
Maralinga (Atomtests)
engl.: Maralinga (nuclear tests)
Zwischen 1952 und 1967 waren 22.000 Engländer, 14.000 Australier, 500 Neuseeländer sowie etliche Amerikaner, Kanadier und Fidschianer an den Atomtestserien in der Wüste von Maralinga (Süd-Australien), auf Christmas Island, auf der Monte Bello Insel vor der australischen Westküste und auf pazifischen Inseln (u. a. Kiribati) beteiligt.
Die britischen Atomtests im Jahr 1953 in der australischen Maralinga-Wüste unterlagen strenger Geheimhaltung. Ahnungslose Ureinwohner starben an Fallout-Folgen. Schwarzer Nebel rollte auf das Nomaden-Lager der Eingeborenen zu. Es stank bestialisch. »Die Alten des Stammes gruben Löcher in die Sanddünen, und wir legten uns hinein«, erzählt Yami Lester, Angehöriger der Pitjantjatjara und heute Direktor des Entwicklungsinstituts für Aborigines, Ureinwohner in Alice Springs. Fünf Tage später begann das große Sterben. Manche Aborigines spuckten nur noch grünen Brei. Ihre Augen entzündeten sich, das Trinkwasser schmeckte seltsam, und die Kehlen blieben rau und trocken. »Die Hunde liefen den Sterbenden hinterher und warteten, bis sie tot zu Boden sanken«, erinnert sich ein Zeuge, »dann fraßen sie die Leichen«. Die schwarze Wolke war nicht »Mamu«, der böse Geist, wie die Aborigines geglaubt hatten, sondern der radioaktive Fallout einer britischen Atombombenexplosion im Oktober 1953 in der südaustralischen Wüste.
Stets protestierten australische Regierungen lautstark, wenn die Franzosen Atomversuche vor ihrer Haustür in der Südsee veranstalteten. Die sozialistischen Gewerkschaften drohten Paris 1983 sogar mit einem Uran-Lieferstopp aus den australischen Minen. Die Presse sorgte sich um die Opfer der US-Testserien auf dem Bikini-Atoll - nur über die möglichen Folgen der britischen Nuklearexperimente im eigenen Land herrschte verdächtiges Schweigen. Dabei hatte es genügend Alarmzeichen gegeben. Die Bombenversuche in den fünfziger Jahren hatte die damalige liberale Regierung unter Premier Robert Menzies zu verantworten. 1979 legten die australischen Behörden mit Hilfe britischer Unterlagen den so genannten Pearce-Report vor, der Hinweise auf eine mögliche radioaktive Verseuchung von Eingeborenengebieten enthielt. Aber weder die damalige liberale Regierung Fraser noch die Labor-Abgeordneten auf der Oppositionsbank interessierten sich dafür.
Im Mai 1980 behauptete ein Beamter vom Gesundheitsdienst für Aborigines in Alice Springs, dass damals mindestens dreißig Eingeborene an den Folgen des radioaktiven Fallouts gestorben wären und die Krebsrate sich in manchen ihrer Siedlungen verdoppelt hätte. Doch das Thema blieb tabu. Noch im September 1983 ließ die Regierung, inzwischen von Labor-Premier Bob Hawke geführt, einen Report der nationalen Strahlenschutz-Kommission verbreiten, demzufolge bisher kein einziger Australier durch die englischen Atomversuche geschädigt und das Krebsrisiko für alle Beteiligten »nahezu Null« sei.
Erst 1984, 31 Jahre nach Beginn der britischen Versuche auf dem Gelände ihres Commonwealth-Partners Australien, erfährt die Öffentlichkeit, was sich damals in der Wüste abgespielt hat. Die britische Regierung hat geheime Dokumente freigegeben, die zeigen, wie wenig die Engländer sich um Sicherheit scherten und wie sie ihre eigenen Soldaten als Versuchskaninchen missbrauchten. Auch die Vorsorge für die Aborigines, die eigentlichen Bewohner des Testgebietes, war mangelhaft. Zwei Sicherheitsbeamte sollten in dem Hunderte von Quadratkilometer großem Wüstengebiet die gefährdeten Eingeborenen aufspüren und evakuieren. Für Aborigines, die nicht lesen und schreiben können, hatten die ebenfalls aufgestellten Warntafeln keine Bedeutung. Niemand konnte kontrollieren, ob nicht einige der ersten Australier noch Jahre später in radioaktiv verseuchten Gebieten umherzogen. Erst jetzt erfuhr die Bevölkerung von ihrem eigenen Verteidigungsminister, dass außer britischen und neuseeländischen Soldaten auch 9000 ihrer Landsleute an den Tests teilgenommen und dass 1300 von ihnen »tatsächlich oder potentiell« der radioaktiven Strahlung ausgesetzt waren, manche nur 1,6 Kilometer vom Explosionsort entfernt. Besonders schmutzig war der "Mosaic G 2"-Test im Juni 1956; eine 60 Kilotonnen-Explosion verstreute Fallout über ganz Australien.
Ziel der insgesamt sieben britischen Testversuche in der Wüste von Maralinga waren nicht nur waffentechnische Erkenntnisse. Die Atomtester wollten ihre Mannschaften auch zur Tapferkeit vor der Bombe erziehen. »Nach der Detonation führten wir die Soldaten in das radioaktive Gebiet, um ihnen zu beweisen, dass sie so eine Zone betreten können, ohne dass ihnen die Hoden abfallen«, erinnert sich John Morosi, heute Leiter des Strahlenlabors in Melbourne. »Uns wurde befohlen, ins Freie zu gehen, die Augen zu schließen und die Hände vors Gesicht zu halten«, so der frühere Marineoffizier Frank Bietzelt, 56. »Bei der Explosion sah ich jeden Knochen in meinen Händen, wie in einem Röntgenbild. Viele meiner Kameraden sind bisher an Krebs gestorben«. Australische Flugzeugbesatzungen flogen ihre Maschinen durch radioaktive Wolken. Angeblich trugen die Soldaten Schutzkleidung, aber Ex-Pilot Colin Bird, 58, sagt: »Wir hatten nur die normalen Fliegeranzüge angezogen. Heute habe ich Ohren- und Halskrebs«. Die Naivität der Offiziere und Mannschaften war grenzenlos. Unteroffizier William Jones setzte sich kurz nach der Detonation in einen Panzer, an dem die Wirkungen der Druck- und Hitzewellen geprüft werden sollten. Zwei Tage lang hielt er neben dem verseuchten Fahrzeug Wache. Er starb 1966, nur 13 Jahre nach den Tests, an Rückenmarkkrebs.
Viele Maralinga-Veteranen sind vom australischen Geheimdienst davor gewarnt worden, Einzelheiten publik zu machen. Auch der ehemalige Luftwaffentechniker John Philip Burke, 63, erhielt in den letzten Jahren ein Dutzend anonymer Anrufe, die ihn einschüchtern sollten. Doch Burke hatte nichts mehr zu verlieren. Ende April 1984, wenige Tage bevor er an Magenkrebs starb - einem Leiden, das er auf seine Maralinga-Zeit zurückführte, schockte er die Australier mit seinem Geständnis: Obwohl die Briten in Australien angeblich nur bis 1957 experimentierten, habe er selbst 1963 drei geheime Tests miterlebt. Nachdem auch der Ministerpräsident des Bundesstaates Südaustralien, John Bannon, Aufklärung von Canberra und London verlangte, trat das britische Verteidigungsministerium die Flucht nach vorn an: 1963 seien nur »sehr kleine, sehr begrenzte« Versuche durchgeführt worden, »um die Sicherheit von Atombomben« zu prüfen. Auch der Umkreis der Explosionen sei eher »in Metern denn in Kilometern« zu messen. Harmlos waren die Versuche wohl dennoch nicht. Burke entdeckte damals an einem Kraterrand vier tote Aborigines, die seiner Meinung an Strahlenverseuchung gestorben waren. Außerdem sah er missgestaltete Kaninchen und Kängurus im Testgelände. Seither plagten den Techniker Gewissensbisse, denn er wusste, dass an zwanzig Stellen dicht unter der sandigen Oberfläche radioaktive Abfälle vergraben wurden, die noch heute gefährlich sein könnten. Vor wenigen Monaten erst hatte die Regierung von Südaustralien den damals evakuierten Ureinwohnern ihren Besitztitel auf die Maralinga-Wüste zurückgegeben. Doch die haben nun Angst vor ihrer alten Heimat. »Man kann die Aborigines vor diesen Stellen, wo das Zeug 50 000 Jahre lang strahlt, gar nicht schützen«, sorgte sich Burke; sie einfach zurückkehren zu lassen, so der Luftwaffentechniker kurz vor seinem Tod, wäre glatter Mord. (Quelle: DER SPIEGEL 24/1984)
Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des britischen Unterhauses hatte seine Arbeit Mitte November 2007 aufgenommen. Er sollte die Spätfolgen der Atombombentests auf australische und britische Atomtestveteranen und ihre Familien untersuchen. Grund für die Einrichtung des Ausschusses war die Klage von 700 ehemaligen Arbeitern und Soldaten sowie ihren Angehörigen. Sie klagen vor dem obersten britischen Zivilgericht auf Entschädigungszahlungen wegen Gesundheitsspätfolgen.
Die Ergebnisse der Untersuchungskommission wurden Mitte Januar dem britischen Premierminister Gordon Brown vorgelegt. Der Ausschuss stützte sich auf bereits in der Vergangenheit durchgeführte medizinische Studien an den Atomtestveteranen und ihren Nachkommen. Sie belegen, dass die Kinder der unmittelbar an den Tests beteiligten Personen zehnmal so viele körperliche Behinderungen aufweisen und zehnmal so häufig an Krankheiten sterben, die sich auf die Einwirkung radioaktiver Strahlung zurückführen lassen. Die Kinder und Enkelkinder der Atomtestveteranen leiden zweimal so häufig an diversen Krebsarten und haben achtmal häufiger genetische Defekte als die Kinder von Eltern, die nicht an Atomtests beteiligt waren. Die britische Tageszeitung »Herald Sun« behauptet gar, die Langzeitfolgen der Atomtests erstreckten sich über 20 Generationen.
Bereits drei unabhängige Studien zu den Folgen der Tests hatte das »National Radiological Protection Board (NRPB)« in der Vergangenheit durchgeführt. Das Britische Unterhaus hat sowohl diese älteren Studien als auch die jüngsten Ergebnisse des parlamentarischen Untersuchungsausschusses nicht akzeptiert. Es weigert sich anzuerkennen, dass die vor 50 Jahren stattgefundenen Atomtests auf die heute noch lebenden Nachkommen der Arbeiter und Soldaten gesundheitliche Auswirkungen haben. Das Unterhaus hat den Antrag gestellt, den Prozess um Kompensationszahlungen um mindestens 18 Monate zurückzustellen. Vorläufig und quasi zur Beruhigung sollen den betroffenen Familien jedoch jetzt 10.000 Pfund (ca. 13.270 €) Entschädigung gezahlt werden.
Der Anwalt der 700 Kläger, Mervyn Fudge von der Kanzlei Rosenblatt, sagte gegenüber der Zeitung »The Epoch Times«, diese Verzögerungstaktik der Regierung sei eine »bloody disgrace« (verfluchter Schande). Er befürchtet, dass in den 18 Monaten bis zur Wiederaufnahme des Verfahrens weitere Atomtestveteranen sterben könnten. »Es ist eine Schande, wie die Regierung mit diesen Menschen umgeht, sie spielt auf Zeit«, entsetzte sich der Anwalt.(Quellen: Pazifik aktuell Nr. 73, Februar 2008; BBC News 15.10.07, Herald Sun 18.01.08, The Epoch Times 23.01.08)
Bearbeitungsstand: November 2008
siehe auch: Detonationswert
siehe auch: Fallout
siehe auch: KT (Kilotonne)