Atomminengürtel

engl.: nuclear mine belt

In der Bundesrepublik lagerten ab Mitte der 1960er Jahre bis zu 200 ADM (Atomic Demolition Munition), die die USA der NATO zum Einsatz an der innerdeutschen Grenze zur Verfügung gestellt hatten. Über die Existenz der offiziell geheim gehaltenen Atomminen existieren verschiedene Dokumente, die die atomare Aufrüstung zweifelsfrei belegen. Der Historiker Detlef Bald, der unter anderem Zugriff auf das Privatarchiv von Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) hatte, geht davon aus, dass »nur etwa zwei Dutzend Menschen damals in die Pläne eingeweiht waren […] Die Atombomben sollten gezündet werden, wenn Deutschland angegriffen wird. Sie waren für den nuklearen Ersteinsatz geplant«. Damit widerlegt Detlef Bald die bisher unwidersprochene Auffassung von Forschern, Politikern und Generälen, die diese geheimen Atombomben in Deutschland als »Gerüchte« oder »Hirngespinste« der Friedensbewegung abgetan hatten.

Von offizieller Seite wurde alles unternommen, um die Existenz von ADM auf deutschem Boden zu verschleiern. Dies beweist auch der Offene Brief des Bundesministers der Verteidigung, Kai-Uwe von Hassel, vom 3. Mai 1965 an die DDR-Bevölkerung: »[…] Die Bundeswehr hat weder Atomwaffen noch ‚Atomminen’ zu ihrer eigenen Verfügung. Deshalb habe ich zu diesem angeblichen ‚Atomminengürtel’ am 20. Januar 1965 vor dem Deutschen Bundestag unmissverständlich erklärt: ‚Es gibt keine einzige Atommine im Einsatz. Es gibt kein Atomminenfeld, es gibt keinen Atomminengürtel, es gab keinen Plan, und die Bundesregierung hat nicht die Absicht, einen solchen Plan aufzustellen. Ich meine, es ist gut, wenn heute der Deutsche Bundestag feststellt, dass es derartige Pläne nicht gegeben hat, nicht gibt und nicht geben wird«. (Quelle: Dirk Drews: Die Psychologische Kampfführung, Mainz 2006, S. 130)

Tatsächlich waren die Atomminen an der innerdeutschen Grenze Realität. Der Einsatz von ADM-Waffen war Kernbestandteil der Bundeswehr-Planungen bis in die siebziger Jahre. ADM-Waffen sollten mit kleinen Fahrzeugen, Hubschraubern oder Personen zum Einsatzort transportiert werden. Sie entsprachen der erwünschten multifunktionalen Mobilität: Kaum 40 Kilogramm schwer, konnten sie sogar von einem Soldaten im Rucksack transportiert werden. Die Sprengkraft der ADMs und deren kleinerer Version, SADM (Special Atomic Demolition Munition), betrug 0,2 bis 45 Kilotonnen. Jede einzelne der großen so genannten Atomminen besaß damit die mindestens dreifache Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe.

Für den Einsatz der Atomminen wurde ab 1970 im I. deutschen Korps der Spezial-Sperrzug 100 am Standort Minden/Westfalen aufgestellt. Ab 1978 wurde daraus die Spezial-Sperrkompanie 100. Der Auftrag endete im Jahr 1986 mit dem Abzug der letzten Atomminen aus Deutschland. (LL)

Für die Atomminen gab es keine separaten Atomwaffenlager. Die Minen  wurden in bereits vorhandenen Sondermunitionslagern eingelagert. So waren mit Sicherheit Atomminen im SAS Liebenau und mit großer Wahrscheinlichkeit in den SAS Lahn, Ostbevern und Büren eingelagert. (LL)

Als Helmut Schmidt (SPD) 1969 Verteidigungsminister wurde, stoppte er den »todbringenden Unsinn«. Zusammen mit seinem US-Kollegen Melvin Laird erreichte er eine Rückverlegung der ADM in grenzferne US-Atomwaffendepots. Eine entsprechende Vereinbarung wurde in dem Dokument »Deutsche Einsatzbeschränkungen für ADM (National Constrains)« am 23. Oktober 1973 festgeschrieben.

Anfang 1984, vor dem Abzug der letzten ADM, waren noch 372 Exemplare in Westeuropa stationiert. (Quelle: Bald, Politik der Verantwortung, Berlin 2008)

Bearbeitungstand: April 2010

siehe auch: ADM
siehe auch: Atomwaffenlager
siehe auch: Kalter Krieg

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