
Pakistan
Überblick | Pakistan
Pakistan verbessert sein gesamtes Atomwaffenpotenzial – zum einen durch die Entwicklung und Stationierung von neuen nuklearfähigen Raketen, zum anderen durch seine Produktionssteigerung an spaltbaren Materialien.
Pakistan hat nach eigenen Angaben am 28. und 30. Mai 1998 (als Reaktion auf indische Tests) sechs Atomtests erfolgreich durchgeführt. Experten gehen wegen der seismischen Signale allerdings davon aus, dass tatsächlich nur zwei Tests durchgeführt wurden. Nichtsdestotrotz erreichte das Land mit diesen Tests, dass die Weltöffentlichkeit Pakistan als Atomwaffenmacht wahrnahm. Zuvor war lange Zeit ein atomares Arsenal nur vermutet worden.
Die genaue Zahl pakistanischer Atomsprengköpfe und Trägersysteme ist ein gut gehütetes Geheimnis. Auf Grund der zur Verfügung stehenden Menge an hoch angereichertem Uran (HEU) und Plutonium (Pu) wird jedoch geschätzt, dass Pakistan heute im Besitz von 90 bis 110 Atomwaffen ist (Bulletin of Atomic Scientists, 2011) – im Jahr 2009 waren es 70-90. Um welchen genauen Typ Atomwaffen es sich handelt, wie viele davon an welchen Orten stationiert sind und welche Pläne man für sie hat, bleibt dennoch geheim.
Innerhalb von nur zehn Jahren hat Pakistan die Zahl seiner Kernwaffen verdoppelt. Versuche der Genfer Abrüstungskonferenz, die Produktion spaltbaren Materials zu begrenzen, hat Islamabad in dieser Zeit erfolgreich blockiert – mit der Begründung, dies sei wegen des indischen Kernwaffenarsenals erforderlich.
Pakistan produziert sein bombenfähiges Spaltmaterial zum einen mit hoch angereichertem Uran aus den Zentrifugen des Kahuta-Labors. Hinzu kommen drei Reaktoren am Standort Khushab, die Plutonium produzieren. Mit diesem Material wird keine Atomkraft produziert, es dient alleine dem Waffenzweck. Seit 1998 ist zudem ein Schwerwasser-Reaktor (Joharabad) in Betrieb, zwei weitere befinden sich im Bau. Mit ihnen soll die Herstellung von Plutonium verdreifacht, und leichtere und destruktivere Bomben gebaut werden. Auch eine Anlage zur chemischen Trennung von Plutonium wird für diese Reaktoren gebaut. Neben dem Reaktor in Chasma zur „zivilen“ Nutzung ist außerdem eine Wiederaufarbeitungsanlage im Bau sowie drei weitere geplant.
Ende 2010 schätzte das International Panel on Fissile Materials (Internationales Gremium für spaltbares Material) die pakistanischen Bestände auf ca. 2.600 kg hoch angereichertes Uran (HEU) und ungefähr 100 kg waffenfähiges Plutonium. Das ist genug, um 160-240 Sprengköpfe zu produzieren – vorausgesetzt, dass jeder Sprengkopf entweder 12-18 kg HEU oder 4-6 kg Plutonium enthält (Siehe "Technische Standards" im Kapitel Wissen | Atombombe | Aufbau). Dennoch ist es schwierig, die genaue Anzahl der pakistanischen Sprengköpfe zu schätzen, da sie neben der Menge des produzierten spaltbaren Materials unter anderem auch von der Produktionsrate, Zahl der einsatzfähigen nuklearfähigen Trägersysteme, der gewünschten Sprengkraft und der Kompetenz der Wissenschaftler abhängt. Außerdem wird nicht alles an spaltbarem Material für Sprengköpfe genutzt , zumal Pakistan nicht über ausreichend Transportfahrzeuge verfügt, um 160-240 Sprengköpfe unterzubringen.
Pakistan entwickelt jedoch auch weitere Trägersysteme für Atomwaffen. Eine neue ballistische Kurzstreckenrakete (Shaheen-2) ist bereits fertig gestellt und stationierungsbereit, zwei Marschflugkörper (Babur und Ra’ad) sind gerade in Bau.
Medienberichten zufolge hat Präsident Zardari im Dezember 2008 einschneidende Reformen der pakistanischen Sicherheitspolitik angekündigt. Dazu gehört u.a. die Aufgabe der bisherigen Nukleardoktrin, in deren Rahmen sich Pakistan bisher die Option eines atomaren Erstschlages im Falle eines konventionellen Angriffes des übermächtigen Nachbarn Indien vorbehalten hatte. Zadari kündigte nun an, dass von Pakistan aus kein atomarer Erstschlag gegen Indien erfolgen werde.
Der US-Einsatz, bei dem Osama bin Laden getötet wurde, warf außerhalb Pakistans die Frage auf, ob Pakistans Arsenale vor möglichem Diebstahl durch Terroristen sicher seien; innerhalb Pakistan wuchs die Sorge, dass die Arsenale womöglich nicht vor einem US- oder indischen Einbruch sicher seien. Es ist nicht klar, wie genau die pakistanischen Atomwaffen geschützt werden und welche Vorkehrungen sie in Bezug auf eine „Nutzungs-Kontrolle“ haben. Es wird allerdings vermutet, dass sie über Grundvorkehrungen gegen unautorisierte Verwendung verfügen. Die USA haben Pakistan Hilfe bei der Sicherung der Atomwaffen angeboten und Pakistan erhielt in den letzten Jahren Millionen von Dollar zur Verbesserung der nuklearen Sicherheit; von offizieller Seite heißt es hingegen, die USA spielten „keinerlei Rolle“ bei der Absicherung der Arsenale.
Einem Bericht des US-amerikanischen Kongresses zufolge verkaufte Pakistan seine Nukleartechnologie im Zeitraum der 1980er bis 2002 an mehrere Länder, unter anderem an Iran, Libyen und Nordkorea. Im Februar 2004 habe Pakistan zugegeben, Nukleartechnologie an Iran und Libyen verkauft zu haben, aber sowohl die pakistanische als auch die nordkoreanische Regierung bestreiten weiterhin jeglichen Transfer von Nukleartechnologie zwischen den beiden Ländern. xh/af
Bearbeitungsstand: Juli 2011
Tabelle: Pakistanische nukleare Streitkräfte 2011
| Typ | Reichweite (km)* | Sprengladung (kg) |
|---|---|---|
| Flugzeuge | ||
| F-16A/B | 1.600 | 1 Bombe (4.500) |
| Mirage V | 2.100 | 1 Bombe (4.500) |
| ballistische Raketen | ||
| Abdali (Hatf-2)** | 180 | konventionelle od. atomare |
| Ghaznavi (Hatf-3) | ~400 | konventionelle od. atomare (500) |
| Shaheen-1 (Hatf-4) | 450+ | konventionelle od. atomare (1.000) |
| Ghauri (Hatf-5) | 1.200+ | konventionelle od. atomare (1.000) |
| Shaheen-2 (Hatf-6)** | 2.000+ | konventionelle od. atomare (1.000) |
| Nasr (Hatf-9)** | 60 | konventionelle od. atomare |
| Marschflugkörper | ||
| Babur (Hatf-7)** | 600 | konventionelle od. atomare |
| Ra'ad (Hatf-8)** | 320+ | konventionelle od. atomare |
*Raketensprengladungen können reduziert werden, um maximale Reichweite zu erreichen. Die Reichweite von Flugzeugen dienen nur der Veranschaulichung, die tatsächliche Reichweite des Einsatzes hängt von der Art des Fluges und der Waffenladung ab. | ||
Quelle: Norris, R. und Kristensen, H.: Nuclear Notebook: Pakistani Nuclear Forces, 2011, in Bulletin of Atomic Scientists, Juli/August 2011
| Pakistanisches Arsenal 2011 | |
|---|---|
| Insgesamt | 90-110 |
| Einsatzbereit | ? |
| Reserve | ? |

«Indien und Pakistan sind mittlerweile die einzigen beiden Länder der Welt, die ihre Vorräte an spaltbarem Material offiziell aufstocken. Weil diese Entwicklung den anderen Staaten, die auf nukleare Abrüstung setzen, entgegenläuft, fürchten Indien und Pakistan das Heraufziehen internationaler Vereinbarungen. Bevor das Unvermeidliche eintritt, wollen sie zumindest ihre Atomwaffenprogramme so weit wie möglich vorantreiben.»
Prof. Pervez Hoodbuoy, 10. September 2009
Links
- Germund W: Pakistan setzt auf Atomwaffen gegen Indien, Frankfurter Rundschau, 06.12.2012
- Kerr, P., Nikitin, M.B.: Pakistan’s Nuclear Weapons: Proliferation and Security Issues, Congressional Research Service, 30.07.2009 (englisch)
- Thränert, Oliver und Wagner, Christian: Atommacht Pakistan, SWP-Studie, Februar 2009
- Freitag: Islamabad scheint atomar entschärft, Interview mit Willy Wimmer, 11. Dezember 2008
- Kanter, A. und Helfand, I: Folgen eines "begrenzten" Atomkrieges, IPPNW, 9. April 2008
- Heupel, Monika: Das A. Q. Khan-Netzwerk, SWP-Studie, Mai 2008