Überblick | Pakistan

Pakistan verbessert sein gesamtes Atomwaffenpotenzial – zum einen durch die Entwicklung und Stationierung von neuen nuklearfähigen Raketen, zum anderen durch seine Produktionsleistung für spaltbare Materialien.

Start einer Ghauri-Rakete, April 1998Pakistan hat nach eigenen Angaben am 28. und 30. Mai 1998 (als Reaktion auf indische Tests) sechs Atomtests erfolgreich durchgeführt. Experten gehen wegen der seismischen Signale allerdings davon aus, dass tatsächlich nur zwei Tests durchgeführt wurden. Nichtsdestotrotz erreichte das Land mit diesen Tests, dass die Weltöffentlichkeit Pakistan als Atomwaffenmacht wahrnahm. Zuvor war lange Zeit ein atomares Arsenal nur vermutet worden.

Die genaue Zahl pakistanischer Atomsprengköpfe und Trägersysteme ist ein gut gehütetes Geheimnis. Auf Grund der zur Verfügung stehenden Menge an hoch angereichertem Uran (HEU) und Plutonium (Pu) wird jedoch geschätzt, dass Pakistan heute im Besitz von 70 bis 90 Atomwaffen ist (Bulletin of Atomic Scientists, Sept 2009). Dabei nimmt man an, dass pro Bombe mit einer Sprengkraft von 10 Kilotonnen rund 20 kg HEU oder 3 kg Plutonium verwendet werden und die Atomwaffen Pakistans etwa fünf bis zehn Kilotonnen Sprengkraft haben. (Siehe "Technische Standards" im Kapitel Wissen | Atombombe | Aufbau). Um welchen genauen Typ Atomwaffen es sich handelt, wieviele davon an welchen Orten stationiert sind und welche Pläne man für sie hat, bleibt dennoch geheim.

Innerhalb von nur zehn Jahren hat Pakistan die Zahl seiner Kernwaffen verdoppelt. Versuche der Genfer Abrüstungskonferenz, die Produktion spaltbaren Materials zu begrenzen, hat Islamabad in dieser Zeit erfolgreich blockiert – mit der Begründung, dies sei wegen des indischen Kernwaffenarsenals erforderlich.

Pakistan produziert sein bombenfähiges Spaltmaterial zum einen mit hoch angereichertem Uran aus den Zentrifugen des Kahuta-Labors. Hinzu kommen drei Reaktoren am Standort Khushab, die Plutonium produzieren. Mit diesem Material wird keine Atomkraft produziert, es dient alleine dem Waffenzweck. Seit 1998 ist zudem ein Schwerwasser-Reaktor (Joharabad) in Betrieb, zwei weitere befinden sich im Bau. Mit ihnen soll die Herstellung von Plutonium verdreifacht und leichtere und destruktivere Bomben gebaut werden. Auch eine Anlage zur chemischen Trennung von Plutonium wird für diese Reaktoren gebaut. Neben dem Reaktor in Chasma zur „zivilen“ Nutzung ist außerdem eine Wiederaufarbeitungsanlage im Bau sowie drei weitere geplant.

Man schätzt, dass Pakistan bis Ende 2008 etwa 2000 kg angereichertes Uran und 90 kg Plutonium produziert hat. Das wäre genug für 80 bis 130 Atomwaffen. Experten glauben jedoch nicht, dass alles bereits in Waffen eingesetzt wurde, denn Pakistan hat noch nicht genug Trägersysteme für so viele Waffen. Zudem können die pakistanischen Streitkräfte sowohl konventionelle als auch atomare Waffen einsetzen (dual-capable), d.h. dass nur ein Teil einen atomaren Auftrag erhält. Somit ist es wahrscheinlich, dass das Spaltmaterial für künftige Verwendung gelagert wird.

Pakistan entwickelt jedoch auch weitere Trägersysteme für Atomwaffen. Eine neue ballistische Kurzstreckenrakete (Shaheen-2) ist bereits fertig gestellt und stationierungsbereit, zwei Marschflugkörper (Babur und Ra’ad) sind gerade in Bau.

Medienberichten zufolge im Dezember 2008 hat Präsident Zardari einschneidende Reformen der pakistanischen Sicherheitspolitik angekündigt. Dazu gehört u.a. die Aufgabe der bisherigen Nukleardoktrin, in deren Rahmen sich Pakistan bisher die Option eines atomaren Erstschlages für den Fall eines konventionellen Angriffes des übermächtigen Nachbarn Indien vorbehalten hatte. Zadari kündigte nun an, dass von Pakistan aus kein atomarer Erstschlag gegen Indien erfolgen würde.

Tabelle: Pakistanische nukleare Streitkräfte 2009

TypReichweite (km)*Sprengladung (kg)
Flugzeuge
F-16A/B1.6001 Bombe (4.500)
Mirage V2.1001 Bombe (4.500)
ballistische Raketen
Ghaznavi (Hatf-3)~400konventionelle od. atomare (500)
Shaheen-1 (Hatf-4)450+konventionelle od. atomare (1.000)
Shaheen-2 (Hatf-6)**2.000+konventionelle od. atomare (1.000)
Ghauri (Hatf-5)1.200+konventionelle od. atomare (1.000)
Marschflugkörper
Babur (Hatf-7)**320+konventionelle od. atomare
Ra'ad (Hatf-8)**320+konventionelle od. atomare

*Raketensprengladungen können reduziert werden, um maximale Reichweite zu erreichen. Die Reichweite von Flugzeugen dienen nur der Veranschaulichung, die tatsächliche Reichweite des Einsatzes hängt von der Art des Fluges und der Waffenladung ab.
**In Entwicklung

Quelle: Norris, R. und Kristensen, H.: Nuclear Notebook: Pakistani Nuclear Forces, 2009, in Bulletin of Atomic Scientists, September/Oktober 2009

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Pakistanisches Arsenal 2009
Insgesamt70-90
Einsatzbereit?
Reserve?

«Indien und Pakistan sind mittlerweile die einzigen beiden Länder der Welt, die ihre Vorräte an spaltbarem Material offiziell aufstocken. Weil diese Entwicklung den anderen Staaten, die auf nukleare Abrüstung setzen, entgegenläuft, fürchten Indien und Pakistan das Heraufziehen internationaler Vereinbarungen. Bevor das Unvermeidliche eintritt, wollen sie zumindest ihre Atomwaffenprogramme so weit wie möglich vorantreiben.»

Prof. Pervez Hoodbuoy, 10. September 2009

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