Indien

"De-Facto"-Atomwaffenstaat | "de-facto" Nuclear Weapon State

Die genaue Zahl der indischen Atomwaffen ist nicht bekannt. Schätzungen zufolge verfügt das Land über 120-130. Indien befindet sich im Besitz von Raketen mit über 3.000 km Reichweite und kann damit das gesamte Territorium seines Erzrivalen Pakistan und Chinas erreichen. Die Beziehungen zum Nachbarn Pakistan werden überschattet durch den Konflikt um die Region Kaschmir. Die Nuklearpolitik beider Staaten erweiterte den Streit um eine weitere Dimension, mehrere Aggressions- und Spannungsphasen wechseln sich bis heute ab.

Das Atomprogramm symbolisiert für Indien politische Macht. Der erste Premierminister Indiens Jawaharlal Nehru richtete die nationale Atomenergiekommission (IAEC) 1948 mit dem ausdrücklichen Wunsch ein, Atomenergie für "friedliche Zwecke" zu entwickeln. Mit Hilfe von Kanada, den USA und anderen Ländern wurden über 20 Jahre lang Atomreaktoren gebaut, Uranbergbau betrieben, Brennelemente hergestellt und Plutonium separiert. Indien startete sein Atomwaffenprogramm in Folge des Grenzkriegs mit China 1962 und des ersten erfolgreichen chinesischen Atomtests 1964. Die erste von Indien als "friedlich" bezeichnete Atomexplosion fand am 18. Mai 1974 statt. Es folgten große Fortschritte bei der Atomwaffenentwicklung und -herstellung, einschließlich einer Verkleinerung der Waffen, der Effizienzsteigerung und der Erhöhung der Explosivkraft durch die Verwendung von Tritium.

Gleichzeitig wurde auch das Raketenprogramm weiter entwickelt. Unter der Leitung von Abdul Kalam kaufte das Land die benötigte Technologie von Lieferanten in Frankreich, Schweden, den USA und Deutschland. Die erste Kurzstreckenrakete testete Indien 1988, ein Jahr später eine Mittelstreckenrakete und 1999 eine Langstreckenrakete mit 2.000 Kilometer Reichweite.

Im  Mai 1998 führte Indien eine Reihe unterirdischer Atomtests auf dem Pokhran- Gelände durch. Dabei sollen sowohl eine Fissionsbombe als auch eine thermonukleare Bombe zum Einsatz gekommen und mehrere Versuche mit kompakten Bomben mit geringer Sprengkraft durchgeführt worden sein.

1999 verfasste Indien seine Atomwaffendoktrin, die sich an denen der offiziellen Atomwaffenstaaten orientiert. So verfolgt das Land „eine Doktrin der glaubwürdigen Minimalabschreckung“.

Die Atomstreitkräfte sollen durch eine Dreiergruppe aus luft-, land- und seegestützten Raketen ausschließlich Vergeltungsschläge ausführen, um dem Angreifer "inakzeptablen Schaden“  zuzufügen. Bisher gab die indische Regierung an, in keinem Konflikt Atomwaffen als Erste einzusetzen. Diese Politik scheint sich jedoch dahingehend zu verändern, als dass sie nur noch in Konflikten mit Nicht-Atomwaffenstaaten gilt.

Indien ist dem Nichtverbreitungs-Vertrag (NPT) von 1968 nicht beigetreten und beanstandet seine diskriminierende Beschaffenheit. Der NPT-Vertrag begrenze die Möglichkeiten der atomwaffenfreien Staaten, verhindert die Modernisierung und Vergrößerung der Nukleararsenale der Atomwaffenstaaten aber nicht.

Obwohl Indien einen umfassenden Atomteststoppvertrag (CTBT) jahrzehntelang befürwortet hatte, blockierte es 1996 seine Verabschiedung bei der Abrüstungskonferenz in Genf. Das Inkrafttreten des Vertrags hängt auch von Indiens Unterschrift und seiner Ratifizierung ab.

Seit 2006 hat Indien mit verschiedenen Ländern Verträge ausgehandelt, die dem Land Handel mit ziviler Nukleartechnik erlauben. Das Land genießt diesen Vorteil als einziger Atomwaffenstaat, der nicht im Nichtverbreitungs-Vertrag Mitglied ist. Nach den nötigen nationalen Gesetzesänderungen, Absprachen mit der IAEO und der Zustimmung durch die Nuclear Suppliers Group trat das umstrittene Abkommen mit den USA im Oktober 2008 in Kraft. In den Monaten und Jahren danach traf das Land mit 13 weiteren Ländern zivile Nuklearabkommen. xh

Bearbeitungsstand: Februar 2018

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