswechseln bei den zu betreuenden Waffensystemen wurde der Verband im Jahre 1976 in Nachschubbataillon (Sonderwaffen) 120 umgegliedert und umbenannt. Zu der Zeit ist das Korps-Raketenartilleriesystem "Sergeant" durch "Lance" abgelöst und auf Divisionsebene das System "Honest John" ausgemustert worden.
Die 1980er Jahre waren auch geprägt von Demonstrationen der Friedensbewegung gegen die Nachrüstungsbeschlüsse. Dadurch wurde die Einsatzbereitschaft des Wachpersonals besonders gefordert.

Nach dem Fall der Mauer und der beginnenden Abrüstung ist Anfang der 1990er Jahre die Ausstattung der NATO-Heeresverbände mit taktischen nuklearen Gefechtsköpfen aufgegeben worden. Damit entfielen auch Sinn und Zweck des Sonderwaffenlagers Lahn und der spezialisierten Verbände. Am 10. Februar 1992 wurde mit der letzten "Air Mission" der Abtransport der Atomwaffen beendet. Die US-Truppen wurden im Juni des Jahres außer Dienst gestellt. Das NschBtl (SW) 120 ist zu einem regulären Transportbataillon umgegliedert worden und blieb zunächst bestehen. Im Jahre 2003 kam schließlich das Ende für den Verband, gleichzeitig wurden die Garnison Werlte und der Standortübungsplatz Lahn mit dem ehemaligen Sonderwaffenlager freigegeben. (Quelle: Manfred Tegge)

Anmerkung: Das Sondermunitionslager "Lahn" wird auch unter der Bezeichnung "Werlte" geführt.

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Bearbeitungsstand: Juni 2011

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