Kainar-Syndrom

Der Ort Kainar liegt mitten im bisher streng abgesperrten ehemaligen Atomtestgebiet Kasachstans. In dem fast verlassenen Dorf befindet sich eine Tafel mit folgenden Angaben: »566 Explosionen wurden gezählt und 28 Leukämie- und 27 Hautkrebstote sowie weitere 204 Krebstote«.
Vom 28.02. bis 01.03.2001 besuchte eine offizielle Delegation der Republik Kasachstan das Europaparlament in Brüssel, um auf die Probleme der Atombombentestopfer in der Region Semipalatinsk aufmerksam zu machen. Der führende kasachische Ökologe und Mediziner Prof. Dr. Seim Balmukhanov rief im Europaparlament in Brüssel zur Hilfe für die Atombombentestopfer der Region Semipalatinsk auf:

»In Kasachstan haben über 500 Atombomben -Oberflächen- (atmosphärische) und Untergrund-Tests während einer Test-Periode von ca. 40 Jahren die Regionen Semipalatinsk, Pavlodar, Teile Ost-Kasachstans und die Region Karaganda nuklear verseucht.

Dabei waren mehr als 1 Million Menschen der atomaren Verstrahlung auf längere Zeit akut ausgesetzt.
Nach Japan, dessen Bevölkerung in Nagasaki und Hiroshima schmerzhafte Erfahrungen mit Atombomben machen musste und Tausende von Toten zu beklagen hatte, wurde am kasachischen Volk die Zerstörungskraft von Atomwaffen exzessiv getestet. Im Zeitraum des Jahres 1949 bis einschließlich 1992 erschütterten allein 118 (!) Atombombentests diese Region. Davon erfolgten 30 Nukleartests in Bodennähe und ein Mehrfaches davon, d.h. 88 Nukleartests, in größerer Entfernung vom Boden. Nirgendwo auf der ganzen Welt sind diese Art von Tests in größerer Intensität und Anzahl durchgeführt worden wie in der Region Semipalatinsk.

Ich bin mit den Problemen der Region Semipalatinsk seit 1956 vertraut. In Zusammenarbeit mit Professor Atchabarov organisierten wir eine komplexe medizinische Expedition, um die Bewohner der betroffenen nuklearen Testzonen zu observieren. Gleichzeitig stellten wir akute Krankheitserscheinungen fest, die auf radioaktive Verseuchung zurückzuführen sind. Mehr als ein Drittel der Einwohner aus Kainar, Sarzhal, Dolomi und weiterer Städte war betroffen. Ich war im Zeitraum 1995-1996 in der Lage, die Region wiederholt zu beobachten. Wir mussten feststellen, dass die Sterblichkeitsrate auf einem sehr hohen Niveau lag, d.h. mehr als 2 bis 2,5-mal so hoch wie in nicht radioaktiv verseuchten Gebieten. 80-90% der Kinder und Frauen leiden an Blutarmut, und 60-70% leiden an Störungen der Schilddrüsenfunktion. Die Hälfte der Bevölkerung leidet am sog. neuro-zirkulosen Dystonie-Syndrom (Kainar-Syndrom).

Wir hoffen, mehr Unterstützung aus Europa zu erhalten, damit wir den Tumor- und Krebserkrankten in unserem Lande besser helfen können. Das in Kooperation mit dem Internationalen Hilfsfonds gestartete Projekt angewandter Medizinforschung, bei dem Antioxidantien unterstützend bei der Tumorbehandlung eingesetzt werden, hat viel versprechende Ergebnisse gezeigt«. (Prof. Dr. Saim Balmukhanov) (Quelle: www.internation-hilfsfonds.org)

Bearbeitungsstand: September 2007

Siehe auch: Kasachstan
Siehe auch: Semipalatinsk

Kairo-Erklärung

Die Kairo-Erklärung (Vertrag von Pelindaba) wurde am 11. April 1996 angenommen, anlässlich der Unterzeichnung des Vertrages über eine atomwaffenfreie Zone in Afrika (Vertrag von Pelindaba). Die Erklärung fordert die Atomwaffenstaaten auf, »das Ziel einer atomwaffenfreien Welt aktiv zu verfolgen, wie in Artikel VI des Nichtverbreitungsvertrags festgelegt, durch die dringende Verhandlung von Vereinbarungen mit wirkungsvollen Überprüfungsmaßnahmen bezüglich der vollkommenen Abschaffung von Nuklearwaffen zum frühest möglichen Zeitpunkt«. Die Erklärung betont auch die Einrichtung von atomwaffenfreien Zonen, speziell in Spannungsregionen, in der Absicht Frieden und Sicherheit auf globaler und regionaler Ebene zu verbessern.(Quelle: www.opanal.org/NWFZ/NWFZ's.htm ; Seite nicht mehr vorhanden)

Mehr zu atomwaffenfreien Zonen

Bearbeitungsstand: Juni 2006

siehe auch: Atomwaffenstaaten
siehe auch: Nichtverbreitungsvertrag

Kalter Krieg

engl.: Cold War

Historische Bezeichnung für die potentielle militärische Konfrontation zwischen den atomaren Supermächten USA und UdSSR einschließlich ihrer jeweiligen Bündnissysteme. Die bipolare Spaltung der Weltgesellschaft bildete sich nach dem 2. Weltkrieg aus und wurde national wie international bis in die 80er Jahre durch die Politik des Kalten Krieges bestimmt.

Der Begriff wurde 1947 von der amerikanischen Publizistik zur Bezeichnung der „Politik am Rande des Krieges“ (US-Außenminister Dulles) geprägt. Das wichtigste Mittel des Kalten Krieges war die „ideologische Kriegsführung“, die in Verbindung mit wirtschaftlichem und militärischem Druck die Isolierung und Schwächung des Gegners anstrebte. Die Freund-Feind-Logik des Kalten Krieges begünstigte in beiden Bündnissystemen eine paranoide „Festungsmentalität“.

Besonders während der Suez-Krise (1956) und während der Kuba-Krise (1962) geriet die Welt in Furcht und Schrecken, weil die Gefahr eines atomaren Dritten Weltkrieges in greifbare Nähe gerückt war.

Der Kalte Krieg endete mit der Selbstauflösung des Warschauer Paktes im Jahr 1991. (Drechsler/Hilligen/Neumann: Gesellschaft und Staat, 8. Aufl., München 1992, S. 387f.)

Bearbeitungsstand: Dezember 2005.

siehe auch: Kubakrise
siehe auch: Warschauer Pakt

Kampf dem Atomtod

Die Kampagne "Kampf dem Atomtod" richtete sich gegen die geplante Bewaffnung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen. Dagegen formierte sich einem Bündnis aus SPD, DBG, FDP, Kirchenvertretern, Schriftstellern und Wissenschaftlern. Jedoch konnte der gemeinsam getragene Aufruf den Bundestagsbeschluss vom 25. März 1958 für die Stationierung der Waffen nicht verhindern. Auch der Versuch, eine Volksbefragung zu initiieren, scheiterte. Nachdem das Bundesverfassungsgericht am 30. Juni die geplante Volksbefragung als verfassungswidrig verboten hatte, wurde die Kampagne beendet. Im Dezember 1958 entschied die Nato, dass die in Deutschland stationierten Atomwaffen unter dem Oberbefehl der USA verbleiben sollten.


Gründungsaufruf der Aktion "Kampf dem Atomtod" vom 10. März 1958

„Das deutsche Volk diesseits und jenseits der Zonengrenze ist im Fall eines Krieges zwischen Ost und West dem sicheren Atomtod ausgeliefert. Einen Schutz dagegen gibt es nicht. Beteiligung am atomaren Wettrüsten und die Bereitstellung deutschen Gebietes für Abschussbasen von Atomwaffen können diese Bedrohung nur erhöhen. Ziel einer deutschen Politik muss deshalb die Entspannung zwischen Ost und West sein. Nur eine solche Politik dient der Sicherheit des deutschen Volkes und der nationalen Existenz eines freiheitlich-demokratischen Deutschlands.
Wir fordern Bundestag und Bundesregierung auf, den Rüstungswettlauf mit atomaren Waffen nicht mitzumachen, sondern als Beitrag zur Entspannung alle Bemühungen um eine atomwaffenfreie Zone in Europa zu unterstützen.
Wir rufen das gesamte deutsche Volk ohne Unterschied des Standes, der Konfession oder der Partei auf, sich einer lebensbedrohenden Rüstungspolitik zu widersetzen und statt dessen eine Politik der friedlichen Entwicklung zu fördern. Wir werden nicht Ruhe geben, solange der Atomtod unser Volk bedroht. (LL)
Bearbeitungsstand: Mai 2014

Kanada

Atomwaffenstaat | Nuclear Weapon State

Kanadisches Flugzeug CF 101B Voodoo, 1962 in Bagotville, Quebec. Foto: Bernardd / CC-BY-SA-3.0 / Wikimedia Commons

Von 1963 bis 1984 waren in Kanada us-amerikanische Atombomben mit den dazugehörigen Trägersystemen stationiert.

Insgesamt existierten vier Stützpunkte: 

Atomwaffenstützpunkt Comox Airbase

Der Atomwaffenstützpunkt Comox Airbase lag ca. 180 km nordwestlich von Vancouver in der Provinz British Columbien. Hier waren ab 1961 insgesamt 28 Flugzeuge vom Typ McDonnell F-101 Voodoo stationiert. Die zweistrahligen Flugzeuge stammten aus us-amerikanischer Produktion und waren bereits in in den 1950er Jahren entwickelt worden. Der Standort wurde aber erst 1964 mit us-amerikanischen atomaren Fliegerbomben bestückt.

Atomwaffenstützpunkt Bagotville Airbase

Ein weiterer Atomwaffenstützpunkt war Bagotville Airbase, ca. 200 km nördlich von Quebec gelegen. Hier waren ebenfalls 28 Maschinen vom Typ McDonnell F-101 Voodoo stationiert. Auch dieser Standort wurde ab 1964 mit us-amerikanischen atomaren Fliegerbomben bestückt. Dabei handelte es sich um eine ungelenkte Luft-Luft-Rakete vom Typ AIR-2 Genie, die mit dem Nuklearsprengkopf W-25 ausgestattet war. Dieser verfügte über eine Sprengkraft von ca. 2 KT. Jede McDonnell F-101 Voodoo konnte neben der konventionellen Bewaffnung zusätzlich zwei nukleare Luft-Luft-Raketen mitführen.

In Ergänzung zu den atomaren Luft-Luft-Raketen wurden an zwei weiteren Standorten atomwaffenfähige Flugabwehrraketen (Boden-Luft-Raketen) vom Typ BoMarc stationiert.

Die BoMarc war eine ferngesteuerte us-amerikanische Flugabwehrrakete (Boden-Luft-Rakete) mit einer Reichweite von 700 Kilometern bei einer Geschwindigkeit von bis zu 2,8 Mach. 

Die Raketen wurden in verbunkerten Stellungen bereitgehalten, von wo aus sie automatisch aufgerichtet und abgefeuert werden konnten. Neben einem konventionellen Gefechtskopf konnten sie auch mit einem Nuklearsprengkopf vom Typ W-40, der über eine Sprengkraft von 40 KT verfügte, eingesetzt werden. 

Als Einsatzstandorte standen zur Verfügung:

North Bay (RCAF Station)

North Bay (RCAF Station) in der Provinz Ontario ca. 300 km nordwestlich von Ottawa. Hier war die Squadron No. 446 SAM stationiert, die auch als Kommando- und Kontrollzentrum für den zweiten Standort diente. Die ersten atomaren Gefechtsköpfe wurden Ende 1963 am Standort eingelagert. Sie wurden von den Trägerraketen gesondert gelagert und unterlagen der Kontrolle des US-Detachment 1 of the USAF 425th Munitions Maintenance Squadron. Die Raketenstellungen befanden sich im 24 Stunden Einsatz. Im Ernstfall sollten sie anfliegende sowjetische Bomber vernichten. Im März 1972 wurden die atomaren Gefechtsköpfe in die USA zurück verlegt. Das ehemalige Atomwaffenlager ist heute noch im Luftbild gut sichtbar. (Google earth: 40°22'18“N, 79°24'26“S)

La Macaza (RCAF Station)

Der zweite Standort La Macaza (RCAF Station) in der Provinz Quebec lag ca. 130 km nordöstlich von Ottawa. Hier war die Squadron No. 447 SAM stationiert. Der Verband hatte die gleiche Ausstattung und den gleichen Auftrag wie die Squadron No. 448 SAM in North Bay. Auch hier erfolgte der Abzug der atomaren Gefechtsköpfe im März 1972.

Die Luftwaffenstützpunkte Comox und Bagotville waren noch bis 1984 aktiv. Nach 20 jähriger Stationierung wurden die letzten 24 US-amerikanischen Atomsprengköpfe vom kanadischen Stützpunkt Comox abgezogen. Am 28. Juni 1984 wurde Kanada atomwaffenfrei. (LL)

(Quelle: Dr. John M. Clearwater: Canadian Nuclear Weapons)

Bearbeitungsstand: September 2014 

Kanonenprinzip

engl.: Gun-type assembly

Um Atombomben zur Explosion zu bringen, kommen im Wesentlichen zwei verschiedene Systeme zum Einsatz. Man unterscheidet dabei das Gun-Design und die Implosion.

Das Gun-Design (Kanonenprinzip) verwendet als Zündung konventionelle Sprengladungen. Damit werden zwei unterkritische spaltbare Massen aufeinander geschossen. In der Regel werden dazu zwei Halbkugeln verwendet, in denen sich das Material getrennt voneinander befindet.

Als Ergebnis kommt es zu einer Verschmelzung der beiden unterkritischen Massen zu einer Überschreitung der kritischen Masse, wodurch die Kettenreaktion ausgelöst wird. Dieses Verfahren wurde erstmals beim Einsatz der Atombombe „Little Boy“ auf die Stadt Hiroshima am 6. August 1945 angewendet. (LL)

Bearbeitungsstand: Dezember 2015

» Weitere Informationen zum Aufbau einer Atomwaffen

Bild oben: Schematik der „Little Boy“-Atombombe. Bild: Wikimedia Commons, mit deutscher Übersetzung

Kansas City Plant (KCP)

Einrichtung des Atomwaffenkomplexes, Missouri, USA

In Kansas City, Missouri, steht das KCP, das von einer Tochter des Honeywell-Konzerns betrieben wird. Es produziert nichtatomare Komponenten für Atomwaffen, insbesondere elektrische, elektronische und chemische Komponenten, wie spezielle Kunst- und Klebstoffe. Es liefert bis zu 85% der Teile, die für einen Atomsprengkopf erforderlich sind, inklusive Ziel-, Radar-, und Lenksystemen und Tritiumreservoire. jk

(Quellen: Honeywell)

Bearbeitungsstand: August 2012

siehe auch: Honeywell
siehe auch: Sprengkopf
siehe auch: Tritium
siehe auch: Atomwaffenkomplex der USA

Kapellen

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

Die belgische Luftwaffe betrieb zwischen 1963 und 1989 im Rahmen der NATO-Luftverteidigung insgesamt 8 Nike Feuerstellungen (Launching Area) auf dem Boden der Bundesrepublik Deutschland. Dabei waren dem 9th Missile Battallion die Stellungen bei Xanten, Kappeln, Hinsbeck und Erle und dem 13th Missile Battallion die Stellungen bei Nideggen, Blankenheim, Euskirchen und Bedburg unterstellt.

Die Nike-Feuerstellung (Launching Area) Kapellen (51°09'08“N, 6°38'32“O) der B-Battery, 9th Missile Battallion lag ca. 6 km südwestlich der Stadt Neuss am Rhein. (LL)

In der Stellung Kapellen waren atomare Flugabwehrraketen vom Typ Nike stationiert. An Atomsprengköpfen waren zwei Versionen verfügbar. Die kleinere mit der Bezeichnung B-XS hatte eine Sprengkraft von 2 Kilotonnen (KT). Die größere B-XL besaß ursprünglich 40 KT Sprengkraft. Letztere wurden in den 1970er Jahren gegen Sprengköpfe zu 20 KT ausgetauscht. Maximal waren je Stellung zehn Atomsprengköpfe vorhanden, acht mit der Stärke XS mit 2 KT und zwei XL mit 40/20 KT Sprengkraft. (Jürgen Dreifke)

Die ehemalige Feuerstellung mit ihren Gebäuden und Sicherungseinrichtungen ist heute noch gut erkennbar. Auf dem Gelände befinden sich zahlreiche Kunstobjekte. (LL)

Bearbeitungsstand: Juni 2011

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: Nike Hercules
siehe auch: KT (Kilotonne)

Kasachstan

ehem. Atomwaffenstaat

Kasachstan war neben Russland, Weißrussland und der Ukraine eine der vier ehemaligen Sowjetrepubliken, auf deren Territorium nach Auflösung der Sowjetunion Atomwaffen stationiert waren. Nach Erlangung der Unabhängigkeit befand sich im Herbst 1991 das viertgrößte Atomwaffenarsenal der Welt auf dem Territorium Kasachstans. Beim Zerfall der UdSSR waren 104 Einheiten SS-18 mit je zehn Sprengköpfen in zwei kasachischen Stützpunkten stationiert. Dazu kamen 40 strategische Bomber vom Typ Tu-95MS ›Bear H‹ mit insgesamt 370 Cruise missiles (mit je einem Atomsprengkopf). Zudem erbte die Republik die gesamte Produktionsindustrie sowie die wissenschaftliche Forschungsbasis für die Produktion und Modernisierung von Atomwaffen.

Das wichtigste strategische Objekt war das Atomwaffentestgelände Semipalatinsk, das zweitgrößte Atomtestgelände der Welt. Im Gebiet Semipalatinsk wurden zwischen 1949 und 1989 auf einer Fläche von 18.000 km² 456 Atomwaffentests durchgeführt. Das Gelände wurde durch einen Erlass des Präsidenten Kasachstans vom 29.8.1991 offiziell geschlossen. Im Jahr 2000 wurden die letzten Testschächte unbrauchbar gemacht. 18 Jahre nach der Schließung des Testgeländes brachte Kasachstan eine Resolution in den Vereinten Nationen ein, die einstimmig angenommen wurde, dass der 29. August zum Internationalen Tag gegen Atomtests ernannt wird. [»UN-Resolution 64/35 PDF] Seitdem wird jedes Jahr an diesem Tag in Kasachstan den Folgen der Atomtests gedacht und für den endgütigen Atomteststopp durch das Inkrafttreten des Atomteststoppvertrages geworben.

Kasachstan ratifizierte den START-I-Vertrag am 2. Juli 1992. Bis Februar 1994 wurden 33 Bomber nach Russland gebracht, sieben waren nicht mehr einsatzfähig. Mit der Ratifizierung des Atomwaffensperrvertrags im Jahr 1993 wurde die Basis für den Abzug der Atomwaffen aus Kasachstan geschaffen. Um dieses Ziel zu erreichen, mussten alle in Kasachstan stationierten Atomwaffen an Russland übergeben werden. Im April 1995 wurde der Abzug der Atomsprengköpfe der kasachischen ICBM nach Russland beendet, bis 1996 folgten die Raketen selbst. Die ICBM-Startsilos wurden zerstört.

Kasachstan unterzeichnet den Vertrag von Semei am 8. Dezember 2006, der Zentralasien zur atomwaffenfreien Zone macht. Die ersten Schritte zur Einrichtung einer atomwaffenfreien Zone begannen mit der Erklärung von Almaty im Jahre 1992. Eine Resolution zur Einrichtung einer solchen Zone wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen 1997 einstimmig angenommen und im Jahr 2000 bekräftigt. (Quellen: EEO, IDN)

Bearbeitungsstand: Dezember 2016

»Weitere Informationen zu atomwaffenfreien Staaten

Kasbek-System

Das Kasbek-System ist das Gegenstück zum US-amerikanischen Atomkoffer (Nuclear Football). Soweit bekannt, besteht dieses System aus drei getrennt aufzubewahrenden Koffern, die ständig beim russischen Präsidenten, dem Generalstabschef sowie dem Verteidigungsminister verfügbar gehalten werden. Zur Erteilung eines Abschussbefehls müssen die entsprechenden Codes der drei Träger vorliegen. Dadurch wird sichergestellt, dass nicht eine einzelne Person sondern nur alle drei Personen gemeinsam einen Nukleareinsatz autorisieren können. Analog zu diesem Verfahren ist auch für einen amerikanischen Abschussbefehl immer die Zwei-Mann-Regelung zwingend vorgeschrieben. (LL)

Bearbeitungsstand: November 2007

siehe auch: Atomkoffer

Kellinghusen

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

Kellinghusen Atomwaffenlager, Foto: RoverleoDas Sondermunitionslager Kellinghusen (53°58’13“N, 09°41’25“O) befand sich ca. 12 km nordöstlich der Stadt Itzehoe in Schleswig Holstein. In diesem Lager waren bis 1973 die atomaren Sprengköpfe für das in Itzehoe stationierte Raketenartilleriebataillon 650 gelagert. Dabei handelte es sich von 1965 bis zur Verlegung des Bataillons im April 1973 nach Flensburg um Sprengköpfe für die Kurzstreckenrakete »Sergeant«. Diese Rakete war mit dem Nukleargefechtskopf W52 ausgerüstet, der über eine Sprengleistung von 200 KT verfügte.

Außerdem wurde im Lager Kellinghusen die gesamte atomare Munition der in Neumünster stationierten 6. deutschen Panzergrenadierdivison bevorratet. Dabei handelte es sich um:

  • Gefechtsköpfe für die taktische Kurzstreckenrakete »Honest John« (bis 1980);
  • Artilleriegranaten Kaliber 203 mm für die »schwere« Panzerhaubitze der Divisionsartillerie (ab 1960 atomar);
  • Artilleriegranaten Kaliber 155 mm für die Panzerhaubitze der Brigadeartillerie (ab 1972 atomar).

Das Lager wurde vermutlich im Jahr 1991 geräumt. (LL)

Bearbeitungsstand: Oktober 2009

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: KT (Kilotonne)
siehe auch: Lance-Rakete
siehe auch: Sergeant-Rakete
siehe auch: Sondermunitionslager

Kemel

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

Die Nike-Feuerstellung (Launching Area) Kemel (50°09’50“N, 08°02’22“O) der 3. Batterie des FlaRakBtl 23 lag ca. 3 km nordwestlich von Bad Schwalbach im Taunus.

Die dort stationierte FlaRakBatterie bestand aus drei getrennten Bereichen: der Unterkunft, dem Feuerleitbereich in günstiger topografischer Lage mit bis zu 5 Radargeräten für Überwachung, Zielerfassung, Zielverfolgung und Flugkörperverfolgung und dem Abschussbereich mit jeweils 3 Abschussflächen und dazugehörigen Bunkern. In diesem Bereich befanden sich auch die Atomsprengköpfe. Während die Raketen in Montagebunkern oder auf durch Erdwälle geschützten  Abschussschienen bereit gehalten wurden, lagen die Radaranlagen in exponierter Stellung und konnten nur mit Sandsäcken oder Konturen verwischender Tarnung ungenügend geschützt werden. Zum Schutz insbesondere vor angreifenden Tieffliegern wurden die Stellungen später zusätzlich mit 20mm Zwillingsgeschützen ausgestattet.
In der Stellung Kemel waren vermutlich von 1964 bis 1987 atomare Flugabwehrraketen vom Typ Nike stationiert. An Atomsprengköpfen waren zwei Versionen verfügbar. Die kleinere mit der Bezeichnung B-XS hatte eine Sprengkraft von 2 Kilotonnen. Die größere B-XL besaß ursprünglich 40 kT Sprengkraft. Letztere wurden in den 1970er Jahren gegen Sprengköpfe zu 20 kT ausgetauscht. Maximal waren je Stellung zehn Nuklear-Sprengköpfe vorhanden, acht mit der Stärke XS mit 2 Kilotonnen und zwei XL mit 40/20 Kilotonnen Sprengkraf(Jürgen Dreifke).

Ein Zeitzeuge erinnert sich: „Die vier Batterien des FlaRakBtls 23 [mit den Feuerstellungen Albach, Schöneck, Kemel und Obersayn] befanden sich in unterschiedlichen Bereitschaftsstufen mit einer Reaktionszeit von maximal 30 Minuten, maximal 3 Stunden, maximal 12 Stunden und mehr als 12 Stunden. Innerhalb einer Batterie hatten mindestens zwei Abschussplätze den selben Bereitschaftsgrad. Konnte eine der Batterien aus technischen Gründen den Bereitschaftsgrad nicht einhalten, dann rückten die anderen Batterien eine Einsatzstufe nach oben. Abhängig vom Bereitschaftsgrad war die Stellung im Schichtbetrieb ständig besetzt und einsatzbereit. Dazu gab es in der Batterie drei Kampfbesatzungen für den Feuerleit- und Abschussbereich, die sich in einem System von 48-Std-Schichten während der Woche und 72-Std-Schichten am Wochenende abwechselten. Für den Einsatz der Gefechtsköpfe gab es genau festgelegte Prioritäten. Beim Anflug eines einzelnen feindlichen Zielobjektes wurde ein kleiner atomarer Gefechtskopf (B-XS) eingesetzt. Beim Anflug mehrerer feindlicher Zielobjekte wurde ein großer atomarer Gefechtskopf (B-XL) eingesetzt. Die ebenfalls vorhandenen konventionellen Gefechtsköpfe dienten lediglich als Munitionsreserve.

Soweit mir bekannt, befanden sich in allen Nike-Stellungen der Bundesluftwaffe atomare Gefechtsköpfe.“ (Quelle: Michael Juhls)

Bearbeitungsstand: Juli 2010

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: KT(Kilotonne)
siehe auch: Nike Hercules

Kernenergie

engl.: nuclear energy

Kernenergie kann durch zwei verschiedene Kernreaktionen freigesetzt werden: durch Kernspaltung (Fission) und Kernverschmelzung (Fusion). Die dabei entstehende Energie wird zum einen militärisch und zum anderen zivil genutzt.

Bei der Detonation eines Atomsprengkörpers wird Kernenergie in andere, zerstörende und schädigende Energieformen umgewandelt. Die auf Kernfusion beruhenden Sprengsätze setzten dabei ein Vielfaches mehr an zerstörerischer Energie frei als Sprengsätze, denen das Prinzip der Kernspaltung zugrunde liegt.

Die in Atomkraftwerken zur Stromerzeugung umgewandelte Energie beruht auf Kernspaltung. Kernfusionsreaktoren befinden sich noch im Forschungsstadium. (NR)

Bearbeitungsstand: November 2007.

siehe auch: Kernfusion
siehe auch: Kernspaltung

Kernfusion

Die Verschmelzung leichter Atomkerne bezeichnet man als Kernfusion. Gelingt es beispielsweise zwei Wasserstoffkerne - gegen die abstoßenden elektrischen Kräfte der Protonen - sehr nahe zusammen zu bringen, verschmelzen sie zu einem Helium-Kern. Dabei wird eine gewaltige Energiemenge frei. Wiederum viele Milliarden Mal mehr, als man zuvor zur Annäherung der Protonen aufbringen muss. Diese Reaktion kommt nur bei mehreren Millionen Grad in Gang. Erst dann ist die Geschwindigkeit der Protonen so groß, dass die abstoßenden Kräfte überwunden werden.

Die Kernfusion wird in Kernwaffen (Wasserstoffbombe) zur weiteren Verstärkung der vernichtenden Wirkung benutzt. Kernfusionswaffen entfalten bis zu 100.000 Tonnen TNT. (Quelle: IPPNW)

Bearbeitungsstand: September 2007

Siehe auch: TNT
Siehe auch: Wasserstoffbombe

Kernspaltung (Fission)

Versuchsapparaturen, mit denen Otto Hahn und sein Assistent Fritz Straßmann die Kernspaltung entdeckten. Deutsches Museum, München. Foto: Luidger

Werden Uran-235-Kerne mit Neutronen beschossen, so nehmen sie ein Neutron auf und ihre Massenzahl steigt auf 236. Der so entstandene Kern ist nicht beständig, gerät ins Schwingen und fällt auseinander. Es entstehen Spaltprodukte mit kleineren Massenzahlen, also neue, meist radioaktive Elemente.

Bei einer Kernspaltung entstehen zwei neue Atome und zwei bis drei Neutronen. Diese freien Neutronen spalten automatisch weitere Kerne. Die Masse aller Spaltprodukte ist geringer als die Masse des ursprünglichen Kerns. Das Massedefizit wird im Spaltvorgang in Energie umgewandelt. (LL)

»Weitere Informationen zur Kernspaltung

Bearbeitungsstand: September 2007.

Siehe auch:
»Uran-235

Kernstrahlung

Bei der Detonation von Atomsprengkörpern werden ca. 15 % der Gesamtenergie als Kernstrahlung freigesetzt. Es handelt sich um eine energiereiche Strahlung, die mit den Sinnesorganen nicht wahrnehmbar ist, aber die Zellen schädigt oder abtötet. Die Schädigung wächst mit der Intensität und der Dauer der Strahlung. Unterschieden werden Anfangs- und Rückstandsstrahlung. Die Reichweite der Anfangsstrahlung ist auf einige Kilometer begrenzt. Die später als eine Minute nach der Detonation wirksame Kernstrahlung wird als Rückstandsstrahlung bezeichnet. Der größte Teil der Rückstandsstrahlung geht von den radioaktiven Spaltprodukten aus, die im Falle einer Bodendetonation als sichtbarer, trüber Fallout (radioaktiver Niederschlag) zur Erde zurückfällt. Die radioaktiven Staubteilchen oder Wassertröpfchen werden kilometerweit in der Höhe gebildet und fallen je nach Windgeschwindigkeit und Windrichtung in den verschiedenen Luftschichten näher oder weiter vom Detonationspunkt nieder und verursachen eine radioaktive Kontamination des Bodens auf vielen Quadratkilometern. Schwere Teilchen fallen in kurzer Zeit nahe dem Detonationspunkt zu Boden. Leichtere Teilchen fallen im Laufe von Stunden oder Tagen auf die Erdoberfläche zurück. Regen und Schnee können radioaktiven Staub, der sich in den bodennahen Luftschichten befindet,  »auswaschen«. Es entsteht dann eine begrenzte stärkere Kontamination. Die Intensität der Kernstrahlung wird als Dosisleistung in Sievert pro Stunde (Sv/h) angegeben. Sie nimmt mit der Zeit ab. (Quelle: lycos.de)

Bearbeitungsstand: März 2008

siehe auch: Anfangsstrahlung
siehe auch: Dosisleistung
siehe auch: Fallout
siehe auch: Rückstandsstrahlung
siehe auch: Sievert

Kernverschmelzung

engl.: nuclear fusion

Deuterium-Tritium-Fusion, Grafik: Wykis

Die Kernverschmelzung wird auch als Kernfusion bezeichnet. Sie ist bisher nur militärisch nutzbar, weil eine friedliche Nutzung wegen der extrem hohen Temperaturen von einigen Millionen Grad Celsius noch in weiter Ferne liegt.

Die Verschmelzung leichter Atomkerne bezeichnet man als Kernfusion. Gelingt es beispielsweise zwei Wasserstoffkerne - gegen die abstoßenden elektrischen Kräfte der Protonen - sehr nahe zusammen zu bringen, verschmelzen sie zu einem Helium-Kern. Dabei wird eine gewaltige Energiemenge frei. Wiederum viele Milliarden Mal mehr, als man zuvor zur Annäherung der Protonen aufbringen muss. Diese Reaktion kommt nur bei mehreren Millionen Grad in Gang. Erst dann ist die Geschwindigkeit der Protonen so groß, dass die abstoßenden Kräfte überwunden werden. Die Kernfusion wird in Kernwaffen (Wasserstoffbombe) zur weiteren Verstärkung der vernichtenden Wirkung benutzt. Kernfusionswaffen entfalten bis zu 100.000 Tonnen TNT. (Quelle: IPPNW)

Bearbeitungsstand: September 2008

siehe auch: TNT (Trinitrotoluol)
siehe auch: Wasserstoffbombe

Kernwaffe

engl.: nuclear weapon; atomic weapon

Zu den Atomwaffen, auch Kernwaffen oder Nuklearwaffen genannt, gehören alle Waffen, die ihre Explosionsenergie durch Kernspaltung oder Kernfusion gewinnen. Trifft ein Neutron auf einen spaltbaren Kern, so zerfällt dieser unter Freisetzung von großen Mengen Energie. Spaltbare Kerne sind z.B. diejenigen von 235U oder 239Pu. Die Zündung der Reaktion erfolgt durch Zusammenschießen des Sprengstoffs zur kritischen Masse. Eine Kettenreaktion soll dann in Gang gesetzt werden, wenn das Material den optimalen Zustand erreicht hat.
Atomwaffen rufen durch Freisetzung von Atomenergie sehr große zerstörende Wirkung hervor. Von herkömmlichen Waffen unterscheiden sie sich dadurch, dass sie:

  • Die bis zu einmilliarden-fache Sprengkraft herkömmlicher Waffen besitzen,
  • bei der Explosion wesentlich höhere Temperaturen entwickeln (Lichtblitz, Hitzestrahlung),
  • durch die Explosion radioaktive Strahlung freisetzen.
  • Außerdem entstehen radioaktive Spaltprodukte, die zu einer Verseuchung der Umgebung führen.

Atomwaffen können z.B. in Form von Bomben, Geschossen, Raketensprengköpfen oder Torpedogefechtsköpfen eingesetzt werden.

(Quelle: Nicht bekannt)

Bearbeitungsstand: November 2006

Kernwaffengenerationen

engl.: nuclear weapons' generations

W80-Atomsprengkopf. Foto: US Gov

Die Entwicklung der Atomwaffen (Kernwaffen) seit den 1940er Jahren bis in die Gegenwart wird in vier Generationen untergliedert.

Kernwaffen der 1. Generation sind Atombomben, die in den 1940er und 1950er Jahren entwickelt wurden. Diese Nuklearwaffen basieren auf einer Kugel aus Plutonium-239 und Uran-235. Die beiden Spaltmaterialien, die man verwenden kann, sind sehr teuer, denn man findet in der Natur nur Spuren von Uran, was bedeutet, dass man Plutonium künstlich herstellen muss. In der Kugel befindet sich eine Neutronenquelle, die aber erst dann wirkungsvoll wird, wenn das die Kugel umgebende Trinitrotoluol (TNT) explodiert. Durch den Druck der Explosion und das zusammendrücken der radioaktiven Stoffe wird die kritische Masse des Spaltmaterials erreicht. Bei der Zündung einer Atombombe findet eine unkontrollierte Kettenreaktion statt. Die Anzahl der Kernspaltungen steigt dabei lawinenartig an. Es werden ungeheure Energiemengen in einer Explosion frei. Für eine unkontrollierte Kettenreaktion muss eine ausreichend große Menge an spaltbarem Material (Uran-235) vorhanden sein. Auch bei Atombomben die anders aufgebaut sind, ist das Prinzip immer dasselbe.

Kernwaffen der 2. Generation sind Wasserstoffbomben, die ebenfalls in den 1940er und 1950er Jahren entwickelt wurden. Charakteristisch für diese Nuklearwaffen ist die Kernfusion, die durch eine Implosionszündung eingeleitet wird. Bei einer Kernfusion verschmelzen zwei Kerne ineinander und bilden einen neuen Kern. Dabei werden große Mengen Energie frei. Da thermonukleare Reaktionen nur bei sehr hohen Temperaturen ablaufen, stellt sich die Frage, wie eine solche Bombe gezündet werden soll. Um diese Temperaturen zu erzeugen, wird zuerst ein gewöhnlicher Kernspaltungsprozess gestartet, der dann die Kernfusion in Gang setzt. Wenn die Implosionszündung detoniert, wird der mit Schaumkunststoff gefüllte Raum mit Röntgenstrahlen (also energiereichen Photonen) überflutet. So wird der Zylinder mit dem Fusionsmaterial stark erhitzt. Durch den entstehenden Druck wird der Zylinder implodiert, wodurch der Plutonium-Kern den kritischen Zustand erreicht und detoniert. Der sich weiter aufbauende Druck und die enorme Hitze setzen schließlich den thermonuklearen Prozess in Gang. Dieses Verfahren wurde in der ersten jemals explodierten Wasserstoffbombe (Ivy Mike) eingesetzt. Die 1952 getestete Bombe wog 65t und war daher noch nicht abwurffähig. 1954 aber wurde eine nach demselben Prinzip gebaute Bombe (Castle-Bravo) über dem Eniwetok-Atoll abgeworfen. (Quelle: Donati: »ChemGlobe-Atomwaffen«)

Kernwaffen der 3. Generation sind sogenannte Neutronenbomben, die ab den 1960er bis in die 1980er entwickelt wurden. Dabei wurde das Ziel verfolgt, eine Waffe mit niedriger Sprengkraft herzustellen, die aber große Mengen von energiereichen Neutronen freisetzen sollte. Diese Neutronen durchdringen auch gepanzerte Einheiten ohne Probleme und können alles Leben zunichte machen. Die so genannte Neutronenbombe (Gefechtskopf mit verstärkter Strahlung) beruht nicht, wie die herkömmlichen taktischen Atomwaffen (Tactical Nuclear Weapons, TNW) auf der Kernspaltung (fission), sondern auf der Kernverschmelzung (fusion), wie sie beispielsweise in der Sonne stattfindet und die Quelle der ausgestrahlten ungeheuren Wärme und Lichtenergie bildet. Die auf Atomspaltung beruhenden Nuklearwaffen wirken im Wesentlichen durch Druck und vor allem durch Hitze und durch den radioaktiven Fallout. Etwa 95 Prozent der freiwerdenden Energie treten als Wärme von einigen Millionen Grad auf, nur 5 Prozent der Energie werden in Form von Strahlung freigesetzt. Bei der Fusionsbombe ist die Wirkungsweise fast umgekehrt. Sie setzt über 80 Prozent ihrer Energie in Form von Strahlung frei und nur knapp 20 Prozent als Druck und Hitze. Die extrem hohe Strahlungsmenge hat zur Folge, dass nach der Explosion einer Neutronenbombe ca. 71 Prozent der Fläche innerhalb des Wirkungskreises eine Strahlendosis von 650 rad und mehr abbekommen. Wer sich innerhalb dieser Zone ohne Schutzmöglichkeit aufhält, ist dem Tod geweiht. Doch auch niedrigere nicht tödliche rad-Dosen bewirken verheerende erbgenetische Schädigungen. (Anton-Andreas Guha: Die Neutronenbombe oder Die Perversion menschlichen Denkens, Frankfurt 1977, S. 13ff.)

Kernwaffen der 4. Generation basieren auf der Verwendung der Nanotechnologie (NT). Der Schweizer Physiker André Gsponer, Direktor des Independent Scientific Research Institute in Genf, geht davon aus, „dass die NT durch hitze- und strahlungsresistente Werkstoffe zur Miniaturisierung von Atombomben beitragen kann“. Damit könnte die NT zum Bau von Kernwaffen der vierten Generation eingesetzt werden. Das Ergebnis wäre eine „saubere“ Atombombe mit niedrigem Detonationswert unter Verwendung von Fusionsbrennstoff, „die kein oder sehr wenig spaltbares Material enthalten würde“ und in erdeindringenden Flugkörpern (Bunker Buster) verwendet werden kann. (Quelle: Zeitfragen)

Nach einer Fernsehsendung von rainews246 „verursachen die (Atom-)Waffen der 4. Generation nur eine begrenzte radioaktive Verseuchung, deren "spezifischen Eigenschaften aber noch durch die Militärs geheimgehalten werden“. Man habe es „mit neuen nuklearen Prozessen zu tun“, so ein Atomphysiker in der Sendung. 30 bis 40 Tonnen schwere Panzer aus Stahl würden geschmolzen, und tote Soldaten hätten schwarze Körper, ohne dass es Spuren von Verbrennung gäbe. (Quelle: Dr. Rudolf Hänsel)

Bereits im Februar 2005 berichtete die „New York Times“ dass „amerikanische Wissenschaftler mit der Entwicklung einer neuen Generation nuklearer Waffen begonnen (hätten), die stabiler und zuverlässiger und länger einsatzfähig (sein sollen) als die bisherigen“. Seitdem gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass die USA aber auch Russland mit großem finanziellen Aufwand die Entwicklung einer neuen Generation von atomaren Massenvernichtungswaffen vorantreiben. In welchem Umfang diese Waffen das Entwicklungsstadium bereits überschritten haben und für einen Einsatz bereitgehalten werden, ist nicht bekannt. (LL)

Bearbeitungsstand: Mai 2013

»Weitere Informationen über Atombomben, ihre Aufbau und Eigenschaften

Siehe auch:
»Strahlenwirkung auf Menschen

Kernwaffenfreie Zonen

engl.: nuclear weapon-free zones

Bei Kernwaffenfreien Zonen handelt es sich um bestimmte geografische Regionen innerhalb derer die Stationierung, das Testen, der Einsatz und die Entwicklung von Nuklearwaffen verboten ist. Bei diesen Gebieten kann es sich um einen einzelnen Staat, eine ganze Region aber auch um Gebiete handeln, die unter internationaler Kontrolle stehen.

Kernwaffenfreie Staaten entstehen durch die entsprechende Gesetzgebung der nationalen Parlamente oder entsprechende Erklärungen der Staatsführung. Einige Staaten, wie Österreich oder die Mongolei haben sich unabhängig von bereits existierenden kernwaffenfreien Zonen zu kernwaffenfreien Staaten erklärt, während andere wie Neuseeland oder die Philippinen die Bedingungen der regionalen kernwaffenfreien Zonen, zu deren Gebiet diese Staaten gehören, übernommen haben.

Sowohl Österreich als auch die Mongolei haben sich durch ihre Gesetzgebung zu atomwaffenfreien Staaten erklärt, Österreich 1999 und die Mongolei 2000. In beiden Entschließungen werden die Herstellung, die Lagerung, der Transport und das Testen von Nuklearwaffen auf dem Territorium dieser Staaten verboten. Die Gesetze der Mongolei verbieten außerdem  die Entsorgung von Nuklearwaffen auf dem Staatsgebiet und verpflichten den nationalen Sicherheitsrat zur Koordinierung aller Maßnahmen zur Einhaltung des NWF-Vertrages.

Neuseelands Erklärung zum atomwaffenfreien Staat verbietet außerdem jedem Schiff mit Atomantrieb oder Schiffen mit atomarer Beladung das Befahren der nationalen Gewässer. Flugzeugen mit Nuklearwaffen an Bord ist es verboten, das Gebiet zu überfliegen oder in Neuseeland zu landen. Diese Einschränkungen ergeben sich aus dem »Vertrag über die Atomwaffenfreie Zone Südpazifik«, dem Neuseeland beigetreten ist. Die Philippinen, die ebenfalls diesem Vertrag beigetreten sind, haben ihr Land durch Verfassungsänderung zum atomwaffenfreien Territorium erklärt.

Regionale Atomwaffenfreie Zonen
Die Bestimmungen für die einzelnen Zonen unterscheiden sich durch die jeweiligen Verträge. Unabhängig davon verbietet jeder Vertrag Entwicklung, Produktion, Testversuche oder Beschaffung von Nuklearwaffen. Die erste regionale Atomwaffenfrei Zone wurde im Vertrag zum »Verbot von Nuklearwaffen in Lateinamerika und der Karibik« (Treaty of Tlatelolco) im Jahr 1967 festgelegt und trat 1968 in Kraft. Obwohl auch Kuba den Vertrag unterschrieb, hat es ihn als einziges Land nicht ratifiziert.

Der »Vertrag über die atomwaffenfreie Zone im Südpazifik« (Treaty of Rarotonga) wurde 1985 geschlossen und trat bereits 1986 in Kraft. Der Vertrag wurde von den drei betroffenen Staaten Australien, Neuseeland und  Papua-Neuguinea unterzeichnet und ratifiziert. Obwohl die Vereinigten Staaten von Amerika die beiden Zusatzprotokolle ebenfalls unterzeichnet hatten, blieben sie das einzige Land, das diese Protokolle nicht ratifizierte.

Der Vertrag über die Atomwaffenfreie Zone in Südost Asien (Treaty of Bangkok) wurde 1995 unterzeichnet und trat 1996 in Kraft.

Der Vertrag über die Atomwaffenfreie Zone Afrika (Treaty of Pelindaba) wurde im Jahr 1996 zur Unterzeichnung vorgelegt und ist bisher noch nicht in Kraft getreten. Die Zusatzprotokolle I und II verbieten den Parteien, sich an Vertragsverletzungen zu beteiligen, die Androhung oder den Einsatz von Nuklearwaffen gegen die Zone, sowie nukleare Testversuche innerhalb der Zone. Die Zusatzprotokolle I und II sind von allen Mitgliedsstaaten unterzeichnet und von Frankreich und China auch ratifiziert worden. Spanien hat mit Rücksicht auf seine Gebiete innerhalb der Zone das Zusatzprotokoll III nicht unterzeichnet. Der Vertrag untersagt als einziger jeden Angriff auf eine atomare Einrichtung innerhalb der Zone.

Der Meeresbodenvertrag (Sea Bed Treaty, 1971), der Weltraumvertrag (Outer Space Treaty, 1967) und der Antarktisvertrag (Antarctic Treaty, 1959), die speziell jede Art von Nuklearexplosionen untersagen, sowie das Verbot zur Entsorgung radioaktiven Abfalls in der Antarktis sind zusätzliche multilaterale Abkommen mit dem Ziel, die Ausbreitung von Nuklearwaffen in diesen Gebieten zu unterbinden.

Geplante Kernwaffenfreie Zonen
Die internationale Gemeinschaft befasst sich mit der Möglichkeit, weitere Kernwaffenfreie Zonen einzurichten, speziell in Zentralasien, im Mittleren Osten, in Südasien, in Nordostasien und in Zentraleuropa. Ferner besteht für bereits existierende Zonen die Möglichkeit, enger zusammen zu arbeiten. So gibt es beispielsweise Bemühungen, die südliche Hemisphäre und angrenzende Regionen zu einer gemeinsamen Atomwaffenfreien Zone zusammenzufassen. Derartige Bemühungen werden durch Resolutionen der Vollversammlung der Vereinten Nationen und durch informelle Beratungen zwischen den einzelnen Zonen unterstützt. (LL)

Bearbeitungsstand: Februar 2008

Kernwaffentest

engl.: nuclear weapons test

Seit es die Atombombe gibt, probten die Atommächte beständig in zahlreichen Testexplosionen deren Wirksamkeit. Diese Tests hatten und haben eine Doppelfunktion: Zum einen geht es um die Überprüfung der Sicherheit und Zuverlässigkeit der vorhandenen Arsenale sowie um die Entwicklung neuer oder die Verbesserung existierender Atomwaffen und zum anderen um die Demonstration von Macht und Stärke der Atomwaffenbesitzer. Hauptgrund ist immer die Weiterentwicklung und Vervollkommnung von Atomwaffen.

Am 16. Juli 1945 wurde in Alamogordo in der Wüste Neumexikos von den USA der erste Test, Trinity, gezündet. Seitdem haben die fünf Atommächte - USA, UdSSR, Frankreich, Großbritannien und China - und drei andere Staaten - Indien, Pakistan und Nordkorea - insgesamt 2058 Atomwaffentests in der Atmosphäre und unter der Erde durchgeführt. Das bedeutet: Fast jede Woche ein Test.

Von der Gesamtsumme wurden 528 Tests in der Atmosphäre, unter Wasser, auf der Erdoberfläche oder im Weltraum gezündet. Diese Tests, auch „atmosphärische Tests“ genannt, haben zu einer weltweiten Verseuchung der Erde geführt, was die Gesundheit der Menschen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beeinträchtigte und beeinträchtigen wird. In der Nähe der Testgelände (Wüste von Nevada, Pazifikatolle, Sahara, Kasachstan, usw.) führten die atmosphärischen Tests häufig zu intensivem Fallout, und zu schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen der lokalen Bevölkerung und zu Verseuchungen der Umwelt. In einem partiellen Teststoppabkommen wurden daher 1963 solche Atomtests verboten.

Allerdings wird durch so genanntes „Ausventilieren“ auch bei unterirdischen Tests Radioaktivität freigesetzt, die die Umwelt schädigt. 1996 wurde nach erneuten unterirdischen Tests durch Frankreich und China endlich ein umfassender Teststoppvertrag vereinbart, der allerdings noch nicht in Kraft getreten ist. (RH)

Mehr zum Thema Atomtests (Geschichte) oder Atomtests (Wissen)

Bearbeitungsstand: Februar 2008

siehe auch: Bikini-Atoll
siehe auch: Fallout
siehe auch: Gray
siehe auch: Lop Nor
siehe auch: Outer Space Treaty
siehe auch: Pazifik
siehe auch: Trägersysteme

Kettershausen

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

Fort von Steuben, Lehmgrube, Foto: 1985 Jahrbuch, 1. Battalion, 81. FA

Die Bereitschaftsstellung Kettershausen (48°12’36”N, 10°14’36”O) befand sich etwa 9 km östlich der Stadt Illertissen in Baden-Württemberg. Sie wurde in der Zeit des Kalten Krieges als QRA-Stellung (Quick Reaction Alert) der US Armee genutzt. In der sogenannten Lehmgrube mit dem Spitznamen „Von Steuben“ war zunächst von 1969 bis Juli 1983 eine Pershing-IA-Raketenstellung des in Neuulm stationierten 81. Field Artillery Regiments der US-Armee mit neun einsatzbereiten Raketen, bestückt mit atomaren Gefechtsköpfen. Die Sprengköpfe vom Typ W50 verfügten über unterschiedliche KT-Werte von 60, 200 oder 400 KT.

Als Folge des NATO-Doppelbeschlusses wurde „Von Steuben“ ab 1983 eine von drei Stellungen in Deutschland, in denen stets einsatzbereite, mit nuklearen Gefechtsköpfen bestückte Pershing-II-Raketen stationiert waren, die innerhalb kürzester Zeit hätten gestartet werden können. Die Sprengköpfe vom Typ W85 verfügten über variabel einstellbare KT Werte von 5 bis 80 KT.

Von den jeweils 36 stationieren Raketen waren 12 in der QRA-Stellung ständig abschussbereit, 12 weitere wurden auf mobilen Lafetten von LKWs gezogen und konnten beliebig in der Landschaft bewegt werden und nach dem Feuerbefehl des SACEUR (Supreme Allied Commander in Europe) über das mitgeführte Feuerleitstellenfahrzeug abgeschossen werden. 12 weitere Raketen waren in Reserve im Bunker der Basis untergebracht. (LL)

Bearbeitungsstand: Dezember 2009

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: KT (Kilotonne)
siehe auch: NATO-Doppelbeschluss
siehe auch: Pershing-Rakete
siehe auch: Pershing-II-Rakete
siehe auch: QRA-Stellung
siehe auch: SACEUR

 

Kettenreaktion

engl.: chain reaction

Die Energie, die von einer Atomwaffe freigesetzt wird, stammt aus dem Atomkern. Der bei Atombomben ablaufende Vorgang einer Kettenreaktion beruht auf der Spaltung von Uran- oder Plutoniumkernen in leichtere Bruchstücke, die so genannten Spaltprodukte. Dabei werden Neutronen frei, die wiederum weitere Kerne spalten. Die Kettenreaktion läuft ungeheuer schnell ab. Die gesamte Kernenergie wird in etwa einer Millionstel Sekunde (1 Mikrosekunde) freigesetzt.

Mit dieser Technik ist es möglich geworden, mit einer einzigen Bombe innerhalb einer Mikrosekunde viel mehr Energie freizusetzen als mit allen herkömmlichen Waffen sämtlicher Kriege der Geschichte zusammengenommen. (RH)

Bearbeitungsstand: Juni 2006

siehe auch: Atombombe

KHAN Abdul Qadeer

1935 -

In Pakistan ist Abdul Q. Khan ein Nationalheld. Er gilt als Vater der pakistanischen Atombombe und ist für die weltweite Verbreitung von Nukleartechnologie, Ausrüstung und Know-how verantwortlich. In den sechziger Jahren hat er in Holland studiert. Hier hat er gelernt, wie man Uran mittels Zentrifugen anreichert. Nachdem Indien 1974 einen nuklearen Sprengkörper zur Explosion gebracht hatte, übertrug ihm der damalige pakistanische Premier Zulfikar Ali Bhutto die geheime Aufgabe, Atomwaffen zu entwickeln.

Khan stahl die Pläne für die benötigte Zentrifuge in Holland und schmuggelte sie nach Pakistan. In den neunziger Jahren, nachdem er die nukleare Aufrüstung von Pakistan vollendet hatte, trat er aus dem Staatsdienst aus und begann, sich um seine eigenen Geschäfte zu kümmern. Er gründete eine private Gesellschaft und reiste in den Nahen Osten. Dort bot er sein Wissen zuerst Algerien, Ägypten, Syrien und Saudi-Arabien an, wurde aber abgewiesen. [Nordkorea,] Iran und Libyen dagegen nahmen sein Angebot an und zahlten ihm Millionen. Khan richtete ein Schmuggelnetz ein, das diesen beiden Staaten – und dem Vernehmen nach auch Nordkorea – Ausrüstung und Know-how vermittelte.

Als Khans Machenschaften bekannt wurden und sein Schmugglerring aufflog, wurde er in Pakistan verhaftet und gründlich verhört. Unter Druck der Administration Bush war der damalige pakistanische Präsident Musharraf gezwungen, Khan unter Hausarrest zu stellen. Dieser dauerte rund fünf Jahre, doch kürzlich [August 2009] ist Khan entlassen worden.

«Niemand hat mich aufgespürt», sagte Khan seinem Interviewer. «Nach dem indischen Atomtest von 1974, der in Pakistan eine Hysterie ausgelöst hatte, dachte ich, mit Bhutto sprechen zu müssen und ihm von meinen Fähigkeiten zu berichten, 
eine Bombe herzustellen. Ich hatte Erfahrungen aus erster Hand mit der Technologie, und ich wusste, wie sie funktioniert. Pakistans technologische Infrastruktur existierte damals schlichtweg nicht, und Bhutto bat mich, die Arbeit zu überwachen. Es war Bhuttos Entscheid, die Bombe zu bauen.» (Quelle: tachles.ch)

Bearbeitungsstand: Oktober 2009

Weitere Informationen zum pakistanischen Atomprogramm

siehe auch: Iran
siehe auch: Libyen
siehe auch: Nordkorea
siehe auch: Ultrazentrifuge
siehe auch: Zentrifugalverfahren

Kill probability

Die Kill probability (dt.: Vernichtungswahrscheinlichkeit) eines nuklearen Gefechtskopfes kann Versuchsergebnissen zufolge auch als Reichweite der Druckwelle angegeben werden, innerhalb der sie Ziele (oder ein Gebiet) mit einer bestimmten Härte zerstört. Die Entfernung, innerhalb welcher der erforderliche Überdruck, vom Explosionspunkt aus gemessen, vernichtend auftritt, wird als Letalitätsradius bezeichnet. Ist der Letalitätsradius bekannt, so kann die Wahrscheinlichkeit, mit der ein nuklearer Gefechtskopf ein vorgegebenes Ziel zerstören kann, berechnet werden. (Dieter S. Lutz: Weltkrieg wider Willen?, Hamburg 1981, S. 370f.)

Bearbeitungsstand: Januar 2007

Killfaktor

engl.: kill capability

Die Vernichtungswirkung einer Waffe auf ein Ziel wird als Killfaktor oder Letalität bezeichnet. Sie ergibt sich aus zwei Faktoren: Der Treff- und Zielgenauigkeit (CEP) der Waffe einerseits und ihrer Sprengkraft (yield) andererseits. (Dieter S. Lutz: Weltkrieg wider Willen?, Hamburg 1981, S. 368.)

In jedem Fall hat der CEP-Wert einen größeren Einfluss auf den Killfaktor als die Sprengkraft. Als weitere wichtige Faktoren gelten geologische Formationen, Wetterverhältnisse, Detonationshöhe, aber auch die Verbunkerung der Zielobjekte. Wegen der zahlreichen Einflussfaktoren ist eine genaue Vorhersage des Killfaktors nicht möglich. (LL)

Bearbeitungsstand: Mai 2012

siehe auch: CEP-Wert
siehe auch: Sprengkraft

Kiritimati und Malden, Kiribati

engl.: Kiritimati (Christmas Islands)

Frigate Bird Atomtest durch Periskop des USS Carbonero, Foto: US Navy

Auf den beiden Inseln der Republik Kiribati detonierten Großbritannien und die USA in den 1950er und 1960er Jahren insgesamt 31 Atombomben. Tausende Inselbewohner und Soldaten die der Bestrahlung und dem radioaktiven Niederschlag ausgesetzt waren leiden bis heute unter den Strahlenfolgen.

Hintergrund
Das Pazifik-Atoll Kiritimati diente im Zweiten Weltkrieg der US-Luftwaffe als Zwischenstopp auf dem Weg nach Japan. Nach dem Krieg nutzte Großbritannien die Insel für die experimentelle Detonation von Wasserstoffbomben. Aufgrund von Verträgen mit der australischen Regierung durften diese nicht auf dem britischen Atomwaffentestgelände in Maralinga detoniert werden. Unter dem Codenamen 'Operation Grapple' wurde am 15. Mai 1957 vor der Küste von Malden die erste britische Wasserstoffbombe gezündet, die jedoch, ebenso wie zwei Folgetests im nächsten Monat, nicht die erwartete Sprengkraft entfaltete. Die Tests erreichten eine Sprengkraft von maximal 720 Kilotonnen TNT-Äquivalent, also über 50-mal mehr als die Atombombe, die über Hiroshima abgeworfen wurde.
Am 8. November 1957 folgte der erste Atomwaffentest auf Kiritimati, der Hauptinsel der Republik Kiribatis, die von den Briten Christmas Island genannt wurde. Die Detonation fiel mit einer Sprengkraft von 1,8 Megatonnen etwa 80% stärker aus als erwartet und zerstörte eine Vielzahl von Gebäuden und Infrastruktur auf der Insel. Zwischen April und September 1958 führte das britische Militär fünf weitere Explosionen auf Kiritimati durch, deren größte mit einer Sprengkraft von 3 Megatonnen etwa die 240-fache Zerstörungskraft der Hiroshimabombe aufwies. Mehrere Tausend Soldaten wurden im Rahmen der Testreihen radioaktiver Strahlung ausgesetzt.
Nach Abschluss der britischen Testreihen unternahmen die USA auf der Insel im Jahr 1962 die 'Operation Dominic', eine Reihe von 22 Atomexplosionen in einem Zeitraum von nur 4 Monaten. Die größte einzelne Explosion entwickelte eine Sprengkraft von 7,65 Megatonnen. Während dieser Tests waren mehrere Tausend Armeeangehörige auf der Insel stationiert. Auch die lokale Bevölkerung wurde nicht evakuiert.
1963 unterzeichneten Großbritannien, die USA und die Sowjetunion schließlich den Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser. 1979 erklärte die Republik Kiribati ihre Unabhängigkeit von Großbritannien.


Folgen für Umwelt und Gesundheit

Im Rahmen der Atomwaffentests auf Malden und Kiritimati waren die Inselbewohner sowie die Soldaten der USA, Großbritanniens, Neuseelands und der Fiji-Inseln hohen Strahlendosen ausgesetzt. Durch die Atomexplosion entstehende γ-Strahlung traf Beobachter der Tests auf der Insel, auf Schiffen oder in Flugzeugen weitgehend ungeschützt. Abschirmende Kleidung existierte nicht, da die Gefahren radioaktiver Strahlung damals von Seiten der Militärführung ignoriert wurden. Radioaktiver Niederschlag erhöhte die Gesamtdosis weiter: Inselbewohner und Soldaten bewegten sich auf der Insel frei umher, verzehrten kontaminierte Früchte, badeten in verseuchten Lagunen und atmeten radioaktiven Staub ein.
300 ehemalige Bewohner Kiritimatis reichten 2006 eine Petition im Europäischen Parlament ein, in der sie der britischen Regierung vorwarfen, gegen besseres Wissen eine radioaktive Exposition der Lokalbevölkerung in Kauf genommen zu haben. Obwohl inzwischen freigegebene Regierungsdokumente von damals explizit vor „sehr gefährlicher Kontamination“ durch radioaktiven Niederschlag warnten, unterblieben Warnungen oder Schutzmaßnahmen für die Inselbevölkerung. Heute leiden viele der ehemaligen Bewohner an den Langzeitfolgen radioaktiver Strahlung. Gesundheitliche Untersuchungen der betroffenen Bevölkerung wurden nicht unternommen. Unter den exponierten Soldaten hingegen wurde in einer Studie der Universität von Dundee ein deutlich erhöhtes Auftreten von Multiplem Myelom und andere Krebsformen, sowie grauem Star, Arthritis, Magen-Darm-Problemen und Atemwegserkrankungen gefunden. Darüber hinaus weisen
Nachkommen der Betroffenen eine erhöhte Rate von Missbildungen auf. Eine Fall-Kontroll-Studie an betroffenen neuseeländischen Soldaten zeigte einen engen Zusammenhang zwischen der Strahlendosis und genetischen Langzeitschäden, die zu verschiedenen Krebsformen, insbesondere Blutkrebs und Knochentumoren führten. Die britische Regierung bestreitet einen Zusammenhang mit den Atomwaffentests.


Ausblick
Aufgrund der Datenlage und angesichts zunehmender Gesundheitsprobleme in ihren Reihen, beginnen Veteranen der Atomwaffentests, die damals ergriffenen Schutzmaßnahmen in Frage zu stellen und werfen der Armeeführung vor, sie als Versuchskaninchen missbraucht zu haben. Verschiedene Veteranenverbände haben eine Sammelklage gegen das britische Verteidigungsministerium eingereicht und eine gerichtliche Auseinandersetzung eingeleitet, die bis heute andauert. Noch immer ist auf den Inseln erhöhte Radioaktivität nachweisbar. Erst 2004 wurden einige Bereiche gereinigt und strahlender Müll nach Großbritannien verschifft. Umfassende Studien zu den Gesundheitsfolgen bei Soldaten und Inselbewohnern fehlen bis heute, genau wie Entschädigungen für die Überlebenden der britischen und US-amerikanischen Atomwaffentests im Pazifik. Auch sie sind Opfer von Atomwaffen; auch sie sind Hibakusha. Quelle: Ausstellung „Hibakusha weltweit“
Bearbeitungsstand: April 2014

KISTIAKOWSKY George

1900 - 1982

Der Chemiker wurde im Jahr 1900 in Kiew geboren und war während des Zweiten Weltkriegs Leiter der Explosionsabteilung im »Los Alamos National Laboratory«. Die Entwicklung und Produktion der ersten Atombombe war im Jahr 1944 bereits in der Endphase, als Kistiakowsky Order bekam, die Leitung der Abteilung zu übernehmen, die den Zündsatz der Bombe entwickelte. Ein Jahr später wurde die erste Atombombe über Hiroshima abgeworfen. In den fünfziger Jahren holte US-Präsident Eisenhower den Harvard-Professor, der nach der Revolution seine russische Heimat verlassen hatte, 1921 in Berlin sein Chemiestudium fortsetzte und fünf Jahre später in die USA auswanderte, in seinen wissenschaftlichen Beraterstab. Unter Präsident Lyndon B. Johnson beriet Kistiakowsky das Pentagon, bis er 1967 sein Amt nach einem Streit über den Vietnam-Krieg niederlegte. Ab 1977 war er Vorsitzender des »Council for a Livable World«, eine Gesellschaft die sich gegen den Atomkrieg engagiert. 1982 starb Kistiakowsky in Cambridge (US-Bundesstaat Massachusetts) an Krebs (Quelle: Spiegel.de)

Bearbeitungsstand: September 2008

Weitere Informationen zur Entwicklung der Atombombe

siehe auch: Los Alamos

Kitzingen

ehem. Atomwaffenstandort Duetschland

Am Standort Kitzingen befanden sich zur Zeit des Kalten Krieges zwei Atomwaffenlager, die beide ausschließlich der Versorgung von US-Einheiten dienten.

ehem. Sonderwaffenlager Kitzingen. Bild: Digital GlobeDas ehemalige Sonderwaffenlager Kitzingen (Site # 35) (49°43'39“N, 10°06'43“O) lag westlich der Stadt Kitzingen unmittelbar an der Autobahn A7. Das Lager wurde von der 981st MP Company bewacht. Hier lagerten zunächst atomare Gefechtsköpfe für die Kurzstreckenraketen Corporal und Honest John. Später kamen Atomgranaten für die Panzerhaubitze M 109 hinzu.

 

 

ehem. Atomwaffenlager Kitzingen. Bild: Digital GlobeDas ehemalige Atomwaffenlager Kitzingen (49°44'25“N, 10°12'25“O) lag unmittelbar östlich der Stadt auf dem Gelände des Flugplatzes innerhalb der ehemaligen US-amerikanischen Kaserne (Harvey Barracks). Über die dort eingelagerte atomare Munition gibt es zur Zeit keine Angaben. (LL)

Bearbeitungsstand: Januar 2011

 

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: Kalter Krieg
siehe auch: Honest-John-Rakete

 

Kleingartach

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

Im Rahmen der großräumigen Luftverteidigung Europas während der Zeit des Kalten Krieges waren auch die US-Streitkräfte an dem quer durch Deutschland verlaufenden Nike-Herkules Flugabwehrgürtel mit insgesamt sechs in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz, stationierten Bataillonen beteiligt. Das 3thMissile Battailon, 71thUS-Arty-Group verfügte über atomare Feuerstellungen in den Standorten Kornwestheim, Sachsenheim, Kleingartach und Wurmberg.

Die Nike-Feuerstellung (Launching Area) Kleingartach (49°06'28“N, 09°00'42“O) lag ca. 15 km westlich von Heilbronn in Baden-Württemberg. Die dort stationierte C-Battery, 3thMissile Battailon, 71thUS-Arty-Group bestand aus drei getrennten Bereichen: der Unterkunft, dem Feuerleitbereich in günstiger topografischer Lage mit bis zu 5 Radargeräten für Überwachung, Zielerfassung, Zielverfolgung und Flugkörperverfolgung und dem Abschussbereich mit jeweils 3 Abschussflächen und dazugehörigen Bunkern. In diesem Bereich befanden sich auch die Atomsprengköpfe.

In der Stellung Kleingartach waren bis 1969 atomare Flugabwehrraketen vom Typ Nike stationiert. An Atomsprengköpfen waren zwei Versionen verfügbar. Die kleinere mit der Bezeichnung B-XS hatte eine Sprengkraft von 2 Kilotonnen. Die größere B-XL besaß ursprünglich 40 kT Sprengkraft. Letztere wurden in den 1970er Jahren gegen Sprengköpfe zu 20 kT ausgetauscht. Maximal waren je Stellung zehn Nuklear-Sprengköpfe vorhanden, acht mit der Stärke XS mit 2 Kilotonnen und zwei XL mit 40/20 Kilotonnen Sprengkraft. Für den Einsatz der Gefechtsköpfe gab es genau festgelegte Prioritäten. Beim Anflug eines einzelnen feindlichen Zielobjektes wurde ein kleiner atomarer Gefechtskopf (B-XS) eingesetzt. Beim Anflug mehrerer feindlicher Zielobjekte wurde soweit verfügbar ein großer atomarer Gefechtskopf (B-XL) eingesetzt. Die ebenfalls vorhandenen konventionellen Gefechtsköpfe dienten lediglich als Munitionsreserve. (LL)

(Quellen:  Jürgen Dreifke, Michael Juhls)

Von 1971 bis 1973 wurde die Stellung von der 3rd Battailon 84th FA US-Pershingeinheit aus Heilbronn/Neckarsulm vorübergehend als Alarmfeuerstellung (QRA-Site) für das atomare Waffensystem Pershing 1a genutzt. Nach Fertigstellung der QRA-Site Waldheide wurde diese Stellung aufgegeben.

Bearbeitungsstand: Oktober 2010

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: Nike Herkules
siehe auch: KT(Kilotonne)
 

Klimaveränderung

engl.: climate change

Ein großflächiger Einsatz nuklearer Waffen durch mehrere Staaten könnte katastrophale Auswirkungen auf das globale Klima haben. Diese Möglichkeit, die in einem im Dezember 1983 von einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern veröffentlichten Papier vorgebracht wurde, ist als Theorie vom »Atomaren Winter« bekannt geworden: Ein großer nuklearer Schlagabtausch führt zu ausgedehnten Bränden von Städten und Wäldern. Unmengen von Staub und Rauch gelangen in die Atmosphäre und bilden eine lastende, dunkle Decke. Die Sonne schimmert höchstens noch als undeutliche, helle Scheibe durch die dichte Rauchdecke. Es wird kalt. Die einschneidenden Temperaturveränderungen führen zu großräumigen Luftbewegungen. Eisstürme verwüsten in überlangen Nächten das Land. Zum unablässigen radioaktiven Niederschlag entsteht giftiger Smog. Pflanzen erfrieren, die Landwirtschaft steht still.

Die Ernährungslage wird weltweit prekär, denn die Rauch- und Staubdecke verteilt sich allmählich über den ganzen Planeten. Die Hoffnung auf Nahrungsmittelimporte fällt zusammen. Die Erdkruste vereist bis zu einem Meter Tiefe. Die Wasserversorgung ist gefährdet. So geht es über Monate. Wer bisher nicht durch Verletzungen, Verbrennungen oder Verstrahlungen umkam, dem droht jetzt der Tod durch Seuchen und Verhungern. Die Zahl der Opfer wird sich dadurch mehr als verdoppeln.

Erst nach Monaten lichtet sich die Decke. Jetzt ist die Welt plötzlich der erhöhten ultravioletten Strahlung ausgesetzt. Die Stickoxyde haben die Ozonschicht zerfressen. Diejenigen landwirtschaftlichen Pflanzen, die immer noch überlebt haben, werden jetzt in ihrem Wachstum weiter beeinträchtigt. Die Sonne scheint auf eine Erde, die nie mehr sein wird wie sie war. Insekten werden überleben; sie sind gegenüber radioaktiver Strahlung und Temperaturschwankungen widerstandsfähiger. Sie werden unter den Überlebenden ausgerottet geglaubte Seuchen verbreiten.

Den noch lebenden Menschen drohen Krankheiten wie Tuberkulose, Cholera, Pest, Diphtherie, Typhus oder andere Epidemien. Strahlenkrebs und strahlenbedingte Erbschäden sind weitere Folgen für Menschen, die in dieser biologisch kaputten und sozial zerrissenen Welt weiterleben müssen.

Bearbeitungsstand: Februar 2008

siehe auch: Atomarer Winter

Knallzeit

engl.: time of arrival

Bei der Detonation einer Atombombe wird durch die Druckwelle ein Knall mit einem anhaltenden Donner erzeugt. Aus der Zeit zwischen Lichtblitz und Eintreffen der Druckwelle, der so genannten Knallzeit, lässt sich die Entfernung zum Nullpunkt der Detonation abschätzen. (LL)

Bearbeitungsstand: Januar 2006

siehe auch: Druckwelle
siehe auch: Lichtblitz
siehe auch: Nullpunkt

Kobaltbombe

engl.: cobalt bomb

Bei einer Kobaltbombe handelt es sich um eine modifizierte Wasserstoffbombe. Die Idee besteht darin, eine Bombe herzustellen, deren Mantel aus 59Co besteht. Durch die Explosion wird das natürliche 59Co durch Neutroneneinfang in stark radioaktives 60Co umgewandelt und kann als Fallout große Gebiete verseuchen. Die entstehende Gammastrahlung hat eine Halbwertszeit von 5,27 Jahren, was eine jahrzehntelange Verseuchung des betroffenen Gebietes zur Folge hat. Die lange Halbwertszeit macht es für Menschen unmöglich, so lange in Bunkern auszuharren. Andererseits führt ein Aufenthalt im Freien wegen der starken Strahlung unausweichlich zum Tode.

Wegen der hohen Menge an freigesetzter atomarer Strahlung spricht man bei der Kobaltbombe stets von einer »schmutzigen« Bombe. Zudem könnte schon die Zündung einer einzigen Kobaltbombe die Erdatmosphäre über Jahre hinweg verstrahlen. Berechnungen haben ergeben, dass man mit zehn großen Kobaltbomben die gesamte Menschheit umbringen könnte. Soweit bekannt, wurde eine solche Bombe nie gebaut. (LL)

Bearbeitungsstand: Juni 2010

siehe auch: Fallout
siehe auch: Halbwertszeit

KOESTLER Arthur

1905 - 1983

Statue von Arthur Koestler, 2009, Budapest. Foto: Istvan / flickr

„Wenn man mich nach dem wichtigsten Datum in der Geschichte und Vorgeschichte der Menschheit fragte, würde ich ohne Zögern den 6. August 1945 nennen. Dafür gibt es einen einfachen Grund. Seit dem Heraufdämmern seines Bewusstseins bis zu diesen Augusttagen des Jahres 1945 musste der Mensch mit der Aussicht auf seinen Tod als Individuum leben, seit dem Tag aber, an dem die erste Atombombe über Hiroshima den Himmel verdunkelte, muss er mit der Aussicht auf seine Vernichtung als Spezies leben.“ (Quelle: Arthur Koestler: Der Mensch, Irrläufer der Evolution. Eine Anatomie der menschlichen Vernunft und Unvernunft. Scherz, Bern/München 1978; Goldmann, München 1981)

Bearbeitungsstand: Mai 2013

»Weitere Persönlichkeiten

Kola-Halbinsel

Der nukleare Rüstungswettlauf der vergangenen 60 Jahre hat kaum einen anderen Landstrich so schwer gezeichnet wie die Kola-Halbinsel in Nordrussland. In den Buchten an der polaren Barentssee lagen die Atom-U-Boote der früher sowjetischen und jetzt russischen Nordflotte. Die Werft Sewmasch in Sewerodwinsk am Weißen Meer produzierte ein atomgetriebenes Kriegsschiff nach dem anderen. Viele davon endeten als Strahlenmüll auf Russlands Kola-Halbinsel. Abrüstung und Entsorgung wurden auf später verschoben.
Im Jahr 2000 zeigte der Untergang des Atom-U-Bootes »Kursk« mit 118 Toten, unter welch bitterarmen Bedingungen der aktive Teil der Nordflotte arbeitet. Noch ärmer ist der ausrangierte Flottenteil dran: Dutzende U-Boote, alle noch mit Reaktoren an Bord, dümpeln im Meerwasser und rosten. Tausende Tonnen strahlenverseuchter Schrott, fester und flüssiger Atommüll gefährden Menschen und die sensible nördliche Natur.

Erst langsam und mit massiver ausländischer Hilfe geht Russland die Jahrhundertaufgabe an, die Gefahr zu bändigen. »10 plus 10 in 10« lautet die Formel, mit der Moskau 2002 Hilfe zugesagt wurde: Die USA wollen in zehn Jahren zehn Milliarden Dollar aufbringen, die übrigen sieben G8-Mitglieder einschließlich Russlands noch einmal soviel, um die nuklearen Altlasten zu beseitigen. Ein Großteil des Geldes muss für die Kola-Halbinsel verwendet werden. Auch die skandinavischen Nachbarn Norwegen und Schweden helfen mit.

»Im Rüstungswettlauf vor 40, 45 Jahren wurde die Atomindustrie auf der Kola-Halbinsel konzentriert«, sagt Sergej Schaworonkin, Büroleiter der norwegisch-russischen Umweltschutzorganisation Bellona in Murmansk. Bellona bemüht sich seit Jahren um Aufklärung über die nukleare Gefahr auf der Halbinsel. Ein besonderes Problem, das mit ausgebrannten Kernbrennstoffen voll gestopfte Versorgungsschiff »Lepse«, liegt dicht an der 430 000 Einwohner zählenden Stadt Murmansk. Andere Gefahrenzonen sind das Brennstofflager in der Andrejewa-Bucht, die U-Boot-Friedhöfe in Gremicha und der Saida-Bucht.
Allein in der Saida-Bucht waren nach Angaben der russischen Atombehörde Ende 2003 etwa 50 U-Boot-Rümpfe oder Reaktorsektionen zerschnittener U-Boote vertäut. (Quelle: FRIEDEMANN KOHLER, FR, 11.7.2005)

Bearbeitungsstand: März 2008

Kollateralschaden

engl.: collateral damage

Vom Militär verwendeter Begriff. Hierbei handelt es sich um einen unbeabsichtigten Schaden an Menschen oder Objekten, der bei der Bekämpfung feindlicher Streitkräfte oder Anlagen mit Nuklearwaffen entsteht, die selbst nicht Ziel des Angriffs sind. In jüngster Zeit findet der Begriff auch Verwendung zur Beschreibung von nicht beabsichtigten Schäden oder Verlusten durch konventionelle Angriffe. (LL)

Bearbeitungsstand: Oktober 2004

Kompaktierung

Bei einer Atomwaffendetonation muss kurz vor dem Augenblick der Zündung die kritische Masse zusammengefasst werden. Es gibt dafür zwei Methoden: das »Kanonenrohr-Prinzip« nach dem die Hiroshima-Bombe funktionierte, und das »Implosionsprinzip«, das die Grundlage für die Nagasaki-Bombe war.

Beim Kanonenrohrprinzip werden zwei unterkritische Massen zu einer überkritschen zusammengeschossen, jedoch kaum kompriemiert. Die dabei erreichten Geschwindigkeiten sind begrenzt, und die Kompoaktierungszeit hat die Größenordnung von Millisekunden. Für dieses Verfahren ist Plutonium nicht geeignet. Ein Land, das sich Kernwaffen verschaffen will, kann das technisch relativ einfach zu realisierende Kanonenrohrprinzip nur verwenden, wenn es dafür genügend hochangereichertes Uran besitzt.

Das technisch aufwendigere Implosionsprinzip ermöglicht sehr viel schnellere Kompaktierungen. Hierbei wird eine Pu- oder U-Hohlkugel, die noch unterkritisch ist, mit Hilfe so genannter Sprenglinsen komprimiert und in einen überkritischen Zustand überführt. Bei den Sprenglinsen handelt es sich um eine speziell zusammengesetzte Sprengstoffumhüllung der Kugel. Wenn diese an mehreren Stellen gleichzeitig gezündet wird, entsteht eine kugelförmige Detonationswelle, die die Oberfläche der Hohlkugel an allen Punkten gleichzeitig erreicht. Dabei können Kompaktierungszeiten von einer millionstel Mikrosekunde noch weit unterschritten werden.

Die kritische Masse ist näherungsweise umgekehrt proportional dem Quadrat der Dichte. Das bedeutet, dass umso weniger Kernsprengstoff nötig ist, je besser er komprimiert werden kann, also je besser die Impolsionstechnik ist. So bewirkt bereits eine Dichteverdopplung eine Reduzierung der kritischen Masse auf ein Viertel. Der Wirkungsgrad, das heißt der Anteil des Kernsprengstoffs, der tatsächlich gespalten wird, ist bei dieser Technik erheblich besser als bei der Kanonenrohrtechnik. (Quelle: Anette Schapers: Kernwaffen der ersten und zweiten Generation, in Rüstungsmodernisierung und Rüstungskontrolle,Baden-Baden 1992, S. 76.)

Bearbeitungsstand: Dezember 2007

Siehe auch: Kritische Masse

Konversion

engl.: conversion

Insbesondere nach Ende des Ost-West-Konfliktes haben sich aufgrund des jahrzehntelangen Wettrüstens enorme Mengen überschüssiger Militärgüter und überschüssigen Personals angehäuft. Unter Konversion versteht man die Umwandlung von überschüssigen Waffensystemen, Munition, waffenrelevanten Materialien, militärischer Infrastruktur und Liegenschaften, Personal, Wissen sowie Forschung und Entwicklung für zivile Zwecke. Konversion ist somit nicht nur relevant für die internationale Sicherheit, sondern auch für die Industriepolitik, für die Umwandlung des Rüstungssektors, die Ökologie und die Forschung und Entwicklung.

Konversion umfasst:

  • die Zerstörung von Trägersystemen wie Raketen, U-Booten oder Bombern,
  • die Verschrottung von konventionellen Waffen und Waffensystemen,
  • Vernichtung von Treibstoffen, Sprengmitteln etc.
  • Umwidmung von militärischer Infrastruktur,
  • Beseitigung von Problemen, die durch militärische Aktivitäten verursacht wurden (z.B. Umweltverschmutzung auf Liegenschaften),
  • die Demobilisierung von Soldaten und militärischem Personal.

Konversion ist nicht nur eine wichtige Abrüstungsstrategie, sondern auch ein wichtiger friedenserhaltender Prozess. Die Entsorgungsbereiche reichen von der Vernichtung ganzer Waffensysteme (hauptsächlich Kleinwaffen) und von militärischem Gerät, über die Entsorgung von Materialien (spaltbares Material, Kampfstoffe, Explosivstoffe) und Substanzen, bis hin zur Entsorgung verseuchter Böden.

Die Beseitigung, d.h. Zerstörung, Rezyklierung oder Konversion, von überschüssigen Waffensystemen ist sehr kostenintensiv und abhängig vom Know-How. Insbesondere eine umweltgerechte Beseitigung großer Stückzahlen ist durch die Abrüstungsverträge nicht geregelt. Je nach Zerstörungs- und Lagermethode können die Waffensysteme mehr oder weniger unumkehrbar unbrauchbar gemacht werden. Bei der Konversion von Waffensystemen werden teilweise wertvolle Rohstoffe frei. Andererseits ist die Entsorgung von gefährlichen Substanzen oft teurer als deren Herstellung: So ist die Beseitigung chemischer Waffen in den USA ca. zehnmal so teuer wie deren Herstellung. Eine Mine kostet 3-20 US$, ihre Räumung hingegen im Schnitt 300-1.000 US$.

Im Rahmen von bi- und multilateralen Rüstungskontrollverträgen kann auf eine Reihe von Verifikations- und Überprüfungsmaßnahmen zurückgegriffen werden. Die direkte oder indirekte Zerstörung waffenrelevanter Materialien ist bisher nicht Gegenstand von Rüstungskontrollverträgen. Für eine ökologisch verträgliche und nachhaltige Entsorgung überschüssiger Waffen gibt es heute keine internationalen Standards und Vorschläge. (Quelle: www.armscontrol.de)

Bearbeitungsstand: Mai 2006

Kornwestheim

ehem.Atomwaffenstandort, Deutschland

Im Rahmen der großräumigen Luftverteidigung Europas während der Zeit des Kalten Krieges waren auch die US-Streitkräfte an dem quer durch Deutschland verlaufenden Nike-Herkules Flugabwehrgürtel mit insgesamt sechs in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz stationierten Bataillonen beteiligt. Das 3thMissile Battailon, 71thUS-Arty-Group verfügte über atomare Feuerstellungen in den Standorten Kornwestheim, Sachsenheim, Kleingartach und Wurmberg.

Die Nike-Feuerstellung (Launching Area) Kornwestheim (48°51’43“N, 09°13’36“O)  lag  auf dem Gelände des Militärflugplatzes (Pattonville) unmittelbar östlich der Stadt. Die dort stationierte A-Battery, 3thMissile Battailon, 71thUS-Arty-Group bestand aus drei getrennten Bereichen: der Unterkunft, dem Feuerleitbereich in günstiger topografischer Lage mit bis zu 5 Radargeräten für Überwachung, Zielerfassung, Zielverfolgung und Flugkörperverfolgung und dem Abschussbereich mit jeweils 3 Abschussflächen und dazugehörigen Bunkern. In diesem Bereich befanden sich auch die Atomsprengköpfe.

In der Stellung Kornwestheim waren bis 1983 atomare Flugabwehrraketen vom Typ Nike stationiert. An Atomsprengköpfen waren zwei Versionen verfügbar. Die kleinere mit der Bezeichnung B-XS hatte eine Sprengkraft von 2 Kilotonnen. Die größere B-XL besaß ursprünglich 40 kT Sprengkraft. Letztere wurden in den 1970er Jahren gegen Sprengköpfe zu 20 kT ausgetauscht. Maximal waren je Stellung zehn Nuklear-Sprengköpfe vorhanden, acht mit der Stärke XS mit 2 Kilotonnen und zwei XL mit 40/20 Kilotonnen Sprengkraft. Für den Einsatz der Gefechtsköpfe gab es genau festgelegte Prioritäten. Beim Anflug eines einzelnen feindlichen Zielobjektes wurde ein kleiner atomarer Gefechtskopf (B-XS) eingesetzt. Beim Anflug mehrerer feindlicher Zielobjekte wurde soweit verfügbar ein großer atomarer Gefechtskopf (B-XL) eingesetzt. Die ebenfalls vorhandenen konventionellen Gefechtsköpfe dienten lediglich als Munitionsreserve.

Heute sind noch Reste der Startplattformen vorhanden, im Wiesengrund befinden sich noch Stromkabel. (LL)

(Quellen:  Jürgen Dreifke, Michael Juhls)


In den Jahren 1969/1970 erfolgte die Verlegung von Atomminen aus den Depots nahe der Grenze zur DDR und zur Tschechoslowakei in den weiter westlich gelegenen amerikanischen Verantwortungsbereich. Dabei handelte es sich um mehr als 200 ADMs, die bis zu ihrem entgültigen Abzug in die USA (bis 1984) auf dem Militärflugplatz Kornwestheim, in Aschaffenburg, Darmstadt-Breitefeld, Dexheim, Hanau, Eschborn, Ettlingen und Wildflecken eingelagert wurden (Bald, Politik der Verantwortung, S. 121). Über die genauen Stückzahlen sind bis heute keine Daten zugänglich.

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

Siehe auch: Atomminengürtel
siehe auch: Nike Herkules
siehe auch: KT(Kilotonne)

Bearbeitungsstand: Oktober 2010

Köppern

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

Das Sondermunitionslager Köppern (US Site #17) (50°17'55“N, 8°36'36“O) lag ca. 11 km südwestlich von Bad Nauheim in Mittelhessen. Das SAS war eingebettet in eines der größten Bundeswehrdepots, das über eine Gesamtfläche von ca. 58 Hektar verfügte.  In dem besonders abgesicherten und von US-Soldaten bewachten Bereich waren zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Atomsprengköpfe eingelagert. Einzelheiten sind nicht bekannt. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass in den 1960er Jahren die nuklearen Sprengköpfe für die „Davy Crockett“ und später auch Gefechtsköpfe für das Waffensystem „Lance“ im Depot vorhanden waren. (LL)

Bearbeitungsstand: Dezember 2011

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: Davy Crockett
siehe auch: Lance-Rakete

Köthen

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

ehem. Atomwaffenstandort Köthen. Bild: Digital GlobeWährend des Kalten Krieges unterhielten die sowjetische Luftstreitkräfte in Ergänzung zu ihren aktiven Kernwaffenlagern auf den Flugplätzen (Altenburg, Brand, Finsterwalde, Groß Dölln, Großenhain, Lärz und Werneuchen) auch sogenannte “temporäre Kernwaffenlager” vermutlich in Falkenberg-Elster, Jüterbog, Köthen, Merseburg, Neuruppin, Parchim, Ribnitz-Damgarten und Wittstock.
 
Das temporäres Kernwaffenlager (KWL) Köthen (51°43'28“N, 11°58'46“O) vom Typ Granit lag auf dem Gelände des ehemaligen sowjetischen Militärflugplatzes Köthen ca. 27 km nördlich der Stadt Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt. Auf dem Flugplatz war das 73.sowjetische Garde-Jagdfliegerregiment mit atomwaffenfähigen MiG-21 stationiert. Der Einsatz von atomaren Fliegerbomben des Typs  RN-42 wäre möglich gewesen. Zu welchen Zeiten und ob überhaupt Kernwaffen vor Ort bereitgehalten wurden, lässt sich nicht zweifelsfrei nachweisen. (LL)

Bearbeitungsstand: Dezember 2012

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

Kraterwirkung

engl.: crater effect

Harte Ziele, wie zum Beispiel Startbahnen, Straßen, unterirdische Raketensilos oder Gefechtsstände werden durch Kraterwirkung zerstört. Hierzu ist eine nukleare Bodendetonation erforderlich. (Gerd Hartmut Lorenz: Aufbau und Wirkung Nuklearer Sprengkörper, München 2005)

Bearbeitungsstand: Januar 2006

siehe auch: Bodendetonation

Krefelder Appell

Erklärung des Krefelder Forums vom 15./16. November 1980

„Immer offensichtlicher erweist sich der Nachrüstungsbeschluss der NATO vom 12. Dezember 1979 als verhängnisvolle Fehlentscheidung. Die Erwartung, wonach Vereinbarungen zwischen den USA und der Sowjetunion zur Begrenzung der eurostrategischen Waffensysteme noch vor der Stationierung einer neuen Generation amerikanischer nuklearer Mittelstreckenraketen in Westeuropa erreicht werden könnten, scheint sich nicht zu erfüllen.

Ein Jahr nach Brüssel ist noch nicht einmal der Beginn solcher Verhandlungen in Sicht. Im Gegenteil: Der neu gewählte Präsident der USA erklärt unumwunden, selbst den bereits unterzeichneten SALT-II-Vertrag zur Begrenzung der sowjetischen und amerikanischen strategischen Nuklearwaffen nicht akzeptieren und deshalb dem Senat nicht zur Ratifizierung zuleiten zu wollen.

Mit der Verweigerung der Ratifizierung durch die USA würde jedoch die Aussicht auf Verhandlungen zur Begrenzung der eurostrategischen Nuklearwaffen unvermeidbar in noch weitere Ferne rücken. Ein selbstmörderischer Rüstungswettlauf könnte nicht im letzten Augenblick gestoppt werden; seine zunehmende Beschleunigung und offenbar konkreter werdende Vorstellungen von der scheinbaren Begrenzbarkeit eines Nuklearkrieges müssten in erster Linie die europäischen Völker einem untragbaren Risiko aussetzen.

Die Teilnehmer am Krefelder Gespräch vom 15. und 16. November 1980 appellieren daher gemeinsam an die Bundesregierung:

  • die Zustimmung zur Stationierung von Pershing-II-Raketen und Marschflugkörpern in Mitteleuropa zurückzuziehen;
  • im Bündnis künftig eine Haltung einzunehmen, die unser Land nicht länger dem Verdacht aussetzt, Wegbereiter eines neuen, vor allem die Europäer gefährdenden nuklearen Wettrüstens sein zu wollen.

In der Öffentlichkeit wächst die Sorge über die jüngste Entwicklung. Immer entschiedener werden die Möglichkeiten einer alternativen Sicherheitspolitik diskutiert. Solche Überlegungen sind von großer Bedeutung für den demokratischen Prozess der Willensbildung und können dazu beitragen, dass unser Volk sich nicht plötzlich vollzogenen Tatsachen gegenübergestellt sieht.

Alle Mitbürgerinnen und Mitbürger werden deshalb aufgerufen, diesen Appell zu unterstützen, um durch unablässigen und wachsenden Druck der öffentlichen Meinung eine Sicherheitspolitik zu erzwingen, die

  • eine Aufrüstung Mitteleuropas zur nuklearen Waffenplattform der USA nicht zulässt
  • Abrüstung für wichtiger hält als Abschreckung
    die Entwicklung der Bundeswehr an dieser Zielsetzung orientiert.

Krefeld, den 16. November 1980."

Erstunterzeichner: Gerd Bastian, Würzburg – Prof. Dr. Dr. h. c. Karl Bechert, Weilmünster – Petra K. Kelly, Nürnberg – Dr. Martin Niemöller, Wiesbaden – Prof. Dr. Helmut Ridder, Gießen – Christoph Strässer, Münster – Gösta von Uexküll, Hamburg – Josef Weber, Köln.

(Karl D. Bredthauer: Sage Niemand, er habe es nicht wissen können, Köln 1983, S. 195f.)

Bearbeitungsstand: Juni 2006

siehe auch: NATO-Doppelbeschluss
siehe auch: Pershing-II-Rakete
siehe auch: SALT

Kriegsfeld (Northpoint)

ehem. Atomwaffenstandort, Deutschland

Das Sondermunitionslager Kriegsfeld (Northpoint) (49°40’22“N, 07°54’05“O) lag ca. 20 km südlich von Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz. In den 1950er Jahren diente der Standort zunächst als Flugabwehrstellung. Im Rahmen der großräumigen Luftverteidigung Europas während der Zeit des Kalten Krieges waren auch die US-Streitkräfte an dem quer durch Deutschland verlaufenden Nike-Herkules Flugabwehrgürtel mit insgesamt sechs in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz, stationierten Bataillonen beteiligt. Das 5thMissile Battailon, 1thUS-Army-Group verfügte über atomare Feuerstellungen in den Standorten Wackernheim, Dexheim, Quirnheim und Kriegsfeld (ab 1959 Dichtelbach).
In der Stellung Kriegsfeld waren von 1956 bis 1959 atomare Flugabwehrraketen vom Typ Nike stationiert. An Atomsprengköpfen waren zwei Versionen verfügbar. Die kleinere mit der Bezeichnung B-XS hatte eine Sprengkraft von 2 Kilotonnen. Die größere B-XL besaß ursprünglich 40 kT Sprengkraft. Maximal waren je Stellung zehn Nuklear-Sprengköpfe vorhanden, acht mit der Stärke XS mit 2 Kilotonnen und zwei XL mit 40/20 Kilotonnen Sprengkraft. Für den Einsatz der Gefechtsköpfe gab es genau festgelegte Prioritäten. Beim Anflug eines einzelnen feindlichen Zielobjektes wurde ein kleiner atomarer Gefechtskopf (B-XS) eingesetzt. Beim Anflug mehrerer feindlicher Zielobjekte wurde soweit verfügbar ein großer atomarer Gefechtskopf (B-XL) eingesetzt. Die ebenfalls vorhandenen konventionellen Gefechtsköpfe dienten lediglich als Munitionsreserve.
Die Stellung Kriegsfeld wurde 1959 aufgegeben und die Einheit verlegte in die Stellung Dichtelsbach (Quellen:  Jürgen Dreifke, Michael Juhls).
Ab 1960 errichteten die US-Streitkräfte an gleicher Stelle ein Atomwaffenlager mit der Bezeichnung „Northpoint“ Das Lager diente als Nachschublager für kleinere atomare Standorte. Neben der Lagerung wurden auch Wartungs- und Reparaturarbeiten an den Gefechtsköpfen durchgeführt. Zu unterschiedlichen  Zeiten wurden im Lager „Northpoint“ Gefechtsköpfe für die Rohr- und Raketenartillerie sowohl der amerikanischen Streitkräfte als auch der NATO-Partner bereitgehalten. Dazu gehörten atomare Granaten 155 mm,   203 mm und 280 mm sowie Gefechtsköpfe für das Kurzstreckensystem „Honest John“ und das Flugabwehrsystem Nike Herkules. Genaue Zahlen sind nicht bekannt. (LL)

Bearbeitungsstand: Dezember 2011

Weitere Informationen über Atomwaffenstandorte in Deutschland

siehe auch: Wackernheim
siehe auch: Dichtelbach
siehe auch: Kalter Krieg
siehe auch: Kt-Wert
siehe auch: Sprengkopf

Kritische Masse

engl.: critical mass

Um eine Kettenreaktion einer Kernspaltungsexplosion in Gang setzen zu können, braucht man eine Mindestmenge spaltbaren Materials, die so genannte kritische Masse.

Diese Mindestmenge hängt vom Isotop, von der Reinheit und Dichte des Materials, seiner geometrischen Form, dem Vorhandensein von Materialen, die Neutronen reflektieren, und anderen Faktoren ab. Das spaltbare Material ist vor der Explosion in mehreren voneinander getrennten Teilmengen in der Bombe untergebracht und muss in außerordentlich kurzer Zeit zusammengebracht werden, wenn die Bombe eine hohe Sprengkraft erhalten soll. Dazu werden herkömmliche Sprengstoffe verwendet. In dem Moment, in dem durch Zusammenführung von spaltbarem Material eine kritische Masse entsteht, wird die Kettenreaktion ausgelöst. (Anmerkung: Bei einer Plutoniumbombe muss die kritische Masse nicht größer sein als die Faust eines Menschen.) (Quelle: Die UNO-Studie Kernwaffen, München 1982, S. 21.)

Bearbeitungsstand: Juni 2006

siehe auch: Isotope
siehe auch: Kettenreaktion
siehe auch: Plutonium
siehe auch: Sprengkraft

 

KT (Kilotonne)

Die Explosionsenergie (Detonationswert) wird in den Maßeinheiten Kilotonne (KT) und Megatonne (MT) angegeben. Eine Kilotonne bezeichnet die Energie, die von 1000 Tonnen TNT (Trinitrotoluol) freigesetzt wird. Die über Hiroshima abgeworfene Atombombe hatte einen Detonationswert von 12,5 KT. Die Nagasaki-Bombe hatte einen Detonationswert von 22 KT. (Anmerkung: 200 g TNT reichen aus, um einen Menschen zu töten!) (LL)

Bearbeitungsstand: Februar 2005

siehe auch: Detonationswert
siehe auch: MT (Megatonne)
siehe auch: TNT (Trinitrotoluol)

Kubakrise

engl.: Cuban missile crisis

SA-2-Raketenstellung auf Cuba, Foto: US National Security ArchiveNiemals in der Geschichte der Menschheit war die Welt näher am Rande eines nuklearen Krieges als zum Zeitpunkt der Kubakrise vom 16. bis zum 28. Oktober1962. Im Falle einer amerikanischen Invasion wären die sowjetischen Oberbefehlshaber auf Kuba autorisiert gewesen, Atomwaffen einzusetzen. Chruschtschow hatte eigentlich nicht damit gerechnet, eine solche Krise herauf zu beschwören, sondern wollte den Amerikanern etwas „von ihrer eigenen Medizin" verabreichen: ihn ärgerten die „imperialistische Umkreisung" der UdSSR, insbesondere die amerikanischen Raketenbasen in der Türkei. Nun sollten auch die USA mit feindlichen Raketen in ihrem Hinterhof leben. Aber es gab auch andere Motivationen. Kuba sollte als sozialistisches Musterbeispiel für ganz Lateinamerika gelten, das natürlich mit allen Mitteln gestärkt und verteidigt werden musste; insbesondere, weil die USA mit ihrem misslungenen Invasionsversuch in der Schweinebucht 1961 - einem Unternehmen, das von CIA-unterstützten Exilkubanern durchgeführt worden war - bewiesen hatte, wie ernst sie es mit Kuba meint. Sowohl Chruschtschow als auch Fidel Castro rechneten fest mit einer weiteren Landung, die allerdings nicht wieder so stümperhaft durchgeführt werden würde. Die Stationierung von Nuklear-Raketen sollte nun jedem Invasionsversuch vorbeugen. Dass sich die Auseinandersetzung so dramatisch verschärfte, lag vielleicht auch daran, dass die amerikanische Regierung völlig überrascht wurde: am 11. September zum Beispiel wurde von der sowjetischen Regierung offiziell versichert, dass keine Atomwaffen für Kuba vorgesehen seien, am 19. September lag sogar ein Bericht des amerikanischen Geheimdienstes vor der besagte, dass Kuba als strategischer Stützpunkt der Sowjetunion nicht in Frage käme.

Chronologischer Überblick

16.10.1962:
Präsident Kennedy erfährt von Luftaufnahmen, die ein Spionageflugzeug U-2 am Tag zuvor in der Nähe von San Christóbal, Kuba genommen hat. Sie zeigen die Errichtung von Raketenstellungen für die Raketensysteme SS-4 und SS-5. Er richtet daraufhin das EX-COMM (Executive Commitee) ein, welches aus seinen 12 wichtigsten Beratern und Ministern besteht, u.a. Präsident John F. Kennedy, Außenminister Dean Rusk, Verteidigungsminister Robert McNamara, Justizminister Robert F. Kennedy.

17.10.1962:
Weitere Luftaufnahmen beweisen die Existenz von min. 16, vielleicht sogar 32 Raketen mit einer Reichweite bis zu 1600 km, die innerhalb einer Woche einsatzbereit wären; außerdem werden IL-28 Bomber montiert.

18.10.1962:
Der sowjetische Außenminister Gromyko trifft mit Präsident Kennedy zu (lange vor der Krise geplanten) Gesprächen. Er betont, dass keine Offensivwaffen, sondern nur landwirtschaftliche Hilfe und wenige Defensivwaffen an Kuba geliefert würden.

20.10.1962:
Präsident Kennedy ordnet eine Seeblockade Kubas an, entgegen vielen anderen Meinungen, die einen Luftangriff gefordert hatten. Für Raketenmannschaften wird die höchste Alarmstufe ausgerufen, Truppen werden nach Florida gezogen, das Luftkommando verteilt sich auf Zivilflugplätze, die Marine entsendet 180 Schiffe in das Karibische Meer. Sowohl Adenauer, de Gaulle und alle anderen NATO-Staaten als auch die Organisation of American States (OAS) geben ihre uneingeschränkte Zustimmung zu den US-amerikanischen Aktionen.

22.10.1962:
Präsident Kennedy informiert die Öffentlichkeit über die Vorgänge und bezeichnet die Quarantäne als erste Maßnahme.

23.10.1962:
Die im Bau befindlichen Abschussrampen auf Kuba werden erst jetzt getarnt.

24.10.1962:
Um 10.00 Uhr tritt die Blockade in Kraft, einen Kreis mit einem Radius von 800 Seemeilen um Kuba bildend. Dieser Radius wurde aber schnell auf 500 sm verringert, um den sowjetischen Schiffen Zeit zu geben, sich Instruktionen einholen zu können. Die 20 Schiffe, die der Quarantänezone am nächsten waren, halten oder wenden um 10.32 Uhr.
Zweimal täglich werden von der USAF Tiefflüge über Kuba geflogen.

25.10.1962:
Die Arbeiten an den Raketenanlagen und den IL-28 Bombern werden in außerordentlichem Tempo bei Tag und Nacht fortgesetzt.

26.10.1962:
Ein erstes (nicht-sowjetisches) Schiff wird gestoppt und durchsucht, darf aber später weiterfahren, da es ausschließlich nicht-militärische Güter geladen hat. Chruschtschow richtet eine Nachricht direkt an Präsident Kennedy, in dem er Verhandlungen über den Status quo vorschlägt. 12 Stunden später schreibt er eine weitere Botschaft, in der er den Rückzug der sowjetischen Offensivwaffen von Kuba und eine Nichtangriffsgarantie gegen die Türkei im Tausch gegen den Rückzug amerikanischer Jupiter-Raketen aus der Türkei und eine Nichtangriffsgarantie gegen Kuba vorschlägt.

27.10.1962:
Präsident Kennedy antwortet nur auf Chruschtschows erstes Schreiben und nennt den Abzug der Angriffswaffen als Bedingung für die Aufhebung der Blockade. Justizminister Kennedy äußert dem sowjetischen Botschafter in Washington, Anatoli Dobrynin, mit dem er während der gesamten Krise über in Kontakt stand, gegenüber die Besorgnis des Präsidenten in Bezug auf die Entwicklung der Dinge und droht mit Angriffen auf die Raketenbasen, wenn diese weitergebaut werden sollten. Außerdem wird eine U-2 über Kuba abgeschossen; für diesen Zwischenfall übernimmt Castro die Verantwortung.

28.10.1962:
Am letzten Tag der eigentlichen Kubakrise wird ein Abzug der sowjetischen Offensivwaffen unter UNO-Aufsicht vereinbart, der auch sofort beginnt.

20.11.1962:
Nachdem der Rückzug vollzogen ist, wird die Blockade aufgehoben. (www.stud.uni-hannover.de, Seite nicht mehr vorhanden) 

Bearbeitungsstand: September 2005

KURTSCHATOW Igor

1903 - 1960

Igor Wassiljewitsch Kurtschatow (geb. 12.01.1903 in Sim, gest. 07.02.1960 in Moskau) war ein sowjetischer Physiker und der Leiter des sowjetischen Atombomben-Projekts. Er gilt seither als »Vater der sowjetischen Atombombe«.

Igor Kurtschatow studierte Physik an der staatlichen Universität auf der Krim sowie Schiffbau am polytechnischen Institut in Petrograd. 1925 wechselte er an das physio-technische Institut, wo er an verschiedenen Problemen der Radioaktivität forschte. Ab 1932 erhielt er Geldmittel, mit denen er ein Team von Nuklearforschern finanzieren konnte.

Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 war Kurtschatow in der Rüstungsindustrie tätig. Im Jahre 1943 erhielt der sowjetische Geheimdienst NKWD eine Kopie eines britischen Geheimreports über die Möglichkeiten von Atomwaffen, was Stalin trotz der knappen Resourcen während des Krieges dazu veranlasste, ein sowjetisches Atomwaffenprogramm zu initiieren. Kurtschatow wurde zum Direktor des Programms ernannt. Das sowjetische Atombomben-Projekt erhielt zuerst nur eine relativ geringe Priorität, bis die Informationen des Spions Klaus Fuchs und die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki die Aufmerksamkeit von Stalin auf die Atombombe lenkten. Er befahl Kurtschatow die Produktion einer Bombe bis 1948 und setzte den Geheimdienstchef Berija als direkten Leiter des Projekts ein. Das gesamte Projekt wurde dann in die Stadt Sarow in der Oblast Gorki verlegt, und in Arsamas-16 umbenannt. Die Arbeit des Teams (in dem auch andere prominente sowjetische Nuklearforscher wie Andrej Sacharow arbeiteten) wurde durch öffentliche Enthüllungen der US-Regierung sowie die Informationen von Klaus Fuchs unterstützt. Kurtschatow und Beria (der die Informationen als gezielte Falschauskünfte bezweifelte) bestanden auf eigenen wissenschaftlichen Untersuchungen.

Am 29 August 1949 wurde die erste sowjetische Atombombe gezündet. Kurtschatow bemerkte später dazu, dass sein hauptsächliches Gefühl in diesem Moment die Erleichterung war, da er sicher war, im Falle eines Fehlschlags erschossen zu werden. Kurtschatow arbeitete anschließend am sowjetischen Wasserstoffbomben-Programm. Später forderte er eine friedliche Nutzung der Nukleartechnologie und trat verstärkt gegen weitere Nuklearbomben-Tests ein. Er leistete viele wichtige Beiträge zur Theorie der Atomkerne, thermonuklearen Reaktionen und zur Plasmaphysik. Kurtschatow starb 1960 in Moskau. (Quelle: Medport)

Bearbeitungsstand: Juli 2007

Siehe auch: Arsamas-16
Siehe auch: Atombombe
Siehe auch: FUCHS Klaus
Siehe auch: Hiroshima
Siehe auch: Nagasaki
Siehe auch: SACHAROW Andrej

Kurzstreckenrakete

engl.: Short Range Ballistic Missile (SRBM)

Hierbei handelt es sich um eine ballistische Kurzstreckenrakete, die in der Lage ist, einen konventionellen oder einen ABC-Gefechtskopf bis zu einer Entfernung von 150 km ins Ziel zu tragen. Ihre Startvorrichtungen können stationär oder beweglich (Fahrzeug, Schiff, Flugzeug) sein. (LL)

Bearbeitungsstand: Oktober 2005

siehe auch: Taktische Atomwaffen