Force de Frappe

engl.: French nuclear strike force

Unter der im Deutschen als Bezeichnung für französische Atomstreitmacht hat Frankreich in der Vergangenheit 204 Atomtests durchgeführt (davon 159 unterirdische). Das sind fünfmal so viele wie China oder Großbritannien. Die Tests dienten offenbar dazu, kleinere, zielgenauere Sprengköpfe für die auf U-Booten stationierten strategischen Raketen und die luftgestützte »Abstandswaffe« ASLP zu testen. Frankreich hat damit einem qualitativen Rüstungswettlauf weiteren Schub verliehen, der in Richtung miniaturisierter Atomwaffen geht, die gegen unterirdische Bunker eingesetzt werden sollen. Wenn die französischen Tests, wovon Fachleute ausgehen, zur Gewinnung von Daten für Miniatursprengköpfe dienten, dann ist das auch der Beleg für eine neue Atomstrategie, die nicht mehr der Abschreckung eines möglichen Gegners dient, sondern den Krieg mit Atomwaffen wieder führbar machen soll.

Interessant sind die Begleitumstände der französischen Atomwaffentests vom Herbst 1995. Die Pariser Regierung hatte nämlich nach Meinung von Experten gegen den EURATOM-Vertrag verstoßen, weil sie keine vorherige Zustimmung der Brüsseler EU-Kommission eingeholt hat. Dennoch hat die Kommission keine Anstalten gemacht, Frankreich von seinem Vorhaben abzubringen oder nachträglich zu sanktionieren. Offensichtlich gab es eine stillschweigende Kumpanei zwischen Frankreich und der EU.
Nach einer Entscheidung des Präsidenten Jacques Chirac vom Februar 1996 wurden die landgestützten Atomwaffen inzwischen aus dem Verkehr gezogen. Die 18 Raketen, die auf dem Plateau Albion stationiert waren, wurden deaktiviert und die Abschussrampen und Basen abmontiert. Auch hat Frankreich im Jahre 1992 die Produktion von Waffenplutonium und 1996 von waffenfähigem Uran (HEU) gestoppt.

Frankreich verfügt dennoch laut SIPRI Yearbook 2002 über ein Arsenal von 348 Atomsprengköpfen. Und die Modernisierung der Atomstreitmacht ist in vollem Gange. Dazu gehören der Bau von zwei weiteren U-Booten der Triomphant-Klasse, die M51-Rakete (SLBM = Submarine Launched Ballistic Missile) mit einem neuen Gefechtskopf, Marschflugkörper vom Typ ASMP-A und das Kampfflugzeug Rafale als Atomwaffenträger.

Die Luftwaffe unterhält drei Staffeln mit 60 Mirage 2000N (=Nuclear) für den Atomwaffeneinsatz. Sie sollen voraussichtlich durch die Rafale (B-301) ersetzt werden, die künftig bei Luftwaffe und Marine fliegen wird. Die Marine-Version (Rafale M) war an Bord des französischen Flugzeugträgers Charles de Gaulle, der zur Unterstützung des US-Krieges gegen Afghanistan im Frühjahr 2002 entsendet worden war.

Im Dezember 2000 wurde dem Rüstungskonzern EADS ein Auftrag zur Verlängerung der Reichweite der ASMP-Marschflugkörper erteilt. Die neue Rakete soll 500 statt bisher 300 Kilometer weit fliegen und 2007 als Bewaffnung der Mirage 2000N und ab 2008 der Rafale zur Verfügung stehen. Auftragswert 117,5 Millionen Dollar.

Der französischen Marine unterstehen derzeit vier U-Boote für den Atomwaffeneinsatz, von denen eines oder zwei ständig auf See sind. Die drei Boote der neueren Triomphant-Klasse sind mit jeweils 16 Raketen (SLBM) vom Typ M45 ausgerüstet, die wiederum sechs Sprengköpfe TN-75 tragen, ein Typ, der vermutlich 1995 im Mururoa-Atoll getestet wurde. Ein weiteres Boot der Triomphant-Klasse soll 2010 in Dienst gestellt werden.

Eine neue Rakete (SLBM) M51 soll ab 2010 die älteren Typen M45 und M4 ersetzen. Sie soll sechs atomare Sprengköpfe 6000-8000 Kilometer weit tragen können. Entwickelt und gebaut wird die neue Waffe vom europäischen Rüstungsriesen EADS. Im Rüstungsprogramm 2003-2008 sind 17 Mrd. Euro nur für die Modernisierung der Atomstreitmacht vorgesehen (FR 28.10.03).
Die französische Atommacht versteht sich längst nicht mehr nur als Verteidigungswaffe gegen Angriffe auf französisches Territorium, sondern soll es Frankreich auch »ermöglichen, den Bedrohungen seitens regionaler Mächte, die über Massenvernichtungswaffen verfügen und unsere vitalen Interessen gefährden könnten, standzuhalten«, wie Präsident Jaques Chirac in einer Grundsatzrede vor dem Institut für nationale Verteidigung (IHEDN) am 8.6.2001 in Paris betonte. (www.ambafrance-de, Seite nicht mehr verfügbar)

Für Chirac sind die Modernisierung der Atomstreitmacht zur See und in der Luft und der Aufbau eines Simulationsprogramms (Kosten rund 388 Millionen Euro), das den Ausstieg aus Atomversuchen ermöglichen soll, »die Hauptziele des nächsten militärischen Planungsgesetzes«. Für das gesamte Atomwaffenprogramm wies der Staatshaushalt 2005 rund 3,1 Milliarden Euro aus.

Wieweit Frankreich bereit sein wird, seine Atomwaffen zu »europäisieren« wird die Zukunft zeigen. Auch welche Auswirkungen eine solche Entwicklung auf den Atomwaffensperrvertrag haben wird. Zum einen erlaubt der Vertrag Frankreich nicht, seine Atomwaffen an andere "weiterzugeben" oder die Kontrolle über sie mit anderen zu teilen. Zum Zweiten ist die EU nicht Vertragsunterzeichner und zum Dritten war der deutsche Atomwaffenverzicht immer mit einem europäischen Hintertürchen versehen. Die italienische Zeitung La Republica kommentierte jedenfalls Ende Oktober 2003: »Frankreich und Deutschland scheinen entschlossen, den Weg einer immer engeren politisch-militärischen Zusammenarbeit fortzusetzen, in der Paris zweifellos die führende Rolle spielt, aber bei der am Ende der ständige Sitz Frankreichs im UN-Sicherheitsrat und die (französische) Atommacht auf dem Spiel stehen werden«. (Zitiert nach TAZ vom 20.10.03)

(Quelle: Arno Neuber, www.imi-online.de)

Bearbeitungsstand: März 2007

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